Eine Freundschaft geht zu Ende – die deutsch-rumänischen Beziehungen und das Rumänienbild im "Simplicissimus" während des Ersten Weltkriegs (1914–1918)

 

„Wenn ein Staat aus dem Weltkriege als der Bestrafte hervorgehen wird, so wird es Rumänien sein.“[1]

So formulierte es 1916 die österreichische Zeitung Reichspost. Hintergrund war der Kriegseintritt des Landes auf Seiten der Entente, also des Gegners. Auch in Deutschland reagierte die politische Führung geschockt: Viele Regierungsvertreter hatten nämlich bis zum letzten Moment auf die Loyalität und Verbundenheit zwischen Rumänien und Deutschland gesetzt. Schließlich saß nicht nur ein Deutscher auf dem rumänischen Königsthron, beide Nationen waren auch durch diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen eng miteinander verknüpft.

Lange haben der Rumänienfeldzug und der Kriegseintritt des Landes in Deutschland nicht besonders viel Beachtung erhalten. Dabei stellte keine andere Nation Deutschland vor eine derartige Zerreißprobe wie Rumänien. Dies spiegelt sich auch in den Karikaturen des Simplicissimus wider. In den Jahren 1914–1918 lassen sich ganze 42 Wort- und Textbeiträge über das südosteuropäische Land finden. In den Jahren 1909–1914 sind es im Vergleich nur sechs Erwähnungen. Wie Leon Wohlleben in seinem Essay „Die Antwort des Simplicissimus auf die Kriegsschuldfrage – eine Betrachtung vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Weimarer Republik“ aufzeigt, präsentierte sich Deutschland während des Ersten Weltkriegs gerne als „Opfer“, während die Entente die Macht des „Bösen“ darstellte. Auch der Simplicissimus gab sich alle Mühe, jegliche Schuld von Deutschland abzuwälzen und die Taten im Krieg zu rechtfertigen. Dabei stellt sich die Frage, ob sich dies auch auf das Rumänienbild der Zeitschrift ausgewirkt hat und ob die Zeichner des Simplicissimus die Meinung ihrer österreichischen Kollegen teilen. Auch soll beleuchtet werden, inwiefern die Zeitschrift dabei auf die zeitgenössischen Stereotype zurückgriff, um die Geschehnisse in Bezug auf Rumänien zu verbildlichen. Wie Klaus Heitmann in seiner ausführlichen Abhandlung über das Rumänienbild zwischen 1775 und 1918 erläutert, hatte die breite Bevölkerung Deutschlands zwar keine genaue Vorstellung von dem weitentfernten Land, dennoch kursierten einige Stereotypen, die vornehmlich durch Reiseberichte über Rumänien geprägt waren.[2]

Im Folgenden sollen jeweils die geschichtlichen Hintergründe kurz aufgezeigt und anhand dieser das Bild, welches die Satire-Zeitschrift zu vermitteln versuchte, analysiert werden. Daran anschließend soll auf das Meinungsbild, welches zu dieser Zeit in Rumänien über Deutschland kursierte, eingegangen werden.

 

Ein Deutscher als König von Rumänien und der Ausbruch des Krieges

Als ein Vertreter der deutschen Adelsfamilie von Hohenzollern-Sigmaringen 1866 erst den rumänischen Fürstentitel annahm und dann 1881 unter dem Namen Carol I. den rumänischen Königsthron bestieg, legte dies zunächst den Grundstein für die Verfestigung der Beziehung der beiden Länder. Weiterhin trat Rumänien 1883 in einem Geheimvertrag dem Dreibund bei. Darin sicherten sich Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien gegenseitige Unterstützung im Falle eines Defensivkrieges zu.[3] Auf Grund des Bündnisses und eines deutschen Königs ging man auch dementsprechend 1914 von einem Kriegseintritt Rumäniens auf Seiten der Mittelmächte (genau wie bei Italien) aus. Da sich dies nicht erfüllte, verschlechterte sich das Verhältnis der beiden Länder dramatisch.

Dies wurde vor allem durch die wachsenden Spannungen zwischen Bukarest (rum. Bucureşti) und Wien ausgelöst. Bereits im Verlauf der Balkankriege begann das Verhältnis zu Österreich zu bröckeln. Während Rumänien im Zweiten Balkankrieg (1912–1913) gegen Bulgarien kämpfte, wurde letzteres vom Habsburger Reich gegen das ausgreifende Serbien unterstützt. Auch der beidseitige Anspruch Rumäniens und Ungarns auf das Gebiet Siebenbürgen trübte die Beziehungen. Dies beobachtete man in Berlin mit großem Bedauern. Rumänien stellte mit seiner Grenze zu Russland nicht nur einen wichtigen geopolitischen Faktor dar, sondern war auch im ökonomischen Sinne interessant. Viele deutsche Unternehmen investierten damals in das aufstrebende Land, wie zum Beispiel in Eisenbahnunternehmen.[4] Der deutsche Diplomat Gottlieb von Jagow nannte Rumänien sogar den „einzig festen Punkt […] in dem Balkanchaos“.[5]

Die außenpolitischen Spannungen waren aber nicht der einzige Grund für die langsame politische Abkehr Rumäniens von Deutschland. Auch im Land selbst wurde die Spannung zwischen den einzelnen parteilichen Strömungen immer größer und die „Siebenbürgen-Frage“ wurde zu einem wichtigen politischen Instrument. Das Gebiet ist bis heute ein zentraler Bestandteil der Nationalhistoriographie sowohl Ungarns als auch Rumäniens. Beide Nationen behaupten, dass sie sich zuerst in dem Gebiet angesiedelt und somit einen historischen Anspruch darauf hätten. Im 19. Jahrhundert wurde diese Idee des großrumänischen Reiches im Zuge des aufkommenden Nationalbewusstseins immer wichtiger, da in der kollektiven Vorstellung eine Verbindung zu dem antiken Daker- und später römischen Reich und damit der Romanität der Rumänen gezogen wurde. Unter den nationalliberalen Politikern, vornehmlich Ion C. Brătianu, wurde auch wieder eine engere Zusammenarbeit mit Frankreich, welches lange als kulturelles Vorbild Rumäniens fungierte, angestrebt. Dies schloss auch dessen Verbündeten Russland mit ein. Obwohl die meisten rumänischen Eliten bis weit in den Ersten Weltkrieg davon überzeugt waren, dass es wichtig sei, zu Berlin gute Beziehungen zu pflegen – gleichermaßen aus wirtschaftlichen wie militärischen Gründen[6] – galt dies von Anfang an nicht für Wien, und viele Regierungsvertreter versuchten sich nach einem alternativen Bündnispartner umzusehen.

In dieser angespannten Lage folgte schließlich die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.

Im Simplicissimus lässt sich bereits 1913 eher Spott als respektvolle Anerkennung gegenüber dem Land erkennen. So machte sich zum Beispiel der Zeichner Wilhelm Schulz in einer Karikatur [s. Abbildung 1] darüber lustig, dass Rumänien in den Balkankriegen so lange abwartete, bis kein Feind mehr zu sehen war.[7] Dieses Bild der „faulen“ Rumänen, die erst agieren, wenn jegliche Gefahr vorbei ist, kommt besonders während des Ersten Weltkriegs in der Zeitschrift zum Tragen. Diese Vorstellung von den faulen und „verschlagenen“ Rumänen bezieht sich dabei auf ein allgemeines Stereotyp gegenüber den Bewohnern des Balkans, zu dem sich das Land zwar selbst nicht zählt, von westlicher Sicht aber dort eingeordnet wird. Ost- bzw. Südosteuropa diente dem Westen seit Anfang des 18. Jahrhunderts in seiner Selbstidentifikation als Antipode. Man selbst empfand sich als kultiviert und zivilisiert und sah das östliche Europa als das genaue Gegenteil.[8] Um sein Feindbild gegenüber Rumänien im Laufe des Krieges zu konstruieren, nutzte der Simplicissimus die für den Balkan typischen Charaktereigenschaften:[9] schmutzig, verschlagen, ehrlos, korrupt und bäuerlich. Es muss hier allerdings angemerkt werden, dass Rumänien in deutscher bzw. westlicher Vorstellung durchaus eine gesonderte Position im südosteuropäischen Raum einnahm – allein auf Grund der stärkeren Romanisierung des Gebietes. Allerdings weichen die typischen Charaktereigenschaften, die ja ein Stereotyp beschreiben soll, nicht gravierend vom Rest des Balkans ab. Aus diesem Grund ist auch die Darstellung des rumänischen Volkes in den Kontext des Balkanismus einzuordnen.

Eine enttäuschte Hoffnung

Die Tatsache, dass die politische Elite in Rumänien bereits vor dem Kriegsausbruch eine ambivalente Haltung zum eigentlichen Bündnispartner einnahm, ließ die Entscheidungsfindung nach 1914 zu einer Zerreißprobe für die Mittelmächte werden. Wie bereits erwähnt stellte Rumänien sowohl einen wichtigen geopolitischen Ausgangspunkt für einen Feldzug gegen Russland als auch einen strategischen Versorgungspunkt für das deutsche Militär dar. Während Wien seit dem Zweiten Balkankrieg stark an der Loyalität Rumäniens zweifelte, setzte die Führung in Berlin weiterhin auf den „deutschen“ Verbündeten Carol I.

Dieser rief in einer Kronratssitzung am 3. August 1914 die rumänische Elite in seiner Residenz in Sinaia zusammen, um die Haltung Rumäniens im gerade ausgebrochenen Krieg festzulegen. Außer dem König selbst und dem ehemaligen Ministerpräsidenten Titu Maiorescu, die auf das bereits bestehende Bündnis mit Deutschland verwiesen, stimmten die restlichen Politiker für eine neutrale Haltung. Zu groß waren die innerpolitischen Spannungen und die Angst vor den Konsequenzen sowohl von Seiten Deutschlands als auch Russlands bei einer eindeutigen Stellungnahme. Man wollte zunächst abwarten, welche der beiden Parteien sich im Krieg durchsetzen könne. Vor allem das Lager um Brătianu und den konservativen und ebenfalls frankophilen Politiker Take Ionescu hoffte auf einen Sieg der Entente und damit eine „Rückgewinnung“[10] Siebenbürgens. Die zögerliche Haltung der rumänischen Regierung vor einer militärischen Auseinandersetzung war auch auf das Bewusstsein gegründet, dass das eigene Militär – sowohl zahlenmäßig als auch in Bezug auf seine Ausstattung und Organisation – im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern weit zurücklag.[11]

Der König musste gegenüber Berlin schließlich eingestehen, dass es ihm nicht gelungen war, die Kräfte in seinem Land zu einem Kriegseintritt auf deutscher Seite zu bewegen.

 

Rumänien kann sich nicht entscheiden

Wenige Wochen nach der Kronratssitzung starb Carol I., und Ferdinand I. übernahm sein Amt. Damit brach auch eine neue Ära in der Außenpolitik Rumäniens an. Ferdinand, zwar auch Hohenzoller, fühlte sich viel weniger Deutschland beziehungsweise dem Bündnisvertrag verpflichtet als dem Land, dem er diente. Aus diesem Grund wurde er auch von der deutschen Politik und Öffentlichkeit nicht besonders positiv wahrgenommen. Eine Vielzahl von Karikaturen aus dem Simplicissimus verspottet den jungen König. Aber auch die Neutralitätspolitik wurde scharf verurteilt. Dabei wurde gleichzeitig immer das Werben Englands um Rumänien kritisiert. So zeigt Olaf Gulbransson in seiner Karikatur „England und die Neutralen“ [s. Abbildung 2] England als Kellner, der herumläuft und versucht, es recht zu machen, während der rumänische Ministerpräsident Brătianu sich mit den Füßen auf dem Tisch bedienen lässt.[12] So wie Deutschland in der Geschichtsschreibung für die Mittelmächte steht, wurde England (vor allem von deutscher Seite) die leitende Position in der Entente zugeschrieben. Schließlich gelang es dem Land, Italien trotz geopolitischer Streitigkeiten mit Frankreich schlussendlich zum Kriegseintritt auf Seiten der Entente zu bewegen, und dies, befürchteten die Mittelmächte, würde nun auch mit Rumänien passieren. Besonders nach dem Tod Carols war die Rumänienfrage wieder offen, und die Entente lockte das Land nicht nur über die Verbundenheit zu dem romanischen Bruder (Frankreich), sondern auch mit dem Versprechen, Siebenbürgen zu erhalten. Am 17. August 1916 war es Brătianu nach wochenlangen Verhandlungen gelungen, mit der Entente einen Vertrag über die Bedingungen zum Kriegseintritt Rumäniens auszuhandeln, in welchem nicht nur Militärunterstützung, sondern auch die Gebietsgewinne festgelegt wurden. Dass der Druck auf den Ministerpräsidenten, eine Entscheidung zu treffen, dabei immer größer wurde, zeigt zum Beispiel ein Telegramm aus Russland vom 30. Juni 1916, welches den Rumänen klar sagte: „jetzt oder nie“.[13]

Dieses Drängen zu einer Entscheidung und die Spannung der ganzen Situation blieben natürlich auch in Deutschland nicht unbemerkt. In den Zeitungen wird die Entente als „kriegstreiberischer“ Zusammenschluss dargestellt, der arme Länder wie Rumänien mit in seinen Konflikt zieht. Besonders England wurde in den regierungskonformen Medien – zu welchen der Simplicissimus in der Zeit des Ersten Weltkriegs klar gehörte – gerne als Kriegshetzer dargestellt. So auch in der Karikatur „Höchste Zeit“ [s. Abbildung 3] von Gulbransson aus dem Jahr 1916, kurz vor dem Vertragsschluss Rumäniens mit der Entente. Die Zeichnung mit der Unterschrift „Rumänien bietet sich die letzte Gelegenheit, sich an dem Triumphzug Englands zu beteiligen“ zeigt England in einer Art antikem Streitwagen, welcher sich auf einen Abgrund zu bewegt. An dem Streitwagen hängen zwei Gestalten, die bereits tot zu sein scheinen. Hier sind vermutlich Italien und Montenegro abgebildet. Montenegro war zu dieser Zeit in der Folge der Siege der Mittelmächte gegenüber dem verbündeten Serbien von Österreich-Ungarn besetzt worden und somit auch ein „Opfer“ der Entente. Neben den beiden Toten versucht eine weitere, noch lebende Gestalt sich an dem Streitwagen festzuklammern. Dies soll wohl den Ministerpräsidenten Ioan C. Brătianu darstellen.[14] Hier versteckt sich nicht nur die Warnung, Rumänien würde mit einem Beitritt zur Entente sein eigenes Schicksal besiegeln, sondern auch Kritik an England, andere Länder wissentlich mit „in den Abgrund zu ziehen“. Rumänien wird hier also als das dumme „Bauernopfer“ dargestellt, welches der Propaganda der Entente verfallen ist. Diese Darstellung passt sehr gut zu den allgemeinen zeitgenössischen Vorstellungen über das Land. Wie von Klaus Heitmann in seiner Abhandlung dargestellt wird, wurde das Bild der Rumänen im deutschen Bewusstsein stark von der Vorstellung des harmlosen und einfachen Agrarvolkes geprägt.[15] So formulierte es der Völkerkundler Dr. W. Thurn in einem seiner Reisebereichte über Rumänien folgendermaßen: „Der Rumäne wird […] höchstens durch grobe Mißhandlung und Hunger zu Gewaltthaten getrieben, hat er Mamaliga[16], so ist er sehr harmloser Natur […].“[17] Wie sich Rumänien nach Kriegsausbruch verhielt, musste also von externen Faktoren, namentlich der Entente, verursacht worden sein. Allerdings ist ebenfalls zu beachten, dass das Rumänienbild in Deutschland bereits vor dem Schicksalsjahr 1916 ambivalent, wenn nicht konträr war: So gab es nicht nur das Stereotyp des armen und herzensguten Hirtenvolks, sondern den Rumänen wurden eben auch einige negative Eigenschaften zugeschrieben, wie „Verschlagenheit“ und „Hinterlistigkeit“. Diese Sichtweise gewann dabei im Laufe des Krieges im Simplicissimus immer mehr die Oberhand.

Bei der Durchsicht der Bild- und Textbeiträge im Simplicissimus fällt auch auf, dass das Vertrauen zu den Rumänen im Simplicissimus viel früher als noch von der deutschen Politik in Frage gestellt wird. Das Stereotyp des „treulosen“ Balkanbewohners scheint in den Köpfen der Redaktion stark vorhanden gewesen zu sein. In einer Ausgabe von 1915 schreibt Gideon Gum über das „Balkanchaos“: „Ja – und dann der Herr Rumäne. Wie entscheidet sich nun das? Oder sinnt er als Hyäne einfach auf den Leichenfraß?“[18] Das Bild der Hyäne wird ebenfalls 1916 noch einmal auftreten. Auch dieses Stereotyp war keine Erfindung des Simplicissimus, sondern bezieht sich ebenfalls auf die seit dem frühen 19. Jahrhundert kursierenden Vorstellungen über die Rumänen. Diese Zuschreibung von „Hinterlistigkeit“ verschwand Ende des Jahrhunderts zunächst, und bekam schließlich in den Jahren 1914–1916 neue Bedeutung.[19] Zu gut passte das Stereotyp zum vermeintlichen Verrat Rumäniens an den Mittelmächten.

An den von Gum formulierten Zeilen und den anderen Karikaturen zu dieser Frage merkt man zusätzlich sehr deutlich, dass die Textautoren und Zeichner des Simplicissimus auch nicht wirklich an einen Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte glaubten.

Am 27. August 1916 folgte dann schließlich die Kriegserklärung Rumäniens an Österreich-Ungarn und damit der endgültige Entschluss zum Eintritt in militärische Handlungen auf Seiten der Entente.

 

Der Verrat – wie Rumänien Deutschlands Feind wird

Auch wenn die Mobilmachung Rumäniens offensichtlich nicht unbemerkt an den Mittelmächten vorbei gegangen war, hoffte man in Berlin weiterhin auf die Loyalität Ferdinands gegenüber seiner „Heimat“ und einen Austausch Brătianus mit seinem Vorgänger, dem konservativeren und pro-deutschen Titu Maiorescu. Als sich Ferdinand allerdings am 27. August 1916, wie zuvor sein Onkel, mit den Regierungsvertretern zu einer offiziellen Abstimmung traf, konnten er und die pro-Entente Seite sich gegen die germanophilen Stimmen durchsetzen. Noch am gleichen Tag wurde die Kriegserklärung verschickt und die Invasion von Siebenbürgen begann.

Am 28. August drangen rumänische Truppen in ungarisches Gebiet vor. Eigentlich hatte Rumänien in den Verhandlungen mit der Entente – im Bewusstsein seiner militärischen Unterlegenheit – darauf bestanden, dass ihnen für diese Operation Unterstützung der Entente zukommen müsse. Dies geschah allerdings nur langsam und wurde auch durch ein gescheitertes Manöver an der Salonikifront zusätzlich verzögert. Der Vorstoß nach Siebenbürgen erwischte die Mittelmächte trotzdem- die ja doch auch durch Brătianus diplomatisches Geschick bis zuletzt zumindest an eine weiter bestehende Neutralität des Landes glaubten- anfänglich auf dem falschen Fuß. Nachdem Rumänien 1915 nicht dem Beispiel Italiens, welches der Entente in diesem Jahr beigetreten war, gefolgt war und das Land weiterhin Getreidelieferungen schickte, glaubte man sich in dieser Sache sicher. Man wurde zwar nicht von dem Angriff überrumpelt, allerdings sehr wohl von dem Zeitpunkt. Anfangs standen elf Divisionen der Mittelmächte 23 rumänischen gegenüber. Zwar gelang es dem rumänischen Militär aus diesem Grund, in das siebenbürgische Gebiet vorzustoßen, doch antworteten die Mittelmächte schnell mit einem Gegenvorstoß. Bereits Ende September mussten sich die Rumänen – trotz Unterstützung seitens der Entente – in Siebenbürgen wieder in die Karpaten zurückziehen, nachdem sie in der Schlacht von Hermannstadt (rum. Sibiu, ung. Nagyszeben) vernichtend geschlagen wurden. Bis Oktober wurde das Gebiet bis Kronstadt (rum. Brașov, ung. Brassó) zurückerobert. Auch ein weiterer Vorstoß des bekannten deutschen Generals August von Mackensen in die Walachei, in Richtung der Hauptstadt Bukarest, überrumpelte die Rumänen. Nach einer weiteren verheerenden Niederlage in der sogenannten Dobrudscha-Schlacht wurde in der Folge am 6. Dezember 1916 Bukarest von deutschen Truppen besetzt.[20] König Ferdinand und die Regierung unter Brătianu mussten sich in die Stadt Jassy (rum. Iași) zurückziehen, welche nicht durch die Mittelmächte besetzt war, während viele germanophile Politiker in Bukarest blieben und mit der deutschen Besatzungsmacht kooperierten.[21]

Der anfängliche Vertragsbruch und der vermeintlich bereits erreichte Sieg über Rumänien wurden natürlich auch im Simplicissimus verarbeitet. Dabei schwankte das Bild über Rumänien von Enttäuschung bzw. Wut über den Vertragsbruch über hämische Freude über die Niederlagen Rumäniens bis hin zu einer fast mitleidigen Darstellung des Landes, welches seinen eigenen (und verdienten) Untergang besiegelt habe. So stellt Olaf Gulbransson zunächst in der Karikatur „Bukarester Familienszene“ [s. Abbildung 4] dar, wie Königin Marie ihrem Mann Ferdinand das Hohenzollern-Wappen von der Kleidung abtrennt.[22] Damit sollte der endgültige Verrat und die Abwendung Rumäniens von Deutschland symbolisiert werden. In der Ausgabe drei Tage später erschien die Karikatur „Der Vierbund und Rumänien“ [s. Abbildung 5], ebenfalls von Gulbransson. Rumänien steht hierbei, erneut als Hyäne gezeichnet, einem Löwen, der den Vierbund, also Deutschland verkörpern soll, gegenüber. Die Unterschrift lautet: „Sie haben dich angelogen feiges Nachttier – ich lebe noch!“[23] Die Hyäne, die sowohl nachtaktiv als auch ein Aasfresser ist, soll hier wiederum das Bild der Rumänen als „feige“ und „faul“ repräsentieren. Wie ein Aasfresser jagt Rumänien nicht, sondern stürzt sich auf die bereits erlegte Beute – wie es bereits 1915 beschrieben wurde. Diese Darstellung stützt sich auf ein weiteres alteingesessenes Stereotyp: Der Vorstellung der Rumänen als arbeitsscheues Volk. Bereits 1792 hält der Deutsch-Rumäne Michael Lebrecht in einer Abhandlung über den Charakter seiner Landsleute fest: „Der größte Theil faullenzet hinter den Schaafen, ein andrer hudelt mit Fuhrwerken im Lande herum. Sehr wenige bauen mit etwas Anstrengung Felder oder Weinberge […].“[24] Die Charaktereigenschaft als „Faulenzer“ nimmt Gulbransson auf und suggeriert somit, dass die Rumänen getreu ihrer Natur sich durch geschicktes Abwarten einen Vorteil verschafft hätten. Jedoch werde sich dieser Weg „des geringsten Widerstandes“ bald rächen. So spottet auch Eduard Thöny in der Zeichnung „Rumänische Dämmerung“ [s. Abbildung 6], dass „ein Wortbruch eben doch leichter geht als ein Durchbruch“.[25] Hier kommen auch wieder klar die stereotypischen Charaktereigenschaften der Bewohner des Balkans zum Tragen: verschlagene und gleichzeitig faule Menschen, denen man absolut nicht vertrauen kann.

Auch macht sich der Simplicissimus mehrmals über die von den Rumänen hochgehaltene Verbindung zu den Römern lustig. So geschehen in der Karikatur „rumänische Heldensöhne“ [s. Abbildung 7], in welcher Ferdinand einer traditionell rumänisch gekleideten Person gegenübersteht, zu welcher er spricht: „Ich hatte mich darauf verlassen, dass ihr von den Römern abstammt.“ Der Rumäne antwortet ihm darauf hin: „Und wir hatten uns darauf verlassen, dass Sie von den Hohenzollern abstammen.“[26] Dabei wird den Rumänen nicht nur wieder das Bild des Lügners angedichtet – schließlich haben sich beide Parteien gegenseitig „getäuscht“ –, sondern man macht sich zusätzlich lustig darüber, dass Rumänien versuchte, seine bäuerliche, balkanische Hirtenkultur zu etwas Zivilisiertem, auf das Romanische Zurückgehende, auszubauen.

Nach vier weiteren Ausgaben griff Gulbransson erneut die Vorstellung auf, Rumänien sei das dumme „Bauernopfer“, welches von Gier getrieben schlussendlich von seinen angeblichen Verbündeten im Stich gelassen wird. In der Karikatur „Die Kunst des Zuspätkommens“ [s. Abbildung 8] zeigt er eine ärmlich gekleidete Person, die in eine Art Kriegsmaschine gezogen wird, auf welcher DRP prangt, also Deutsche Reichspartei. Im Hintergrund der Zeichnung sitzen drei weitere Personen, die wohl Russland, England und Frankreich symbolisieren. Die Bildunterschrift lautet: „Hilfe Hilfe! Halts Maul dummer Rumäne – du störst uns beim Nachdenken über deine Rettung!“[27]. Hier wird in zynischer Weise auf die zögerlichen und letztlich erfolglosen Anstrengungen der Entente beziehungsweise Russlands, dem neuen Bündnispartner beizustehen, angespielt. Es fällt hier auf, dass wieder ein etwas milderes, beinahe mitleidiges Bild gegenüber Rumänien vermittelt wird: Am Ende seien sie doch nur das Bauernvolk, welches durch gierige Eliten und externe Spieler in den Krieg gehetzt wurde. Die extreme Feinddarstellung weicht somit der des Opfers; auch wenn dennoch eine gewisse Schadenfreude mitschwingt. Diese Veränderung der Darstellung lässt sich dabei sicherlich mit dem Verlauf der historischen Ereignisse erklären.

 

Wer zuletzt lacht, lacht am besten?

Nachdem Russland im Dezember 1917 aus dem Krieg ausschied und im folgenden Jahr die Ostfront faktisch aufgelöst wurde, schienen jegliche Aussichten Rumäniens auf einen Sieg zerstört. Aus diesem Grund nahm die Regierung unter Ferdinand I. im Februar 1918 Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten auf, um zumindest nicht alle Gebietsansprüche zu verlieren. Dies war auch für Deutschland erstrebenswert geworden, um vertraglich zugesicherte Getreidelieferungen über den Donauweg in die Ukraine transportieren zu können. Die Verhandlungen gestalteten sich jedoch schwierig. Nicht nur die Gebietsansprüche der verschiedenen Bündnispartner – Rumänien, Bulgarien und Türkei – standen sich teilweise konträr gegenüber, es gab auch Streitigkeiten zwischen Berlin und Wien. Besonders wegen seiner Ressourcen war Rumänien für beide Länder interessant. Aber auch der Großteil der rumänischen Politik zeigte sich nicht besonders offen gegenüber Verhandlungen mit den Mittelmächten und war auf keinen Fall dazu bereit, die Dobrudscha aufzugeben. König Ferdinand I. ernannte den pro-deutschen Politiker Alexandru Marghiloman zum Ministerpräsidenten in der Hoffnung, dies würde einen günstigeren Verlauf der Gespräche befördern. Schlussendlich setzte sich Bulgarien jedoch mit seinem Beharren auf den Anspruch auf die Dobrudscha durch und Rumänien wurde mit dem Versprechen, Bessarabien zu bekommen, vertröstet. Zudem sicherte sich Deutschland einen großen Teil der Ölreserven und den Getreideüberschuss der nächsten Jahre.[28] Allerdings wurde der am 7. Mai ausgehandelte Friedensvertrag nie von Ferdinand unterzeichnet.

Die Friedensverhandlungen waren ein immer wieder im Simplicissimus auftauchendes Thema. Vor allem die Königsfamilie wird dabei zum Ziel des Spottes. Sie trug für die Zeitschrift durch ihre Entente-freundliche Haltung die Schuld am Schicksal Rumäniens und wurde auch als von ihrem Volk ausgestoßen dargestellt. In einer Karikatur [s. Abbildung 9] verabschiedet man das Königspaar aus der Stadt, beleuchtet von dem letzten Öl, das die Engländer ihnen gelassen hatten.[29] Damit wird auf den Versuch Englands angespielt, kurz vor der deutschen Übernahme der Ölfelder bei Ploiești, möglichst viele der Reserven zu zerstören.[30] Dass Deutschland sich ebenso großzügig an den Ressourcen des Landes bediente, bleibt unerwähnt. Insgesamt kommt vor allem Prinzessin Marie in den Darstellungen schlecht davon. Als Enkelin der Königin von England und des russischen Zaren Alexander II. war sie allein schon familiär der Entente zugewandt und galt deswegen als Feindin Deutschlands.[31] Tatsächlich stellte vor allem sie sich gegen die Aufnahme von Friedensverhandlungen und einen separaten Friedensvertrag mit den Mittelmächten, was zu Spannungen mit der konservativen Regierung unter Alexandru Marghiloman führte. So stellt auch Ragnvald Blix in seiner Karikatur „Rumänien schließt Frieden“ [s. Abbildung 10] vom 19. März 1918 Marghiloman in Verhandlung mit den Mittelmächten – wahrscheinlich dem deutschen Diplomat Richard von Kühlmann und dem österreichisch-ungarischen Vertreter Ottokar Czernin – dar, wie er fragt, ob die Verhandlungspartner keine anderweitige Verwendung für das Königspaar hätten.[32] Tatsächlich waren viele der pro-deutschen Stimmen in der Regierung für einen Austausch der Dynastie-Linie gewesen, allerdings stellte dies sicher nicht die mehrheitliche Meinung der rumänischen Politik dar. Überhaupt war die Ernennung Marghilomans ein kluger Schachzug, um die Verhandlungen mit den Mittelmächten aufzunehmen und den Schein von Friedensbereitschaft zu vermitteln. Daran, dass kurz nach dem Abschluss des Vertrages von Bukarest erneut ein Regierungswechsel erfolgte, kann man aber erkennen, dass die pro-deutsche Stimmung, wenn überhaupt nur als ein den Umständen entsprechend notwendiges Übel angesehen wurde. Aus deutsch-propagandistischer Sicht, wie sie der Simplicissimus vertreten hat, machte es natürlich mehr Sinn, das Königspaar, das quasi für das Anti-Deutsche stand und vornehmlich die Ratifizierung des Friedensvertrages blockierte, als lächerlich und vom Land abgelehnt darzustellen.

Rumäniens zweiter Kriegseintritt

Auch nach dem Rumänienfeldzug und dem Bukarester Frieden stabilisierte sich die Lage im Balkan weiterhin nicht so wie von den Mittelmächten gewünscht. An der Salonikifront standen etwa 360.000 deutsch-bulgarischen Truppen einer halben Million Soldaten der Entente gegenüber.[33] Als weiterhin die USA Truppen nach Frankreich schickten und eine neue Offensive die bulgarischen Streitkräfte zum Kollaps brachte, machten sich Gerüchte einer möglichen Niederlage Deutschlands in Rumänien breit. Dies befeuerte Ferdinand zusätzlich darin, die Annahme des Bukarester Friedens hinauszuzögern. So wurden durch Brătianu gleichzeitig die Gespräche mit der Entente aufrecht gehalten und eine erneute Mobilisierung der rumänischen Truppen vorbereitet. Nachdem das politische Lager um Brătianu in enger Absprache mit Ferdinand sich trotz schlimmster Zustände der Armee zu diesem Schritt entschieden, gab der König am 9. November seiner neuen pro-Entente Regierung den Befehl zur Mobilisierung. Auch wenn man sich der Gefahr bewusst war, mit dem von den Kriegsjahren gezeichneten und ohnehin unstrukturierten Militär erneute Kampfhandlungen zu beginnen, hoffte man, dass dies als positives Zeichen der Loyalität bei den Friedensverhandlungen mit der Entente gesehen werde. So erfolgte nicht einmal 24 Stunden vor der Kapitulation Deutschlands eine erneute Kriegserklärung von Bukarest an Berlin.[34] Der Plan Brătianus ging schließlich auf, und Rumänien konnte an den Pariser Friedenskonferenzen teilnehmen und am Ende große Gebietsgewinne verzeichnen. Interessanterweise werden die Ereignisse nach dem Bukarester Frieden und die erneute Kriegserklärung nicht mehr weiter im Simplicissimus erwähnt.

 

Schlussbetrachtungen

Was vermittelt uns der Simplicissimus also für ein Bild über Rumänien? Wie dargestellt fing die Zeitschrift bereits früh mit der Kritik an dem Verhalten des Landes an. Während die deutsche Politik weiter an dem Glauben festhielt, dass Rumänien seiner Verpflichtung als Bündnispartner nachkommen werde, zweifelte der Simplicissimus an der Verlässlichkeit des rumänischen Königshauses. So reagierte man in der Redaktion scheinbar nicht sehr geschockt auf den Kriegseintritt auf Seiten des Feindes. Vielmehr sah man sich in seiner Einschätzung bestätigt. Dabei wechselt von 1914–1916 das Bild von dem des dummen Bauernopfers, das durch die Kriegspropaganda der Entente geblendet worden sei, mehr und mehr hin zu dem der gierigen und gleichzeitig faulen Hyäne, wie es die Karikatur von Gulbransson auf den Punkt bringt. Rumänien wolle zwar alles, sei aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen, sondern versuche nur etwas von den Lorbeeren der anderen abzubekommen. Man unterstellte Rumänien also auch aus niederen Gründen in den Krieg eingetreten zu sein. Es gehe nicht – wie bei Deutschland – um einen vaterländischen Verteidigungskampf, sondern alleinig um die eigene Bereicherung. Schließlich habe Rumänien bereits in den Balkankriegen diese Taktik angewandt, als das Land in der ersten Auseinandersetzung neutral blieb, um dann im zweiten Krieg mit frischen Kräften voranzuschreiten. Damit setzte der Simplicissimus die damalige Propaganda von Berlin in präziser Weise fort: Deutschland setzte auf die Freundschaft der Rumänen, wurde bitter enttäuscht und nun bekomme Rumänien seine gerechte Strafe für den Verrat. Schuld an dem bitteren Los waren für den Simplicissimus neben der Entente ganz klar das Königspaar, Ferdinand und Marie, sowie der Ministerpräsident Ion C. Brătianu. Die Tatsache, dass Rumänien am Ende nicht für sein treuloses Verhalten bestraft wurde, lässt eine mögliche Antwort auf die Frage erahnen, warum die Zeitschrift nach dem Bukarester Frieden zu der Rumänienthematik schwieg.

Um das Feindbild von Rumänien zu konstruieren, griffen die Macher des Simplicissimus auf die für den Balkan bzw. Rumänien typischen Vorstellungen zurück. Die einzelnen Stereotypen sind also keine Erfindung der Zeitschrift selbst, sondern beziehen sich auf die durch Reiseberichte geschaffenen Assoziationen und Beschreibungen des rumänischen Volkes. Diese gehen dabei teilweise bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Bei der Porträtierung des Landes fällt auf, dass diese stark durch die historischen Ereignisse beeinflusst ist: Stellte Rumänien eine „Bedrohung“ für die Mittelmächte dar, wurde die Feindpolemik stärker; wog man sich in Sicherheit und sah einen Sieg Deutschlands als sicher, wurde auch die Darstellung Rumäniens milder und mitleidiger.

Diese Darstellung der Kriegsgeschehnisse des Simplicissimus im Sinne des eigenen Heimatlandes ist nichts, was sich ausschließlich auf Deutschland beschränkte. Auch das in Rumänien propagierte Deutschlandbild folgte dem Freund-Feind Muster. Frankreich wurde als der Verbündete gesehen, während die Mittelmächte als das „Böse“ galten. Vor allem Österreich-Ungarn wurde vorgeworfen, die romanischen Brüder in Siebenbürgen in seiner Gewalt zu halten. Deutschland wurde oft als der Initiator des Krieges und der damit verbundenen Gewalt dargestellt, zum Beispiel in der Satire-Zeitschrift[35] [Die Ameise]. Auch hier unterstellte man wieder dem Gegner Gier und Machthunger, während man sich selbst ja nur verteidige.

Allerdings waren nicht alle Stimmen in Rumänien anti-deutsch eingestellt. Viele Mitglieder der Konservativen Partei und der Opposition im Allgemeinen waren bis zum Ende gegen eine Kriegserklärung an Deutschland und warfen – ähnlich wie im Simplicissimus – der Nationalliberalen Partei unter Brătianu vor, das Land ins Verderben zu reißen.[36] Berlin bemühte sich auch, die schlechte Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Mittelmächten aufzubessern, in dem sie einige Zeitschriften, wie zum Beispiel Ziua [Der Tag] oder Steag [Flagge] finanziell unterstützen, die im Gegenzug pro-deutsche Beiträge verfassten,[37] allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Zu groß war die Anziehungskraft des romanisch-nationalistischen Mythos.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Jahr 1916 einen Meilenstein für die Beziehung zwischen Rumänien und Deutschland darstellte. Zwar kooperierte die politische Führung beider Länder wieder in der Zeit des Nationalsozialismus und auch diplomatische Beziehungen wurden weiterhin unterhalten, jedoch war das Verhältnis durch den Ersten Weltkrieg grundlegend erschüttert worden. Auch im Simplicissimus findet Rumänien nach 1918 fast keine Erwähnung mehr. Lediglich fünf Beiträge sind bis zur Auflösung der Zeitschrift noch zu finden. Wie es der Titel dieses Essays bereits beschreibt, endete also die Freundschaft zwischen Rumänien und Deutschland im Zuge des Ersten Weltkrieges. Zu tief saß das Misstrauen danach auf beiden Seiten und es sollte bis zur Annäherung im Zuge der EU-Mitgliedschaft dauern, bis eine ähnlich starke Verbindung zwischen Deutschland und Rumänien wieder existierte.

 

Endnoten

[1] Zwei neue Kriegserklärungen, in: Reichspost, 28.08.1916, S.1.

[2] Vgl. Heitmann, Klaus: Das Rumänienbild im deutschen Sprachraum. 1775–1918. Wien 1985, S. 33–35.

[3] Vgl. Vermeiren, Jan: Die Mittelmächte und die Rumänienfrage, 1914–1916. Ein Beitrag zur Neubewertung des Zweibundes im Ersten Weltkrieg, in: Gundula, Gahlen/Deniza, Petrova/Oliver Stein (Hrsg.): Die unbekannte Front. Der erste Weltkrieg in Rumänien, in: Clauss u.a. (Hrsg.): Krieg und Konflikt, Bd. 4. Frankfurt/ New York 2018, S.85–112, hier: S. 87f.

[4] Vgl. ebd., S. 89 [vgl. Anm. 3].

[5] Jagow an Tschirschky, 26.06.1913, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Deutschland 128 Nr. 2 secr., Bd. 12, zitiert nach: Vermeiren, J., S. 90 [vgl. Anm. 3].

[6] Vgl. Volkmer, Gerald: Die Haltung der politischen und kulturellen Eliten Rumäniens gegenüber den Mittelmächten, in: Gundula, Gahlen/Deniza, Petrova/Oliver Stein (Hrsg.): Die unbekannte Front. Der erste Weltkrieg in Rumänien, in: Clauss u.a. (Hrsg.): Krieg und Konflikt, Bd. 4. Frankfurt/ New York 2018, S. 49–84, hier: S. 51.

[7] Schulz, Wilhelm: Die tapferen Rumänen, in: Simplicissimus, 04.08.1913, Jg. 18, Nr. 19, S. 320.

[8] Vgl. Wolff, Larry: Die Erfindung Osteuropas: Von Voltaire zu Voldemort, in: Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens, Bd. 11, Klagenfurt 2003, S. 21–34, hier S. 21ff.

[9] Siehe weiterführende Literatur zum Thema „Balkanismus“: Maria Todorova: Imagining the Balkans. Oxford 2009.

[10] Dies bezieht sich auf die Annahme, die Rumänen hätten Siebenbürgen früher als die Ungarn besiedelt, offiziell kam das Gebiet 1918 das erste Mal zum rumänischen Staat.

[11] Vgl. Volkmer, J., S. 51–57 [vgl. Anm. 3].

[12] Gulbransson, Olaf: England und die Neutralen, in: Simplicissimus, 15.08.1916, Jg. 21, Nr. 20, S. 247.

[13] Vgl. Vinogradov, V. N: Romania in the First World War: The Years of Neutrality, 1914–1916, in: The International History Review, 14: 3, 1992, 459f.

[14] Gulbransson, Olaf: Höchste Zeit, in: Simplicissimus, 22.08.1916, Jg. 21. Nr. 21, S. 257.

[15] Vgl. Heitmann, K., S. 190–193 [vgl. Anm. 2].

[16] Rumänisches Nationalgericht.

[17] Thurn, W.: Bilder aus Rumänien. Die Moldau, in: Das Ausland, 49, 1876, S.469.

[18] Gum, Gideon: Balkanchaos, in: Simplicissimus, 12.10.1915, Jg.20, Nr. 28, S. 326.

[19] Vgl. Heitmann, K., S. 181–184 [vgl. Anm. 2].

[20] Vgl. Graf von Kielmansegg, Peter: Deutschland und der erste Weltkrieg. Stuttgart 1980, S. 361ff.

[21] Vgl. Volkmer, G., S. 77 [vgl. Anm. 6].

[22] Gulbransson, Olaf: Bukarester Familienszene, in: Simplicissimus, 19.09.1916, Jg. 21, Nr. 25, S. 316.  

[23] Gulbransson, Olaf: Der Vierbund und Rumänien, in: Simplicissimus, 12.09.1916, Jg. 21, Nr. 24, S. 293.

[24] Lebrecht, Michael: Über den National-Charakter der in Siebenbürgen befindlichen Nation. Wien 1792, S.88f.

[25] Thöny, Eduard: Rumänische Dämmerung, in: Simplicissimus, 17.10.1916, Jg. 21, Nr. 29, S. 355.

[26] Gulbransson, Olaf: Rumänische Heldensöhne, in: Simplicissimus, 03.10.1916, Jg. 21, Nr. 27, S. 340.

[27] Gulbransson, Olaf: Die Kunst des Zuspätkommens, in: Simplicissimus, 31.10.1916, Jg. 21, Nr.31, S. 392.

[28] Vgl. Graf von Kielmansegg, P., S.610f [vgl. Anm. 20].

[29] Schulz, Wilhelm: Königs Abfuhr aus Rumänien, in: Simplicissimus, 26.03.1918, Jg. 22, Nr. 52, S. 647.

[30] Vgl. Torrey, Glenn E.: The Romanian Battlefront in World War I. Lawrence/KS 2011, S. 151f.

[31] Siehe: Blix, Ragnvald: Am rumänischen Hof, in: Simplicissimus, 14.05.1918, Jg. 23, Nr.7, S. 78.

[32] Blix, Ragnvald: Rumänien schließt Frieden, in: Simplicissimus, 19.03.1918, Jg. 22, Nr. 51, S. 643.

[33] Vgl. Graf von Kielmansegg, P., S.666 [vgl. Anm. 20].

[34] Vgl. Torrey, G. E., S. 312 [vgl. Anm. 30].

[35] Satirische Zeitschrift, die wöchentlich zwischen 1904–1916 und 1918–1930 erschien; vertrat kein besonderes politisches Lager.

[36] Weiterführende Literatur zur Haltung der germanophilen Eliten Rumäniens: Lucian Boia: Die Germanophilen : die rumänische Elite zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Berlin 2014.

[37] Vgl. Topor, Claudiu-Lucian 2017: Germania și Neutralitatea României (1914–1916). Iași 2027, S. 189ff.

Autorin

Sophia Freidhoff
 

Erschienen am 20.11.2020