Ringer, Segler, Langläufer – Stationen einer Sportgeschichte Nordosteuropas am Beispiel von Estland und Finnland

Zusammenfassung

Der Fokus des Artikels liegt auf der sportgeschichtlichen Entwicklung in Finnland und Estland, zwei Gebieten im Kernbereich der historischen Region Nordosteuropa, die aufgrund ihrer Lage an der Ostseeküste wechselseitigen Einflüssen von Norden und Osten ausgesetzt werden, was ein Konstitutionsmerkmal dieser Region darstellt. Anhand von verbindenden Strukturmerkmalen wird die sportgeschichtliche Entwicklung in ausgewählten Epochenabschnitten analysiert, die eine vergleichende Betrachtung ermöglichen. Dies umfasst die Anfänge der Sportbewegung im 19. Jahrhundert unter Vorherrschaft des russländischen Imperiums mit Schwerpunkt auf der Rolle des Sports für die Entwicklung des Nationalbewusstseins. Anschließend wird die Zwischenkriegszeit in den Blick genommen, wobei die sportliche Entwicklung als Spiegel der gesellschaftlichen Spaltungs- und Einigungsprozesse dient. Die Epoche des Kalten Krieges wird anhand der Olympischen Spiele 1952, der Rolle von Sportlern im Exil und der Sowjetisierung des Sports in Estland untersucht. Ergänzt wird die Darstellung durch zwei Fallbeispiele, der Geschichte des Langlaufsports in Finnland und der olympischen Segelwettbewerbe 1980 in Tallinn, an denen sich exemplarisch zentrale Themen und Strukturmerkmale der Region illustrieren lassen. Ein Überblick über die Forschungslandschaft der beiden Länder schließt den Text ab.

 

Summary

The article focuses on the development of sport history in Finland and Estonia. Both countries are exposed to influences by the north and the east due to their location on the Baltic Sea coast - a constitutional feature of the region of North-Eastern Europe. Based on connecting structural elements the development of sport history in selected periods is analysed, enabling a comparative view. This includes the beginnings of the sports movement in the 19th century under the dominance of the Russian Empire and its role in the development of national consciousness. In the interwar period, sport serves as a mirror of the processes of social separation and integration. The interwar period is then considered, with sporting development serving as a mirror of the processes of social division and unification. The Cold War era is examined on the basis of the 1952 Olympic Games, the role of athletes in exile and the Sovietisation of sport in Estonia. Two case studies, the history of cross-country skiing in Finland and the 1980 Olympic sailing competitions in Tallinn, illustrate central themes and structural characteristics of the region.

 

Einleitung

Das Konzept der historischen Region Nordosteuropa ist im Gegensatz zu den sowohl in der Forschung als auch institutionell verankerten Geschichtsregionen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa  nicht im selben Maß etabliert.[1] Ausgehend von den Überlegungen von Klaus Zernack hat es in jüngerer Zeit einige Ansätze gegeben, diese historische Region zu definieren und strukturelle Merkmale zu benennen. Dabei steht vor allem die Ostsee für ein verbindendes Element der Region.[2] Für die vorliegende Untersuchung wird eine verengte Definition zugrunde gelegt, bei der die deutsche, polnische und litauische Ostseeküste ausgeklammert wird, weil diese eher dem ostmitteleuropäischen Kulturkreis zuzuordnen ist. Stattdessen steht mit dem Gebiet der heutigen Staaten Finnland und Estland ein Kernbereich im Fokus, der aufgrund seiner Lage an der Ostseeküste wechselseitigen Einflüssen von Norden (insbesondere Schweden) und Osten (Russisches Imperium bzw. Sowjetunion) ausgesetzt war, die diese Region konstituieren.[3] Eine Bestimmung als Geschichtsregion konstituiert sich jedoch nicht durch überzeitlich verbindliche Grenzen, sondern durch eine Reihe von Strukturmerkmalen, von denen einige für diese Untersuchung besonders relevant sind wie die lutherische Religion und die damit verbundenen kulturellen, religiösen und akademischen Beziehungen zum deutschsprachigen Kulturraum, die Entwicklung einer eigenständigen nationalen Identität im Lauf des 19. Jahrhunderts in einer dünn besiedelten Region an der Peripherie des russischen Imperiums oder die Etablierung eigenständiger Staatswesen im Spannungsfeld innergesellschaftlicher Konflikte.[4]

Im Folgenden sollen einige dieser Aspekte aufgegriffen und chronologisch dargestellt werden, wobei der Fokus jeweils auf ausgewählten Epochenabschnitten liegt, die beispielhaft relevante Entwicklungen der Sportgeschichte illustrieren und eine vergleichende Betrachtung ermöglichen. Ergänzt wird die Darstellung durch zwei Fallbeispiele, die unterschiedliche Aspekte vertiefen. Zum einen lassen sich zentrale Themen der nordosteuropäischen Sportgeschichte anhand der Geschichte des Langlaufsports zeigen. Zum anderen führen die olympischen Segelwettbewerbe in Tallinn 1980 exemplarisch vor, wie eine Sowjetrepublik im Beziehungsgeflecht zwischen Zentrum, Peripherie und internationalen Akteuren (wie IOK und  Internationalen Sportföderationen) ihre sportorganisatorischen Handlungsräume erweitern konnte. Ein Überblick über die Forschungslandschaft der beiden Länder schließt den Text ab.

 

Anfänge der Sportbewegung in Nordosteuropa im 19. Jahrhundert – Transnationale Aspekte

Politisch ist die Anfangsphase einer modernen Sportbewegung in der östlichen Ostseeregion im 19. Jahrhundert von der Vorherrschaft des russischen Imperiums geprägt. Transnationale Einflüsse gelangten jedoch sowohl aus Schweden als auch dem Deutschen Reich dorthin, wofür eine lange Tradition kultureller, akademischer und religiöser Kontakte die Basis geschaffen hatte. Gerade im Fall von Finnland, das 1809 als autonomes Großfürstentum in den russischen Reichsverband eingegliedert worden war, waren die kulturellen Bindungen zu Schweden noch eng. Insbesondere die Universitätskreise orientierten sich weiterhin nach Westen, so dass die Entwicklung des modernen Sports hier in stärkerem Maße von diesen traditionellen Netzwerken als von russischen Einflüssen geprägt war.

Dies galt beispielsweise für die von Pehr Henrik Ling zu Beginn des 19. Jahrhunderts propagierte schwedische Form der Gymnastik, die er auf der Basis des dänischen Vorbilds entwickelt hatte, wodurch sich diese Lehre in vielerlei Hinsicht vom deutschen „Turnen“ Jahnscher Prägung unterschied. In der Ostseeregion fand sie schon bald viele Anhänger, wie beispielsweise in Finnland, wo sie über die fortbestehenden akademischen Netzwerke rezipiert wurde.[5] Dies ging meist auf die Initiativen einzelner Akteure zurück, die oft auf längeren Auslandsaufenthalten in Schweden ihre Kenntnisse vor Ort erwarben und vertieften, um sie dann im finnischen Großfürstentum zu vermitteln. Auf diesem Weg konnte sich in Finnland die Gymnastik in den folgenden Jahren nicht zuletzt mit der Einrichtung einer eigenen Ausbildung seit 1831 etablieren.[6]

Auch wenn die Orientierung Finnlands nach Schweden aufgrund der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zur schwedischen Krone besonders naheliegend war, machte sich der schwedische Einfluss in der Entwicklung der Gymnastikbewegung auch in anderen Bereichen der Ostseeregion bemerkbar. So wurden beispielsweise im russischen Militär die Vorgaben für die Gymnastik im Heer vom schwedischen Vorbild abgeleitet.[7]

In den baltischen Provinzen, die dem direkten schwedischen Einfluss aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum russischen Imperium seit dem Frieden von Nystad 1720 schon länger entzogen waren, kamen die unmittelbaren Impulse im Bereich des Sports zunächst über die Vermittlung von Angehörigen der deutschbaltischen Oberschicht, die in Deutschland studierten oder Deutschen, die in der Region lebten und arbeiteten. Eine wichtige Rolle bei der Vermittlung spielten Schul- und Hochschullehrer, die die Turnbewegung Jahnscher Art in die baltischen Provinzen brachten. Auch bei der Gründung von Sportorganisationen gingen die ersten Initiativen von deutschbaltischen Kreisen aus.[8]

Einflüsse der deutschen Turnbewegung manifestierten sich auch in Finnland, wo viele der Akteure neben schwedischen auch deutsche Universitäten besuchten. Schon bald entwickelte sich in Finnland eine Synthese der beiden Hauptrichtungen der europäischen Turnbewegung, die zur vorherrschenden Linie der männlichen Gymnastikbewegung Finnlands wurde.[9] Diese wachsende Distanz zum schwedischen Vorbild ist charakteristisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der der schwedische kulturelle Einfluss auch in anderen Bereichen zunehmend in Konflikt mit der Entwicklung eines eigenständigen Nationalbewusstseins geriet. Ein Kernelement war der Kampf für die Stärkung der finnischen Sprache auf Kosten der bisherigen Staats-, Verwaltungs- und Kultursprache Schwedisch. Aufgrund dessen wurden kulturelle Einflüsse aus Schweden und damit auch die Ling-Gymnastik zunehmend kritisch gesehen und in Abgrenzung dazu eigene, spezifisch finnische Wege entwickelt.[10]

 

Sport und die Entwicklung des Nationalbewusstseins

Während die Gymnastik in den übrigen Ostseeanrainern nie eine ähnlich dominierende Stellung wie in Dänemark und Schweden erreichte, entwickelte sich dort der Kraftsport zur überaus populären Sportart, die auch die ersten nationalen Sporthelden hervorbrachte. Die Verbreitung geschah anfangs vor allem über reisende Zirkustruppen, die in der Region gastierten und aufbauend auf den traditionellen Kraftübungen besonders das Ringen populär machten. Dies galt in besonderem Maße für Estland, wo der Ringer Georg Lurich in der Endphase der Zugehörigkeit zum russischen Imperium zu einem der populärsten Sportler wurde. Mit seiner Selbstinszenierung als estländischer Sportheld manifestierte sich erstmals eine enge Verbindung zwischen sportlichen Erfolgen und regionaler Identität im russischen Zarenreich. Nicht zuletzt durch die Bedeutung von Lurich als „Nationalsymbol“ wurde die Schwerathletik und besonders das Ringen zur „Wiege“ des estnischen Sports. Georg Lurich stellte sich hierbei nicht nur als ein erfolgreicher Sportler, sondern auch als ein Aktivist der estnischen Körperkulturbewegung dar. Indem Lurich öffentlich „europäische Werte“ wie gesunde Lebensweise, Abstinenz und ästhetischen Körperkult propagierte, habe er im ausgehenden 19. Jahrhundert zur „Europäisierung des estländischen Volkes beigetragen.”[11] Auch hier kamen die ersten Einflüsse aus Deutschland, der nominelle Vater der estnischen Schwerathletik Gustav Boesberg gründete 1888 den ersten Sportklub, in dem auch Georg Lurich Mitglied wurde. Aufgrund der Popularität des Ringens dominierten Esten neben den Polen den Ringsport während der letzten Jahrzehnte des russischen Imperiums.[12]

In noch stärkerem Maße als in Estland verband sich in Finnland die moderne Sportbewegung mit dem nationalen Erwachen und schuf gleichzeitig die Basis für die Durchsetzung des Wettkampfsports. Im Lauf des 19. Jahrhunderts begann sich in den Ostseeanrainern unter russischer Vorherrschaft ein eigenständiges regionales und nationales Bewusstsein zu entwickeln, das von Beginn an eng mit der zeitgleich entstehenden modernen Sportbewegung verflochten war. Sportliche Erfolge dienten als Katalysatoren für die Schaffung einer eigenständigen Identität in Abgrenzung zu den bisherigen Kulturträgern. In diesem Spannungsfeld konnten die ersten „Sporthelden“ zu frühen nationalen Identifikationsfiguren werden.[13] Dabei spielte Finnland bei der Schaffung einer sportlichen Infrastruktur und der Akzeptanz der olympischen Idee eine Vorreiterrolle im Ostseeraum. Finnland hatte als Großfürstentum bereits während der Autonomie staatliche Strukturen entwickeln können, während beispielsweise das estnische Siedlungsgebiet zwischen zwei Gouvernements aufgeteilt war. Daher fanden in Finnland die Entwicklung flächendeckender Sportstrukturen und die Gründung nationaler Sportverbände im Unterschied zu den baltischen Republiken bereits vor der Unabhängigkeit statt.[14]

Während in Ostmitteleuropa auf sportlicher Ebene die Gymnastikbewegung zu einer Trägerin der kulturellen und sportlichen Identität wurde, fiel in Nordosteuropa diese Rolle dem Wettkampfsport in der Schwer- und Leichtathletik zu.[15] Als Keimzelle für die Entstehung der Wettkampfkultur in der Ostseeregion werden Volksfeste angesehen, die als Bühnen für sportliches Kräftemessen dienten, meist im Bereich der Schwerathletik. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es bereits die ersten regulierten Wettkämpfe nach englischem Vorbild. Die Abgrenzung von den jeweiligen Kulturträgern – neben dem Russischen Imperium im Fall der baltischen Provinzen die (Deutsch-)Balten, im Fall von Finnland Schweden - war die ideale Basis für die Rezeption internationaler Strömungen und des Wettkampfgedankens. Dies war vor allem in Finnland zusammen mit der Begeisterung für die griechische Kultur die Grundlage für die große Aufnahmebereitschaft der revitalisierten Olympischen Idee seit den 1890er Jahren.[16]

Aufgrund dieser frühen Akzeptanz waren schon bei den Zwischenspielen 1906 in Athen finnische Teilnehmer vertreten und erzielten erste Erfolge unter russischer Flagge.[17] Bereits 1907 konnte Finnland als Nation ohne eigenen Staat Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee werden und damit an den Olympischen Spielen 1908 in London teilnehmen, wo der Ringer Verner Veckman die erste offizielle finnische Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewann.[18]

Für die baltischen Provinzen hatten die Olympischen Spiele zu diesem Zeitpunkt noch keine vergleichbare Bedeutung, auch wenn sie in Stockholm 1912 erstmals durch ein eigenes Olympisches Komitee vertreten waren, das im Dezember 1911 in Riga gegründet worden war und damit ein seltenes Beispiel innerbaltischer Kooperation darstellt. Die Teilnahme an den Spielen erfolgte jedoch als Teil des russischen Teams, für das sie drei von fünf Medaillen  beisteuerten.[19]Die finnische Mannschaft konnte sich dort mit insgesamt sechsundzwanzig Medaillen, neun davon golden, als vierterfolgreichstes Team präsentieren. Der dreifache Erfolg des Langstreckenläufers Hannes Kolehmainen machte ihn zum ersten sportlichen „Nationalhelden“ und begründete den Mythos der fliegenden Finnen, die Finnland „auf die europäische Landkarte liefen“.[20]

Diese frühen finnischen Erfolge blieben nicht ohne Resonanz in der Ostseeregion. Selbst der Kapitän des russischen Ringerteams kommentierte die eigenen unbefriedigenden Leistungen dahingehend, dass man sich ein Beispiel am speziellen Training der Finnen nehmen solle.[21] Aufgrund der mit den sportlichen Erfolgen verbundenen weltweiten Aufmerksamkeit wurde im nach Unabhängigkeit strebenden Finnland der Wettkampfsport zu einem Medium für die Schaffung einer imaginierten nationalen Gemeinschaft. Die Siege der eigenen Sportler und die weltweite Anerkennung dafür wurden als gemeinsamer Erfolg interpretiert und schufen über alle Klassen und Schichten hinweg ein kollektives nationales Bewusstsein. Auch deshalb gab es im Gegensatz zu anderen Ländern nie nennenswerten Widerstand gegen die Wettkampforientierung.[22] Bemerkenswert ist in diesem Kontext der klare Vorrang von Individual- vor Teamsportarten. Als mögliche Gründe gelten die geringe Besiedlung und späte Urbanisierung, wodurch die Ausübung von Teamsportarten aufgrund der weiten Anfahrtswege und fehlenden Sportstätten sowie der klimatischen Bedingungen erschwert wurde.[23]Die Erfolge der finnischen Leichtathleten strahlten sogar bis nach Skandinavien aus. Allerdings konnten die skandinavischen Staaten nie an die Erfolge Finnlands in der Leichtathletik anknüpfen, das in der Zwischenkriegszeit die führende nordische Nation im Spitzensport blieb und die Rolle als eine der erfolgreichsten Nationen bei olympischen Spielen erst Ende der 1930er Jahr einbüßte.[24]

Finnlands sportliche Erfolge hatten auch unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung des baltischen Sports. Im unabhängigen Estland beschäftigte man sich nach einem Länderkampf mit Finnland 1919 erstmals ernsthaft mit einer möglichen Teilnahme an den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen. In Finnland, wo diese Teilnahme auf Regierungsebene koordiniert und die Entsendung einer großen Delegation vorbereitet wurde, herrschte großes Unverständnis über die bisherige Passivität des südlichen Nachbarn. Diesem gelang es nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit Unterstützung des belgischen NOK, trotz des Fehlens eines estnischen NOK eine Teilnahmeerlaubnis zu erwirken.[25]

Dennoch ist die unterschiedliche Wertschätzung der olympischen Mannschaften daran zu erkennen, dass fast das gesamte estnische Team bei der Schifffahrt zu den Spielen in Antwerpen die dritte Klasse bewohnte, während das finnische Team in der ersten und zweiten Klasse reiste.[26] Trotz erster Medaillenerfolge für Estland lief die Vorbereitung für die Gründung eines eigenen NOK weiter schleppend – die Folgen des Unabhängigkeitskrieges 1918-1920 und die fehlende internationale Anerkennung erwiesen sich als Hemmnisse. Erst im Vorfeld der nächsten Spiele wurde man erneut aktiv, so dass das estnische NOK schließlich im Dezember 1923 seine Arbeit aufnehmen konnte.[27]

Direkte Kooperation in Nordosteuropa gab es auf dem Gebiet des studentischen Sports, wo der Verband der finnischen, estnischen, lettischen und litauischen Studentenschaften erstmals 1923 gemeinsame Wettkämpfe organisierte, die bis 1940 jährlich stattfanden.[28] Insbesondere der spätere finnische Präsident Urho Kekkonen setzte sich für diese Wettkämpfe ein, die er als wichtige Basis für eine politische Annäherung der Ostseeanrainer ansah.[29]

Vor allem der estnische Sport konnte in den nächsten Jahrzehnten einen stetigen Aufwärtstrend verzeichnen, wobei hier immer wieder Finnland als Impulsgeber diente und Sportbeziehungen zu einem zentralen Bestandteil des binationalen Kulturaustauschs wurden. Die Bedeutung von Estland als Wettkampfpartner für Finnland wuchs insbesondere nach dem Bruch mit Schweden, der bis 1939 andauerte.[30] Die direkte Orientierung am finnischen Vorbild belegt eine Äußerung des estnischen Nationaltrainers Kolmpere aus den 1930er Jahren, der als Zielsetzung für die estnische Mannschaft im Lauf des nächsten Jahrzehnts das Erreichen des finnischen Leistungsniveaus formulierte. Tatsächlich konnte die estnische Leichtathletikmannschaft Ende der 1930er Jahre zumindest mit dem finnischen B-Team gleichziehen, so dass beim Wettkampf 1937 in Kuopio Finnland „nur“ mit einem vergleichsweise geringen Vorsprung von 100 zu 91 Punkten gewann. In einigen Sportarten wie dem traditionell starken Ringen, aber auch Fußball und Boxen gehörte Estland bald zur Weltelite und zeigte sich bei Wettkämpfen fast ebenbürtig. Besonderen Unmut rief in Finnland der Erfolg der estnischen Mannschaft bei der 1937 in Helsinki ausgetragenen Weltmeisterschaft im Schießen hervor, so dass die Finnen ihren Nachbarn sogar unerlaubtes „professionelles“ Training unterstellten.[31]

Nach dem Staatsstreich von Konstantin Päts im Jahr 1934 wurde in Estland ein autoritäres national-konservatives Regime etabliert und die Rolle des Staates bei der Sportorganisation zentralisiert. Sport wurde infolgedessen  zu einem gezielten Instrument des staatlich geförderten Nationalismus.[32] Unmittelbarer Ertrag dieser Bestrebungen waren die estnischen Erfolge bei den olympischen Spielen von Berlin 1936, wo die Esten sieben Medaillen gewannen, und insbesondere die beiden Goldmedaillen des Ringers Kristjan Palusalu als nationale Erfolge gewertet wurden.[33]

 

Nach der Unabhängigkeit: Sport als Spiegel gesellschaftlicher Spaltungs- und Einigungsprozesse in der Zwischenkriegszeit

Nachdem Finnland 1917 und Estland 1920 ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, war die innere Verfassung von beiden jungen Staaten von gesellschaftlichen Spannungen geprägt, die auch unmittelbare Auswirkungen auf die Sportbewegung hatten. Während in vielen europäischen Ländern eine Spaltung der Sportbewegung eher von Klassengegensätzen geprägt oder vom Antagonismus zwischen international beeinflusstem Wettkampfsport und nationalen Sportarten beherrscht wurde, verliefen die Bruchstellen in Nordosteuropa zusätzlich entlang der politischen Konfliktlinien und beeinflussten vor allen Dingen die spezifische Struktur der organisierten Sportbewegung.[34]

Eine dieser Konfliktlinien betraf das Verhältnis der Sprachgruppen. Während es in der baltischen Sportforschung zu diesem Aspekt bisher kaum Erkenntnisse gibt, prägte in Finnland die Auseinandersetzung zwischen finnischsprachiger Mehrheit und schwedischsprachiger Minderheit die gesamte Zwischenkriegszeit und hatte unmittelbare Auswirkungen für die Entwicklung der Sportorganisationen. Bei der Gründung des ersten Dachverbandes SVUL (Suomen Voimistelu ja Urheiluliito, Finnlands Turn- und Sportverband) 1906 waren zunächst alle schwedischsprachigen Vereine mit vertreten, weil die Konfrontation mit Russland alle inneren Konflikte überlagerte. Nach der Unabhängigkeit nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den Sprachgruppen zu, was eine Spaltung der Sportorganisationen nach Sprachgruppen zur Folge hatte. Das letzte schwedischsprachige Vorstandsmitglied schied 1912 aus dem SVUL aus, im selben Jahr wurde mit dem später als CIF (Finlands Svenska Centralidrottsförbund) bezeichneten Verband eine eigene Zentralorganisation für schwedischsprachige Sportler gegründet.[35] Diese Abgrenzung führte soweit, dass finnische Athleten mit schwedischen Nachnamen vor einer Teilnahme an internationalen Wettbewerben unter Druck gesetzt wurden, ihren Namen zu „finnisieren“, damit ihre Erfolge nicht Schweden angerechnet würden.[36] Erst angesichts der Krisensituation des Zweiten Weltkrieges verlor dieser Konflikt an Schärfe.[37]

Anders verliefen die ethnischen Verdichtungsprozesse in Estland. Nach den Vorgaben der im Jahre 1925 eingeführten estnischen Kulturautonomie waren alle ethnischen Gruppen über 3000 Mitgliedern autonomieberechtigt. Dieses „kulturelle Eigenleben“ fand meistens im Rahmen von Bildungsorganisationen wie Schulen, in religiösen Institutionen und Fabriken überwiegend der deutschen und jüdischen Minderheit statt.[38] Neugründungen von Sportvereinen wurden Ende der 1920er Jahre zu einem Massenphänomen, das im Vereinswesen eine ethnische Vielfalt zur Folge hatte. Nebeneinander existierten somit die russischen Sportvereine „Rus`“ und „Vitjas“, der jüdische Sportverein „Makkabi“, „The Young Men's Christian Association (estn. Noorte Meeste Kristlik Ühing, NMKÜ) und die estnischen Sportvereine „Kalev“ und „Puhkekodu“. Konflikte zwischen den Vereinen wurden weniger auf ethnischer als auf sportlicher Ebene ausgetragen. Die Abgrenzung manifestierte sich in der Fokussierung auf unterschiedliche Sportarten  – so erzielte der Verein „Rus´“ Erfolge im Basketball, während „Puhkekodu“ sich im Fußball und NMKÜ im Schwimmen auszeichneten.[39]

Unterschiede gab es auch bei der Rolle des Arbeitersports. Hier stellt die Entstehung von eigenen Arbeitersportorganisationen in Finnland einen Sonderfall in Nordosteuropa dar. Dies war eine unmittelbare Folge des 1918 ausgebrochenen Bürgerkriegs, in dem sich bürgerliche „weiße“ Truppen und Rote Garden einen erbitterten Kampf um die zukünftige Staatsform lieferten, der nach wenigen Monaten verlustreicher Kämpfe mit dem Sieg der „Weißen“ endete und ein auf Jahre tief gespaltenes Land hinterließ.[40] Als Reaktion darauf beschloss die Zentralverwaltung des SVUL  im November 1918, alle Sportler und Vereine, die auf Seiten der Roten gekämpft hatten, aus dem Verband auszuschließen. Dies betraf fast ein Drittel der organisierten finnischen Sportler und gab den Ausschlag für die Gründung des Arbeitersportverbands TUL (Työväen Urheiluliito) im Januar 1919.[41]Die Auswirkungen dieser Spaltung prägten das finnische Sportleben für die nächsten Jahrzehnte.[42]

Während in Finnland der Arbeitersport auch auf dem Land fest verankert war, konzentrierte sich der organisierte Sport in Estland überwiegend in den Städten.[43] Sportvereine wurden in Fabriken, Kultur- und Bildungsinstitutionen gegründet und finanziert. Mit Ausnahme der Sportausübung auf den Straßen und in öffentlichen Parks war die Teilhabe am professionellen sportlichen Leben an die Zugehörigkeit zu einer Fabrik oder einem Betrieb geknüpft. Die mangelhaften Trainingsbedingungen und fehlende Ausstattung trugen zur Stärkung des betrieblich organisierten Arbeitersports bei. Populärer Zuschauersport blieb jedoch bis Mitte der 1930er Jahre ein bürgerliches Phänomen. [44]

Ein wichtiger Aspekt der Sportentwicklung in Nordosteuropa war eine teilweise enge Verbindung von Sport und militärischer Erziehung, was sich insbesondere in der Rolle der Schutzkorps in der Sportbewegung manifestierte. Die Schutzkorpsbewegung war ein gesamteuropäisches Phänomen, wobei die finnischen und estnischen Schutzkorps (finn. Suojeluskunta, estn. Eesti Kaitseliit) in ihrer Struktur am ehesten vergleichbar waren.

Das finnische Schutzkorps war eine militärisch aufgebaute Freiwilligenorganisation zur Landesverteidigung, die im Spätsommer 1918 aus den bürgerlichen „Weißen Garden“ hervorgegangen war. Es bestand als Freiwilligenorganisation bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und hatte zum Ziel „nach Anweisung der Landesregierung die Verteidigungsfähigkeit zu fördern und das gesetzliche Gesellschaftssystem zu schützen“. Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte es rund 100.000 Mitglieder und wurden von allen bürgerlichen Kreisen und Parteien unterstützt.[45]

Das estnische Schutzkorps Kaitseliit, im November 1918 gegründet, orientierte sich am finnischen Vorbild, konnte aber aus strukturellen Gründen keine vergleichbare Stellung erlangen. Vielmehr befand sich das estnische Schutzkorps Anfang der 1920er Jahre in einer prekären Situation. Nach der Gründung einer zentralen Sportinstitution Eesti Spordi Keskliit 1923 kam es zur Trennung von Militär- und Amateursport. Das Schutzkorps verlor die Stellung einer juristischen Person und war nun vorrangig der militärischen Körpererziehung seiner Mitglieder verpflichtet, um im Kriegsfall Soldaten für die Armee bereit stellen zu können.[46] Als eine seiner Aufgaben sah Kaitseliit die körperliche Vorbereitung von Jugendlichen für den Militärdienst.[47] Es fehlte jedoch an Trainern,  an öffentlicher Anerkennung und an Sportstätten, da diese von den lokalen Sportvereinen besetzt waren. Die Trennung zwischen dem Militärsport und dem Amateursport hatte zur Folge, dass doppelte Mitgliedschaften sowohl in Schutzkorps, als auch in einer Sportorganisation häufig waren.[48]

Dagegen war die gesamte Sportorganisation der Schutzkorps in Finnland personell eng mit der SVUL verflochten und leistete für diesen die Förderung des Breitensports, während sich der SVUL auf den prestigeträchtigen Spitzensport konzentrieren konnte.[49]

Diese enge Vernetzung von militärischen Zielen und organisierter Sportbewegung war kein neues Phänomen der Zwischenkriegszeit, erste Ansätze hatte es bereits im 19. Jahrhundert gegeben. Sport galt in dieser Phase als wichtiges Mittel zur Stärkung der nationalen Wehrfähigkeit. So ist die finnische Initiative zur Einrichtung einer eigenen Ausbildungsmöglichkeit für Gymnastiklehrer 1882 in diesem Kontext zu sehen. Auch das erste estnische Lehrbuch des Pädagogen Juhann Kurrik von 1879 stand ganz im Kontext der Vorbereitung der Jugend für den Militärdienst.[50]

In dieser Tradition stand auch der Schutzkorpssport, wo Sport direktes Mittel zur Vorbereitung auf den militärischen Einsatz und Stärkung des Korpsgeistes war und die Sportarten vor allem unter diesem Gesichtspunkt gefördert wurden.[51]Dies ging bis zur Entwicklung eigener Sportarten, die sich besonders gut zum Training für den Kampfeinsatz eigneten. Hier ist in erster Linie das in Finnland aus dem amerikanischen Baseball entwickelte Pesäpallo (Schlagball) zu nennen. Nach anfänglicher Skepsis trug die Schutzkorpsbewegung maßgeblich zur Verbreitung der Sportart bei, die sich in Finnland nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.[52]

Bis zu einem gewissen Grad gab es Kooperation und Ideenaustausch zwischen den finnischen und estnischen Schutzkorps auf sportlicher Ebene, so beim Training von Langlauf und Biathlon sowie der Skiherstellung, wobei hier vor allem Finnland Unterstützung für Estland leiste und zu Schulungszwecken auf eigene Kosten Schutzkorpsmitglieder nach Estland entsandte.  Die finnischen Bemühungen, Pesäpallo auch in Estland zu etablieren, weil man es aufgrund der „Stammesverbundenheit“ als passende sportliche Betätigung für die Nachbarnation ansah, waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Die Sportart setzte sich in Estland nicht durch, trotz seit 1932 stattfindender Länderkämpfe erwies sich selbst die finnische B-Mannschaft noch als zu stark für die estnischen Teams.

 

Der II. Weltkrieg als Zäsur

Der Zweite Weltkrieg stellte in der gesamten Ostseeregion eine Zäsur dar, die auch Auswirkungen auf die Sportbewegung hatte. In Finnland brachte der Ausbruch des Winterkriegs im Herbst 1939 zunächst alle sportlichen Aktivitäten zum Erliegen. Zugleich bewirkte er eine zwischenzeitliche Annäherung der beiden großen konkurrierenden finnischen Sportorganisationen, die ihre Differenzen angesichts der nationalen Bedrohung zurückstellten. Sport wurde in dieser Phase zum Instrument internationaler Diplomatie, so wurden überregional bekannte Sportler wie Langstreckenläufer Paavo Nurmi auf eine Rundreise bis in die USA geschickt, um für aktive Unterstützung beim Kampf gegen die Sowjetunion zu werben.[53] Nach dem Moskauer Frieden 1940 erfolgte die politische Annäherung an NS-Deutschland als möglichem Bündnispartner für die Wiedergewinnung der verlorenen karelischen Gebiete ebenfalls zunächst über Sportbeziehungen.[54] Auch während Finnlands Teilnahme am Angriff auf die Sowjetunion 1941 an deutscher Seite setzten sich finnische Funktionäre der bürgerlichen Sportverbände für die finnisch-deutschen Sportbeziehungen ein, um auch auf diesem Weg gegenüber dem deutschen „Waffenbruder“ die Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen den Bolschewismus zu demonstrieren. Hier tat sich besonders der spätere finnische Präsident und damalige Vorsitzende des Leichtathletikverbandes Urho Kekkonen hervor, der sich auch gegen interne Kritik an den Reisen finnischer Spitzensportler nach Deutschland wandte.[55] Die antisowjetische Haltung ist auch in der finnischen Sportpresse greifbar, allerdings finden sich dort auch Stellungnahmen zur Unterdrückung der baltischen Staaten und des baltischen Sports bis hin zur Kritik an der deutschen Besatzungspolitik und der Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit für Estland und Lettland. Auch berichtete die finnische Sportpresse ausführlich über die Sportaktivitäten von estnischen Sportlern, die bis 1944 nach Finnland geflohen waren.[56]

Hohe symbolische Bedeutung erlangte für die baltischen Staaten das letzte internationale Fußballmatch Estlands und Lettlands als noch formal unabhängige Staaten, das fast zwanzig Jahre nach dem ersten Match zwischen Finnland und Estland in Tallinn stattfand. Unter den Bedingungen der militärischen Besatzung der UdSSR und wenige Tage vor den Staatsstreichen in Estland und Lettland am 18. und 20. Juli 1940 wurden im Stadion von Kadriorg noch einmal die estnischen und lettischen Hymnen gespielt und gesungen und die jeweiligen Nationalfarben gezeigt. Nach Augenzeugenberichten herrschte eine überwältigende Stimmung, auch weil den Zuschauern bewusst gewesen sein dürfte, dass es das letzte Spiel der beiden unabhängigen Republiken sein würde.[57]Nach der Besetzung der baltischen Staaten im September 1939 durch sowjetisches Militär erschien dieser symbolische Akt im Rückblick als nationale Machtdemonstration - das sog. „Spiel der Auferstehung“ wurde als Protestakt gegen die sowjetische Besatzung gewertet.[58]

In der Phase der deutschen Besatzung gehörten die baltischen Staaten zum Reichskommissariat Ostland. Sport diente als ein „Mittel der Normalisierung“, das auf den Sporttraditionen der Zwischenkriegszeit aufbaute, um die deutsche Fremdherrschaft zu stabilisieren und die Loyalität der neu einzuberufenden estnischen Soldaten zu gewinnen. Tatsächlich erfreuten sich sportliche Aktivitäten einer regen Teilnahme. Von 1941 bis 1943 wurden in Estland 900 registrierte Wettkämpfe organisiert, an denen über 15.000 Sportler und über 220.000 Zuschauer partizipiert haben sollen.[59] Das NS-Regime förderte insbesondere Volkssport und Mannschaftssportarten mit dem Ziel, möglichst viele Sportler und Zuschauer zu mobilisieren, ohne in die lokalen Sportstrukturen einzugreifen. Hierbei fielen bereits einige talentierte Jugendliche wie die Leichtathleten Heino Lipp und Valdu Lillakas oder der Schachspieler Paul Keres auf, die erst unter sowjetischen Herrschaft ihre sportlichen Höchstleistungen bringen sollten.[60] Im Frühjahr 1942  führten deutsche Soldaten das Spiel „Handball“ ein, das sich in Tallinn, Tartu und in Kuressaare schon bald großer Popularität erfreute.[61]

 

Geänderte Rahmenbedingungen: Sport im Kalten Krieg

Die Olympischen Spiele von 1952

Der Zweite Weltkrieg bedeutete in vielerlei Hinsicht einen massiven (Um-)Bruch in der Geschichte der Ostseeanrainer, der auch Folgen für die sportliche Entwicklung hatte.[62] Für Finnland blieb die schwierige außenpolitische Situation als neutraler Staat zwischen den Machtblöcken und das Bemühen um ein konfliktfreies Verhältnis zum ehemaligen Kriegsgegner Sowjetunion nicht ohne Einfluss auf die Sportpolitik. Diese war insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren erneut von der Rivalität der beiden großen nationalen Sportorganisationen SVUL und TUL beherrscht. Nach der zwischenzeitlichen Zusammenarbeit in den Kriegsjahren brachen nun die Konflikte zwischen bürgerlicher Sportbewegung und Arbeitersport wieder auf. Dies reflektiert zugleich die innenpolitischen Auseinandersetzungen in Finnland , wo die zwischenzeitlichen Wahlerfolge der sozialistischen Volksdemokraten, deren Auseinandersetzungen mit Sozialdemokraten und bürgerlichen Parteien und die Furcht vor einem möglichen kommunistischen Umsturz das Klima bestimmten.[63] Dabei nahm die sowjetische Führung jedoch keinen direkten Einfluss auf die sportpolitische Entwicklung, so gab es beispielsweise keinen Druck zur politische Säuberung der SVUL von ehemaligen Schutzkorpsfunktionären, eine direkte Einmischung lässt sich auch in keinem anderen Bereich nachweisen.[64]

Lediglich die Bewerbung von Helsinki als Austragungsort für die Olympischen Spiele konnte diese Konflikte vorübergehend überlagern. Schon vor dem Krieg hatte die Aussicht, die finnische Hauptstadt als Austragungsort für die Olympischen Spiele 1940 zu positionieren, für eine vorübergehende Annäherung der verfeindeten Sportorganisationen gesorgt. Ein sichtbares Zeichen war die Teilnahme des TUL an der Einweihung des neu gebauten Olympiastadions im Juni 1938.[65] Auch wenn ein Kooperationsvertrag zwischen den konkurrierenden Verbänden zunächst nicht zustande kam, sollte die Organisation der Olympischen Spiele nicht in Gefahr geraten. Die dadurch forcierte Einigung der beiden großen Sportverbände hatte auch während der Kriegsjahre Bestand.[66]

Im Vorfeld der Austragung der Spiele in Helsinki 1952 gelang 1947 der Abschluss eines Kooperationsvertrag zwischen TUL und SVUL.[67] Bei den Vorbereitungen auf die Spiele bemühte sich finnische Sportfunktionäre intensiv um die Teilnahme der Sowjetunion, nicht zuletzt der spätere finnische Präsident Kekkonen spielte hier eine wichtige Rolle. Diese Bemühungen hatten zwei Hauptmotive: zum einen stellte die erste sowjetische Teilnahme an Olympischen Spielen eine Chance dar, die freundschaftlichen Beziehungen zum östlichen Nachbarn zu konsolidieren und damit die eigene Neutralität zu sichern; zum anderen konnte sich Finnland so gegenüber dem Ausland in der Rolle des Vermittlers zwischen Ost und West präsentieren, was ebenfalls zur Stärkung der Neutralität beitrug.[68]

Diese Bemühungen um sowjetisches Wohlwollen manifestierten sich im Vorfeld durch das Entgegenkommen bei organisatorischen Fragen. So wurden die Sportmannschaften erstmalig auf verschiedene olympische Dörfer verteilt, um dem Sicherheitsbedürfnis der sowjetischen Delegation Rechnung zu tragen. Der UN-Generalsekretär wurde mit Rücksicht auf die kritische sowjetische Haltung zu seiner Person nicht als offizieller Gast, sondern lediglich als Privatperson eingeladen. Schließlich führte die Route des Fackellaufs nicht durch die Sowjetunion (und damit durch das Baltikum wie anfangs geplant), sondern über Skandinavien nach Finnland.[69] Mit der Entscheidung an „bürgerlichen“ Olympischen Spielen teilzunehmen, begann zugleich in der estnischen Sowjetrepublik die massive Förderung des Wettkampf- und Spitzensportes. An den Spielen in Helsinki nahmen zehn Esten teil, die mit fünf Medaillen nach Hause zurückkehrten. Trotz der Wettkampforientierung des sowjetischen Sports wogen die politische Aspekte schwerer – so musste Heino Lipp (europäischer Rangbester im Zehnkampf und dreifacher Europarekordhalter im Kugelstoßen) aufgrund des starken Interesses amerikanischer Medien an seiner Person den Spielen in Helsinki fernbleiben.[70]

 

Jenseits des Eisernen Vorhangs: Sport und Sportler im Exil

Während für Finnland die Spiele von Helsinki 1952 ihre  olympische Erfolgsgeschichte der Zwischenkriegszeit  beendeten,[71] symbolisierten sie für die besetzten baltischen Staaten vor allen Dingen die ersten Olympischen Spiele „unter fremder Flagge“. Die internationale Politik des Schweigens zur Annexion des Baltikums zeigte sich auch daran, dass die Wiederbelebung der Estnischen, Lettischen und Litauischen Olympischen Komitees der Zwischenkriegszeit nicht zur Debatte stand. Diese Haltung hatte auch negative Folgen für die Teilnahmechancen der zahlreichen Exilsportler.[72]

Als Folge des erneuten Einmarsches der sowjetischen Armee und der Wiedereinführung der sowjetischen Herrschaft emigrierten schätzungsweise 80.000 Esten über Skandinavien nach West-Europa, in erster Linie ins besetzte Deutschland.[73] Infolge des Resettlement-Programmes von IRO[74] 1947-1952 fand eine weitere Emigrationswelle statt - größere Gemeinden baltischer Flüchtlinge entstanden in den USA, Australien und Kanada.[75]

Die Emigranten organisierten sich an den neuen Aufenthaltsorten und führten dort einen sogenannten „Auslandskampf“ mit dem Ziel, die westliche Öffentlichkeit in der Frage der „sowjetischen Okkupation“ zu sensibilisieren.[76] Dabei kam dem osteuropäischen Flüchtlingssport im Kampf gegen den Kommunismus auf internationaler Ebene eine bedeutende Rolle zu. Nicht nur thematisierte die US-amerikanische Organisation The National Committee for a Free Europe (NCFE), Gründungsmitglied des Senders Radio Free Europe, regelmäßig die besondere Situation der osteuropäischen Flüchtlinge sowie die weitere Entwicklung des Sports im Ostblock. Zudem sollten möglichst viele Exilsportler die Möglichkeit erhalten, gegen das jeweilige kommunistische Herkunftsland anzutreten.[77] So entstand im Vorfeld der Spiele in Helsinki 1952 die Idee einer olympischen Mannschaft ehemaliger Olympiasieger und Exilsportler unter der Führung von Union of Free Eastern European Sportsmen (UFEES).[78] Neben Vertretern aus zahlreichen osteuropäischen Ländern gehörten ihr auch Exilsportler aus allen drei baltischen Staaten an.[79] Ihre Teilnahme wurde 1952 auf der 47. IOC-Session in Helsinki diskutiert, das IOC verweigerte jedoch die dafür notwendige Regeländerung.[80] Auch weitere Gesuche blieben erfolglos, bis die Vereinigung dieses Anliegen 1954 aufgab.[81]

Damit scheiterten die Ambitionen der Exilsportler, sich auf internationaler Ebene als eine transnationale Gemeinschaft zu etablieren. Infolgedessen bemühten sie sich verstärkt in den jeweiligen Zielländern um Integration in die Aufnahmegesellschaft. Als einigendes Element innerhalb der Exilgemeinden diente den baltischen Flüchtlingen zum einen die Konstruktion einer baltischen Schicksalsgemeinschaft, zum anderen die Bewahrung der nationalen Zugehörigkeiten mit Bezug auf die unabhängigen baltischen Staaten der Zwischenkriegszeit. Das Medium „Sport“ leistete in dieser Hinsicht Zweifaches: Erstens bot es eine Arena für die Selbstdarstellung nach außen, um das Schicksal des jeweiligen Landes und die fortdauernde nationale Zugehörigkeit zu kommunizieren. Zweitens stärkte die direkte Partizipation an „(inner-)baltischen Wettkämpfen“ oder an „Baltischen Spielen“ die imaginierte Einheit eines gesamt-baltischen Sporttreibens.[82]

Die Grundlagen dafür wurden schon in den Flüchtlingslagern unmittelbar nach Kriegsende geschaffen, wo beispielsweise die Alliierten in den deutschen Besatzungszonen Sportlager einrichteten.[83] Die Flüchtlinge nutzten diese Chance, dem Alltag der Lagerrealität und der Sorge über die ungewisse Zukunft zu entfliehen. Insbesondere die Zeitperiode von 1945-1949 wurde zu einer entscheidenden Zäsur für den baltischen Flüchtlingssport. Noch vor einer weiteren Emigrationswelle konnte sich das Konstrukt einer sportiven, baltischen Gemeinschaft - die Tradition gemeinsamer Wettkämpfe – etablieren.[84] So entstanden die Baltischen Spiele (1946 in Augsburg), aber auch die Erste Baltische Olympiade (1945 in Augsburg). Dieser baltische „Lagerzusammenhalt“ ließ Ende der 1940er Jahre nach, auch weil aufgrund des Resettlement-Programmes die Mehrzahl der Balten Deutschland verließ und sich von nun an um die Staatsangehörigkeit ihrer neuen Aufnahmegesellschaften bemühte.[85]

Ab diesem Zeitpunkt ist die Geschichte des baltischen Exilsports zugleich eine Erzählung der Integration in die jeweilige Aufnahmegesellschaft. Sport war ein Mittel für die baltischen Flüchtlinge, als „heimatlosen Ausländer“ Anerkennung zu gewinnen und diese durch sportliche Leistungen zu legitimieren. Nicht immer führten sportliche Höchstleistungen zum Erfolg, oft blieb die Aufnahme in die jeweiligen Nationalmannschaften dennoch verwehrt.

Die Beziehung zwischen Exil- und Heimatsport blieb auch nach der Unabhängigkeit angespannt. Während die Exilsportler ihre Bestleistungen seit 1944 genau dokumentierten, werden diese beispielsweise in den Statistiken der Estnischen Republik Estland nach 1991 auch rückwirkend nicht integriert. Dies betrifft unter anderem das Ergebnis der estnischen Sportschützen 1947 in Schweden, ein damaliger Weltrekord. Die getrennte Geschichte lebt umgekehrt in der Wahrnehmung der Auslandsesten weiter, wenn diese die Leistungen der zugewanderten Sportler aus dem russischen Kernland zwischen 1940 und 1991 als „fremde Erfolge“ betrachten.[86]

 

Sport im Sozialismus

Endgültig in das sowjetische Territorium eingegliedert, mussten sich die neu gegründeten Estnischen und Lettischen Sowjetrepubliken an Moskaus Weisungen und am von dort ausgegebenen ideologischen Programm orientieren. Sportliche Erfolge galten von nun als Leistungen des „Sowjetvolkes“, die zur Verteidigung des „sowjetischen Mutterlandes“ verpflichteten.[87] Unter dem Druck der Sowjetisierung entschieden die neu eingeführten Exekutivorgane der estnischen und lettischen Sowjetrepubliken „alle für das Volk unnötigen Organisationen zu liquidieren“.[88] Der sozialistische „Maßnahmenstaat“ hatte die Abschaffung der Vereinsstrukturen der Zwischenkriegszeit zum Ziel, sowohl das (Sport-)Vereinswesen als auch die national konnotierten Sportföderationen inklusive der Nationalen Olympischen Komitees wurden aufgelöst. Die vom Zentrum geförderten Gewerkschaftssportvereine „Lokomotiv“, „Hermes“, „Dynamo“ und „Spartak“ wurden neu gegründet und in das zentralisierte Netz der Sportorganisation eingegliedert.[89] Als einziger Sportverein mit Zwischenkriegszeit-Tradition konnte sich in der Estnischen SSR seit dem Frühjahr 1941 der später unter dem Namen „Kalev“ bekannte Verein etablieren. Hierbei ging das Sportkomitee der ESSR einen Kompromiss ein, indem es sich für einen estnischen Verein einsetzte, der die strukturelle und finanzielle Förderung der neuen sowjetischen Körperkultur leisten sollte. Insbesondere aber dank der national geprägten Namensgebung „Kalev“, die noch 1943 vor dem Hintergrund der verordneten stalinistischen Völkerfreundschaft zustande kam, konnte dieser bis 1991 den Ruf eines „estnischen Vereins“ pflegen.[90]

Die Sowjetisierung der Sportorganisation funktionierte über die Doppelführung Moskau-Tallinn. Das Komitee für Körperkultur und Sport der ESSR war sowohl dem höhergestellten Sportkomitee in Moskau als auch dem sowjetestnischen Exekutivorgan, dem Ministerrat der ESSR unterstellt.[91] Nach ähnlichem Modell verhandelte das Zentralkomitee (ZK) der KPdSU in Moskau sportbezogene Fragen und leitete die Entscheidungen an das ZK der Kommunistischen Partei Estlands weiter, das sie anschließend in einer seiner Abteilungen (Bildung, Propaganda, Kultur) umsetzte. Die rechtliche Vorrangstellung der Zentrale behinderte jegliche Initiative aus der nationalstaatlichen Peripherie und überließ den Sowjetrepubliken lediglich die Rolle als Übersetzer und Kopierer zentraler Entscheidungen, während sie die Finanzierung sicherzustellen hatten. Moskaus Anweisungen überschritten oft die Kapazitäten der kleinen estnischen Sowjetrepublik und verursachten Misstrauen an der Basis. Als Ergebnis verbreiteten sich Fälschungspraktiken in der Sowjetrepublik. So hatte das Gebot der Massenmobilisierung (massovostʼ) zur Folge, dass die Namen von Teilnehmern des unionsweiten GTO-Programms anhand der Grabsteine der städtischen Friedhöfe „erfunden“ wurden.[92] Entsprechend meldete im Jahre 1971 ein Viertel der Bevölkerung der ESSR ihre Mitgliedschaft in Sportvereinen an; es wurden ganze 900.000 Personen bei diversen Sportaktivitäten registriert.[93] Von Vorteil war dabei die Tatsache, dass die Sportbürokratie in der Estnischen SSR noch bis zum Jahr 1984 in estnischer Sprache geführt wurde, so dass nach Erinnerungen des Vorsitzenden des republikanischen Sportkomitees Juhan Unger bis dadurch der zentrale Kontrollanspruch bis in die späte Sowjetzeit umgangen werden konnte.[94]

Der Sport diente nicht nur als Freizeitbeschäftigung der Arbeiter, sondern spielte gleichfalls eine wichtige Rolle für die vollständige Entwicklung des Neuen Sowjetischen Menschen „in den jungen Sowjetrepubliken“, in denen Sport noch als „apolitisch“ eingestuft wurde.[95] Der Bruch mit der nationalstaatlichen Tradition stellte für die Sportler eine mentale Herausforderung und eine massive kulturelle Umorientierung dar. War ihr sportliches mental mapping in den 1930er Jahren noch Richtung Westen gerichtet, so mussten sie sich nun im innersowjetischen Wettbewerb positionieren. Nicht nur sportliche Leistung allein, sondern kulturelle Integration bestimmte die Erfolgschancen der Sportler. Neben der russischen Sprache mussten sie das sozialistische Erziehungsprogramm nachweisen, um ideologische Standfestigkeit zu demonstrieren. Für viele Sportler erwies sich ihre bürgerliche Herkunft als Nachteil, sodass nur eine Mitgliedschaft in dem vom Zentrum favorisierten Armeeverein „Dynamo“ einen Ausweg bot. Einerseits galten diese vom Zentrum geförderten Sportvereine als „fremde, russische Vereine“. Mit dem zentralen Fördersystem verflochten, konnten sie andererseits aber ein vielseitigeres Fördersystem anbieten und standen unter laxeren ideologischen Beobachtung als Förderangebote in den Republiken .[96]

Die Professionalisierung des Sports entwickelte sich zunehmend im Sinne des Zentrums. Zeichnete sich noch in den 1950er und 1960er Jahren ein Aufwärtstrend der sowjetestnischen Sportler im Medaillenspiegel bei den Olympischen Sommerspielen ab, so ist in den 1970er Jahren ein Rückgang zu betrachten.[97] Das individuelle Wettbewerbssystem der Chruščev-Ära hatte bis 1967 Republik-Mannschaften im Unionswettbewerb gefördert. Im Zuge der  zunehmenden Zentralisierung der Sportorganisation wurden jedoch medaillenreiche Sportarten bevorzugt, nicht zuletzt bei der Finanzierung.[98] Diese Praxis hatte einen nachteiligen Einfluss auf die ESSR und bewirkte den Rückgang der Zahl der sowjetestnischen Spitzensportler in der Nationalmannschaft der UdSSR. Bei steigender Professionalisierung und damit einhergehender Verringerung der Anzahl von förderungsfähigen Spitzensportlern bedeutete dies, dass die Möglichkeit einer Teilnahme an internationalen Wettbewerben immer häufiger mit einer Medaillenvorgabe verknüpft wurde.[99] Insgesamt verdankt die Sowjetunion der Estnischen Sowjetrepublik 35 olympische Medaillen.[100]

Während der neun Olympiaden von 1952 bis 1988 haben 74 estnische Athleten als Mitglieder der sowjetischen Mannschaft teilgenommen. Sie gewannen insgesamt 13 Goldmedaillen, 12 Silbermedaillen und 11 Bronzemedaillen. War die erfolgreichste Sportart während der Zwischenkriegszeit noch das Ringen, so verschwand sie nach den Olympischen Sommerspielen in Helsinki 1952 aus den sowjetestnischen Statistiken. Die meisten Medaillen wurden seitdem in den Mannschaftssportarten gewonnen, von denen Basketball, Volleyball und Wasserball am erfolgreichsten waren. Ohne das sowjetische Fördersystem hätten estnische Mannschaftssportler wohl kaum derart aktiv auf internationaler Ebene auftreten können.[101]

Als eine der bedeutendsten sowjetischen Sportveranstaltungen galten die unionsweiten Sportfeste, die Spartakiaden der Völker der Sowjetunion. Die sowjetische Körperkulturbewegung orientierte sich an der Formel „sozialistisch im Inhalt, national in der Form“, indem sie fünfzehn Sowjetrepubliken gegeneinander antreten ließ. Aus der Perspektive des Zuschauersports hatten diese Wettkämpfe eine stabilisierende Funktion. Das sonst fehlende Forum für eine nationale Auseinandersetzung von Sporthelden auf internationaler Ebene konnte hier simuliert werden. Der Mannschaft ihrer Republik die Daumen zu drücken hatte für die Esten einen größeren Stellenwert als ein Auftritt sowjetestnischer Sportler im Trikot der UdSSR bei internationalen Wettkämpfen.[102] Aus der Sportlerperspektive stellten die Spartakiaden jedoch eine zusätzliche Leistungshürde zur Teilnahme an internationalen Wettkämpfen dar.[103]

Das vom Zentrum aus geförderte Konstrukt „Baltikum“ wurde in den Republiken verinnerlicht und in der sportlichen Praxis angewandt. Als eine Einheit gedacht, ermöglichte dieses Konstrukt eine Differenzierung von der zentralstaatlichen Ebene und ermöglichte Kohärenz und Vergleichbarkeit im innerbaltischen Raum. Eine Möglichkeit boten die Baltischen Spartakiaden, deren Zweck es war, die baltischen Sportler in direkter Konkurrenz zu vergleichen. Diese Tradition endete mit dem Beginn der allunionsweiten Spartakiaden 1956.[104] Im Zuge der fortschreitenden Zentralisierung bemühten sich die Funktionäre auf lokaler Ebene, einen Gegenpol zum Spitzensport zu bieten. Eine hohe Popularität genoss beispielsweise das Kräftemessen zwischen den Städten Tartu und Tallinn. Auch die seit 1969 organisierten Võrtsjärve mängud (Spiele am See Võrtsjärve) demonstrierten die Verbindung der Betriebssportvereine am See und ermöglichten so eine südestnische Identifikation. Die Verbreitung dieser Spiele in anderen Gegenden Estlands – nach Peipsi, Võru, Viru, Voore und Põltsamaa - zeugten von der Möglichkeit der Eigeninitiative im sozialistischen Sportsystem.

Mit der Zentralisierung der sowjetischen Sportbürokratie ging die Internationalisierung ihrer Sportkontakte einher. Eine Ausweitung der internationalen Sportbeziehungen auf Republik-Ebene setzte erst während des politischen Tauwetters ein. Diese Beziehungen wurden nicht vom Sportkomitee der ESSR verwaltet, sondern unterstanden der Moskauer Führung.[105] Eine Ausnahme bildeten zeitweise die finnisch-estnischen Sportbeziehungen. Seit dem inoffiziellen Besuch des finnischen Staatspräsidenten Urho Kaleva Kekkonen in Tartu im Jahre 1964 wurden sie vom Zentrum toleriert. Offiziell sollte der Besuch die „guten Beziehungen zwischen Finnland und der Sowjetunion“ demonstrieren.[106] Die estnischsprachige Begrüßungsrede des Präsidenten und der darauf folgende Ski-Langlauf in Süd-Estland im Dorf Kääriku zeigten die finnische Intention, die kulturelle Verbindung zur „alten finnougrischen Heimat“ zu demonstrieren.[107] Insbesondere durch die gemeinsame Skifahrt und dem anschließenden Saunabesuch wurde eine „nordische Dimension“ einer gemeinsamen Identität zweier Skinationen zum Ausdruck gebracht. Kekkonen übernahm auch die Schirmherrschaft für die Leichtathletik- und Basketballwettbewerbe zwischen der Universität Tartu und der Universität Helsinki. Anfang der 1970er Jahre wurden viele dieser „Freundschaftsspiele“ wieder eingestellt, sodass erst die Vorbereitungen auf die olympische Segelregatta eine erneute Öffnung der ESSR auf der internationalen Ebene ermöglichte.[108]

Bei einem Vergleich der Erfolgsbilanz zweier Sportsysteme anhand der erreichten olympischen Medaillen seit 1952 überwiegt nach einer „Halbzeit“ von 25 Jahren estnischer Unabhängigkeit die olympische Medaillenbilanz der Sowjetzeit (Sommerolympiaden). Weitere sowjetische Errungenschaften sind die Institutionalisierung der Sportverwaltung und des Zuschauersports. Sehr populär war die Zeitung „Spordileht“ (Sportzeitung) mit einer Auflage von bis zu 70.000 Ausgaben.[109] Aber auch die Verlegung biomedizinischer Forschung in den „sowjetischen Westen“, an die Fakultät für Körperkultur der Universität Tartu, zeugt von einer bewussten Förderung von know how und pädagogischer Ausbildung, die nach 1991 nicht mehr in diesem Umfang fortgeführt wurde.[110] Trotz der fortdauernden Mangelwirtschaft wurden intensiv Kader für das Sportwesen ausgebildet, 1967 wurde das Estnische Sportmuseum gegründet, „Sportmanagement“ konnte zunehmend als Beruf ausgeübt werden. “Sport“ konnte vor allem aufgrund der Massenmobilisierung und der Zuschauerorientierung für das Regime stabilisierende Eigenschaften entwickeln. Unter den Bedingungen des Sozialismus waren viele als elitär eingestufte Sportarten wie Segeln, Reiten, Motocross oder Schießen auch der breiten Masse der Bevölkerung zugänglich[111] – viele dieser Sportarten können sich Kinder und Jugendliche im heutigen Estland finanziell nicht mehr leisten.

 

Fallbeispiele

Sport in Nordosteuropa am Beispiel der Entwicklung des finnischen Langlaufsports

An der Entwicklung des Ski-Langlaufsports lassen sich noch einmal gebündelt viele strukturbildende und transnationale Aspekte aufzeigen, die die sportliche Entwicklung in Nordosteuropa seit Ende des 19. Jahrhunderts geprägt haben. Parallel zur Entwicklung des modernen Sports in der Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Langlaufen vom gängigen winterlichen Fortbewegungsmittel zur sportlichen Betätigung mit eigenen Vereins- und Wettkampfstrukturen. Nach Esa Sironen war der Skilanglauf die “erste und angesichts der klimatischen Gegebenheiten naheliegende Erfolgsdisziplin”.[112] Erste Langlaufwettbewerbe fanden bereits in den 1880er Jahren statt, die ersten Vereine wurden in den 1890er Jahren gegründet, allerdings blieb der Durchbruch zum Massensport zunächst aus.[113] Im Gegensatz zu Norwegen, wo Langlaufen nach der Unabhängigkeit zum wichtigsten Nationalsport wurde, blieb diese Rolle in Finnland zunächst der medaillenträchtigen Leicht- und Schwerathletik vorbehalten. Langlaufen spielte im Bereich des Leistungssports in der Zwischenkriegszeit zunächst eine untergeordnete Rolle. Dies lag vermutlich auch daran, dass aufgrund der noch geringen internationalen Verbreitung und Bedeutung dieser Sportart zählbare Erfolge nicht die gleiche Wirkung in der Öffentlichkeit erzielten, wie das in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bei der Leichtathletik der Fall war.[114] Auch verhinderten anfängliche Auseinandersetzungen der Sportorganisationen und die Folgen des Sprachenstreits die strukturelle Entwicklung des Langlaufverbandes. Dieser war 1907/08 von schwedischsprachigen Kreisen mit einer klaren Orientierung an Schweden gegründet worden. Aufgrund eines Machtkampfes mit der SVUL wurde dessen organisatorische Basis jedoch nachhaltig geschwächt, so dass auch aus diesem Grund die Wettkampforientierung litt und die Norweger die Vorherrschaft in Skandinavien errangen.[115]

Schon an diesem Beispiel wird deutlich, dass der Langlaufsport exemplarisch die zentralen Konfliktlinien der finnischen Gesellschaft in der Zwischenkriegszeit reflektiert. Neben den Auseinandersetzungen in der Sprachenfrage betraf dies auch die Spaltung zwischen bürgerlicher Sportbewegung und Arbeitersport. So bewertet Heikkinen die Existenz eines eigenen Systems von Sportvereinen der Arbeiterklasse als entscheidenden Faktor für die Popularisierung des Langlaufsports in dieser Gesellschaftsschicht. Zugleich spiegelt sich hier auch die schrittweise Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung gegen Ende der 1930er Jahre wie beispielsweise in der zunehmenden Rezeption der Berichterstattung über Sportwettkämpfe der jeweils „anderen“ Seite.[116]

Der entscheidende Schritt zum Volkssport gelang erst im Lauf der 1930er Jahre, wobei hier der Schutzkorpssport eine zentrale Rolle spielte. Langlaufen war bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts Bestandteil der militärischen Ausbildung gewesen, wodurch dessen Entwicklung als Sportart entscheidend gefördert wurde.[117] Diese Tradition wurde nicht zuletzt unter dem Eindruck des Bürgerkriegs im Schutzkorpssport aufgegriffen und dort auf eine breite organisatorische Basis gestellt, so dass sich in diesem Bereich der Skisport neben der Leichtathletik zur beliebtesten Sportart entwickelte. Lange Skimärsche galten als gute Vorbereitung auf einen winterlichen Kampfeinsatz, so dass Langlaufen zu einer zentralen Militärsportart wurde und schließlich sogar der aufgrund der internationalen Erfolge populären Leichtathletik den Rang ablief. Wettkämpfe zogen ein immer breiteres Publikum an und trugen nachhaltig zur Popularisierung von Langlaufen als Freizeitaktivität in der breiten Bevölkerung bei.[118] In diesem Kontext ist auch Biathlon zu sehen, das als Verbindung von Langlaufen und Schießen besondere militärische Bedeutung hatte. Die Schießübungen fanden bis in die zweite Hälfte der 1920er Jahre auf Schießscheiben statt, die Karikaturen von Russen darstellten, da die Sowjetunion nicht nur für die Schutzkorps als wahrscheinlichster Kriegsgegner galt.[119]

Auch auf diesem sportlichen Gebiet leisteten die Finnen in Estland Unterstützung, wo Langlaufen vor den 1920er Jahren kaum als Sportart betrieben wurde. Dies reichte von der Förderung von Einzelsportlern und Trainingslagern bis hin zum Export von Skiern.[120] Dennoch blieben auch auf diesem Gebiet die Finnen zunächst sportlich weit überlegen. Trotz dieses anfänglichen Ungleichgewichts entwickelten sich die Langlaufwettbewerbe der estnischen, lettischen und polnischen Schutzkorps, die erstmalig 1936 in Zakopane stattfanden, in den späten 1930er Jahren zu den beliebtesten Wettkämpfen in der breiten Bevölkerung.[121] Nicht zuletzt mit dieser Tradition lässt sich die große Wirkung erklären, die bei Kekkonens Staatsbesuch 1964 in Estland insbesondere dem Bild des Präsidenten beim Skilanglauf beigemessen wurde, das sowohl die verbindende nordeuropäische Tradition als auch die lange Geschichte gemeinsamer sportlicher Aktivitäten nicht nur auf diesem Gebiet symbolisierte.[122]

Der endgültige Aufstieg des Langlaufs zum Massen- und Nationalsport vollzog sich in Finnland jedoch erst in der Nachkriegszeit, wobei die Entwicklungen der zweiten Hälfte der 1930er Jahre fortgeführt wurden. So wurde die Sportvereinigung „Suomen Latu“ (Finnlands Loipe) 1938 gegründet, die seit 1952 als Dachorganisation von allen 18 Skisportvereinen fungierte. Auf ihr Betreiben hin gab es seit 1946 die ersten nationalen Skiwochen, Wettbewerbe auf Landes- und Kreisebene sowie Wettkämpfe der nordischen Staaten, bei denen Finnland zunehmend erfolgreich war.[123] Dabei spielten ehemalige Funktionäre der nun verbotenen Schutzkorps eine wichtige Rolle und besetzten einflussreiche Positionen. So war der ehemalige Schutzkorpsoffizier Akseli Kaskela von 1945-60 Vorsitzender des finnischen Skiverbandes, 1960-71 Vorsitzender der SVUL und 1963-69 des finnischen NOK.[124]

Da Finnland nach 1945 seine internationale Stellung als sportliche Großmacht in der Leichtathletik eingebüßt hatte, wuchs die Bedeutung des Skisports als Erfolgsgarant und verlässlichem Medaillenlieferanten, was dessen Position im nationalen Bewusstsein förderte.[125] Erste internationale Erfolge erhielten in zeitgenössischen Karikaturen bereits eine spezifisch „nationale“ Komponente.[126] Die Wurzeln für diese nationale Aufladung des Langlaufsports wurden nach Einschätzung von Kokkonen bereits um die Jahrhundertwende gelegt. In Ermangelung von Nationalhelden war der heldenhafte Kampf gegen die widrigen Naturgegebenheiten ein wichtiges Element des Nationalbewusstseins, das Langlaufen als spezifisch winterliche Aktivität spielte hier eine Hauptrolle, auch im Hinblick auf den Widerstand gegen die russische Besatzung vor der Unabhängigkeit und die Förderung der Wehrfähigkeit.[127] Dies wurde nach dem Ende des Krieges verstärkt und überlagert durch die symbolische Verbindung zum positiv belegten Winterkrieg, dessen Ikonographie im gesellschaftlichen Bewusstsein in hohem Maße von Bildern finnischer Soldaten auf Skiern beherrscht wurde. Diese Assoziation war auch einer der Gründe dafür, dass nach Jahrzehnten internationaler Erfolge der Dopingskandal von 2001 in Finnland so hohe Wellen schlug. Sechs Skilangläufer, darunter nationale Sportheroen wie Jari Isometsä, Harri Kirvesniemi und Mika Myllylä wurden positiv getestet, der Skandal erfasste den gesamten finnischen Skiverband.[128]Tarja Laine analysiert in einem Aufsatz die nationalen und internationalen Reaktionen auf dieses Ereignis und belegt, warum dies in Finnland als ein Fall „nationaler Schande“ empfunden wurde. Ihrer Einschätzung nach seien für die kleine periphere und arme finnische Nation in Ermangelung von künstlerischen und kulturellen Traditionen von Weltrang gerade Erfolge im Wettkampfsport ein zentrales Instrument, um internationales Prestige zu gewinnen und ein Selbstbild als eigenständige Nation zu konstruieren.[129] Dabei weist sie nach, dass die finnische Berichterstattung vor allem mit dem internationalen Medienecho befasst war, so dass für die Bewertung des Skandals in hohem Maße der negative Einfluss auf das Bild Finnlands in der Welt zum Tragen kam. Kritische Stimmen kamen vor allem aus den skandinavischen Ländern. Die dort gezogene Parallele zum Sportsystem der ehemaligen DDR wurde als besonders niederschmetternd empfunden und weckte Assoziationen zur Finnlandisierungsdebatte.[130]

Im Unterschied zu Finnland wurde das Scheitern des „ehrlichen Sports“ in Estland nicht in vergleichbarem Maß als ein Scheitern der nationalen Identität empfunden, da die Sportheroen dort fester im nationalen Kanon verankert sind und gewissermaßen „Bestand für die Ewigkeit“ haben. Als Nationalhelden gelten sowohl sowjetische Sportler, bei denen der Dopingverdacht sehr nahe liegt, als auch Sportler der Republik Estland, die gleichfalls überhöht werden und großes öffentliches Vertrauen genießen.[131] Die Reaktion auf einen Dopingskandal vergleichbaren Umfangs in Estland im Frühjahr 2011 fiel daher wesentlich gemäßigter aus und erreichte nie den Status nationaler „Schande“.[132] Mit massiver Unterstützung des Estnischen Skiverbandes wurde der Dopingskandal von Andrus Veerpalu auf technische Mängel in der Durchführung zurückgeführt, sodass der Status des estnischen Skisports nicht in Frage gestellt werden musste. Schnell wurde Andrus Veerpalu als Opfer der Medien inszeniert, um möglichst viele Anhänger mobilisieren zu können – bei Facebook hatten dafür 75.000 Personen ihre Unterstützung signalisiert. Das im November 2011 erschienene Buch „Andrus Veerpalu, der stille Held“ schildert die Bedeutung seiner früheren Errungenschaften für die Stärkung des Nationalgefühls.[133] Ebenso hat der Dopingverdacht der Langläuferin Kristina Šmigun-Vähi keine Distanzierung durch das Estnische Olympische Komitee zur Folge gehabt.[134] Eine Auseinandersetzung mit den Strukturen und Bedinungen des Dopingkonsums während der sowjetischen Herrschaft, aber auch in der Republik Estland ist somit nie ernsthaft angegangen worden, obwohl die unterstützenden Netzwerke nach wie existieren und aktiv sind.

 

Zwischen Öffnung und Abschottung – die olympischen Segelwettbewerbe 1980 in Tallinn

Das Bild weißer Segel vor der Kulisse des mittelalterlichen Reval gehörte seit den Segelwettbewerben 1980 zu den bekanntesten Markenzeichen der Estnischen Sowjetrepublik. Der Segelsport wurde im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 1980 neu belebt. Die Tradition des Segelns in der Tallinner Bucht geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als deutsche Händler im Jahre 1820 den „Orden der kühnen Segler“ gründeten.[135] Mit der Gründung des „Estländischen See-Jacht-Klub“ begann seit 1888 die Entwicklung des estnischen Segelsports.[136] Die „Revaler Segelwoche“, ausgetragen seit 1901, gilt als der erste internationale Wettkampf, an dem Segler aus Finnland und Schweden (seit 1905) teilnahmen.[137]

Der Aufstieg des professionalisierten Segelsports begann unter sowjetischer Herrschaft. Der Tallinner Jachtklub entwickelte sich nach und nach zu einem der bedeutendsten Segelzentren in der Sowjetunion, in Konkurrenz mit Leningrad und Moskau. Im Jahre 1963 wurde die größte sowjetische internationale Segelregatta „Baltische Regatta“ von Leningrad nach Tallinn verlagert. Aber erst im Vorfeld der olympischen Segelregatta 1980 gelang der entscheidende Durchbruch.[138]

Schon beim ersten sowjetischen Antrag an das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1969 hatte das NOK der UdSSR Tallinn als Austragungsort für die Segelwettbewerbe ausgewählt.[139] Nach dem dieser erste Antrag gescheitert war, nahm das Komitee für Körperkultur und Sport der UdSSR im September 1971 Gespräche über eine erneute Bewerbung auf. Zu diesem Zeitpunkt war ein innersowjetischer Wettbewerb der Städte Tallinn, Leningrad, Riga, Odessa und Pizunda um die Austragung der Segelwettbewerbe geplant. Zu Tallinns Stärken zählten die naturgegebene Lage der Tallinner Bucht und die Nähe zum Stadtzentrum. Darüber hinaus betonten die Funktionäre die Erfahrungen bei der Organisation von „Baltischen Regatten“ sowie nationaler Sängerfeste.[140] Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, legte der Tallinner Stadtsowjet ein breites Werbeprogramm auf Kosten der Stadtverwaltung auf. Insbesondere die Neuerrichtung eines olympischen Segelzentrums stellte für die Architekten eine besondere Herausforderung dar. Anfang 1972 besuchte der Vorsitzende des Komitees für Körperkultur und Sport Sergej Pavlov Tallinn. Bei dieser ersten Bestandsaufnahme bat der Tallinner Stadtarchitekt Dmitri Bruns Pavlov um eine Kontaktaufnahme mit dem Hamburger Architektenkreis, um die Pläne des neu errichteten olympischen Segelzentrums in Kiel-Schilksee zu studieren.[141] Pavlov entsprach dieser Bitte und die Tallinner Architektengruppe war Teil der sowjetischen Delegation, die im Mai 1972 zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions in die Bundesrepublik reiste. Damit verschaffte Moskau dem Tallinner Organisationsteam praktisch einen Wettbewerbsvorteil, der fast einer inoffiziellen Zusage gleichkam. Auf Kieler Seite gab es ganz im Sinne der Ostpolitik Egon Bahrs des „Wandel durch Annäherung“ kein Zögern bei der Weitergabe der Pläne des Olympiazentrums von Kiel-Schilksee. Der damalige Oberbürgermeister Günther Bantzer (SPD) erklärte sich bereit, den Tallinnern die Baupläne in einem Eilverfahren zukommen zu lassen. Dieser Trick verschaffte den Tallinner Architekten einen Vorsprung, der letztendlich ausschlaggebend für die Vergabe des Veranstaltungsortes im Jahre 1974 war.[142]

Die Segelregatta wurde somit zu einem Vehikel der bundesdeutschen Ostpolitik, mit dessen Hilfe über die sog. „kommunale Ost- und Außenpolitik“ die innersowjetischen Verhältnisse beeinflusst werden sollten.[143] Schon 1968 hatten sich Günther Bantzer und Werner Istel, der Leiter des Kieler Presseamtes, im Auswärtigen Amt in Bonn beraten, um eine Städtefreundschaft mit einer Stadt in der Sowjetunion aufzunehmen.[144] Die Hafenstadt Kiel bemühte sich darum, ihren eigenen Status als ein politischer, kultureller und wirtschaftlicher Akteur im Ostseeraum aufzuwerten. Diese Städtefreundschaften ermöglichten es den deutschen wie sowjetischen Partnern, die ideologischen Vorstellungen des jeweiligen politischen Systems exemplarisch zu vermitteln. Der Systemgegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus konnte durch die „verbindende Idee der Völkerfreundschaft“ und der olympischen Idee überbrückt werden. Die seit 1970 bestehende Städtefreundschaft zwischen Kiel und Tallinn hatte auf bundesdeutscher Ebene eine Vorreiterrolle, 1977 wurde sie als „tragende Säule der „kommunalen Außenpolitik““ bezeichnet.[145] 1977 besuchten 220 Kieler, Offizielle und „einfache Bürger“, auf einer einwöchigen Freundschaftsfahrt Tallinn. Die gemeinschaftlichen Treffen erweiterten sich zudem um private Begegnungen, um auf diesem Wege die „Brücke zur Ostsee“ zu eröffnen.[146]

Das Vehikel „Segelregatta“ ermöglichte aus Sicht des Zentrums eine Öffnung an einer Stelle, wo sich ein Nutzen für das gesamtsowjetische Projekt abzeichnete. Das Segelzentrum und die Atmosphäre einer Hansestadt konnten in den Vordergrund gestellt werden, um Diversität und Vielfalt des sowjetischen Vielvölkerreichs nach außen hin zu präsentieren. Das bestehende Interesse an Tallinn, einer Stadt im sowjetischen Westen, nützte der sowjetischen Bewerbung beim IOC erheblich.[147] Im Vorfeld der XXII. Olympischen Sommerspiele (1973-1977) haben insgesamt 516 ausländische Delegationen Tallinn besucht; die Stadt wurde von den westlichen Medien neu „entdeckt“ und „erfunden“. Tallinn trat „als Vitrine des sowjetischen Westens“ auf, im Gegenzug profitierten die Tallinner von den Moskauer Verträgen mit westlichen Unternehmen wie „Coca Cola“, „Pepsi Cola“, „Wella“ und dem finnischem „Valio“.

Präsident Carters Boykott-Kampagne im Januar 1980 verhinderte die erhoffte Öffnung des Landes und verwandelte Tallinn in einen „olympischen Nebenschauplatz“. An den olympischen Segelwettbewerben nahmen deshalb nur 199 Sportler aus 23 Nationen teil.[148] Alle Ostsee-Anrainerstaaten beteiligten sich jedoch an den olympischen Segelwettbewerben: Finnland, Dänemark und Schweden unter ihren Nationalflaggen; Norwegen verzichtete auf eine staatliche Repräsentation und partizipierte unter der Flagge des IOC. Der Olympia-Funktionär Berthold Beitz drückte sein Missfallen gegenüber der internationalen Boykottwelle aus, indem er sein Segelschiff „Germania“ mit bundesdeutscher Flagge in den Hafen von Tallinn einfahren ließ.[149] Der Kieler Oberbürgermeister Günther Bantzer besuchte Tallinn privat, wofür er vom späteren Präsidenten des IOC, Thomas Bach, kritisiert wurde, da er sich gegen „die bundesdeutsche Politik“ gewandt habe.[150] Dagegen erfuhr die Boykottkampagne breite Unterstützung sowjetfeindlicher Protestbewegungen wie der Gemeinden der Auslandsesten, des Estonian American National Council und der Estnischen Exilregierung. Der estnische Dissident Enn Tarto initiierte einen gesamtbaltischen Protestbrief nach Lausanne. In der Flut weltweiter Protestbriefe wurde der „baltischen Frage“ im amerikanischen Raum und in Nordosteuropa wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Trotzdem betrachtete das IOC die baltischen Staaten auch weiterhin als „Teile eines föderalen Gebildes“. Im sowjetischen Gesamtkonzept nahm die Estnische SSR die Rolle des sowjetisch Anderen ein, einer Sowjetrepublik, deren Tradition, Kultur und Sprache sich vom Zentrum unterscheiden sollte. Tallinn sollte überwiegend als eine sowjetestnische Stadt und weniger als Hauptstadt einer ehemals unabhängigen Republik wahrgenommen werden, eine Strategie, die vor dem Hintergrund der internationalen Boykottwelle jedoch misslang.

 

Forschungsstand und Desiderata

In der Fachliteratur sind transnationale oder vergleichende Untersuchungen zur Erforschung der Geschichte des Sports in Nordosteuropas bisher eher die Ausnahme. Finnland wird – wenn überhaupt - in der Regel im nordischen Kontext betrachtet, auch wenn immer wieder die Unterschiede zu den skandinavischen Staaten betont werden.[151] In der internationalen Sportgeschichtsschreibung ist die Beschäftigung mit Nordosteuropa im allgemeinen und Finnland im Besonderen kaum verbreitet, englischsprachige Artikel sind überwiegend von finnischen Forschern verfasst.[152] Als eines der wenigen Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum ist die Dissertation von Kristina Exner-Carl zu nennen, die sich mit der Rolle des Sports in den Beziehungen zur Sowjetunion in der für Finnland politisch kritischen Phase 1940 bis 1952 beschäftigt.[153]

In Finnland hatte es schon früh erste populärwissenschaftliche Darstellungen von Sportarten und Sportereignissen gegeben,[154] eine nennenswerte wissenschaftliche Aufarbeitung der Sportgeschichte begann jedoch erst in den 1970er Jahren. Als ein wichtiger Meilenstein gilt hier das Projekt zur Erforschung der Sportgeschichte, das 1976 startete und bis 1992 lief. In diesem Zeitraum wurden mehrere Forschungsarbeiten zur Geschichte einzelner Sportarten veröffentlicht,[155] den Abschluss bildete eine umfangreiche Überblicksdarstellung der gesamten finnischen Sportgeschichte, die 1992 erschien, und den damaligen Forschungsstand in seiner ganzen Bandbreite wiedergibt.[156] Leiter des Projekts war der damalige Professor für Geschichte an der Universität Joensuu Antero Heikkinen, der mit seiner Geschichte des Skisports in der Zwischenkriegszeit auch eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten zur Sportgeschichte verfasst hatte.[157] Als ein weiteres Ergebnis des Projekts wurde die Sporthistorische Gesellschaft Finnlands gegründet (Suomen Urheiluhistoriallinen Seura), die faktisch dessen Arbeit fortsetzt. Neben Wissenschaftlern gehören ihr auch interessierte Laien an.[158] 1994 gab sie ihr erstes Jahrbuch heraus, das seitdem regelmäßig erscheint.[159] 2006 publizierte sie zudem eine umfassende Forschungsbibliographie zur Sportgeschichte, die in achtundzwanzig Themenkomplexe unterteilt einen detaillierten Überblick über die finnische Sportgeschichtsschreibung bietet.[160] Parallel zur Gründung der Gesellschaft ist seit den 1990er Jahren eine Konjunktur des Themas auszumachen, so haben verschiedene nationale und skandinavische Fachzeitschriften Themen- und Sonderhefte zur Sportgeschichte herausgebracht.[161]

Bei den Untersuchungsgegenständen dominierten ähnlich wie in Norwegen und Schweden lange Zeit Abhandlungen über weit gefasste Entwicklungslinien und -zeiträume, in erster Linie deskriptive Überblicksdarstellungen von Sportorganisationen und der Entwicklung einzelner Sportarten,[162] Geschichten besonderer Wettkämpfe sowie Biographien von Akteuren.[163] Daneben stand vor allem das Themenfeld Sport und Politik im Fokus. Insbesondere der Arbeitersport ist mit der dreibändigen Geschichte des Arbeitersportverbands von Seppo Hentilä umfassend aufgearbeitet worden, die 1982-1987 erschien und nach wie vor als Standardwerk gilt.[164] Demgegenüber ist die Geschichte der bürgerlichen Sportbewegung bislang wesentlich weniger erforscht.[165] Die teilweise enge Verbindung von Sport und Militär hat vor allen Dingen Erkki Vasara untersucht, der neben einer Dissertation auch mehrere Aufsätze zu dieser Thematik publiziert hat.[166] Eine Reihe von Arbeiten beschäftigen sich mit Entstehung und Funktion von Sporthelden.[167] Die Geschichte des finnischen Frauensports wird vor allem von Leena Laine erforscht, die sich auch mit der finnischen Sportkultur beschäftigt.[168]Jouko Kokkonen legt einen Schwerpunkt auf die Verbindung von Sport und Nationalbewußtsein.[169] Insbesondere in den letzten Jahren lag der Fokus vermehrt auf dem Thema Sport und Nationalbewußtsein, besonders auf der Bedeutung der Olympischen Bewegung und der finnischen Sporterfolge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.[170]

Die Quellenlage ist für die finnische Sportforschung für den Bereich der Funktionärs- und Verbandsebene und damit der Verbindung zwischen Sport und Politik sehr gut. Seit 1985 gibt es ein Zentralarchiv des finnischen Sports, das die vollständigen Archive der beiden großen Sportverbände SVUL und TUL enthält. Es wird zusammen mit dem Sportmuseum (seit 1943) und der Sportbibliothek (seit 1946) von der 1938 eingerichteten Sportmuseumsstiftung unterhalten und befindet sich in einem Nebengebäude des Olympiastadions.[171] In vielen Publikationen bilden die verschiedenen finnischen Sportzeitungen eine wichtige Untersuchungs- und Quellenbasis.[172]

Forschungsdesiderate bestehen insbesondere bei transnationalen Fragestellungen, die bisher lediglich im eingangs genannten Bereich der nordischen Sportbewegung ansatzweise erforscht wurden. Für Nordosteuropa finden sich nur sehr vereinzelte Beispiele, die binationale Kontakte mitbehandeln. Ein Beispiel dafür ist Erkki Vasara, der die sportmilitärischen Beziehungen zwischen estnischen und finnischen Schutzkorps in seine Untersuchungen einbezieht.[173]

Anders als in Finnland gab es in Estland auch nach der Unabhängigkeit keine institutionelle Verankerung einer wissenschaftlichen Sportgeschichtsschreibung, so dass die Beschäftigung mit diesem Thema außerhalb des Wissenschaftsbetriebs geleistet wird. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 wurde das Thema „Sport“ zur (Re-)Konstruktion nationaler Identität eingesetzt. An das breite Publikum adressierte Bildbände verklären „imperiale Helden“ wie Georg Lurich, Martin Klein und Aleksander Aberg national,[174] andere sowjetische Sportler werden wahlweise (meistens aufgrund ethnischer Zugehörigkeit) „nationalisiert“.[175] Die sporthistorischen Publikationen sind zunehmend populärwissenschaftlich, beschreiben die sportliche Laufbahn, präsentieren bevorzugt olympische Erfolge und legen den Fokus auf einzelne Sportarten und Sportclubs.[176] Der lange vergessene Exilsport hat sich ebenfalls aus dem Schattendasein gelöst.[177] Die Historisierung der Sportgeschichte Estlands ist bisher aufgrund mangelnder Finanzierung, fehlender institutioneller Verankerung und ihres Nischendaseins in der Forschungslandschaft gescheitert. Man sucht in Estland vergeblich nach einer Dozentur oder Professur der Sportgeschichte, sodass das Verfassen sportgeschichtlicher Werke bisher die Domäne einzelner Hobby-Historiker und Journalisten bleibt. Folglich fehlt eine sozial-, alltags- und kulturgeschichtliche Beschäftigung mit der Sportgeschichte. Eine erste lebensgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Spitzensport in der ESSR 1952-1964 stammt von Kaarel Antons.[178]

Nach wie vor gelten Veröffentlichungen aus der Sowjetzeit als Standardwerke. Im Vorfeld der olympischen Segelregatta sind viele sporthistorische Werke neu aufgelegt worden. Ende der 1970er Jahren konnte so der sowjetestnische Sport neu aufgestellt[179] und mitsamt seinen Spitzenleistungen aus der Zwischenkriegszeit in der Körperkulturbewegung der Sowjetunion verankert werden.[180] Die olympische Segelregatta stellte einen willkommenen Anlass zur Wiederbelebung der Segelsporttradition der Esten dar, während die Sportart zeitgleich vom Zentrum aus finanziell und sportmethodisch gefördert wurde.[181]

Den ersten Schritt Richtung zur Historisierung der estnischen Sportgeschichte hat das Sportmuseum in Tartu gemacht. Die vom Estnischen Kultusministerium geförderte Institution hat das Ziel „die mit dem estnischen Land und Volk verbundenen Materialien über Körperkultur und Sport zur Förderung von Bildung, Wissenschaft und Unterhaltung zu sammeln, aufzubewahren, zu forschen, zu vermitteln und auszustellen.“ Neben einer Dauerausstellung, beginnend mit der Schwerathletik in Estland und mit einer olympischen Galerie endend, präsentiert das Museum regelmäßige Wechselausstellungen. Am Museum ist gleichfalls der Verein zur Estnischen Sportgeschichte tätig, der neben der Organisation von Auftritten von Spitzensportlern und Fachexperten den Sammelband Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised publiziert hat.[182] In Kooperation mit dem Nationalen Olympischen Komitee Estlands und dem Verein für Sportgeschichte unterstützt das Sportmuseum einen ersten Versuch, einen wissenschaftlich fundierten Sammelband zum 100. Jahrestag der Republik Estland „Eesti Spordi Ajalooraamatu/ Das Geschichtsbuch der estnischen Sportgeschichte“ in Zusammenarbeit mit externen Experten im Jahre 2018, zum 100. Jahrestag der Estnischen Republik, herauszugeben.

Mit der Förderung der Olympischen Idee beschäftigt sich die Estnische Olympische Akademie (Eesti Olümpiaakadeemia, EOA), die in einem engen Zusammenhang mit der Gründung vom EOK 1989 steht. Die EOA hat sich das Ziel gesetzt, „die Ideen von Olympismus und olympischen Idealen durch die akademische Tätigkeit“ zu verbreiten. Die englischsprachige Zeitschrift der EOA „Acta Academiae Olympique Estoniae“ diskutiert seit 1993 Probleme der olympischen Bewegung, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Gründung des EOK im Jahre 1920 liegt.[183]

Einen transnationalen Austausch fördern nicht zuletzt externe Wissenschaftler, die auch im Bereich der Sportgeschichte neue Forschungsansätze etablieren und Sportgeschichte als Disziplin fördern.[184] Transnationale Fragestellungen blieben zum einen wegen des Finanzierungsproblems, aber auch wegen der fehlenden Anerkennung der Sportgeschichte als Disziplin in der universitären Praxis eine Ausnahme. Wurde noch im Jahre 1998 in Tartu eine Tagung in Kooperation mit dem Finnischen Verein zur Sportgeschichte organisiert, die unter dem Titel „Sportkultur in der Ostseeregion“ 30 Historiker aus Estland, Lettland, Litauen, Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark und Russland zusammenbrachte, so war 2013 nach wie vor die gängige Meinung, dass eine sporthistorische Qualifikationsarbeit in der universitären Laufbahn keine Anerkennung finden würde.[185]

Diese unterschiedliche Bewertung des Forschungsgegenstandes spiegelt in gewisser Hinsicht die Bedeutung der sportgeschichtlichen Ereignisse für das jeweilige nationale Selbstverständnis. Trotz der eingangs aufgezählten verbindenden Strukturmerkmale einer historischen Region Nordosteuropa und der besonderen Beziehungsgeschichte zwischen Estland und Finnland sind neben Gemeinsamkeiten wie der Entwicklung des Sports in der Phase der Nationswerdung auch eine Reihe von abweichenden Entwicklungen deutlich geworden, besonders bei der sportlichen Entwicklung nach der Unabhängigkeit und der Zeit des Kalten Krieges. Anhand der ausgewählten sporthistorischen Gegebenheiten konnte zudem gezeigt werden, dass die Bedeutung der strukturbildenden Elemente zeitlichen Konjunkturen unterworfen ist.

Beziehungsgeschichtliche Aspekte sind bisher nur sehr vereinzelt erfasst worden, so dass insbesondere auf diesem Gebiet für transnationale Fragestellungen noch viel Forschungsarbeit zu leisten wäre, um eine regionalgeschichtliche Betrachtung der Sportgeschichte auf ein tragfähigeres Fundament zu stellen.

 

Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur:

https://www.zotero.org/groups/2907722/sportgeschichte_osteuropas/collections/8P54GWHK


[1]In einer neueren Studieneinführung zur Osteuropäischen Geschichte wird diese Region gar nicht behandelt,vgl. EMELIANTSEVA: Einführung.

[2]ZERNACK: Osteuropa, S. 51-59, 73-74; ZERNACK: Nordosteuropa; ZERNACK: Im Zentrum, S. 369-383; zu den neueren Ansätzen vgl. TROEBST: Nordosteuropa, S. 53-69; TUCHTENHAGEN: Nordosteuropa, S. 73-80; HACKMANN: Tagungsbericht Nordosteuropa, S. 547-549.

[3]vgl. zu dieser eng gefassten Definition TUCHTENHAGEN: Nordosteuropa, S. 73f.

[4]HACKMANN: Vereinskultur, S. 26f.

[5]Einige schwedische Sporthistoriker sind der Ansicht, dass in dieser Phase die Gymnastik das durch die russische Eroberung verloren gegangene Bindeglied zu Schweden repräsentierte, vgl. z.B. KAYSER NIELSEN: Body, S. 95; LINDROTH: Introduction, S. 92.

[6]Suomi uskoi urheiluun, S. 67ff.

[7]POTRATZ: Sportgeschichte, S. 351.

[8]LÄÄNE u.a.: Eesti Olümpiakomitee S. 75, S. 8f; POTRATZ: Sportgeschichte, S. 350f, METSAOTS/ VOOLAID: Foundation, S. 6.

[9]Hier ist vor allem K.G. Göös zu nennen, der diese Synthese 1868 in einem Handbuch propagierte, GÖÖS: Woimistelun Harjoitus-oppi; vgl. auch WUOLIO: Finnland, S. 34f; Suomi uskoi urheiluun, S. 85f.

[10]KAYSER NIELSEN: Nordic countries, S. 531; KAYSER NIELSEN: Body, S. 95f.

[11]TINN: Suurmees Lurich kui meie rahvusluse sümbol, in: Eesti Ekspress vom 28. Februar 2012, https://ekspress.delfi.ee/artikkel/63979757/eduard-tinn-suurmees-lurich-kui-meie-rahvusluse-sumbol?, 24.08.2021. VOOLAID: Esimesed kangelased. In: Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi toimetised, Bd. 2, Tartu 1998, S. 72-78. LÄÄNE: Georg Lurich, in: ders. (Hg.): 101 Eesti Spordilugu, Tallinn 2011, S. 16-17.

[12]Diese Überlegenheit wurde auch in einem finnischen Werk der Zwischenkriegszeit betont, Lehmusto: Painin historia, zit. n. BRÜGGEMANN: Sport, S.299.

[13]LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 226f, 239; WUOLIO: Finnland, S. 48, 57.

[14]Zur Gründung nationaler Verbände vgl Kap. 2, S 7ff.

[15]Insbesondere in Finnland hatte dies seinen Grund in dem Wunsch nach Abgrenzung zur starken schwedischen Prägung der Gymnastiktradition. Eine Parallele hierzu ist die Situation in Norwegen, wo nach der Unabhängigkeit ebenfalls in Abgrenzung zu Schweden das Langlaufen zum Nationalsport wurde, KAYSER-NIELSEN: Nordic Countries, S. 531; s. a. KAYSER-NIELSEN: Body, S. 94f.

[16]VETTENIEMI: Pohjolan helleenit, S. 445; LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 232.

[17]Sieg von Verner Weckman im Ringen und Verner Järvinen im Diskus, VIITA/TIKANDER: Sadan vuoden olympiadi, S. 18f.

[18]VIITA/TIKANDER: Sadan vuoden olympiadi, S. 22ff; SDVIŽKOV: Die imperiale Mannschaft, S. 118 ff.

[19]Als erster Este erlangte Martin Klein eine Silbermedaille im Ringen, der Russlandeste Martin Kuusik gewann in Rudern die Bronzemedaille und der Lette Haralds Braus gleichfalls Bronze in Schießen. Vgl. ERTA: Olympic Movement; S. 56; WINDHAUSEN /TSYPKINA: National Identities, S. 165ff. LELL: Estonians and Estonian Athletes on the Olympic track. In: Acta Academiae Olympiquae Estoniae 6 (1998), S. 22.

[20]Die Bedeutung, die dieser Präsenz auf internationaler Bühne bereits damals beigemessen wurde und ihre gezielte Nutzung für die Stärkung der nationalen Identität zeigt auch ein Ereignis, das als Flaggenstreit in die finnische Geschichte einging. Im Vorfeld der Spiele war nach einigen Auseinandersetzungen festgelegt worden, dass das finnische Team zwar als eigene Mannschaft, aber hinter dem russischen Team einmarschieren sollte. Dies umging die finnische Mannschaft, indem sie alphabetisch korrekt vor den Russen ins Stadion einlief und als eigene Fahne die Standarte des Frauengymnastikclubs von Helsinki trug. Aufgrund russischer Proteste musste diese noch vor Ablauf der Zeremonie entfernt werden und alle Erfolge finnischer Sportler wurden unter russischer Flagge gefeiert. LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 235ff; Suomi uskoi urheiluun, S. 141, 208ff; VIITA/TIKANDER: Sadan vuoden olympiadi, S. 33ff; zur Person von Hannes Kolehmainen erschien kürzlich ein Sonderheft des International Journal of the History of Sport 2012/7.

[21]WINDHAUSEN /TSYPKINA: National Identities, S. 179, F'N 102; Sowohl in Finnland selbst als auch in den Nachbarländern wurde in der Presse über eine „Überlegenheit der finnischen Rasse“ als Grund für die sportlichen Erfolge spekuliert. Die in der schwedischen Presse vertretene These von mongolischen Genen als möglicher Ursache stieß in Finnland jedoch auf wenig Begeisterung, vgl. LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 238: Suomi uskoi urheiluun, S. 208ff.

[22]LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 226f, 239.

[23]KAYSER NIELSEN: Nordic Countries, S. 532; Die Teamsportart Eishockey trat ihren Siegeszug in Finnland erst nach dem zweiten Weltkrieg an, als sich die Infrastruktur verbesserte und geeignete Hallen zur Verfügung standen, Suomi uskoi urheiluun, S. 184.

[24]So war der spätere dänische Leichtathletiktrainer Carl Silfverstrand 1919-20 in Finnland tätig, auch der einzig nennenswert erfolgreiche Leichtathlet Gunnar Nielsen hatte noch in den 1950er Jahren mit Ingmar Björkman einen finnischen Trainer, KAYSER NIELSEN: Body; S. 101ff, VETTENNIEMI: Pohjolan Helleenit, S. 444.

[25]METSAOTS/VOOLAID: Foundation, S.7ff; ERTA: Olympic Movement, S. 57.

[26]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S. 182.

[27]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S.182; METSAOTS/VOOLAID: Foundation, S. 11.

[28]Allerdings wurden die ersten beiden Wettkämpfe von Esten gewonnen, erst bei den Wettkämpfen 1926 in Helsinki gewann Finnland mit 275 Punkten, Lettland erhielt 82, Estland 65 und Litauen 9, vgl. LILJA/RAIG: Urho Kekkonen, S. 34, 56f.

[29]vgl. LILJA/RAIG: Urho Kekkonen, S. 34, 56f; d seine Einschätzung der Bedeutung der baltisch-finnischen Sportbeziehungen legte Kekkonen 1926 in einem Artikel in der finnischen Sportzeitung dar. Darin argumentierte er, dass es trotz der finnischen sportlichen Überlegenheit eine nationale Aufgabe sei, den Stammesbrüdern auch im sportlichen Bereich jegliche Förderung und Unterstützung zu gewähren. LILJA/RAIG: Urho Kekkonen, S. 58ff.

[30]vgl. JǾRGENSEN: From Balck, S. 78f; Grund dafür war die auf schwedisches Betreiben erfolge Disqualifikation des finnischen Langstreckenläufers Paavo Nurmi für die Spiele 1932 aufgrund eines angeblichen Verstoßes gegen seinen Amateurstatus. Mit seinen Erfolgen bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen war Nurmi zum finnischen Sportidol geworden, so dass sein Ausschluss in Finnland maßlose Empörung hervorrief und als Angriff auf die finnische Nation verstanden wurde; vgl. VETTENNIEMI: Pohjolan Helleenit, S. 444, Suomi uskoi urheiluun, S. 208, LEHTI: Kansojen kilvoittelu, S. 229ff.

[31]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S. 182f.

[32]IMGRUNT: Aufstieg in den Adelsstand des Sports, S. 189.

[33]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S.183, Brüggemann: Sport, S. 296; Lell, S. 24.

[34]vgl. Suomi uskoi urheiluun, S. 176; WINDHAUSEN /TSYPKINA: National Identities, S. 164.

[35]WUOLIO: Finnland, S. 58, Suomi uskoi urheiluun, S. 122, 139; diese Tendenz zur Trennung der Vereinsstrukturen verschärfte sich nach 1917, ursprünglich zweisprachig gegründete Verbände wie der Schützenverband spalteten sich nach Sprachgruppen, vgl. Suomi uskoi urheiluun, S. 167f, 1212; dies führte sogar dazu, dass der einzige finnschwedische Vertreter im Rat des IAAF die nationale Unterstützung verlor und zugunsten eines deutschen Vertreters abgewählt wurde, weil dies der finnischsprachigen Mehrheit als das „kleinere Übel“ erschien, Suomi uskoi urheiluun, S. 181.

[36]So „finnisierten“ die Meilenläufer Harri Lagerström (Larva) und Eino Borg (Purje) vor den Spielen in Amsterdam ihre Nachnamen; eine vergleichbare Kampagne gab es vor den Spielen 1936 in Estland, wo unter anderem der Ringer Kristjan Trossmann seinen Nachnamen in Palusalu änderte, KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S. 172f.

[37]Kayser Nielsen wertet die Erfolge eines überwiegend schwedischsprachigen Regiments sowohl auf dem Schlachtfeld als auch durch den mit diesem eng personell verbundenen Fußballklub IFK Vaasa als einen wichtigen Schritt zur Akzeptanz des schwedischsprachigen Bevölkerungsteil als integraler Bestandteil der finnischen Gesellschaft; KAYSER NIELSEN: Body, S. 123, 134.

[38]HACKMANN: Werner Hasselblatt (1890-1958). Von der estländischen Kulturautonomie zur nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik. In: Gert von Pistohlkors/ Matthias Weber (Hg.): Staatliche Einheit und kulturelle Vielfalt im Baltikum, München 2005, S. 183-184.

[39]LENK/MAINLA:Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 4, Tartu 2001.

[40]Suomi uskoi urheiluun, S. 150; zum finn. Bürgerkrieg vgl. HÖSCH: Kleine Geschichte, S. 114ff.

[41]HENTILÄ: Zur Geschichte, S. 81, Suomi uskoi urheiluun, S. 238; Dies hatte jedoch keine Auswirkungen auf die bevorzugt betriebenen Sportarten, da es in Finnland ebenso wie in den skandinavischen Ländern keine spezifischen Arbeitersportarten gab, KAYSER NIELSEN: Body, S. 10f.

[42]So konnten die Arbeitersportler nicht an Olympischen Spielen teilnehmen, der Konflikt darüber führte sogar zu einer vorübergehenden Streichung der staatlichen Zuschüsse, vgl. HENTILÄ: Zur Geschichte, S. 84ff, Suomi uskoi urheiluun, S. 146f, 242f; EXNER-CARL: Sport, S. 37, 49ff.

[43]HENTILÄ: Zur Geschichte, S. 79.

[44]LENK/MAINLA: Eesti Spordimuusemi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 4.

[45]EXNER-CARL: Sport, S. 43, VASARA: Sport, S. 263, Suomi uskoi urheiluun, S. 245; zu Lapua vgl. HÖSCH: Kleine Geschichte, S. 125f.

[46]Das Schutzkorps entwickelte sich zunehmend zu einer paramilitärischen Einrichtung, die sich dem Heimatschutz und sportlichen Betätigungen seiner Mitglieder verpflichtete. Kaitseliit hatte zwar keinen offiziellen Ausbildsauftrag für die Armee, als Staatsschutzeinrichtung (riigikaitseorganisatioon) war es für die militärische Ausbildung im Kriegsfall zuständig. LÄÄN: Ühine tahe. Pilguheit Kaitseliidu minevikku 1925-1940, Tallinn 2012, S. 35.

[47]LELL: Sporditegevuse algus Eesti Kaitseliidus. In: Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, H. 2, Tartu 1998, S. 14-28, hier S. 19.

[48]LELL: Sporditegevuse algus Eesti Kaitseliidus, S. 18-21.

[49]Vielfach sprach man von einer Personalunion dieser beiden Organisationen, so war Kustaa Eemil Levälahti seit 1921 Leiter der Sportabteilung der Schutzkorps und seit 1926 Vorsitzender der SVUL; diese organisatorische und personelle Nähe begann sich Anfang der 30er Jahre vor dem Hintergrund der Radikalisierungstendenzen in der organisierten Rechten abzuschwächen, was wiederum eine Voraussetzung für die Annäherung an die TUL war.; vgl. EXNER-CARL: Sport, S. 43f, Suomi uskoi urheiluun, S. 200ff, 237, VASARA: Sport, S. 261.

[50]WUOLIO: Finnland, S. 57, BRÜGGEMANN: Imperial Careers, S. 139-140, Suomi uskoi urheiluun, S. 87Ff, 124.

[51]Dies verdeutlicht ein Zitat aus einem vom Direktor des finnischen Sportinstituts und Schutzkorpsoffizier Akseli Kaskela verfassten Artikel von 1927: „Der Schutzkorps-Sportler läuft die 100 m, um die im Krieg geforderte Schnelligkeit zu entwickeln, betreibt Kugelstoßen, um seinen Rumpf und seine Beine zu kräftigen und um zu lernen, seine Energie auf einen bestimmten Moment zu konzentrieren, er betreibt Hochsprung, um im Krieg mit Zäunen und Barrieren leichter fertig zu werden, und Speerwerfen, um eine Handgranate oder Rauchbombe so weit schleudern zu können, wie es nötig ist, und er läuft über 1500 m, um die im Krieg notwendige Ausdauer zu erlangen“ Zit. nach VASARA: Sport, S. 259.

[52]Suomi uskoi urheiluun, S. 162f, 199; VASARA: Sport, S. 262, VASARA: Maintaining, S. 162, s.a. LAITINEN: Pesäpallo; ROIKO-JOKELA: Urheilu.

[53]EXNER-CARL: Sport, S. 61ff.

[54]Besondere Bedeutung wird hier dem Leichtathletik-Länderkampf zwischen Finnland, Schweden und Deutschland im September 1940 beigemessen, vgl. EXNER-CARL: Sport, S. 84ff.

[55]EXNER-CARL: Sport, S. 114.

[56]EXNER-CARL: Sport, S. 109f, 123f

[57]IMGRUNT: Aufstieg in den Adelsstand des Sports, S. 196.

[58]KARUKS: 101 Eesti spordiulugu, S. 88-89.

[59]MAIDLO: Eesti spordielust Saksa okupatsiooni ajal, S. 13.

[60]Erlend TEEMÄGI: Kergejõustikust Eestis 1942-1944. In: Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 5, Tartu 2003, S. 15-22, hier S. 17-18.

[61]Rein JÄRVA: Korv-, võrk- ja väravpall Eestis aastail 1941-1944. In: Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 5, Tartu 2003, S. 23-31, hier S. 25.

[62]So schwächte sich der militärische Charakter von Teilen der Sportbewegung deutlich ab, sichtbarster Ausdruck war das im finnisch-sowjetischen Waffenstillstandsvertrag festgelegte Verbot der Schutzkorpsorganisation, Suomi uskoi urheiluun, S. 300.

[63]EXNER-CARL: Sport, S. 129f.

[64]EXNER-CARL: Sport, S. 143.

[65]EXNER-CARL: Sport, S. 37f, Suomi uskoi urheiluun, S. 235ff, 249ff, 254f; HENTILÄ: Zur Geschichte, S. 88.

[66]EXNER-CARL: Sport, S. 38ff, Hentila 88, Suomi uskoi urheiluun, S. 329f.

[67]EXNER-CARL: Sport, S. 151ff.

[68]Der Arbeitersportverband hatte sich nicht zuletzt deshalb dazu bereitgefunden, nachdem die Sowjetunion in die internationalen Sportverbände eingetreten war und damit kein direkter Austausch im Rahmen des internationalen Arbeitersports mehr möglich war. So unterstützte der TUL  die Vorbereitungen der Olympischen Spiele aktiv durch Mitarbeit im finnischen NOK und stellte 20 der insgesamt 134 finnischen Teilnehmer, EXNER-CARL: Sport, S. 265f.

[69]EXNER-CARL: Sport, S. 273ff, 295.

[70]LÄÄNE: Eesti Olümpiakomitee 75, S. 54. EXNER-CARL: Sport, S. 174.

[71]Suomi uskoi urheiluun, S. 438f.

[72]LÄÄNE: Eesti Olümpiakomitee 75, S. 52 ff.

[73]Kaja KUMER-HAUKANÕMM: 1944. aasta suur põgenemine ja eliidi lahkumine Eestis. In: Tuna 17 (2014) 4, S. 50-56, hier S. 55.

[74]IRO ist die Abkürzung für Internationale Flüchtlingsorganisation (International Refugee Organisation).

[75]TEGELER: Esten, Letten und Litauer, S. 56.

[76]ADAMSON / VALDMAA: Eesti ajalugu gümnaasiumile, S. 223.

[77]RIDER: The Olympic Games and the Secret Cold War, S. 173.

[78]RIDER: The Olympic Games and the Secret Cold War, S. 198.

[79]EXNER-CARL: Sport und Politik, S. 282.

[80]vgl. EXNER-CARL: Sport und Politik, S. 283. Es handelt sich um §39 in der Olympischen Charta, der denjenigen Sportlern eine olympische Teilnahme versagte, die ihre Staatsangehörigkeit gewechselt hatten oder die schon als Staatsangehörige eines anderen Staats an den Olympischen Spielen teilgenommen hatten.

[81]RIDER: The Olympic Games and the Secret Cold War, S. 207-208, 212.

[82]Ein Beispiel sind die parallel zu den XIV. Olympischen Sommerspielen in London 1948 stattfindenden Protest-Spiele in Nürnberg, um ein „Zeichen gegen die in Europa herrschende Ungerechtigkeit“ zu setzen, bei denen neben baltische Sportler auch Flüchtlinge aus anderen osteuropäischen Ländern teilnahmen, LÄÄNE: Välis-Eesti spordielu, S. 119-120.

[83]„Displaced persons“ aus dem Baltikum in Deutschland (Stand Dezember 1946): In der Britischen Zone gab es 11.756 Esten, 44.355 Letten, 66334 Litauer, in der US-Zone gab es 17.924 Esten, 50.629 Letten, 34.242 Litauer, in der Französischen Zone gab es 825 Esten, 2398 Letten und 2584 Litauer. Vgl. TEGELER: Esten, Letten und Litauer in Nachkriegsdeutschland, S. 20.

[84]LÄÄNE: Välis-Eesti spordielu, S. 83; bei den Sportarten dominierten Leichtathletik, Basketball, Handball, Fußball, Schwimmen und Boxen.

[85]LÄÄNE: Välis-Eesti spordielu, S. 116.

[86]ROOS: Välis-Eesti sport, S. 164.

[87]ÖISPUU: Eesti ajalugu ärkamisajast kuni tänapäevani, S. 218.

[88]KARUKS: 101 Eesti spordilugu, S. 14.

[89]UNGRe: NSV Liidu kehakultuuri ja spordi ajalugu, S. 31.

[90]MAIDLO / PIISANG: Kalev läbi sajandi, S. 11-13.

[91]Das Verhältnis dieser Konstellation zugunsten Moskaus illustriert der Ausspruch von Juhan Unger: „Estlands Geld, Führung aus Moskau“ (Vorsitzende des Komitees 1974-1984). Vgl. UNGER: NSV Liidu kehakultuuri ja spordi ajalugu, S. 55.

[92]Erinnerungen von Heino Jeret im Sportmuseum Tartu.

[93]KOIK: Retk Eesti spordi ajalukku, S. 21.

[94]UNGER: Eesti raha, Moskva juhtimine, S. 57-58.

[95]PIISANG: Teekonna algus, S. 47.

[96]Erinnerungen von Heino Jeret im Sportmuseum in Tartu.

[97]VAIKSAAR: Rahvusliku spordiresultaadi dünaamikast, S. 13.

[98]Einzig Begabte konnten sich durchsetzen: „Die Meisterschaften wurden zu einer Arena von Talenten“, VAIKSAAR: Rahvusliku spordiresultaadi dünaamikast, S.14.

[99]VAIKSAAR: Rahvusliku spordiresultaadi dünaamikast, S. 15. In der Geschichtsschreibung überwiegt die Meinung, dass der Zugang zu den internationalen Wettbewerben für die Sportler der „kleinen Nationen“ schwieriger war, als für Sportler aus Weißrussland, Ukraine und dem russischem Kernland, vgl. LÄÄNE u.a.: Eesti Olümpiakomitee, S. 55.

[100]Atko VIRU, Enn VARRIK: Opportunities to participate in prestigious international competitions and sports promotions in small nations: the case of Estonian athletes. In: Acta Academiae Olympiquae Estoniae, Bd. 2: Transactions of the Estonian Olympic Academy, Tartu 1994, S. 25-32, hier S. 26.

[101]VIRU / VARRIK: Opportunities to participate in prestigious international competitions, S. 27.

[102]LÄÄNE u.a. Eesti Olümpiakomitee, S. 56.

[103]Aufgrund der zweifachen Leistungsoptimierung haben die Sportler nicht selten Höchstleistungen auf der internationalen Ebene verpasst (Interview mit Jüri Tamm).

[104]VAIKSAAR: Rahvusliku spordiresultaadi dünaamikast, S. 14-15.

[105]UNGER: Teekonna algus, S. 58.

[106]LILJA / RAIG: Urho Kekkonen ja Eesti, S. 129.

[107]LILJA / RAIG: Urho Kekkonen ja Eesti, S. 129.

[108]VAIKSAAR: Rahvusliku spordiresultaadi dünaamikast, S. 15.

[109]KARUKS: 101 Eesti spordilugu, S. 106.

[110]Atko VIRU: Evolution oft he Faculty of Physical Education oft he University of Tartu 1944-1989. In: Acta Academiae Olympiquae Estoniae, 11 (2003), S. 14-26.

[111]James RIORDAN: Soviet Sport. Background to the Olympics, Oxford 1980, S. 149.

[112]SIRONEN: Der Sport, S.182

[113]Nach Heikkinen ist der erste Wettbewerb 1879 nachweisbar, HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 1; s.a. VASARA: Maintaining, S. 157f, VASARA: Hiitoladulta, S. 277; PALAMAA: Cross-country skiing, S. 220ff; LAINE: Sport for the Nation, S. 1622.

[114]Suomi uskoi urheiluun, S. 183.

[115]Suomi uskoi urheiluun, S. 126; HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 2, 21f; Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass im Gegensatz zu Norwegen und Schweden, wo aktive Skisportler mehrheitlich aus dem städtischen Umfeld der großen Wintersportzentren stammten, in Finnland die Sportler überwiegend aus ländlichen Gebieten kamen und meist bäuerlicher Herkunft waren; dies war insbesondere in den Anfangsjahren auch ein wirtschaftliches Problem, so wurde dem Langläufer Klaes Karppinen von einer Skifabrik ein Ersatzmann für die Landwirtschaft finanziert, um Karppinen die Wettkampfteilnahme zu ermöglichen, Suomi uskoi urheiluun, S. 227, 232.

[116]HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 198ff, 247f.

[117]HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 197f; seiner Einschätzung nach war in kaum einer anderen Sportart (konkret führt er Leichtathletik und Pesäpallo an) der unmittelbare militärische Nutzen so eindeutig.

[118]Suomi uskoi urheiluun, S. 198; HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 4f; VASARA: Hiitoladulta, S. 267.

[119]VASARA: Sport, S. 264, VASARA: Maintaining, S. 159 ff; VASARA: Hiitoladulta, S. 274.

[120]HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 84; VASARA: Valkoinen Suomen, S. 366.

[121]Kokkonen: Kansakunta kilpasilla, S. 183, VASARA: Maintaining, S. 166; VASARA: Valkoinen Suomen, S. 368.

[122]LILJA/RAIG: Urho Kekkonen, S. 151.

[123]Suomi uskoi urheiluun, S. 335ff, 409f; HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu, S. 87.

[124]Suomi uskoi urheiluun, S. 278.

[125]Suomi uskoi urheiluun, S. 437ff.

[126]Suomi uskoi urheiluun, S. 336f. Zur Entwicklung des Skifahrens im nach 1945 und der Rolle der Medien bei seiner Popularisierung vgl. VIRTAPOHJA: The Secrets, S. 23ff; s.a. VIRTAPOHJA: Sankareiden Salaisuudet.

[127]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S. 57f; Laine: Sport for the Nation, S. 1622.

[128]zum Verlauf vgl. TERVO: Sports; besonders bizarr war der Fund einer Arzttasche mit gebrauchten Spritzen und mehreren Beuteln Blutplasma aus dem Besitz des Skiverbandes auf einem Parkplatz; die Tasche ist heute im finnischen Sportmuseum ausgestellt, vgl. Sports Museum, S. 30f.

[129]LAINE: Shame, S. 67ff, 73ff.

[130]LAINE: Shame, S. 71f; Auch in der deutschen Presse wurde ausführlich über den Skandal berichtet, zuletzt in einem Artikel über das tragische Schicksal des Dopingssünders Mika Myllylä, vgl. HAHN: Große Gesten, S. 42.

[131]Piret VOOLAID: Olümpiavõitja kui rahvuskangelane: folkloristlik vaade ühele dopingujuhtumile. In: Mäetagused 58 (2014), S. 53-83.

[132]PAHV: Andrus Veerpalu ja doping: hästi hoitud saladus või laim?

[133]MAKSIMOV: Andrus Veerpalu. Vaikiv kangelane, S. 1.

[134]Olympia-Siegerin Smigun-Vähi unter Dopingverdacht; MARTINSON: Saksa raadiokanal: Šmigun-Vähi proovidest leiti anaboolse steroidi jälgi.

[135]MERESTE / UNO: Olümpiaregatt ei tulnud Tallinna tühjale kohale, S. 13.

[136]JALASTO / MESIKÄPP: Tallinna regatid, S. 19.

[137]TAUBE, Arved v.: Reval/Tallinn. Hansestadt, Landeshauptstadt, Olympiastadt, S. 127-128.

[138]KÄÄRAMEES: Pool sajandit Kalevi Jahtklubi, S. 10.

[139]Sovetskij Sport 1969.

[140]KALLION: Hajamõtteid ja meenutusi, S. 2.

[141]BRUNS: Tallinna peaarrhitekti mälestusi ja artikleid, S. 45.

[142]KALLION: Hajamõtteid ja meenutusi, S. 6.

[143]Parlamentarisch-Politischer Pressedienst: Kiel: „Kommunale Ost- und Außenpolitik“ der Landeshauptstadt,  30. 12. 1977, S. 1-2.

[144]JÜRGENS: Der erste Schritt ist die Mutter des Weges, S. 13.

[145]Parlamentarisch-Politischer Pressedienst: Kiel: „Kommunale Ost- und Außenpolitik“ der Landeshauptstadt,  30. 12. 1977, S. 1-2.

[146]Parlamentarisch-Politischer Pressedienst: Kiel: „Kommunale Ost- und Außenpolitik“ der Landeshauptstadt,  30. 12. 1977, S. 1-2.

[147]KALLION: Hajamõtteid ja meenutusi, S. 7.

[148]Abschlussbericht des Organisationskomitees für die Vorbereitung der Segelregatten in Tallinn an das IOC. In: Estnisches Sportmuseum in Tartu, S. 2.

[149]KÄPPNER: Berthold Beitz, S. 426.

[150]Thomas Bach an Güntzer Bantzer am 17. Juni 1980. In: Privatarchiv von Günther Bantzer.

[151]Hier sind beispielsweise die Arbeiten von Kayser-Nielsen zu nennen, der auch den Überblicksartikel im Routledge Companion of Sports History verfasst hat, vgl. KAYSER NIELSEN: Nordic Countries; s.a. auch KAYSER NIELSEN: Body; LINDROTH: Introduction; HANSEN: Die Geschichte.

[152]vgl. z.B HEIKKINEN: For Health; LAINE: The Finnish Play Movement; SIRONEN: The fastest Man; SJÖBLÖM: Rowing; JUPPI: Sports; MEINANDER: Towards.

[153]EXNER-CARL: Sport; einer der wenigen deutschsprachigen Überblicksartikel ist in der Geschichte der Leibesübungen von 1976 erschienen, vgl. WUOLIO: Finnland.

[154]vgl. z.B. LEHMUSTO: Painin historia; s.a. Suomi uskoi urheiluun, S.15.

[155]vgl. Übersicht bei EXNER-CARL: Sport, S. 25, FN 38.

[156]Suomi uskoo urheiluun.

[157]HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu.

[158]Zur Sportgesellschaft vgl. https://www.suhs.fi/etusivu/ (abgerufen 24.08.2021); zu ihrer Gründung vgl. a. EXNER-CARL: Sport, S. 25ff; ebenfalls zur Gründung HANSEN: Die Geschichte, S. 284f.

[159]Suomen urheiluhistoriallisen seuran vuosikirja, 1994ff; vgl. a. ROIKO-JOKELA: Urheilu.

[160]TALONEN: Tutkimusbibliografia.

[161]Historisk Tidskrift för Finland 1/1991, Stadion XIX, Sonderband 1993; Jahrbuch für finnische Literaturbeziehungen, Bd. 31/1999; Historiallinen Aikakauskirja 2000/3; The International Journal of the History of Sport, Volume 22, Issue 4, 2005; The International Journal of the History of Sport, 2012/7. MEINANDER: Nordic World; s.a. Vares Urheilu ja historia.

[162]vgl. z.B. JUPPI: Suomen julkinen liikuntapolitiikka; ILMANEN: Kunnat; KLEEMOLA: Naisliikuntaa; Sadan vuoden olympiadi; LAITINEN: Pesäpallo; VETTENIEMI: Joutavan juoksun jäljillä; VASARA: Suomen ratsastusurheilun historia.

[163]vgl. z.B. VIITA: Hymyilevä Hannes; SALIMÄKI: Isänmaan ja urheilu-uskon mies; zuletzt widmete sich eine Ausgabe von „The The International Journal of the History of Sport“ der Person Hannes Kolehmainen, s. Ausgabe 2012/7; vgl. auch LINDEROTH: Introduction, S. 96f.

[164]HENTILÄ: Suomen Työläisurheilun historia; vgl. a. zahlreiche Aufsätze zur Thematik, u.a. HENTILÄ.: Zur Geschichte; HENTILÄ: Deutsch-finnische Beziehungen; HENTILÄ: Ivar Wilskman; HENTILÄ: ’Prächtige Kerle'; HENTILÄ: Urheilu, kansakunta ja luokat; HENTILÄ: Väljä irtiotto.

[165]vgl. z.B. HÄYRYINEN: Suomen yleisurheilun historia; nach Einschätzung von Exner-Carl erfüllt diese Geschichte des Leichtathletikverbandes eher den Status einer unkritischen „Heldengeschichte“, vgl. EXNER-CARL: Sport, S. 27f; s.a. Suomi voittoon; HALILA: SVUL.

[166]VASARA: Valkoisen Suomen; VASARA: Sport; VASARA: Maintaining.

[167]vgl. z.B. ITKONEN: Kenttien kutsu; ITKONEN: Urheilun uhrit; REINIKAINEN: Isänmaan sankarit; Virtapohja, Sankareiden Salaisuudet; VIRTAPOHJA: The Secrets.

[168]LAINE: Vapaaehtoisten järjestöjen; LAINE: The Finnish Play Movement; LAINE: Naishiihdon pitkä matka; Laine: Sport for the Nation.

[169]KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla; KOKKONEN: Suomalainen liikuntakulttuuri; KOKKONEN: Liikuntaa hyvinvointivaltiossa.

[170]vgl. z.B. LAINE: Suomi urheilun suurvaltana; als frühe Abhandlung zur Diplomatiegeschichte der Teilnahme an den Olympischen Spielen 1912 vgl. PAASIVIRTA: Suomen osallistuminen; die Anfänge der olympischen Bewegung und die Bedeutung des Hellenismus für ihre Akzeptanz sind Thema in der Disseration von Erkki Vetteniemi, VETTENIEMI: Pohjolan helleenit; eine ähnliche Thematik mit weiter gefasstem Untersuchungszeitraum bis zu den Spielen in Helsinki vgl. KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla; vgl. auch den Forschungsüberblick bei KOKKONEN: Kansakunta kilpasilla, S. 15ff: s.a. TERVO: Geographies; TERVO: Nationalism; TERVO: A Cultural Community; LEHTI: Kansojen kilvoittelu;

[171]vgl. ausführlicher Überblick bei EXNER-CARL: Sport, S. 17f.

[172]z.B. bei HEIKKINEN: Kansallisurheilun suuri nousu; zur finnischen Sportpresse vgl. Suomalainen urheilulehdistö.

[173]vgl. z.B. VASARA: Maintaining; Vasara Valkoisen Suomen; Mit dem finnisch-estnischen Sportbeziehungen hat sich Heikki Roiko-Jokela beschäftigt, vgl. ROIKO-JOKELA: Urheilu

[174]vgl. KIVINE: Lurich; ATLA: Lurich ja Väike-Maarja; SAAR: Lurichi ja Abergi jälgedel; Priidel: Olümpiahõbe Martin Klein; LÄÄNE: Martin Klein.

[175]vgl. SALUMÄE: Jääda ellu; LÄÄNE: Erika Salumäe; LÄÄNE: Jaak Uudmäe; LÄÄNE: Viljar Loor; HEUER: Meie Keres.

[176]vgl. KÄÄRAMEES: Pool sajandit Kalevi Jahtklubi; TOOMSALU: Möödunut meenutades; LÄÄNE u.a.: Eesti Olümpiakomitee 75; KOIK: 100 aastat Eesti raskejõustikku; KARUKS: 101 Eesti spordilugu.

[177]LÄÄNE: Välis-Eesti spordielu 1940-1991 Austraalias ja Uus-Meremaal, Saksamaal, Rootsis, Kanadas ja USAs ja teistes riikides.

[178]ANTONS: Olla tippsportlane Eesti NSVs aastatel 1952-1964: elulooline vaateviis, S. 11.

[179]KOIK: Retk Eesti spordi ajalukku.

[180]UNGER: NSV Liidu kehakultuuri ja spordi ajalugu (1917-1986).

[181]PARAŠIN: Olümpiaregatiraamat; JALASTO: Tallinna regatid; KUKUŠKIN/ ROOSMAA: Parusnyi sport: Spravočnik.

[182]vgl. VAIKSAAR: Eesti Spordimuusumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 3: Eesti Spordiajaloo Seltsi II teadusliku konverentsi Sport Eestis 1940-1991 materjalid; Mainla:Eesti Spordimuuseumi ja Eesti Spordiajaloo Seltsi Toimetised, Bd. 5: Spordist Saksa Okupatsiooni perioodil

[183]METSAOTS/ VOOLAID: Foundation and Activity of the Estonian Olympic Committee in 1920-1936, S. 6-19. VIRU: Revival of the NOC Estonia, S. 5-17.

[184]vgl. BRÜGGEMANN: Imperial Careers, S. 133-159.

[185]Vortrag von Olaf Mertelsmann bei der Konferenz „Sport Eestis 1940-1991“ am 3. Oktober 2013.

Autorinnen

Olivia Griese & Carol Marmor-Drews