„Ja, zuerst war es ein Witz aus’m Simplicissimus und dann is es wahr geworn.“

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, 1919[1]

 

Russische Bären, polnische Läuse und serbische Ratten – solche und noch viel mehr national aufgeladene Tiergestalten bevölkerten die Seiten der Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus, wenn diese sich mit dem östlichen Europa auseinandersetzte. Von seiner Gründung 1896 bis zu seiner Einstellung 1944 verkörperte keine andere Zeitschrift so plakativ die Weltanschauungen des deutschen Bildungsbürgertums wie das Münchner Satireblatt Simplicissismus. Der „Simpl“, dessen Beiträgerliste sich fast wie das „Who’s Who“ der großen deutschen Literaten dieser Zeit liest, errang dank bissiger Kritik an Kaiser, Adel und Kirche Ruhm und Ansehen unter dem gebildeten, liberal gesinnten Lesepublikum – und bleibt auch heute für die Münchner Stadtgeschichte wichtig. Dieses Themendossier untersucht, welche Ereignisse und Weltanschauungen das Osteuropabild in den Köpfen der Zeichner und Schriftsteller des Simplicissimus formte – und wie sie diese an ihr Lesepublikum weitergaben. Weiterhin geht es um die folgenden Fragen: Wie änderte sich das Osteuropabild in Deutschland über ein halbes Jahrhundert voll turbulentem politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Wandel? Wie trug das osteuropäische Fremdbild nach den traumatischen Ereignissen des Ersten Weltkriegs zur Rekonstruierung des Eigenbildes bei? Welche Stereotypen blieben über die Zeit hinweg beständig und welche verschwanden letztendlich? Auf der Suche nach Antworten sind die Studierenden des 16. Jahrgangs des Elitestudiengangs Osteuropastudien[2] in die Welt der Imagologie und Stereotypenforschung eingetaucht. Im Folgenden möchten wir eine knappe Einführung in die Ziele und Ansätze dieser Forschungsrichtungen geben.

Die Imagologie ist in den 1950er Jahren als Teildisziplin der Komparatistik, also der vergleichenden Literaturwissenschaft entstanden. Dabei handelt es sich um die wissenschaftliche Untersuchung der meist auf Klischees beruhenden Konstruktion von „nationalen Charaktermerkmalen“ in bildlichen Darstellungen, beispielsweise die „deutsche Pünktlichkeit“ oder die „griechische Faulheit“. Das Aufkommen der Imagologie in den 1950er Jahren heißt nicht, dass es nicht schon früher wissenschaftliches Interesse an der Darstellung nationalen Charakters in der Kunst gab. Sie kennzeichnet aber eine methodische Wende in der Stereotypenforschung,[3] die durch das vorherrschende wissenschaftspolitische Klima in Deutschland und Frankreich herbeigeführt wurde. Dieses war vorrangig durch eine Abneigung gegen Nationalismus charakterisiert.[4] Die Imagologie hebt sich von den bisherigen Untersuchungen von Stereotypen vor allem durch die Annahme ab, dass ein „nationaler Charakter“ kein grundsätzlich existierendes Phänomen darstellt. Dies bedeutet, dass seine Darstellung in der Kunst nicht an einem objektiven Wahrheitsmaßstab gemessen wird und damit weder für „falsch“ noch für „richtig“ erklärt werden kann. Stattdessen existiert er bloß als ein von äußeren Zuschreibungen geprägtes Konstrukt und ist als solches zu untersuchen.[5]

Der Ausgangspunkt der Imagologie ist das Vorhandensein der Konzepte des „Fremd-“ und „Selbstbildes“ bei der Entstehung von Stereotypen.[6] Laut dem Historiker Hans Henning Hahn ist die Funktion eines Fremdbildes („Heterostereotyp“) die Schaffung des Selbstbildes („Autostereotyp“) durch die Zuschreibung unliebsamer Charaktermerkmale auf eine willkürlich definierte Fremdgruppe. Im Vergleich dazu stehen die positiven Merkmale der genauso willkürlich definierten Eigengruppe, die so zu Mobilisierung und Zusammenhalt dieser Gruppe beitragen.[7] Die politische Wirksamkeit von Stereotypenbildung durch die Freund-Feind-Unterscheidung lässt sich nicht herunterspielen: zum Beispiel ist der Nationalismus, laut dem Stereotypenforscher Joep Leerssen, bloß „die politische Instrumentalisierung eines Autostereotyps“.[8] Aufgrund der großen Brisanz von Stereotypen ist in der Imagologie vorsichtig geboten, durch nüchterne Untersuchung der Stereotypen nicht direkt auf die Existenz bestimmter innergesellschaftlicher Strukturen zu schließen.

Ein Beispiel: bei der Untersuchung des deutschen Polenbildes sollte nicht bloß „Polen“ eine Kategorie sein, sondern genauso der Begriff „deutsch“ hinterfragt werden.[9]

 

 

Endnoten

[1] Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit: Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, Wien 1919, S. 165.

[2]Elitestudiengang Osteuropastudien.

[3] Der Begriff des „Stereotyps“ wird in der Literatur typischerweise als „Bilder in unseren Köpfen“ definiert, ein Begriff aus dem bahnbrechenden Werk „Die öffentliche Meinung“ (eng. Public Opinion) des amerikanischen Journalisten Walter Lippmann.

[4] Leerssen, Joep: On Imagology, zuletzt aufgerufen am 17.9.2020.

[5] Leerssen, Joep: Imagology: History and Method, in: Beller, Manfred, Joep Leerssen (Hrsg.): Imagology: The cultural construction and literary representation of national characters: a critical survey, Amsterdam 2007, S. 17-31, hier S. 21-27; Leerssen, Joep: Imagology: On using ethnicity to make sense of the world, in: Galéote, Géraldine (Hrsg.): Les stéréotypes dans la construction des identités nationales depuis une perspective transnationalle, Paris 2016, S. 13-31, hier S. 14-15, 19.

[6] Hahn, Hans Henning: Das Selbstbild und das Fremdbild – was verbindet sie? Überlegungen zur Identitätsfunktion von Stereotypen in der europäischen Geschichte, in: Dąbrowska, Anna, Walery Pisarek & Gerhard Stickel (Hrsg.): Stereotypes and linguistic prejudices in Europe. Contributions to the EFNIL conference 2016 in Warsaw, Budapest 2017, S. 137–154, hier S. 146. 

[7] Ebd.

[8] Leerssen 2016, S. 23.

[9] Vgl. Leerssen 2007, S. 27.

Autor*innen

Studierende des 16. Jahrgangs des Elitestudiengangs Osteuropastudien, LMU München
 

Erschienen am 20.11.2020