1. Frankreich im Jahr 1968

Noch im März 1968 schrieb Le Monde von einer „ausgeprägten Langeweile“, die Frankreich ergriffen habe. In einem über die Landesgrenzen hinweg berühmt gewordenen Leitartikel war zu lesen, dass im Rest der Welt Studierende massenhaft gegen ernstzunehmende Missstände demonstrierten. Die Pariser Studentinnen und Studenten hielten sich jedoch mit der Frage auf, ob in den Wohnheimen der Universität Nanterre Mädchen und Jungen die Schlafräume teilen dürften. In der Tat erschien Frankreich zu Beginn des Jahres 1968 an der Oberfläche ziemlich ruhig. Tatsächlich brodelte es im Untergrund, und es dauerte nicht lange, bis sich die angestaute Frustration entlud. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai erlebte die Fünfte Französische Republik eine der brutalsten Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und der Staatsmacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 48 Stunden später mit ca. 800 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine der größte Demonstration ihrer Geschichte.

Die Maiunruhen, die sich keinesfalls ausschließlich auf die Hauptstadt beschränkten, gingen auf eine Reihe von Motiven zurück. Widerstand regte sich gegen den mit dem langjährigen Präsidenten Charles de Gaulle verbundenen Konservatismus (sog. Gaullismus), die erste Wirtschafskrise seit Kriegsende brachte eine Rezession, der Vietnam-Krieg geriet zunehmend in Kritik. Breite Teile der Bevölkerung, Studenten, Schüler und Arbeiter, aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters Odéon und Tänzerinnen und Tänzer der Pariser Opéra verliehen ihrem Unmut Ausdruck. Bernado Bertolucci, Regisseur des Films „The Dreamers“ (dt. „Die Träumer“) aus dem Jahr 2003, schreibt die Anfänge der Bewegung den Filmenthusiasten der Cinémathèque française zu. Die Streiks der Arbeiter der Garnier-Werke in Redon, die unter anderem gegen die bis dahin übliche 50-Stundenwoche aufbegehrten, und die Proteste der Studierenden an der Universität Nanterre gegen überkommene Strukturen sind jedoch als gleichberechtigte Quelle der französischen Protestbewegung anzusehen.

„L’imagination prend le pouvoir.“ (dt. „Phantasie an die Macht.”)
„Il est interdit d’interdire.“ (dt. „Es ist verboten zu verbieten.”)
„Le rêve est la réalité.“ (dt. „Der Traum ist Wirklichkeit.“)[1]

So lauteten einige der Parolen der Pariser Studentenunruhen, die mit der Affäre Missoffe ihren Anfang und mit Daniel Cohn-Bendit ihre Gallionsfigur fanden. Die nationale Studentengewerkschaft FNEF solidarisierte sich mit dem 22-jährigen Soziologiestudenten und Sohn jüdischer Emigranten, der nunmehr seine Ausweisung zu befürchten hatte, sodass es um „Dany le Rouge“ mit der „Bewegung des 22. März“ zur Gründung einer linken Campusgruppe und Ausweitung der Protestbewegung kam. Ein „Tag der allseitigen Diskussion“ führte zur Schließung der Universität Nanterre. Anlässlich eines Vortrags des Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) besetzten Studierende am 19. April den größten Saal der Philosophischen Fakultät. Solidaritätsbekundungen mit den deutschen Protestierenden „Gegen die Notstandspläne der Großen Koalition!“ wurden lautstark verabschiedet. Gerüchte um einen Angriff der rechtsradikalen Bewegung Occident (dt. Abendland) auf Cohn-Bendit ließen den Funken auf die Sorbonne überspringen. Am 6. Mai errichteten Studierende und Hochschullehrer erste Barrikaden und zogen zu Tausenden durch die Straßen von Paris. Die Liveübertragung durch mit Rundfunkwagen präsente Radiosender wie „Europe 1“ und „Radio Luxembourg“ sorgte für eine breite Anteilnahme und überwiegende Solidarisierung der französischen Bevölkerung. Gleichwohl beendete die Polizei am 11. Mai um 2:12 Uhr das Geschehen, räumte die Barrikaden und setzte Tränengasgranaten und Schlagstöcke ein, wogegen sich die Demonstrierenden mit dem Wurf von Pflastersteinen und Molotowcocktails zu wehren suchten. Die Bilanz des Straßenkampfes: viele hundert Verletzte, über 400 Festnahmen und verwüstete Straßen mit ausgebrannten Autos. Eine Massenkundgebung am 13. Mai offenbarte vor allem die tiefe Spaltung der französischen Linken mit linksradikalen und anarchistischen Gruppierungen auf der einen und Parteikommunisten und -sozialisten auf der anderen Seite. Frankreich wurde von einer Welle wilder Streiks erfasst. Ein von Ministerpräsident Georges Pompidou mit den Gewerkschaften ausgehandeltes Abkommen zur Erhöhung der Löhne vermochte zwar die Funktionäre zufriedenstellen, nicht aber die Fabrikarbeiter, die in einen andauernden Generalstreik traten.

Langeweile verspürten die Franzosen längst nicht mehr. Es war vor allem eine fehlende Perspektive auf Beendigung der chaotischen Zustände im Land, die ihre Solidarität zunehmend schwinden ließ. Während man in Prag um eine Reformierung des Sozialismus rang, war die französische Öffentlichkeit 1968 mit den turbulenten Ereignissen im eigenen Land beschäftigt. Am 30. Mai verkündete Charles de Gaulle, der am 24. Mai noch seine Bereitschaft zu einem Referendum und Reformen bekundet hatte, schließlich die Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen. Mit seiner eindeutigen Bestätigung im Amt durch die Parlamentswahlen im Juni – von denen aufgrund des Wahlalters von 21 Jahren die meisten Protestierenden ausgeschlossen blieben – kehrte de Gaulle vorrübergehend zu alter Stärke zurück. Frankreichs Linke hingegen blieb in sich zersplittert.

 

Verwendete Literatur:

Bracke, Maud Anne, „The Parti communiste français in May 1968 – The Impossible Revolution?” in: Martin Klimke, Jacco Pekelder & Joachim Scharloth (Hrsg.), Between Prague Spring and French May Opposition and Revolt in Europe, 1960-1980, New York 2011.

Frei, Norbert, 1968 Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008/2017.

Führer, Susanne, „Frankreich im Mai 1968“ in: deutschlandfunkkultur.de, 07.04.2008, http://www.deutschlandfunkkultur.de/frankreich-im-mai-1968.1308.de.html?dram:article_id=193558, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Pauli, Harald, „Politik ist Pornographie“ (Interview mit Bernado Bertolucci) in: focus.de, 12.01.2004, https://www.focus.de/kultur/medien/kultur-politik-ist-pornographie_aid_200437.html, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Schwarz, Peter, „Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich“ in: wsws.org, 21.05.2008, https://www.wsws.org/de/articles/2008/05/f68a-m21.html, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Wolff, Harriet „Kein Ereignis im klassischen Sinn“ (Interview mit Ludivine Bantigny) in: taz.de, 10.05.2018, http://www.taz.de/!5501347/#, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

 

Endnoten:

[1] Rohan, Marc, Paris ʼ68 Graffiti, Posters, Newspapers and Poems of the Events of May 1968, London 1988 zitiert nach Frei, Norbert, 1968 Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008/2017, 9.


2. „L'événement le plus tragique depuis la guerre“ – Der Prager Frühling im Spiegel der französischen Presse

Der französische Präsident Charles de Gaulle verfolgte 1968 eine an der Formel „détente, entente, coopération“ orientierte Außenpolitik, welche – wenn auch weniger aus ideologischen denn aus machtpolitischen Gründen – darin bestand, sich Moskau anzunähern und zugleich die Satellitenstaaten in ihrer Eigenständigkeit zu fördern (sog. „désatellisation“). Im Verhältnis zur Tschechoslowakei spielten zudem historische Ereignisse eine wichtige Rolle, besonders das Jahr 1918. Frankreich sah sich als „Geburtshelfer“ der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Ersten Tschechoslowakischen Republik und sich mit diesem Land folglich freundschaftlich verbunden. Entsprechend bestürzt reagierte die französische Presse im August 1968 Jahr auf den Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten in Prag.[1] Die konservative französische Tageszeitung Le Figaro wandte sich mit einem pragmatischen Angebot an ihre Leserschaft: „Kostenlose Kleinanzeigen zur Unterstützung für das tschechoslowakische Volk“[2]. Der Appell liest sich am schönsten im Original:

„Afin de donner aux lecteurs du ‚Figaro‘ la possibilité de manifester une sympathie efficace à l’égard des ressortissants tchécoslovaques résidant en France, ‚Le Figaro‘ ouvre une rubrique de petites annonces gratuites. Ces petites annonces permettront à nos amis tchèques de faire connaître leurs problèmes, et à nos lecteurs d’apporter à ces problèmes une solution.”[3]

Le Figaro wollte seinen Lesern also die Möglichkeit zu geben, den in Frankreich lebenden tschechoslowakischen Staatsbürgern ihr Mitgefühl zu zeigen. Diese Aktion für „unsere tschechischen Freunde“ zeigt, wie stark die französische Öffentlichkeit von der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühling erschüttert war.

In der vorliegenden Analyse wird die Berichterstattung der französischen Presse von der Ernennung Alexander Dubčekszum Ersten Parteisekretär im Januar bis zur gewaltsamen Beendigung des Reformexperiments im August 1968 nachgezeichnet. Sie basiert auf der Auswertung der beiden größten Tageszeitungen, Le Monde und Le Figaro;die Einschätzungen von L’Humanité, dem Blatt der französischen Kommunistischen Partei, wurden über Sekundärquellen ermittelt.

Die Anfänge der renommierten Tageszeitung Le Monde liegen in der Regierungszeit Charles de Gaulles. Der General gründete sie 1944 in dem Anliegen eine Zeitung zu schaffen, die in Frankreich wie im Ausland gleichermaßen respektiert würde. Die Zeitung, die vor allem Text bringt, spricht die Bildungselite an. Politisch ist sie schwer einzuordnen, gehört wohl in das Spektrum links von der Mitte, zur ihren Stärken gehört es aber, eine große Meinungsvielfalt abzubilden. Ein Viertel der Artikel gelten der Auslandsberichtserstattung. Während andere Zeitungen Leser verloren, gelang es ihr zwischen 1960 und 1977, ihre Auflage von 167 000 auf 515 000 zu steigern. Ein Grund für die große Popularität von Le Monde gerade unter Intellektuellen war sicher auch ihr außergewöhnliches Teilhaberecht, das den Journalisten 40 % der Anteile an der Zeitschrift einräumte, den gleichen Prozentsatz den Gründungs- und Kooperationspartnern und den Rest zwischen dem Management, Verwaltungsangehörigen und Mitarbeitern des Büros aufteilte.

Le Figaro wurde 1826 als Satireblatt gegründet. Er ist die älteste Pariser Tageszeitung und bis in die Gegenwart das wichtigste konservative Medium Frankreichs. 1968 las man im Figaro ausgezeichnete ausländische Berichterstattungen mit vielen Hintergrundinformationen. Die Zeitung hatte den größten Einfluss auf die französische gehobene Mittelschicht und erreichte weltweit eine Auflage von fast einer halben Millionen Exemplare. 1968 kam es aufgrund von Streitigkeiten über die finanzielle Kontrolle zu einem eintägigen Streik, sodass Le Figaro in seiner bis dahin 102-jährigen Geschichte als Tageszeitung im Jahr 1968 eine Ausgabe fehlte.[4]

 

„Une importante étape vers l'instauration d'un ‚marxisme éclairé‘“

Le Monde kommentierte Anfang Januar den Regierungswechsel in Prag entsprechend der Einschätzung französischer Diplomaten. Sein Karriereweg sei orthodox, jedoch sei Dubček „der jüngste Führer einer kommunistischen Partei in Europa“[5] und trete für die ökonomischen Interessen der Slowaken ein. Große politische Veränderungen erwartete Le Monde zunächst von diesem Machtwechsel nicht. Über den liberalen Kurs, den Dubček nunmehr einschlug, berichtete Le Monde erst am 17. Januar. Der konservative Figaro veröffentlichte am 26. Januar ein Foto des neuen Ersten Sekretärs der KSČ und titelte: „Ein wichtiger Schritt zur Errichtung eines aufgeklärten Marxismus“.

 

„Dénovotnysation“

Die Abschaffung der Zensur kommentierte Le Figaro (09./10.03.1968) euphorisch: Die Tschechoslowakei schlage einen Weg der „Denovotnysierung“ ein. Ihre politische Entwicklung nehme eine markante Wendung zugunsten einer Demokratisierung, was sämtliche Vorstellungskraft übersteige. Es bestehe die Hoffnung auf eine echte Revolution, die Verbesserungen für jedermann bringe, anstelle von Opfern.[6] Dass die gewährte Freiheit auch Gefahren barg, vermittelte am 11. März ein aufschlussreicher Artikel des Figaro-Sondergesandten in Prag Jacques Guillemé-Brûlon. Nach der Flucht Jan Šejnas im Februar 1968, eines tschechoslowakischen Offiziers, der mit dem Sohn Antonín Novotnýsbefreundet war, habe die Basis der Kommunistischen Partei das Gespräch mit Dubček erzwungen. Es sei nötig geworden, den Ersten Sekretär, der auf diesem Ohr taub sei, energisch zu wecken und auf den „schrecklichen Revisionismus“, der um sich greife, aufmerksam zu machen. Der Artikel betonte auch die wichtige Rolle, die in der ČSSR Künstlern und Intellektuellen zukam. So finde die Politik in Prag hinter verschlossenen Türen statt, während sich in dieser Stadt der Vorhang auf etwa zwanzig Bühnen für Schauspieler und einfallsreiche Regisseure öffne. Eduard Goldstücker wurde mit dem Vorschlag zitiert, die historische Chance zu ergreifen, in einer „treuen Ehe“ das Untrennbare zu vereinen: den Sozialismus und die Freiheit. In der gleichen Ausgabe der Zeitschrift, die Le Figaro als Noviny Listi[7] vorstellte,habe Jan Procházka geschrieben, nachdem der Staat seine Bürger mit den bekannten Ergebnissen überwacht habe, es nun an der Zeit sei, dass der Bürger den Staat beobachte. Schließlich wurde Ota Šiks Einschätzung widergegeben, die Verständnisschwierigkeiten an der kommunistischen Basis lägen an 20 Jahren Unterordnung. Es sei Dubček, der nun „den tschechoslowakischen sozialistischen Weg“ weiterginge, der in „Suche nach Wahrheit durch Diskussion und Konfrontation“ bestünde.[8] Der Artikel schließt mit der Feststellung, dass es in der gegenwärtigen Zeit wohl ausreichend Anlässe gebe, zu überprüfen, ob der herrschende Optimismus, der in der Vergangenheit so oft enttäuscht worden sei, berechtigt sei.

Auch Le Monde nahm am 12. März in der Tschechoslowakei einen innenpolitischen Wechsel in Richtung einer Liberalisierung wahr und macht diese an der positiven Berichterstattung über Tomáš Garrigue Masaryk, den ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, fest, der zuvor tabuisiert gewesen war. Doch die Zeitung hält an ihrer Einschätzung fest, Dubček schlingere zwischen kommunistischem Konservatismus und einem moskautreuen Kurs einerseits, liberalen Bestrebungen andererseits hin und her. Le Figaro berichtete am 18. März „M. Dubcek veut créer un socialisme moderne“ (dt. Herr Dubček will einen modernen Sozialismus errichten), der „genauso weit entfernt von einem verknöcherten Marxismus wie von einem mit dem Kapitalismus kompromittierten ‚Laborismus‘“[9] sei. Der Rücktritt Novotnýs beende den Machtkampf zwischenDubček und dem Staatsoberhaupt, schrieb Le Figaro (23./24.03.1968)[10], sprach aber auch die wirtschaftlichen Probleme der Tschechoslowakei an und erwartete Entscheidungskämpfe. Dubčekverfüge über einen geringen Handlungsspielraum, er stehe zwischen dem sowjetischen Druck und den Wünschen seines Volkes.[11] Gleichwohl habe er beschlossen, die eingeleiteten demokratischen Reformen fortzusetzen.[12] Le Figaro veröffentlichte Teile einer Rede, die Dubček in Brünn gehalten hatte. Er habe dort ein „Programm und ein Glaubensbekenntnis“ präsentiert, „das Überraschungen bereithält“. Dass die Reaktionen auf die Prager Entwicklungen in Ost und West unterschiedlich waren, stellte Le Monde Ende März fest. Sie zitierte Dubček mit der Aussage „Ausländische Kommunisten wünschen den Erfolg der neuen Prager Politik“; auf der gleichen Seite titelte die Zeitschrift „Der tschechoslowakische Liberalismus scheint die sowjetischen Führer zu beunruhigen“.[13] Am Tag (29.03.1968) darauf fragte Le Monde schließlich in einer Überschrift „Printemps à Prague?” (dt. Frühling in Prag?).

 

„Loin de Canossa…“

Vom Treffen in Moskau am 4. Mai 1968 berichtete Le Figaro zwei Tage später, der sowjetische Verteidigungsminister habe gemeinsame, in Kürze stattfindende Manöver auf tschechoslowakischem Gebiet als nur ein „kriegspiel“ (so auch im französischen Original) bezeichnet. Eine Stationierung sowjetischer und ostdeutscher Truppen wie 1966 in Vltava schließe man aus. Diese Bewertung sei intelligent und Oldřich Černik, der Ministerpräsident, versuche nicht mal indirekt Druck auszuüben. Anders äußere sich Dubček, der gewiss kein voreiliger Typ sei, aber jetzt, mit der Gewissheit der Unterstützung eines ganzen Volkes, die sich in den Feierlichkeiten zum ersten Mai manifestiert habe, in fester Sprache spreche – die Sprache dauerhafter Freundschaften.[14] In Bezug auf ein Pipeline-Projekt habe Dubčekeinen Kredit von umgerechnet 400 Millionen Dollar erbeten, und das, obwohl nicht auszuschließen gewesen sei, dass der Kreml, durch die „Personalisierung“ der tschechoslowakischen Politik hätte wagen können, verschiedene Maßnahmen des wirtschaftlichen Rückzugs in Betracht zu ziehen.[15]

Ende des Monats veränderte sich die Berichterstattung. Der Figaro sprach von einem Nervenkrieg in Osteuropa. Der Kreml habe sich positioniert, die Fronten hätten sich verhärtet undDubček habe den „Gang nach Canossa“ anzutreten.[16] Am 25. Juli berichtete die Zeitung außerdem über das bevorstehende sowjetisch-tschechoslowakischen Gespräche in Čierna nad Tisou und über große militärische Manöver.[17] Auch wenn der passive Widerstand der Tschechoslowakei unerschütterlich sei, das Schicksal Prags werde sich in Moskau entscheiden.[18]

Der zweite Tag des Treffens in Čierna nad Tisou finde in unbehaglicher Atmosphäre statt, schrieb Le Figaro am 31. Juli.[19] Nach 39 Stunden Verhandlungen seien die Sowjets und Tschechoslowaken einen „Kompromiss des Wartens“ eingegangen, nun könne ein Zermürbungskrieg bis zum nächsten Parteitag beginnen. Demgegenüber wird Josef Smrkovskýzitiert mit „Die Atmosphäre ist optimistisch und die Gespräche laufen vielversprechend. Ich bin zuversichtlich, dass wir Čierna mit einem noch breiteren Lächeln verlassen werden, als bei unserer Ankunft.“[20] Le Figaro fand, das Spiel zwischen Moskau und Prag gehe in die Verlängerung.[21] Zwar beharre das tschechoslowakische Präsidium fest auf seinen Standpunkten, aber in letzter Minute gestellte Bedingungen brächen das Programm von Čierna nad Tisou durcheinander. Die Moskauer Presse habe ihre Angriffe auf Dubčekund seinen Stab plötzlich eingestellt.[22]

Vor dem Treffen in Bratislava registrierte die Presse große Unruhe in Prag. Zehntausend Menschen hätten demonstriert, und gefordert, die Wahrheit zu erfahren.[23] Am 5. August informierte der Figaro über die vollständige Zustimmung der sechs Mitglieder des Warschauer Pakts zu den Vereinbarungen von Čierna nad Tisou. Der Moskauer Korrespondent Simon Sache berichtete den Franzosen, dass die sowjetische Presse das Treffen als Sieg des gesunden Menschenverstandes und der Besonnenheit darstellte.[24] Die besondere Bedeutung der gemeinsamen Unterschrift hob die Zeitung in der Überschrift „Am gleichen Tisch, an dem Napoleon den Frieden von Pressburg unterschrieben hat“ hervor. In der Vereinbarung hätten sich die Bruderparteien zu den Prinzipien des demokratischen Zentralismus bekannt und den festen Willen zum Ausdruck gebracht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Zusammenarbeit ihrer Länder auf der Grundlage von Gleichberechtigung, Souveränität, Unabhängigkeit, territorialer Integrität sowie Solidarität weiterzuführen. Hier erkannte Le Figaro jedoch eine Parallele zu den Beschlüssen, die Oktober 1956 in Ungarn gefasst worden waren. Auch damals habe Moskau die Gleichheit der Mitglieder der sozialistischen Gemeinschaft und den Grundsatz der Nichteinmischung in die Angelegenheiten des jeweils anderen betont. Die Tragödie von Budapest habe jedoch nur sieben Tage auf sich warten lassen. Der Kompromiss, auf den sich die Ungarn voller Angst eingelassen hätten, sei auf brutalste Art und Weise gebrochen worden. Im Fall von Dubček verhalte es sich anders. Mit ihm habe die sowjetische Führung erstmalig einen Dialog auf Augenhöhe geführt. Laut Dubček gebe es kein geheimes Protokoll, das die Voraussetzungen dafür schaffe, die Souveränität der Tschechoslowaken zu verletzen.[25]

 

„surprise et réprobation“

Als Reaktion auf die Intervention kritisierte sogar L'Humanité,die Zeitung der Französischen Kommunistische Partei (PCF), erstmals in ihrer Geschichte eine Maßnahme Moskaus. Auf ihrem Titelblatt am 22. August gab sie bekannt, dass das Politbüro der Kommunistischen Partei Frankreichs, nachdem es die Treffen in Čierna und Bratislava sehr befürwortet habe, seine Überraschung (fr. „surprise“) und Missbilligung (fr. „réprobation“) über die militärische Intervention ausdrücke. Man sei davon ausgegangen, dass die Probleme zwischen den kommunistischen Parteien und Bruderstaaten unter Respektierung der Souveränität eines jeden Landes diskutiert werden würden.

Der Figaro berichtete vom 22. bis zum 28. August jeden Tag mit Fotos auf der Titelseite über die Intervention. Bereits am 22. meldete er, dass die französische wie die italienische Kommunistischen Partei die sowjetische Entscheidung zur Intervention ablehnten.[26] In Prag habe das Leben zwischenzeitlich stillgestanden. Eine Zeittafel fasste die acht Monate des „tschechoslowakischen Frühlings“ zusammen. In den darauffolgenden Tagen sei es zwischen Ludvík Svoboda und den Sowjets zu dramatischen Verhandlungen gekommen.[27] Am 29. August stellte man schließlich „Détresse et résignation du peuple tchécoslovaque“, also „Not und Resignation des tschechoslowakischen Volkes“, fest. Die Tschechoslowakei beginne auf ihrem Weg Richtung Freiheit wieder ganz von vorne.[28]

Neben zahlreichen Karikaturen zu den jüngsten Ereignissen – wie etwa einem mit zum Freundschaftsgruß mit erhobener Faust parierenden Dubček, der in der geöffneten übermächtig großen sowjetischen Hand nur eine zerquetschte Friedenstaube vorfindet (Le Figaro 24./24.08.1968) – warb Le Figaro am 28. August für eine Ausgabe der Paris Match, einer wöchentlich erscheinenden Illustrierten, mit schockierenden Bildern von der Intervention.

„Je ne suis pourtant pas exigeant! Tout ce que je demande, c'est qu'on m'aime!“ (dt. Ich fordere gar nichts, alles was ich will, ist, dass man mich liebt!), sah man in einer Zeichnung vom 26. August einen riesigen sowjetischen Soldaten mit SS-Armbinde sagen. In jeder Hand schleift er ein zartes Mädchen, nämlich die personifizierte Tschechoslowakei und Ungarn, halb erwürgt, mit sich.

Eine weitere Karikatur zeigte Dubček auf einer Bombe sitzend über ein Mikrophon verkünden, dass es keinerlei Einmischung von Seiten der Sowjets in der Tschechoslowakei gegeben habe, während sich hinter seinem Rücken ein übergroßer Sowjetsoldat eine Zigarette anzündet und er das brennende Streichholz gefährlich nah an der Zündschnur der Bombe hält (Le Figaro, 31.08.1968).

Le Monde hatte Passanten getroffen, die berichteten, was die sowjetischen Soldaten auf die Frage, was sie in der ČSSR zu suchen hätten, geantwortet hätten: „dass sie wie 1945 das Land von den Deutschen befreit haben.“[29] Am 23. August zitierte Le Monde den Intellektuellen Herbert Marcuse, der die Intervention als „tragischstes Ereignis seit dem zweiten Weltkrieg“ bezeichnete. Le Monde machte seine Leser mit dem offiziellen Standpunkt Frankreichs bekannt und druckte die Ergebnisse einer Sitzung des französischen Ministerrates. Moskau habe sich nicht von der Politik der Blöcke gelöst. Man bedauere die Ereignisse, die nicht nur eine Rechtsverletzung und ein Eingreifen in das Schicksal einer befreundeten Nation darstellten, sondern auch der Entspannungspolitik zuwiderliefen.[30] Die Blockpolitik sei Europa durch die Konferenz von Jalta, an der Frankreich nicht teilgenommen habe, auferlegt worden. Die sowjetische Intervention stehe im Gegensatz zur Souveränität der Staaten und zum Grundsatz der Nichteinmischung in Angelegenheiten anderer Länder. Frankreich werde den Weg des Einvernehmens und der Zusammenarbeit weiterverfolgen, da jeder andere Weg zu internationalen Spannungen und zur Teilung des Kontinents führe.

Abschließend soll noch ein Artikel erwähnt werden, der niemals in einer Zeitung abgedruckt wurde. Während in Prag Dubček durch den sowjetloyalen Gustav Husák ausgetauscht wurde, ersetzte man in Frankreich an der Spitze der PCF den zum Problem gewordenen Waldeck Rochet durch George Marchais. Der erstgennannte und erkrankte PCF-Führer nahm den von den Sowjets ausgerufenen „orthodoxen“ Erneuerungsauftrag wortwörtlich, strebte eine Union de la gauche an und vermittelte nach dem Einmarsch in der ČSSR den Eindruck, er werde auch einen offenen Konflikt mit der sowjetischen Führung nicht scheuen. So entwarf er einen Artikel, der vermutlich zur Veröffentlichung in L‘Humanité vorgesehen war, in der er der sowjetischen Bruderpartei vorwarf, einen Konflikt mit der PCF initiiert zu haben. Die These, der Prager Frühling sei eine Konterrevolution gewesen, wies er explizit zurück. Außerdem sei die Invasion – und das hatte die PCF bis dahin niemals öffentlich kundegetan – unvereinbar mit dem Prinzip der „unterschiedlichen Wege zum Sozialismus“.

 

Verwendete Literatur:

Bracke, Maud Anne, „The Parti communiste français in May 1968 The Impossible Revolution?” in Martin Klimke, Jacco Pekelder & Joachim Scharloth (Hrsg.), Between Prague Spring and French May Opposition and Revolt in Europe, 1960-1980, New York 2011.

Haefs, Hanswilhelm, Die Ereignisse in der Tschechoslowakei vom 27.6.1967 bis 18.10.1968 Ein dokumentarischer Bericht, Bonn 1969.

Hofmann, Birgit, Der „Prager Frühling“ und der Westen Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015.

Merill, John C. & Harold A. Fisher, The World’s Great Dailies: Profiles of Fifty Newspapers, New York 1980.

Soutou, Georges-Henri, „Paris und der ‚Prager Frühling‘“ in: Stefan Karner, Natalja Tomilina & Alexander Tschubarjan (Hrsg.), Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Köln 2008.

 

Quellen:

Le Figaro

Le Monde

 

Endnoten:

[1]So ist etwa auch die französische Bestürzung über den Einmarsch in Le Monde (22.08.1968) zu verstehen: “La France, qui […] parrainé la nouvelle République tchécoslovaque, qui […] n’a pas su la protéger, dispose points encore aujourd’hui de moyens d‘action vraiment efficaces.”

[2]“Le soutien au peuple tchécoslovaque. Petites annonces gratuites” in: Le Figaro, 28.08.1968.

[3]In der deutschen Übersetzung in etwa gleichbedeutend mit „Um den Lesern des ‚Figaro‘ die Möglichkeit zu geben, den in Frankreich lebenden tschechoslowakischen Staatsbürgern ein wirkliches Mitgefühl zu zeigen, eröffnet ‚Le Figaro‘ eine Sektion von freien Kleinanzeigen. Diese Ankündigungen werden es unseren tschechischen Freunden ermöglichen, ihre Probleme bekannt zu machen, und unsere Leser werden zu diesen Problemen eine Lösung finden.“ (Le Figaro, 28.08.1968)

[4]Jean Prouvost, Frankreichs einflussreichster Wollfabrikant und Eigentümer zweier weiterer Zeitschriften, hatte im Zweiten Weltkrieg mit dem Vichy Regime paktiert, sodass sich ihm, als er sich 1949 bei Le Figaro einkaufen wollte, ein Bündnis von Gaullisten und Linken verbündet widersetzte und Pierre Brisson die finanzielle Kontrolle durch die Belegschaft und Redaktion sicherte. Nach Brissons Tod 1964 behauptete Prouvost rechtmäßiger Eigentümer der Zeitung zu sein.

[5]“le plus jeune chef d'un parti communiste au pouvoir en Europe” in: Le Monde,07./08.01.1968.

[6]“Abolition de la censure. […] La Tchécoslovaquie sur la voie d’une ‘Dénovotnysation’ […] L’évolution de la situation politique en Tchécoslovaquie prend un tour saisissant. […] L’énumération des appels multiples et variés dans leur expression, en faveur d’une démocratisation des mœurs politiques, enregistrés en Tchécoslovaquie depuis le 5 janvier, dépasse l’imagination. Il s’agit, en effet, d’un phénomène unique dans une démocratie populaire: l’espoir peut-être inconsidéré mais sincère de faire enfin la vraie Révolution; de l’exploiter pour mieux-être de tous, au lieu d’en être les victimes.” in: Le Figaro, 9./10.03.1968.

[7]Ob es sich bei „Noviny Listi“ im Wortlaut um ein redaktionelles Versehen des Figaro handelt, muss vorliegend dahinstehen. Fest steht, dass die Ideen des Prager Frühlings als eine im Intellektuellenkreis aufkeimende Bewegung vor allem über die kulturpolitische Zeitschrift Literární listy transportiert wurden und in den Tageszeitungen Lidové noviny, Práce, Mladá fronta und Zemědělské noviny Verbreitung fanden.

[8]“la chance donnée par l'histoire de tenter d'unir dans un mariage fidèle ce qui est inséparable: Le socialisme et la liberté”; “Si l'Etat a surveillé jusqu'à présent ses citoyens avec les résultats que l'on connaît, je propose maintenant que les citoyens surveillent l'Etat.”;  “recherche de la vérité par la discussion et la confrontation” in: Le Figaro, 11.03.1968.

[9]“aussi éloigné d'un marxisme sclérosé que d'un ‚travaillisme‘ compromis avec le capitalisme” in: Le Figaro, 18.03.2018.

[10]“La démission de M. Novotny met fin á l’épreuve de force entre M. Dubcek et le chef de l’État” in: Le Figaro, 23./24.03.1968.

[11]“Heures cruciales en Tchécoslovaquie. Marge de manœuvre réduite pour M. Dubcek pris entre les pressions soviétiques et les aspirations de son peuple. L’épuration continue. Pressions économiques” in: Le Figaro, 27.03.1968.

[12]“M. Dubcek décidé à poursuivre les réformes démocratiques amorcées” in: Le Figaro, 28.03.1968.

[13]“Les communistes étrangères souhaitent le succès de la nouvelle politique de Prague, assure M. Dubček”; “Le libéralisme tchécoslovaque paraît inquiéter les dirigeants soviétiques” in: Le Monde, 28.03.1968.

[14]Vgl. “Mais Dubcek n'est pas homme à s'embarquer sans biscuit. Fort désormais de l'appui de tout un peuple de qui lui a spontanément manifesté son adhérision lors des fêtes du 1er mai, il lui a été à n'en pas douter possible d'adopter le langage ferme qui d'adopter le langue ferme qui consacre les amitiés durables.” in: Le Figaro, 06.05.1968.

[15]Vgl. “[…] il ne serait pas exclu que le Kremlin, rendu ombrageux par la ‘personnalisation’ de la politique tchécoslovaque, puisse cependant envisager diverses mesures de désengagement économique.”, ebd.

[16]“Loin de Canossa”; “Le Kremlin durcit sa position”;  “La guerre des nerfs en Europe de l’Est” in: Le Figaro 24.07.1968.

[17]“La rencontre soviéto-tchécoslovaque serait imminente”, “Grandes manœuvres de l’Armée rouge le long des frontières occidentales” in: Le Figaro, 25.07.1968.

[18]“Le sort de Prague s’est joué hier à Moscou”; “La résistance passive reste inébranlable en Tchécoslovaquie” in: Le Figaro, 26.07.1968.

[19]“La seconde journée de la ‘grande confrontation de Cierna’ s’est ouverte dans une atmosphère de malaise” in: Le Figaro, 31.07.1968.

[20]“Après 39 heures de discussions, Soviétiques et Tchécoslovaques se dirigent vers un ‘compromise d’attente’. Une guerre d’usure pourrait commencer: Moscou a maintenant 40 jours pour épuiser M. Dubcek avent l’épreuve finale du Congrès du parti.” ; “‘L’atmosphère est à l’optimisme et les entretiens se déroulent de façon prometteuse. J’ai confiance que nous quitterons Cierna avec des sourires encore plus larges que ceux que nous arborions lorsque nous y sommes arrivés’, a déclaré hier soir M. Smrkovsky à des cheminots de la gare de triage, avant de monter à bord de son wagon-lit.” in: Le Figaro, 1.08.1968.

[21]“Le match Moscou-Prague a joué les prolongations” in: Le Figaro, 02.08.1968.

[22]“Le praesidium tchécoslovaque est demeure ferme sur ses positions”; “Des conditions de dernière heure […] ont bouleversé le programme des entretiens de Cierna”; “La presse moscovite a brusquement cessé ses attaques contre l'équipe Dubcek”, ebd.

[23]“Inquiétude des Tchèques avant le sommet de Bratislava. Les quatre ‘fidèles’ de Moscou viendront-ils entériner les décisions de Cierna, ou exiger des nouvelles concessions?”; “Dix mille personnes manifestent sur la Vielle place de Prague pour ‘savoir la vérité”; “Dubcek a obtenu l‘arrêt des polémiques mais a autorisé le stationnement des troupes soviétiques” in: Le Figaro, 03./04.08.1968.

[24]“Les six membres du Pacte de Varsovie ont adopté la déclaration consacrant leur complet accord”; “Bulletin de victoire dans l'ensemble de la presse soviétique ou l'on signale que la rencontre a été une victoire du bon sens et de la pondération” in: Le Figaro, 05.08.1968.

[25]“Dubcek affirme: “Il n’existe aucun protocole secret susceptible d’aliéner notre souveraineté” in Le Figaro, 06.08.1968.

[26]“Les P.C. français et italien condamnent la décision de Moscou” in: Le Figaro, 22.08.1968.

[27]“Dramatiques négociations hier au Kremlin entre Ludvik Svoboda et les Soviétiques” in: Le Figaro, 24./25.08.1968.

[28]“La Tchécoslovaquie repart à zéro dans sa longue marche vers la liberté” in: Le Figaro, 31.08.1968

[29]“Aux passantes qui les interrogeaient sur les raison de leur présence, les jeunes soldats russes répondaient qu'ils venus libérer le pays des Allemands comme en 1945.” in: Le Monde, 22.08.1968.

[30]Vgl. “l'U.R.S.S. ne soit pas ‘dégradée de la politique des blocs’ et déplorant des événements qui ‘outre qu'ils constituent une atteinte aux droits et au destin d'une nation amie’ sont de nature à contrarier la détente en cours.” in: Le Monde, 24.08.2018.

 

Autorin

Lena Scheer

Glossar:

Cohn-Bendit, Daniel

Daniel Cohn-Bendit (*1945) – ist ein deutsch-französischer Publizist und Politiker der französischen Partei Les Verts und von Bündnis 90/Die Grünen. Als stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz ist er Mitglied des Europäischen Parlaments. Bekanntheit erlangte er in den 1960er Jahren als Sprecher und Anführer der Pariser Mairevolution.

Verwendete Literatur:

Brochard, Aurelie, Sally Janzen, Sonja Meyrl & Cosima Möller, „Dany“, zuletzt abgerufen am 17.10.2018.

Černík, Oldřich

Oldřich Černík (1921-1994) – war ein tschechoslowakischer Politiker. Parallel zu seiner raschen Karriere innerhalb der KSČ qualifizierte er sich zum metallurgischen Ingenieur. Er wurde im März 1968 zum Ministerpräsidenten gewählt und zeigte sich reformwillig. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR im August 1968 gehörte er neben Staatspräsident Svoboda, Parteichef Dubček und Josef Smrkovsky zu denjenigen, die das Diktat Moskaus zur Beendigung aller Reformen in der Tschechoslowakei unterschrieben. 1969 versuchte er sein Verhalten während des Prager Frühlings zu relativieren und verurteilte den Reformprozess öffentlich. 1970 verlor er dennoch das Amt des Ministerpräsidenten und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Danach hatte er keine politisch bedeutsamen Ämter mehr inne.

Verwendete Literatur:

„Černík, Oldrich“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.

de Gaulle, Charles

Charles de Gaulle (1890-1970) – war ein französischer General und Politiker. Nachdem er im Ersten Weltkrieg gedient hatte, setzte er sich als führender Kopf der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung und das Vichy-Regime durch. Er war von 1944 bis 1946 Präsident der Provisorischen Regierung sowie von 1959 bis 1969 Präsident der Fünften Republik. Verteidigungspolitischforcierte er den Aufbau Frankreichs zur Atommacht und löste 1966 das Land aus der NATO. Sein konservativer Regierungsstil und seine politische Ideologie (sog. Gaullismus) haben bis heute Nachwirkungen auf die französische Politik.

Verwendete Literatur:

„de Gaulle“ in: Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 4, Leipzig 1997, 193-94.

Goldstücker, Eduard

Eduard Goldstücker (1913-2000) – war ein tschechoslowakischer Literaturwissenschaftler und politischer Aktivist. Er stammte aus einer jüdischen Familie in der heutigen Slowakei und studierte in den 1930er Jahren Germanistik und Romanistik in Prag. Goldstücker wurde 1942 in Oxford promoviert. Ab 1933 war er Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er im tschechoslowakischen Außenministerium und war 1950/51 der erste Botschafter seines Landes in Israel. Er wurde Opfer einer antisemitischen Kampagne und 1953 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1955 kam er jedoch frei und arbeitete fortan an der Karls-Universität in Prag. Um die Literatur Franz Kafkas in der sozialistischen Tschechoslowakei (wieder) bekannt zu machen, berief er 1963 die erste Kafka-Konferenz ein. Die politische Wirkung dieses Ereignisses wurde erst 1968 klar, als Goldstücker sich als Verfechter der Reformen des Prager Frühlings hervortat. In dessen Nachgang wurde er aus der KSČ ausgeschlossen und musste das Land verlassen. Ab 1971 lehrte er in England. 1991 kehrte Goldstücker nach Prag zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Verwendete Literatur:

„Goldstücker, Eduard“ in: Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, Ravensburg 2001, zuletzt abgerufen über Bayerische Staatsbibliothek am 06.08.2018.

Komunistická strana Československa

Komunistická strana Československa (KSČ) [Kommunistische Partei der Tschechoslowakei] – war in den Jahren 1948 bis 1989 alleinige Regierungspartei in der Tschechoslowakischen Republik. Die Partei gründete sich im Mai 1921 durch die Abspaltung von der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei (ČSSD). 1929 erfolgte die Stalinisierung. Während des Zweiten Weltkriegs war die KSČ verboten, arbeitete aber illegal weiter und stellte ein Zentrum der Widerstandsbewegung dar. Das brachte ihr nach Kriegsende viele Sympathien ein, so war sie die stärkste Kraft der 1945 gegründeten Nationalen Front und erhielt in den Wahlen von 1946 den größten Stimmenanteil. Im Februar 1948 setzte die die KSČ ihr Machtmonopol durch, es begann eine Phase der Verfolgung und Schauprozesse. 1968 strebte die KSČ unter der Führung von Alexander Dubček eine eigene Form des Sozialismus an. Die sowjetische Führung betrachtete dieses reformsozialistische Experiment als konterrevolutionär. Nach der militärischen Intervention im August 1968 wurde eine konservative, Moskau-treue Parteiführung unter Gustáv Husák eingesetzt, die einen Prozess der „Normalisierung“ einleitete. Das Machtmonopol der KSČ wurde am 17. November 1989 durch die Samtene Revolution beendet. Die heutige Nachfolgeorganisation der KSČ in Tschechien ist die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens KSČM.

Verwendete Literatur:

Malíř, Jiří & Pavel Marek (Hrsg.), Politické strany. Vývoj politických stran a hnutí v českých zemích a Československu 1861-2004 [Politische Parteien. Entwicklung der politischen Bewegungen in Böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei 1861-2004] Bd. 2. Brno 2005.

Parti communiste français

Parti communiste français (PCF) [Kommunistische Partei Frankreichs] – ist eine französische politische Partei. Nachdem sich die französische Arbeiterbewegung Anfang des 20. Jh. zunehmend radikalisiert hatte, gründete sich die PCF 1920 als Abspaltung von der französischen Sektion der Zweiten Internationale. L’Humanité war lange Zeit ihre offizielle Parteizeitung. Zwar bestritten die französischen Kommunisten, dass die Maiunruhen 1968 in ihrem Land revolutionäres Potenzial hatten. An der Niederschlagung des Prager Frühlings regte sich innerhalb der PCF jedoch Kritik.

Verwendete Literatur:

Schmidt, Bernhard, Jürgen Doll, Walther Fekl, Siegfried Loewe & Fritz Taubert, Frankreich Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Presse- und Bildungswesen, Berlin 2005, 729-35.

Procházka, Jan

Jan Procházka (1929-1971) – war ein tschechischer Schriftsteller und eine der bekanntesten Intellektuellen des Prager Frühlings. In der Nachkriegszeit engagierte er sich für den Aufbau des Sozialismus: Er arbeitete im Zentralkomitee der Sozialistischen Staatsjugend und schrieb nebenbei Literatur und Drehbücher. Ab 1958 widmete er sich nur noch dem Schreiben. Auf dem Schriftstellerkongress 1967 bekannte er sich öffentlich zu den Reformbewegungen des Prager Frühlings und setzte sich für mehr künstlerische Freiheiten ein, woraufhin er 1969 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Er starb im Februar 1971 an einem Krebsleiden. 

Verwendete Literatur:

„Prochazka, Jan“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.