Der ‚deutsche Osten‘ in der Karikatur

 

‚Grenzlanddeutschtum‘, ‚Auslandsdeutschtum‘, ‚Sudetendeutsche‘, ‚Baltendeutsche‘, ‚Memeldeutsche‘ – das sind nur einige von zahlreichen Bezeichnungen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Geschichtsschreibung in Bezug auf die deutschen Siedlungen in Osteuropa geprägt haben. Obwohl die deutsche Präsenz in Teil des östlichen Europa seit dem Mittelalter außer Zweifel steht, war es der Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, der dieses ursprünglich aus wirtschaftlichen Gründen entstandene Miteinander zum Gegeneinander machte.[1] Mit der Aufklärung etablierte sich im Westen einerseits das Bild des unzivilisierten und rückständigen „Osteuropas“. Andererseits entstand um 1800 der deutsche Ostmythos, der die Deutschen als die einzige treibende Kraft in Osteuropa darstellte. So wurde ein kolonialer Diskurs über Osteuropa konstruiert, der die deutsche Vorherrschaft in der Region zu legitimieren hatte.[2]

Mit dem Aufkommen der Massenpresse, der wachsenden Dominanz der nationalen Identität und den steigenden internationalen Spannungen um die Jahrhundertwende beeinflussten dieser Diskurs und die ihm zugrundeliegenden Stereotypen immer stärker das politische Handeln und das öffentliche Leben.[3] Das lässt sich am Beispiel der Zeitschrift Simplicissimus illustrieren, einer der prominentesten deutschen politisch-satirischen Wochenschriften, die im Fokus des folgenden Beitrags steht. „Osteuropa“ war im Magazin mehr als präsent und landete nicht selten auf der Titelseite. Dabei bedienten sich die Karikaturisten nationaler Stereotypen, stellten anschaulich die existierenden Vorurteile dar und trugen so zur Kontinuität des deutschen Diskurses über Osteuropa bei.

Stereotypen sind „Bilder in unseren Köpfen“,[4] sich oft wiederholende Verallgemeinerungen, die menschliche Gruppen betreffen, Werturteile darstellen und auf vorgeprägten Vorstellungen basieren.[5] Es handelt sich um ein Deutungsmuster, das die Wahrnehmung der Realität prägt, weshalb Stereotypen viel mehr über die Identität ihrer Träger erzählen als über die Objekte der Stereotypisierung selbst. Diese Identität wird durch die Konstruktion von Wir- und Sie-Gruppen gestärkt, was aufgrund der entsprechenden Auto- und Heterostereotypen erfolgt. Genau dieses Zusammenspiel von Selbst- und Fremdbildern sorgt für das „Othering“und prägt den deutschen Diskurs über Osteuropa. Das Autostereotyp der Deutschen funktioniert dabei als ein Bezugspunkt, verdeutlicht die Andersheit der Osteuropäer und ist somit zentral für die Analyse des deutschen Osteuropabildes.

Dieser Beitrag widmet sich dem deutschen Selbstbild im östlichen Europa in der Karikatur und geht den Fragen nach, wie im Simplicissimusdie deutschen ethnischen Gruppen in Ostmitteleuropa und Baltikum dargestellt wurden, welche Funktion diese Darstellungen erfüllten und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelten.[6] Die Analyse konzentriert sich vor allem auf die Karikaturen, die explizit Deutsche abbilden, und verfolgt die Entwicklung des deutschen Eigenbildes vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in die NS-Zeit.

 

Deutsches Kaiserreich: die deutsche koloniale Mission im Osten

Im Jahr 1896 erschien die erste Simplicissimus-Ausgabe. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Deutsche Reich in der Zeit der wilhelminischen Weltpolitik, die den Ausbau des deutschen Kolonialreiches zum Ziel hatte. Der Aufstieg Deutschlands zur Kolonialmacht wurde jedoch durch die späte Gründung des Reiches und die größtenteils abgeschlossene Verteilung der Welt erschwert, was dazu führte, dass Osteuropa neben den Übersee-Kolonien zu einer Sphäre der deutschen Kolonialinteressen wurde. Die Geschichte der deutschen Siedlungen in der Region wurde als eine Zivilisierungs- und Kulturmission umgedeutet. In den zeitgenössischen Vorstellungen waren es die Deutschen, die Wirtschaftswachstum und kulturelle Entwicklung nach Osteuropa brachten, während die Abnahme des deutschen Einflusses direkt zu dessen Verfall geführt habe. Der europäische Osten erschien in zeitgenössischen Schriften als ein leerer, herrenloser Raum, ein Bereich des Chaos, was für die zivilisierten Deutschen eine Bedrohung darstellte und deshalb die deutsche Vorherrschaft nicht nur legitimierte, sondern auch notwendig machte.[7] Um die Jahrhundertwende wurde dieser Kolonialdiskurs durch den neuen biologischen Rassismus noch verschärft und prägte die öffentliche Debatte über den ,deutschen Osten‘.

Der Gegensatz zwischen dem deutschen Autostereotyp des ‚Kulturträgers‘ und dem Heterostereotyp der ‚unzivilisierten Slaven‘ kommt in der Zeitschrift Simplicissimus wiederholt zum Ausdruck. Eine der besten und deutlichsten Illustrationen des herrschenden Diskurses ist die im Jahr 1904 erschienene Karikatur von Thomas Theodor Heine „Die wilden Czechen“[8] [s. Abbildung 1], die den deutsch-tschechischen Konflikt mit dem Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika vergleicht. Die Zivilisierung Böhmens sei noch eine schwierigere Aufgabe, die den Einsatz von deutschen Kolonialtruppen verlange. In dieser Darstellung tragen die Deutschen die „Bürde des weißen Mannes“ und müssen die Ordnung nach Böhmen bringen, während die affenartige Abbildung der Tschechen auf die Minderwertigkeit dieses Volkes und seine Unzivilisiertheit in den Augen des Karikaturisten verweist.

Auf die Prager Straßenkrawalle zwischen Tschechen und Deutschen 1908 reagierte Heine mit einer weiteren Zeichnung „Die Böhmische Hundswut“[9] [s. Abbildung 2], die ein vergleichbares Zusammenspiel von Selbst- und Fremdbildern darstellt. Der Deutsche erscheint hier als ein Ritter, der ruhig beobachtet, wie als tollwütige Tiere abgebildete Tschechen die deutsche Fahne zerreißen. Das Bild des Ritters greift auf die Geschichte der mittelalterlichen Ostsiedlung des Deutschen Ordens zurück, verkörpert in diesem Fall die Macht und Edelmut der Deutschen und betont ihre Überlegenheit im Gegensatz zu den Tschechen, deren Bild hier bewusst verzerrt wird. Diese Karikatur zeigt unter anderem, wie einfach die Vergangenheit mit einbezogen wird, um Kontinuitäten in der Geschichte zu konstruieren und Auto- und Heterostereotypen zu rechtfertigen.

Im Mittelpunkt des deutschen Kolonialdiskurses standen auch die polnisch besiedelten Ostprovinzen des Reiches – Westpreußen, Posen und Schlesien. Eine zentrale Stellung nahm dabei das Stereotyp der ‚polnischen Wirtschaft‘ ein, das für die Rückständigkeit Polens steht. Solche klischeehaften Vorstellungen konstruierten Bedrohungsängste vor einer potenziellen ‚Polonisierung‘ und wurden ausgenutzt, um die innere Kolonisation in den Ostgebieten des Reiches durchzusetzen. Seit 1886 förderte der Staat finanziell deutsche Ansiedlungen in Westpreußen und Posen, um das „deutsche Element“ dort zu stärken,[10] und als es nicht mehr genug polnische Grundstücke zum Ankauf gab, trat 1907 das Enteignungsgesetz in Kraft. Die Ostprovinzen wurden zunehmend als ‚Kampfgebiete‘ des Nationalitätenkonflikts gesehen.

Der Simplicissimusdistanzierte sich jedoch von dieser reinen Schwarz-Weiß-Darstellung und reagierte kritisch auf die Polenpolitik des Kaiserreiches. Solch eine Einstellung kann man zum einen auf die bürgerlich-liberale Tradition des Blattes, das sich gegen die Unfreiheit des wilhelminischen Systems einsetzte, und zum anderen auf seine süddeutsche Prägung zurückführen, weshalb gerade der preußischen Administration die Unterdrückung der Minderheiten vorgeworfen wurde.[11] Die Ablehnung der Ansiedlungspolitik und des Enteignungsgesetztes äußert beispielweise die Zeichnung von Wilhelm Schulz[12], in welcher die „preußischen Agrarier“ durch Betrug an polnischen Bauern und ihrer Diskriminierung profitieren. Diese teilweise kritische Auseinandersetzung mit dem dominierenden deutschen Eigenbild in Osteuropa stellt eine Besonderheit der wilhelminischen Epoche dar und geht mit der Enttäuschung über den Kriegsausgang endgültig zur Neige.

 

Die Weimarer Republik: die deutsche Minderheit in Osteuropa in Gefahr

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg stellte eine höchst frustrierende Erfahrung für Deutschland dar. Die Siegermächte diktierten im Versailler Vertrag und den anderen Pariser Vorortverträgen (1919–1920) die Friedensbedingungen, die die Verlierer deutlich benachteiligten und für Deutschland enorme Reparationszahlungen und massive Gebietsverluste bedeuteten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde zum Hauptprinzip der Neuordnung in Europa erklärt und brachte neue Nationalstaaten hervor, unter anderem Polen, die Tschechoslowakei sowie die baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen. Millionen Deutsche, die noch vor kurzem eine führende Position in Ostmitteleuropa hatten, bildeten jetzt Minderheiten und wurden der Politik der Integration und Nationsbildung der jeweiligen Staatsvölker ausgesetzt.

Diese veränderten Machtverhältnisse, der Zusammenbruch des Kaiserreiches und der Verlust von Kolonien bedeuteten jedoch nicht das Ende des Kolonialdiskurses im Hinblick auf Osteuropa. Der Krieg als kollektive Erfahrung ist stark mit Emotionen aufgeladen und fungiert als ein stereotypbildender Faktor.[13] Außerdem bestand nach dem Kriegsverlust ein erhöhter Bedarf an Selbstidentifikation und die existierenden Klischees halfen, durch die Abgrenzung gegen Fremde, eine Surrogat-Identität zu bilden.[14] Deshalb kann man von einer Kontinuität des deutschen Osteuropa-Diskurses und sogar von dessen Verfestigung in der Zwischenkriegszeit sprechen. Die vorherrschenden Stereotypen über die zweitrangigen, unzivilisierten Völker Osteuropas stärkten die Ablehnung des Versailler Vertrags als „Schanddiktat“ und legitimierten das Streben nach seiner Revision, die zu einem außenpolitischen Hauptziel der Weimarer Republik wurde.[15]

Die nationalen Stereotype[16] wurden zum wichtigen Instrument des politischen Kampfes auch im Simplicissimus, der sich eindeutig gegen die neue Ordnung in Europa wandte. Eins der am heißesten diskutierten Themen direkt nach dem Krieg stellte die Grenzziehung dar, wobei der neue polnische Staat zum Hauptgegner wurde. Während Deutschland nach dem Versailler Vertrag 1919 große Teile der Provinzen Posen und Westpreußen bedingungslos an Polen abtreten musste, sollte über das Schicksal von Oberschlesien in einer Volksabstimmung entschieden werden, was auf beiden Seiten eine aktive Wahlagitation hervorbrachte. Die Karikaturisten des Simplicissimus beteiligten sich an ihr sehr aktiv und bedienten sich nicht zuletzt des Selbstbild-Fremdbild Gegensatzes. Zunächst nutzten sie die stereotypisierten Vorstellungen von der ‚deutschen und polnischen Wirtschaft‘, was zum Beispiel anhand der Zeichnung von Karl Arnold „Lockruf an Oberschlesien“[17] [s. Abbildung 3] zu sehen ist. Das bunte, schöne Bild des wohlhabenden und ordentlichen deutschen Haushalts steht hier im Kontrast zum armen, schmutzigen und verwüsteten Polen, das versucht, die Stimmen der Oberschlesier zu gewinnen. Diese Karikatur zeigt unter anderem die Resistenz des Stereotyps: obwohl Deutschland sich selbst nach dem Krieg in einer tiefen Wirtschaftskrise befand, blieb das Eigenbild des Trägers der Kultur und Ordnung unverändert.

Das mit Abstand am stärksten verbreitete Narrativ dieser Zeit war jedoch die Bedrohung für die Deutschen in Osteuropa und ihre Unterdrückung. Die Zeichnung von Erich Schilling[18] stellt zum Beispiel dar, wie ein Deutscher in Oberschlesien seine Stimme unter Waffengewalt der Polen abgeben muss. Das Bild des schutzlosen Deutschen im Gegensatz zum gewalttätigen Osteuropäer sollte in diesem Fall die Ungerechtigkeit der Grenzziehung hervorheben und den möglichen Ausgang der Abstimmung zugunsten Polens delegitimieren. In der Tat verlor Deutschland infolge der Volksabstimmung am 20. März 1921 zwar nur ein Drittel des oberschlesischen Gebiets, aber damit zwei Drittel des Industriepotenzials der Region, was äußerst kritisch gesehen wurde und den Nationalitätenkonflikt erhitzte. Einen weiteren Brennpunkt bildete Danzig, das mehrheitlich von Deutschen bewohnt war. Laut dem Versailler Vertrag wurde dieser wichtige Ostseehafen zur Freien Stadt Danzig unter das Protektorat des Völkerbundes gestellt und später in das polnische Zollgebiet einbezogen.[19] Einen Beitrag zur Propagandakampagne gegen diese Entscheidung trug zum Beispiel die Karikatur „Danzig und Schleswig“[20] [s. Abbildung 4] bei. Justitia, die allegorische Darstellung der Gerechtigkeit, ihrer Attribute beraubt, hängt mit geschlossenen Augen am Galgen, während sich in Danzig die „polnische Kriminalität“ ausbreitet. Das Symbol der Gerechtigkeit wird auf die deutsche Nation übertragen, deren Benachteiligung schädliche Folgen mit sich bringe. Interessanterweise bewirkte der Verlust einer weiteren deutschen Hafenstadt, Memel (lit. Klaipėda), keine vergleichbare Reaktion. Ein Grund dafür mag die geografische Entfernung sein: in Süddeutschland wurde die Situation im Baltikum im Vergleich zum Grenzkampf mit Polen und der ČSR anscheinend nicht als ein akutes Problem wahrgenommen. Außerdem gehörte das Baltikum vor dem Ersten Weltkrieg zum Russländischen Reich und bedeutete somit für Deutschland, mit Ausnahme von Memel, keine territorialen Verluste. Die Mobilisierung der Memeldeutschen erfolgte im Simplicissimus erst im Rahmen der NS-Propaganda.

Das Motiv der Bedrohung dominierte die gesamte Zwischenkriegszeit hindurch und war zentral vor allem bei der Debatte über den Minderheitenschutz. Da das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht konsequent angewendet wurde, brachte die durch den Versailler Vertrag geschaffene Staatenordnung erhebliche Minderheiten in den neuen Staaten Ostmitteleuropas hervor. In den Pariser Vorortverträgen mussten sie sich daher zum Minderheitenschutz unter der Kontrolle des Völkerbunds verpflichten. Diese internationalen Garantien waren weitgehend ineffizient, dennoch stellten sie eines der wenigen völkerrechtlichen Mittel dar, die den Deutschen zur Verfügung standen. So sah sich Deutschland zunehmend als Verteidiger der Minderheitenrechte in Europa und zielte dabei auf die Anerkennung der Rechte der deutschen Minderheiten und die Revision der Grenzziehung ab.[21] Um diese Politik zu legitimieren, wurden die Umstände immer stärker als unerträglich geschildert und die Untätigkeit des Völkerbundes betont. Eine passende Illustration dafür stellt die Karikatur „Im Schutz des Völkerbundes“[22] dar, die die gewaltsame Vertreibung der schutzlosen Deutschen aus Oberschlesien zeigt. Das Motiv der Flucht veranschaulicht zusätzlich das Gefühl der Heimatlosigkeit, das auch kennzeichnend für das deutsche Eigenbild in der Zwischenkriegszeit war.

Auch in der neugegründeten Tschechoslowakischen Republik fanden sich im Jahr 1918 drei Millionen Deutsche wieder. Und obwohl die Mehrheit davon sich eigentlich lange Zeit loyal gegenüber diesem neuen slawischen Staat verhielt, wurde die deutsche Minderheit überwiegend als heimatlos und gefährdet dargestellt. Zu dieser Zeit wurde der am Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Begriff ,Sudetendeutsche‘ zur Kollektivbezeichnung der deutschen Bürger, die in den Randgebieten der Tschechoslowakei wohnten.[23] Im Oktober 1918, als die ČSR proklamiert wurde, entstanden die Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland, die zusammen mit zwei Kreisen Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren den Anschluss an das Deutsche Reich anstrebten. Die Gebiete wurden jedoch durch die tschechoslowakischen Militärkräfte wieder unter Kontrolle gestellt, und mit der Unterstützung der Siegermächte wurden die Grenzen zugunsten der ČSR festgelegt. Gerade diese Unterstützung der neuen ostmitteleuropäischen Staaten seitens der Siegermächte und vor allem ihr Bündnis mit Frankreich bereitete der Weimarer Republik große Sorgen, was auch die Karikatur von Wilhelm Schulz „Der französisch-tschechische Geheimvertrag“[24] [s. Abbildung 5] wiederspiegelt. Der ‚deutsche Michel‘, der in seiner typischen Schlafmütze das lächerliche Selbstbild der Deutschen im 19. Jahrhundert darstellte, ist hier als ein fleißiger, schutzloser Bauer zu sehen, der durch fremde Waffen aller Art eingeschlossen steht. Das Selbstbild des unterdrückten Volkes weist unter anderem darauf hin, dass die Deutschen keine Aggressoren, sondern Opfer der äußeren Aggression seien. Da der Versailler Vertrag allein Deutschland und seinen Verbündeten die Kriegsschuld zuwies, war die Schaffung von Gegenbildern ein wichtiger Teil der deutschen Kampagne gegen das „Versailler System“.[25]

Bereits in der Außenpolitik der Weimarer Republik wurden also die deutschsprachigen Minderheiten in den neuen Staaten Ostmitteleuropas instrumentalisiert. Mit dem Verlust des Einflusses in der Region rückte das deutsche Autostereotyp des Kulturträgers und der Zivilisierungsmacht in den Hintergrund und das Selbstbild wurde zunehmend im Gegensatz zu den aggressiven Osteuropäern definiert, was die Ungerechtigkeit der Nachkriegsordnung beweisen sollte. Das Narrativ der Bedrohung legitimiere schließlich die Ansprüche auf die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Nachbarstaaten unter dem Vorwand des Minderheitenschutzes. Das wurde jedoch erst in den 1930er-Jahren ausgenutzt, als die deutschen Minderheiten zu einem wichtigen Instrument der NS-Propaganda wurden.

 

Nationalsozialismus: auf dem Weg zur Wiederherstellung der deutschen Vorherrschaft in Ostmitteleuropa

Hitlers Vorstellungen von Osteuropa wurden zum einen von den Revanchegedanken der Weimarer Republik geprägt, und zum anderen stellten sie eine gewisse Fortsetzung des Kolonialdiskurses des Deutschen Kaiserreiches dar. Die Ideologie des Nationalsozialismus und der radikale Rassismus brachten dies jedoch auf ein neues Niveau und mündeten in eine aggressive Revisionspolitik. Zum Hauptziel in den 1930er-Jahren wurde zunächst die Zusammenfassung aller Deutschen, einschließlich der Minderheiten, in einem großdeutschen Staat. Anschließend wurden die Ostkolonisation und somit die Errichtung eines deutschen ‚Lebensraums‘ im Osten vorgesehen. Nun lag jedoch das Interesse des Dritten Reiches in erster Linie auf der wirtschaftlichen Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskraft.

Infolge der Gleichschaltung wandelte sich der Simplicissimus ab 1933 zu einem Propaganda-Instrument des Hitlerregimes, weshalb die auf Osteuropa bezogenen Karikaturen nun den politischen Zielen der Regierung dienten. Das erklärt unter anderem das Verschwinden des Polenbildes aus dem Magazin nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes 1934. Dieser Schritt sollte die wahren Ziele Hitlers verschleiern und die deutsche Bereitschaft zur Versöhnung mit Polen demonstrieren. Dieses Schaubündnis bildet Eduard Thöny[26] als eine Friedenstaube mit den Staatswappen beider Länder ab, die über den verwunderten Beobachtern fliegt. Die Symbole von Frieden – Friedensstaube, Friedensengel[27] und Palmzweig[28] waren typisch für das deutsche Eigenbild in der NS-Zeit und dienten dazu, die Westmächte über die aggressiven Absichten hinwegzutäuschen.

Anstelle von Polen rückten die Tschechoslowakei und der wachsende Konflikt zwischen Tschechen und Sudetendeutschen ins Visier des Simplicissimus. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, von der die sudetendeutschen Siedlungsgebiete stark betroffen waren, trug wesentlich zur Verschärfung des deutsch-tschechischen Gegensatzes bei. Die Etablierung der NS-Herrschaft führte zusätzlich zur politischen Radikalisierung der deutschen Minderheit in der ČSR und 1933 zur Gründung der Sudetendeutschen Heimatfront (SHF), der späteren Sudetendeutschen Partei (SdP), die sich als völkisches Sammelbecken verstand. Nach den Parlamentswahlen 1935 wurde die SdP zur stärksten Partei im Land und seitdem immer mehr von Hitler als Instrument zur Zerschlagung der Tschechoslowakei gesehen.

Ein Bedürfnis nach der Legitimation dieser Politik brachte zahlreiche stereotypisierte Selbst- und Fremdbilder hervor. Die Karikatur „Zeitschriften-Massenverbot in der Tschechoslowakei“[29] [s. Abbildung 6] von Wilhelm Schulz spielte wieder auf das Narrativ der Bedrohung an. Auf der einen Seite bildete Schulz den tschechischen Panzer ab, der die deutsche Presse als eine Gefahr für den tschechoslowakischen Staat angreift, auf der anderen – die ordentlichen, unschuldigen deutschsprachigen Bürger mit unpolitischen Zeitschriften in den Händen. Dadurch stellte der Karikaturist die Maßnahme der tschechoslowakischen Regierung als absurd dar, betonte die Unterdrückung der deutschen Minderheit und wies die Schuld an der Eskalation des Konfliktes der tschechischen Seite zu. Ein weiteres Motiv war die Darstellung der erbärmlichen Lebensumstände sudetendeutscher Familien, die in Armut am Rande der Hungersnot leben. Die Zeichnung „Sudetendeutscher Advent“[30] verstärkte die Wirkung solcher Bilder mit dem zusätzlichen Verweis auf die Adventszeit. Solche Propagandakampagnen machten die Einmischung in die ČSR nur zu einer Frage der Zeit. Um eine militärische Konfrontation in der „Sudetenkrise“ zu vermeiden, stimmten Großbritannien und Frankreich der Abtretung der tschechoslowakischen Randgebiete an Deutschland zu, was mit der Unterzeichnung des Münchner Abkommens am 29. September 1938 erfolgte. Wilhelm Schulz nannte es die Erlösung „von der Schmach“ und sein ruhevolles, friedliches Bild des von Rübezahl bewachten Riesengebirges[31] präsentiert das erzielte Ergebnis als die Wiederherstellung von Ordnung und Gerechtigkeit. Dies impliziert erneut die Selbstwahrnehmung der Deutschen als Kultur- und Ordnungsträger.

Eine vergleichbare Instrumentalisierung der deutschen Minderheit fand im Memelgebiet statt, wo die deutsche Bevölkerung über 70 Prozent der Bevölkerung ausmachte. Das Memelland wurde 1923 von Litauen eingegliedert und nach dem Memelstatut 1924 zu einem autonomen Gebiet unter der Souveränität Litauens. Die Siegermächte sowie der Völkerbund garantierten seinen Sonderstatus. Kurz danach, 1926, kam es jedoch zur Etablierung der litauischen Militärdiktatur von Antanas Smetona, der die Autonomie des Memelgebietes einschränkte. Genau wie in der Tschechoslowakei radikalisierte sich die Lage in Memel nach 1933. Trotz der Maßnahmen gegen die NS-Propaganda, konnte sich die deutsche Partei Memelländische Einheitsliste durchsetzen. Bei den Landtagswahlen 1935 und 1938 erhielt sie über 80 Prozent der Stimmen und forderte den Anschluss an das Deutsche Reich, der am 22. März 1939 erfolgte.

Blieb der Simplicissimus in den 1920er-Jahren gleichgültig gegenüber dem Schicksal des Memelgebiets, erschienen in den Jahren 1934–1935 mehrere Karikaturen, die die anti-deutsche Politik Litauens stark kritisierten. Die Zeichnung „Die folgsamen Litauer“[32] [s. Abbildung 7] zeigte die Unterdrückung der Memeldeutschen seitens der Litauer, die hier als aggressive Wölfe dargestellt wurden, und verwies damit auf die Verstöße gegen die Memelkonvention sowie die Bedeutungslosigkeit internationaler Garantien. Genau wie in der Tschechoslowakei sorgten solche Schilderungen für die Legitimation der späteren Abtretung des Gebiets an Deutschland. Nach dem Sieg der deutschen Partei 1935 kehrte das Motiv der Überlegenheit in der Selbstdarstellung zurück. Erich Schilling[33] [s. Abbildung 8] machte es deutlich durch den optischen Kontrast des riesigen Deutschen und des kleinen wütenden Litauers.

Der letzte Schritt auf dem Weg zur Schaffung einer Neuordnung in Ostmitteleuropa unter deutscher Vorherrschaft war die Besetzung Polens in den ersten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Damit wurde das Problem der deutschen Minderheiten in der Region als gelöst angesehen, und ihr Bild verschwand von den Seiten des Simplicissimus. Die Karikatur „Warschau wird desinfiziert“[34] [s. Abbildung 9] aus dem Jahr 1939 veranschaulichte schließlich die neue Art der deutschen Mission im Osten: die Zivilisierung wurde endgültig durch die Säuberungs- und Vernichtungspolitik ersetzt.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das deutsche Selbstbild in Osteuropa im Simplicissimus stark durch stereotypisierte Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden geprägt wurde. Dies spiegelte sich im deutschen Kolonialdiskurs über Osteuropa, der eine Kontinuität für den ganzen untersuchten Zeitraum darstellte. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Autostereotyp des Kulturträgers, das im Kontrast zu den ‚unzivilisierten‘, ‚wilden‘, 'rückständigen‘ Osteuropäern stand. Diese Interaktion der Selbst- und Fremdbilder übte zum einen eine wichtige integrierende Funktion aus: durch die Abgrenzung gegenüber fremden Völkern stärkte sie die nationale Identität der Deutschen, was angesichts der Krisen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts von besonderen Bedeutung war. Zum anderen erfolgte auf diese Weise die Rechtfertigung der Territorial- und Machtansprüche der Deutschen, deren Suprematie im europäischen Osten bewahrt beziehungsweise erkämpft und wiederhergestellt werden sollte.

Das deutsche Eigenbild basierte jedoch nicht nur auf vorgeprägten Vorstellungen, sondern war auch von konkreten politischen Ereignissen abhängig und stellte in diesem Sinne ein Produkt seiner Zeit dar. Die Staatenordnung nach dem Ersten Weltkrieg brachte erhebliche deutsche Minderheiten in Ostmitteleuropa hervor, die nun weitgehend von der Außenpolitik Deutschlands instrumentalisiert wurden. Zu diesem Ziel wurden bestimmte Narrative geschaffen, an deren Etablierung auch die Karikaturisten des Simplicissimus aktiv mitwirkten. Die ‚Bedrohung‘, ‚Verdrängung‘, ‚Flucht‘ und ‚Not‘ der deutschen Bevölkerung in Ostmitteleuropa im Gegensatz zur ‚Aggression‘, ‚Betrug‘ und ‚Ungerechtigkeit‘ seitens der Tschechen, Polen und Litauer legitimierten die Revision des Versailler Vertrags, was letztendlich den Weg in den Zweiten Weltkrieg ebnete.

 

Endnoten

[1] Vgl. Dralle, Lothar: Die Deutschen in Ostmittel- und Osteuropa, Darmstadt 1991, S. 173.

[2] Vgl. Kienemann, Christoph: Der koloniale Blick gen Osten, Paderborn 2018, S. 18f.

[3] Vgl. Hahn, Hans Henning: „Stereotypen in der Geschichte und Geschichte im Stereotyp“, in: Hahn, Hans Henning (Hrsg.): Historische Stereotypenforschung, Oldenburg 1995, S. 190–204, hier S. 198.

[4] Lippmann, Walter / Noelle-Neumann, Elisabeth: Die öffentliche Meinung, Bochum 1990.

[5] Vgl. Hahn, Hans Henning: „Das Selbstbild und das Fremdbild – was verbindet sie? Überlegungen zur Identitätsfunktion von Stereotypen in der europäischen Geschichte“, in: Dąbrowska, Anna / Pisarek, Walery / Stickel, Gerhard (Hrsg.): Stereotypes and linguistic prejudices in Europe. Contributions to the EFNIL conference 2016 in Warsaw, Budapest 2017, S. 137–154, hier S. 141.

[6] Zur Darstellung der deutschen Minderheit in der Sowjetunion im Simplicissimus siehe „Zwischen Skylla und Charybdis: Wolgadeutsche in der Zwischenkriegszeit“ von Maria Bauer.

[7] Vgl. Kienemann 2018, S. 101.

[8] Heine, Thomas Theodor: Die wilden Czechen, in: Simplicissimus, 29.3.1904, Jg. 9, Nr. 1, S. 9.

[9] Heine, Thomas Theodor: Die Böhmische Hundswut, in: Simplicissimus, 14.12.1908, Jg. 13, Nr. 37, S. 621.

[10] Vgl. Dralle 1991, S. 197.

[11] Vgl. Schulz-Hoffmann, Carla: Simplicissimus: eine satirische Zeitschrift, München 1896–1944. Haus der Kunst München, 19. November 1977 - 15. Januar 1978, München 1977, S. 96 u. 135.

[12] Schulz, Wilhelm: Wie preußische Agrarier das Deutschtum stärken, in: Simplicissimus, 17.2.1908, Jg. 12, Nr. 47, S. 766.

[13] Vgl. Hahn 1995, S. 195.

[14] Vgl. Werner, Marike: „'Treuloser Westen' – 'Primitiver Osten': literarische Bilder vom deutsch-polnischen Grenzland zwischen den Kriegen“, in: Haberland, Detlef (Hrsg.): „Die Grossstadt rauscht gespenstisch fern und nah“. Literarischer Expressionismus zwischen Neisse und Berlin, Berlin 1995, S. 11–30, hier S. 14.

[15] Zur Analyse der Heterostereotypen über die ostmitteleuropäischen Staaten im Simplicissimus siehe „Die Sicht des Simplicissimus auf den Aufbau von Nationalstaaten in Polen und der Tschechoslowakei“ von Martha Schmidt.

[16] Für einen umfassenderen Überblick über die Darstellung der deutsch-polnischen Beziehungen im Simplicissimus siehe „Zwischen Satire und Agitation“ von David Swierzy.

[17] Arnold, Karl: Lockruf an Oberschlesien, in: Simplicissimus, 16.3.1921, Jg. 25, Nr. 51, S. 673 (Titelseite).

[18] Schilling, Erich: Abstimmung in Oberschlesien, in: Simplicissimus, 1.1.1921, Jg. 25, Nr. 40, S. 543 (Titelseite).

[19] Szarota, Tomasz: „Danzig in der deutschen Karikatur (1919-1939). Ein Beitrag zum Polenbild“, in: Rexheuser, Rex / Bömelburg, Hans-Jürgen / Eschment, Beate (Hrsg.): „Der Fremde im Dorf“. Überlegungen zum Eigenen und zum Fremden in der Geschichte. Rex Rexheuser zum 65. Geburtstag, Lüneburg 1998, S. 283–306.

[20] Gulbransson, Olaf: Danzig und Schleswig, in: Simplicissimus, 17.9.1923, Jg. 28, Nr. 25, S. 312.

[21] Eisler, Cornelia: „Minderheiten als volkskundliches Kompetenzfeld? Das Konzept des ‚Grenz- und Auslandsdeutschtums‘ in der Weimarer Republik“, in: Eisler, Cornelia / Göttsch-Elten, Silke (Hrsg.): Minderheiten im Europa der Zwischenkriegszeit, Münster 2017, S. 43–65, hier S. 49f.

[22] Schulz, Wilhelm: Im Schutz des Völkerbundes, in: Simplicissimus, 28.6.1922, Jg. 27, Nr. 13, S. 196.

[23] Vgl. Petersen, Hans-Christian / Weger, Tobias: „Neue Begriffe, alte Eindeutigkeiten? Zur Konstruktion von ‚deutschen Volksgruppen‘ im östlichen Europa“, in: Weber, Matthias (Hrsg.): Nach dem Großen Krieg 1918-1923, München 2017, S. 177–198, hier S. 189.

[24] Schulz, Wilhelm: Der französisch-tschechische Geheimvertrag, in: Simplicissimus, 7.4.1924, Jg. 29, Nr. 2, S. 17 (Titelseite).

[25] Wie der Simplicissimus mit der Kriegsschuldfrage umging siehe „Mit Satire durch den Weltkrieg? – Die Antwort des Simplicissimus auf die Kriegsschuld-frage“ von Leon Wohlleben.

[26] Thöny, Eduard: Sensation in Genf, in: Simplicissimus, 18.2.1934, Jg. 38, Nr. 47, S. 563.

[27] Siehe z. B.: Arnold, Karl: Der Friede am Scherenfernrohr, in: Simplicissimus, 28.8.1938, Jg. 43, Nr. 34, S. 404.

[28] Siehe z. B.: Gulbransson, Olaf: Nach der Wahl im Memelland, in: Simplicissimus, 6.10.1935, Jg. 40, Nr. 28, S. 336.

[29] Schulz, Wilhelm: Zeitschriften-Massenverbot in der Tschechoslowakei, in: Simplicissimus, 16.7.1933, Jg. 38, Nr. 16, S.189.

[30] Schulz, Wilhelm: Sudetendeutscher Advent, in: Simplicissimus, 15.12.1935, Jg. 40, Nr. 38, S. 448.

[31] Schulz, Wilhelm: Sudetenland, in: Simplicissimus, 25.10.1938, Jg. 43, Nr. 42, S. 505.

[32] Schilling, Erich: Die folgsamen Litauer, in: Simplicissimus, 13.10.1935, Jg. 40, Nr. 29, S. 337.

[33] Schilling, Erich: Wahlergebnis im Memelland, in: Simplicissimus, 27.10.1935, Jg. 40, Nr. 31, S. 372.

[34] Schulz, Wilhelm: Warschau wird desinfiziert, in: Simplicissimus, 5.11.1939, Jg. 44, Nr. 44, S. 525.

Autorin

Polina Chuprova


Erschienen am 2.12.2020