Der Nachbar aus dem Osten – die Darstellung Polens und seiner "Patrone" in der Zwischenkriegszeit im "Simplicissimus"

 

Die geografische Nähe zweier Staaten, die eine gemeinsame Grenze teilen, kann eine verzerrte wechselseitige Wahrnehmung schaffen. Sie wird nicht selten durch Konfliktgeschichte, Grenzstreitigkeiten, die Minderheitenfrage und andere politische und soziale Probleme geprägt, die häufig nur schwer zu lösen sind. Infolgedessen beeinflusst diese Wahrnehmung das gegenseitige Bild, das Image oder Stereotyp, das nicht nur aus der problematisierten Darstellung von Anderen besteht, sondern auch aus eigenen unbesprochenen Eigenschaften und Ängsten. Dieses Bild einer historischeren Erfahrung, die eine Nation erlebt hat, ist sowohl eine Projektion nach außen als auch in die innere Welt.[1] Die analytische Dekonstruktion dieses Bildes ermöglicht es, einige Schichten von Hetero- und Auto-Stereotypen zu definieren und die Karikatur als Spiegel zu verwenden.[2]

Die deutsch-polnischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit illustrieren diese Projektion ziemlich gut, insbesondere die Opfer- und Feindbildkonstruktionen sowie auch das Konzept des entfremdeten Anderen, das von Frankreich, der Sowjetunion und Großbritannien präsentiert wird. Die Zwischenkriegszeit ist für diese Art von Analyse besonders ergiebig, da diese Periode zu intensiven Veränderungen in der deutsch-polnischen Geschichte führte.

Das deutsche Polenbild kann nicht außerhalb des Foucaultschen Machtdiskurses gesehen werden, der eine Struktur des Stereotyps bestimmt. Die Machtausübung, in diesem Fall als Besatzungsmacht, und die territoriale Annexion bringen eine neue Welle der Bildgestaltung auf beiden Seiten. Ein weiterer Aspekt der objektiven Betrachtung bringt zusätzlich der koloniale Diskurs mit sich, nämlich durch das von Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak entwickelte Konzept des „Othering“, genauer der Prozess der imperialen Identitätsbildung durch Schaffung des „Anderen“. Ebenso spielen die theoretischen Thesen von Homi K. Bhabha über „das Schaffen des kolonialen Diskurses mithilfe von Stereotypen“[3] eine Rolle.

Über den kolonialen Diskurs, im konkreten Fall der deutsch-osteuropäischen Beziehung, spricht Christoph Kienemann in seinem Buch „Der koloniale Blick gen Osten. Osteuropa im Diskurs des Deutschen Kaiserreiches von 1871“. Er schreibt davon, dass es sich „bei einem großen Teil des deutschen Osteuropadiskurses tatsächlich um einen kolonialen Diskurs gehandelt hat. […] Der Osten konnte im Diskurs als idealer Siedlungsort für die deutschen Auswanderer erscheinen, er konnte als Sehnsuchtsort für politische und kulturelle Pläne dienen, er stellte eine Bedrohung der deutschen Kultur oder Nation dar und war gleichzeitig auch Ausweis für die Eignung der Deutschen zur Kolonisation „außereuropäischer“ Erdteile. Der Osten Europas wurde im Diskurs des Kaiserreiches zu einem Gegenbild, das völlig fremd war und sich diametral von der eigenen vertrauten Welt unterschied.“[4] Deshalb lassen sich diese und andere[5] deutsche Sichtweisen in diesem Fall auf Polen im 19. Jahrhundert als „kolonial geprägt“ bezeichnen und beeinflussten  teilweise auch das Bild von Polen im 20. Jahrhundert.

Obwohl das deutsche Polenbild schon sehr gründlich und ausreichend untersucht worden ist (z. B. von Szarota, Smolka, Zitzewitz, Ryszka), wurde der Simplicissimus als Quelle in diesem Zusammenhang bisher nur teilweise analysiert (Smolka, Szarota). In Anbetracht der Besonderheiten des Simplicissimus, der politischen und sozialen Umstände sowie auch seiner Herkunftsstadt München, und auch der Tatsache, dass es sich um eine satirische Zeitschrift handelte, die ein ausreichendes Maß an Selbstironie und sogar Selbstkritik zeigte, würde ich folgende Fragen in den Mittelpunkt meines Essays stellen: Wie wurde das Polenbild der Zwischenkriegszeit unter Berücksichtigung von früheren Stereotypen beeinflusst und konstruiert? Welche Hinweise auf das eigene deutsche Autostereotyp liefern diese Bilder? Wie wurden polnische politische Figuren in der Zwischenkriegszeit dargestellt und welche Rolle spielen internationale Beziehungen, besonders der Einfluss von Frankreich, in der Darstellung Polens?

Bei der Beantwortung dieser Fragen habe ich eine argumentative These entwickelt, dass im Simplicissimus Deutschlands eigene Machtlosigkeit auf das Polenbild projiziert wird, indem es indirekt durch Polen sein eigenes Opferbild konstruiert. Das Polenbild half, ein äußeres Feindbild zu entwickeln, das nicht direkt auf die alliierten Staaten zielte, sondern einen Mediator (Polen) ins Zentrum stellte. Paradoxerweise näherten sich Deutschland und Polen durch das Opferbild einander an. Sie „verschmelzen“ durch die gemeinsame Rolle – die des Opfers – miteinander. Die Bemühungen, möglichst große Unterschiede zu zeigen, führten dazu, dass sie sich immer mehr annäherten.

 

Die Konstruktion des Polenbildes aus früheren Komponenten und dem kolonialen Diskurs

Die historische Perspektive legt nahe, dass das Polenbild im 20. Jahrhundert einen Hintergrund hat, der weit über seine Zeit hinausgeht. Um ihn genauer zu betrachten, müssen wir zumindest von der Teilung Polens als ein kolonialistischer Akt ausgehen, der die Beziehung zwischen Deutschland und Polen stark polarisiert hat. Nach der Teilung Polens muss man wohl eher von einem preußischen und weniger von einem deutschen Polenbild sprechen. Preußens Polenbild wurde später die Grundlage des deutschen Polenbilds.[6] Diese koloniale Darstellung Polens beeinflusste die späteren Bilder auch im 20. Jahrhundert, als Polen als Nation, die unfähig sei, eigene Entscheidungen zu treffen, dargestellt wurde. Es lenkte die Aufmerksamkeit auch auf das berühmte Stereotyp der „[schwachen] Polnischen Wirtschaft“.

Einer der wichtigsten Aspekte im Polenbild des 19. Jahrhunderts waren die französischen Einflüsse. Die Polen erhofften sich alleine von Frankreich und seinen revolutionären Errungenschaften den Wiederaufbau ihres politischen Staates, und somit setzten sie voll und ganz auf Napoleon I. Logischerweise wurde das dominante preußische Polenbild durch die Identifikation der Polen mit Napoleon nicht gerade positiv aufgenommen.[7] Diese Verbindung beobachten wir auch im Simplicissimus, der die französisch-polnischen Beziehungen im Verhältnis zu Deutschland in einem negativen Licht darstellte.

Der am 8. September 1831 endende Aufstand hatte für die Entwicklung des Polenbilds eine große Bedeutung. Nach dem Aufstand folgte zunächst die liberale Polenbegeisterung in Europa, bei der sich mit dem Namen Polen der Begriff des Freiheitskampfes mit der uneigennützigen Vaterlandsliebe verband. Es ist erwähnenswert, dass das deutsche Polenbild des 19. Jahrhunderts vorwiegend von liberalen Emotionen geprägt wurde. Ungeachtet vieler Zweifel an den politischen Qualitäten Polens wurde Polen grundsätzlich das Recht auf einen eigenen Staat zuerkannt.[8]

Dies änderte sich grundlegend, als das „Making“ (Schaffung) einer polnischen Nation mit der direkten Bedeutung des „Unmaking“ (Ablösung) von Preußen gleichgesetzt wurde, dessen Staatsgebiet durch polnische Ambitionen gefährdet war.[9] Die angespannte Situation zwischen Polen und Deutschland entwickelte sich später im Jahr 1922 zu einer radikalen Position, als solche Meinungen laut von dem Chef der Reichswehr, General von Seeckt ausgesprochen wurden: „Polens Existenz ist unerträglich unvereinbar mit den Lebensbedingungen in Deutschland. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene Schwäche und durch Russland mit deutscher Hilfe.“[10]

Diese Angst entwickelte sich, wie wir im 19. Jahrhundert sehen, zu einem neuen Paradigma, und wir sehen dessen Einfluss sehr eindeutig und klar im Simplicissimus. Unter Berücksichtigung des Hintergrunds des Polenbildes können wir eine frühe Karikatur „Der polnische Adler“ von 1916[11] [s. Abbildung 1] ansehen, die einen breiten Interpretationsrahmen eröffnen kann.

Sie thematisiert die Gründung eines selbstständigen Königreiches Polen im November 1916, des sogenannten Regentschaftskönigreichs Polen. Der polnische weiße Adler ist hier ein Baby von Imperien, ein Nationskonstrukt, dessen Existenz von imperialen Großmächten abhängig ist. Es ist angebracht, hier an den ukrainischen russischsprachigen Schriftsteller Nikolaj Gogol zu erinnern mit seinem Zitat aus Taras Bulba „Ich habe dich gezeugt — ich werde dich auch töten”[12], der zu dieser patronisierten Karikatur gut gepasst hätte.

Diese Karikatur mit einem erhellenden Untertitel „Hoffentlich vergisst er nie, dass wir ihn ausgebrütet haben“ spiegelt eine Reihe von Konnotationen wie Referenzen zur Herkunft Polens wider, seinen „kindlicheren, sogar „infantilen“ Zustand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikatur sowie auch die Sorge um die Zukunft, die gefährliche Perspektive für Deutschlands Zukunft vorhersagt. Dieses Bild ist auch besonders wichtig aufgrund der symbolischen „Befreiung“ Polens von seinem kolonialen Zustand und als Vision dessen, was daraus einmal entstehen könnte.

Ab dem 19. Jahrhundert bringt Deutschland Polen folgende Vorurteile entgegen: die unterwürfige Position, eine koloniale Perspektive, eine unvernünftige chaotische Selbstorganisation, ein mangelnder politischer Wille und fehlende unabhängige Entscheidungsfindung, die Polen davon abhält, einen eigenen Staat zu haben. Außerdem die liberale, von Frankreich inspirierte nationale Bewegung und Polen als Instrument in der Politik anderer Länder.

 

Neue Tendenzen nach dem Ersten Weltkrieg und neue Machtverteilung

Der Versailler Vertrag und die Frage nach der Ostgrenze brachte eine neue Dimension in den Machtdiskurs. Der Historiker Heinrich August Winkler stellte fest, dass für die Deutschen der Versailler Vertrag „ein Ausdruck von Siegerwillkür“ gewesen sei, wofür auch eine Titelseite des Simplicissimus von 1919 spricht.[13] Der deutsche Adler hat darauf alle Federn verloren, ihm wurde die einfachste Manifestation seiner Natur verweigert. Mit diesem Thema beschäftigt sich ein Essay von Leon Wohlleben „Mit Satire durch den Weltkrieg? – Die Antwort des Simplicissimus auf die Kriegsschuldfrage“ als eine gute Quelle.

Verweigerung und Einschränkungen für Deutschland wurden parallel etabliert zur gegenteiligen polnischen Freizügigkeit, die meistens angeblich von Frankreich „erlaubt“ und inspiriert wurde. Dies illustriert die Karikatur von 7. Juli 1920 mit dem Titel „Der polnische Kläffer“[14] [s. Abbildung 2].

Eine der bekanntesten Karikaturen dieser Zeit über Polen zeigte die Erniedrigung, die Deutschland durch polnische Aktionen erfahren hatte. Für Deutschland war es die größte Beleidigung, nicht von Frankreich, sondern von Polen, der angeblichen Kolonie, die Anklage zu hören. Diese neue Positionierung führte zur Schaffung einer neuen Aggressions-Quelle, die sich später gegen Polen richtete. Interessant ist, dass der angekettete deutsche Adler ein verketteter Adler bleibt, der nicht ewig in dieser limitierten Situation bleiben würde. Dadurch kann der kleine Kläffer sich nicht vor den Folgen seines Verhaltens schützen. In diesem inneren, unbewussten Sinne ist der deutsche „Aufstieg“ verborgen, egal, was passiert ist.

Eine der dominanten Tendenzen im Polenbild nach dem Ersten Weltkrieg ist mit Grenzstreitigkeiten in Oberschlesien und der internationalen Unterstützung von Seiten Frankreichs und Großbritanniens verbunden. Die Gebiete, die an den neu gegründeten polnischen Staat von 1920 offiziell abgetreten wurden, standen im Fokus des Simplicissimus in der Zwischenkriegszeit.

Die einfachste und offensichtlichste Erklärung wäre, dass Polen seine frühere Rolle als Opfer verließ und selbst zum Täter wurde. Unter Berücksichtigung der Vorgeschichte stellte Deutschland die polnischen politischen Entscheidungen jedoch immer als nicht-polnisch dar, sondern als diktiert und von den anderen Mächten ermöglicht. Anstatt Polen als gefährlich anzuerkennen, wurde sein Image lächerlich gemacht und Polen als minderwertig dargestellt. Die Karikatur „Finis Poloniae“ vom 4. August 1920[15] [s. Abbildung 3]  beschreibt das Ereignis des sowjetisch-polnischen Krieges und zeigt Polen als einen leeren Ballon, einen Puppen-Staat ohne Zukunft. Die Entstehung Polens, sowie auch sein Ende waren immer von außen beeinflusst und zeigten keine eigene polnische Initiative.

Das Fehlen der deutschen Macht in der Zwischenkriegszeit spiegelt sich teilweise in der polnischen Machtlosigkeit wider, als die Karikaturen im Simplicissimus mehr oder weniger die gleichen „gewünschten“ Ansprüche von Deutschland und Polen zeigen. Dies führt überraschenderweise ausgerechnet zu einer gegenseitigen Annäherung. Zum Beispiel wird die Realität von Reparationen und der zusammengebrochenen Wirtschaft parallel in der polnischen Realität dargestellt. Wie in diesem Bild („Polacken“ von 16. März 1921[16] [s. Abbildung 4]), welches einen wild und monströs aussehenden Polen zeigt, der um Geld bettelt. Ist es ein Zusammentreffen von zwei Opfererzählungen? Wahrscheinlich, aber man sollte noch tiefer schauen, um das zu erkennen.

Laut den Karikaturen im Simplicissimus der früheren 1920er-Jahre war Polen kein wirklicher unabhängiger Staat, sondern immer ein Vermittler in der Politik. Nach der Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 erschien eine Karikatur in Simplicissimus („Der Sieg in Oberschlesien“ von 13. April 1921[17] [s. Abbildung 5]), in der die Reaktion von „Verteidigung“ sowohl von Frankreich als auch von Polen thematisiert wird. Die nächste Karikatur erschien in der darauffolgenden Ausgabe des Simplicissimus und zeigte die gewalttätigen Folgen („Oberschlesien“ von 20. April 1921[18] [s. Abbildung 6]).

Auf beiden Bildern wird Polen zusammen mit Frankreich dargestellt, wobei beide „schlechte Nachrichten“ teilen, sowie die Reaktion darauf. In diesem Fall sehen wir in Frankreich den Wunsch nach Zerstörung, obwohl der Pole aktiv ist und der französische Soldat, der die Szene beobachtet, bereit ist, bei Bedarf zu helfen. Polen gibt Frankreich hier die Möglichkeit, Deutschland jetzt durch den Territorialkonflikt im Osten wieder zu schwächen und zu demütigen. Die herausgestellte Präsenz Frankreichs spielte hier eine noch größere Rolle als die Schaffung eines Opferbildes von Deutschland. Die Demütigung war noch nicht vorbei, zeigte der Simplicissimus, solange Polen durch Frankreichs Hilfe geopolitische Vorteile hast.

Polens Stärke war nur aufgrund der äußeren Faktoren möglich, andernfalls hätte es seine mächtige dominierende Position verloren. Es wird als „kleiner Dieb“[19] [s. Abbildung 7] bezeichnet, der sich unter französischer Aufsicht verbirgt und nicht so unabhängig wie zuvor handeln kann.

Der Simplicissimus zeigt fast keine Personifizierung und echte politische Figuren aus Polen, mit einer Ausnahme – Józef Piłsudski. Zusammen mit Piłsudski scheint Polen das Erscheinungsbild zu verändern. Sein Porträt in der Ausgabe vom 13. April 1931[20] [s. Abbildung 8] zeigt einen Mann mit blutroten Händen, die sich auf die Repressionen während seiner Diktatur beziehen. Sogar der Teufel kommt aus der Hölle, um die „Methoden“ der Folter von Piłsudski zu preisen. Unter Piłsudski besteht keine Notwendigkeit, ein animalisches monströses Bild der Polen zu schaffen, da es ausreicht, ihn nur darzustellen.

Mit Beginn der 1930er-Jahre eskaliert das Bild des unvorhersehbaren Polen, seiner Aggression und irrationalen, unerklärlichen Natur, was mit der Gleichschaltung der Redaktion durch die nationalsozialistische Politik in März 1933 verbunden war. Die Entfremdung wächst, aus dem unentschlossenen und kleinen „Dieb“ verwandelt es sich in unerklärliches Übel. Wie in der Karikatur „Theatre-Frances“ vom 7. Mai 1933[21] [s. Abbildung 9]  ist Frankreich wieder die inspirierende Kraft, die die Bewegungen der Marionette manipuliert.

Dies ist eines der eindeutigsten Beispiele dieser Zeit, das zeigt, wie die Entstehung von Feindbildern von zwei Seiten konstruiert ist: die französische verlogene Natur und der aggressive polnische „Täter“. Die Rolle dieses Bildes besteht nicht nur darin, die Gefahr zu unterstreichen, sondern vielmehr die Notwendigkeit, sie zu stoppen, da sie das Leben aller Menschen gefährden würde.

Es entwickelt sich logisch in der nächsten Karikatur „Auch ein Völkerbund“ vom 29. Oktober 1933[22] [s. Abbildung 10], in dem Deutschland von den Alliierten umgeben ist, unter anderem Polen. In diesem Punkt ist die Bildsprache der metaphorischen Symbolik vorbei und die wirkliche Gefahr wird als militärische Überlegenheit angesehen. Dieses führte in der Realpolitik zum deutsch-polnischen „Nichtangriffspakt“ von 1934, der die zwei Staaten in eine mehr oder weniger gleiche Position setzte.

Polen ist nun häufiger als selbstständiger Spieler zu sehen. In der Karikatur „Frankreichs Besuch in Polen“ vom 13. Mai 1934 [Abbildung 11][23] gibt es zwei erwachsene und sehr ähnlich aussehende Adler, von denen einer Deutschland repräsentiert und der andere – Polen. Frankreich spricht nicht direkt mit Deutschland und nutzt Polen als Vermittler. Es gibt keine Viktimisierung oder Ungerechtigkeit mehr, es scheint, dass Deutschland sich weniger um seine Geheimpolitik kümmert, sondern seine eigenen Plane entwickelt.

Nach 1934 eskalierten die deutsch-polnischen Beziehungen aufgrund der NS-Propaganda, die viel dazu beigetragen hat. Auffällig ist aber die völlige Abwesenheit von Karikaturen über Polen in 1935–1938, die mehr als Ergebnis von dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 als die politische Opposition vom Simplicissimus zum NS-Regime trotz Gleichschaltung interpretiert werden kann. Anders sieht die Situation im entscheidenden Jahr des Kriegsbeginns 1939 aus, als der Simplicissimus mindestens 9 Karikaturen zum Thema Polen publiziert. Eine davon, „Polnischer Korridor“[24] vom 28. Mai 1939, zeigt, wie die Rhetorik der Bedrohung durch Polen erneut aufgenommen wurde. Die weibliche und friedliche Darstellung von Deutschland kontrastiert die erbärmliche Karikatur der polnischen Soldaten. „Korridor“ symbolisiert hier eine hinterlistige Natur Polens, dass das unbewaffnete Deutschland mit Waffe trifft, was alles andere als realitätsnah ist.

Eine der letzten vor dem Zweiten Weltkrieg im Simplicissimus veröffentlichten Karikaturen „John Bull und der polnische Adler“[25] [s. Abbildung 12] zeigte das personifizierte Großbritannien als John Bull, der den polnischen Adler in der Hand hält: „Soll ich Ihn fliegen lassen? Soll ich Ihn nicht fliegen lassen?“ Der polnische Adler hier wirkt schon um einiges gefährlicher als in früheren Darstellungen. Er ist bereit anzugreifen, zu jagen und wartet nur darauf, den Befehl zu erhalten. Obwohl er nun erwachsen ist, bleibt er immer noch eine Marionette.

Fazit

Die Evolution des Polenbilds birgt reiche Interpretationsmöglichkeiten.

Zuerst einmal ist die sichtbarste Tendenz die Eskalation durch eine Demetaphorisierung feststellbar. Die ersten abstrakten und symbolischen Figuren, die kindliche Darstellung, verwandeln sich in sprichwörtliche militarisierte Mann-mit-einer-Waffe-Bilder mit einer unmissverständlichen Bedeutung.

Zweitens: Polen als Vermittler-Staat zog das Ziel der deutschen Aggression nach dem Ersten Weltkrieg auf sich. Frankreich und die Großbritannien wurden zu „unerlaubten“ Zielen nach dem Ersten Weltkrieg, weshalb der Fokus auf Polen gerichtet wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Demütigung, von der Ex-Kolonie bedroht zu werden, die in der Vergangenheit staatenlos war, eine viel stärkere Wirkung hatte als französische oder britische Ungerechtigkeiten. Deshalb finden wir eine solche starke zweifellose Instrumentalisierung und Objektivation Polens.

Obwohl Polen als Feind dargestellt wird, gibt es auch einige Parallelen. Deutschland kam dem Verständnis, unterdrückt zu sein, näher. Jetzt stimmlos zu sein, erinnerte Deutschland an Polen im 19. Jahrhundert, in dem die nicht realisierte politische Macht zweifellos ihren Weg finden würde, sich zu zeigen.

Polen und Deutschland tauschten zwischen 1919 und 1939 die gewohnten Rollen aus im Film mit dem Namen „Zwischenkriegszeit“, und die symbolische Rache sollte sehr bald nach der letzten Karikatur über Polen im Jahr 1939 folgen.

 

Endnoten

[1] Hahn, Hans Henning: „Das Selbstbild und das Fremdbild – was verbindet sie? Überlegungen zur Identitätsfunktion von Stereotypen in der europäischen Geschichte“, in: Dąbrowska, Anna / Pisarek, Walery / Stickel, Gerhard (Hrsg.): Stereotypes and linguistic prejudices in Europe. Contributions to the EFNIL conference 2016 in Warsaw, Budapest 2017, S. 137-154, hier S. 142

[2] Roth, Klaus: „Bilder in den Köpfen”, in: Heuberger, Valeria (Hrsg.): Das Bild vom Anderen: Identitäten, Mentalitäten, Mythen und Stereotypen in multiethnischen europäischen Regionen,Frankfurt am Main [u.a.] 1998, S. 23.

[3] Spivak, Gayatri C: „The Rani of Sirmur. An Essay in Reading the Archives”, in: History and Theory24, 1985, S. 247-272; Bhabha, Homi: „The Other Question: the Stereotype and the Colonial Discourse”, in: Evans, Jessica et al. (Ed.), Visual Culture: The Reader, Sage 1999, S. 18-19.

[4] Kienemann, Christoph: Der koloniale Blick gen Osten, Paderborn 2018, S. 233.

[5] Zu diesem Thema gibt es auch das englischsprachige Buch von Kopp, Kristin: Germany's Wild East: Constructing Poland as Colonial Space, Michigan 2012. 

[6] Zitzewitz, Hasso von: Das deutsche Polenbild in der Geschichte. Entstehung – Einflüsse – Auswirkungen, Köln u.a. 1991. S. 30-32.

[7] Bsp.: Zitzewitz 1991, S. 34.

[8] Bsp.: Zitzewitz 1991, S. 37-40.

[9] Die Begriffe „Making/Unmaking of Nation“ wurde hier als Analogie zu „Ukrainisch-Russische Beziehung“ benutzt; darüber spricht Serhii Plokhy in seinem Buch Unmaking Imperial Russia: Mykhailo Hrushevsky and the Writing of Ukrainian History,Buffalo, N.Y. 2005.

[10] Broszat, Martin: 200 Jahre deutsche Polenpolitik, hrsg. von Gunthar Lehner, München 1963, S. 169.

[11] Heine, Thomas Theodor: Der polnische Adler, in: Simplicissimus, 21.11.1916, Jg. 21, Nr. 34, S. 425 (Titelseite).

[12] Gogol, Nikolaus: Sämtliche Werke: in 8 Bänden [Band 4]. München und Leipzig bei Georg Müller, 1910, S. 135.

[13] Ruchniewicz, Krzysztof: Die deutsch-polnischen Beziehungen 1918–1939, 9.7.2018, in: DIALOG FORUM Perspektiven aus der Mitte Europas (zuletzt aufgerufen am 24.10.2020).

[14] Gulbransson, Olaf: Der polnische Kläffer, in: Simplicissimus, 7.7.1920, Jg. 25, Nr. 15, S. 210.

[15] Gulbransson, Olaf: Finis Poloniae, in: Simplicissimus, 4.8.1920, Jg. 25, Nr. 19, S. 265.

[16] Kubin, Alfred: Polacken, in: Simplicissimus, 16.3.1921, Jg. 25, Nr. 51, S. 674.

[17] Schulz, Wilhelm: Der Sieg in Oberschlesien, in: Simplicissimus, 13.4.1921, Jg. 26, Nr. 3, S. 25 (Titelseite).

[18] Schulz, Wilhelm: Oberschlesien, in: Simplicissimus, 20.4.1921, Jg. 26, Nr. 4, S. 49.

[19] Schulz, Wilhelm: Danzig und Schleswig, in: Simplicissimus, 17.9.1923, Jg. 28, Nr. 25, S. 312.

[20] Heine, Thomas Theodor: Pilsudskis Musterleistungen, in: Simplicissimus, 13.4.1931, Jg. 35, Nr. 42, S. 493 (Titelseite).

[21] Schilling, Erich: Theatre-Frances, in: Simplicissimus, 7.5.1933, Jg. 38, Nr. 06, S. 64.

[22] Schilling, Erich: Auch ein Völkerbund, in: Simplicissimus, 29.10.1933, Jg. 38, Nr. 31, S. 366.

[23] Arnold, Karl: Frankreichs Besuch in Polen, in: Simplicissimus, 13.5.1934, Jg. 39, Nr. 7, S. 73 (Titelseite).

[24] Thöny, Eduard: Polnischer Korridor, in: Simplicissimus, 28.5.1939, Jg. 44, Nr. 21, S. 244.

[25] Schilling, Erich: John Bull und der polnische Adler, in: Simplicissimus, 21.5.1939, Jg. 44, Nr. 20, S. 229 (Titelseite).

Autorin

Maria Kovalchuk


Erschienen am 23.11.2020