1. Frankreich im Jahr 1968

Noch im März 1968 schrieb Le Monde von einer „ausgeprägten Langeweile“, die Frankreich ergriffen habe. In einem über die Landesgrenzen hinweg berühmt gewordenen Leitartikel war zu lesen, dass im Rest der Welt Studierende massenhaft gegen ernstzunehmende Missstände demonstrierten. Die Pariser Studentinnen und Studenten hielten sich jedoch mit der Frage auf, ob in den Wohnheimen der Universität Nanterre Mädchen und Jungen die Schlafräume teilen dürften. In der Tat erschien Frankreich zu Beginn des Jahres 1968 an der Oberfläche ziemlich ruhig. Tatsächlich brodelte es im Untergrund, und es dauerte nicht lange, bis sich die angestaute Frustration entlud. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai erlebte die Fünfte Französische Republik eine der brutalsten Auseinandersetzungen zwischen der Zivilbevölkerung und der Staatsmacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 48 Stunden später mit ca. 800 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine der größten Demonstration ihrer Geschichte.

Die Maiunruhen, die sich keinesfalls ausschließlich auf die Hauptstadt beschränkten, gingen auf eine Reihe von Motiven zurück. Widerstand regte sich gegen den mit dem langjährigen Präsidenten Charles de Gaulle verbundenen Konservatismus (sog. Gaullismus), die erste Wirtschafskrise seit Kriegsende brachte eine Rezession, der Vietnam-Krieg geriet zunehmend in Kritik. Breite Teile der Bevölkerung, Studenten, Schüler und Arbeiter, aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler des Odéon Theaters und Tänzerinnen und Tänzer der Pariser Oper verliehen ihrem Unmut Ausdruck. Bernado Bertolucci, Regisseur des Films „The Dreamers“ (dt. „Die Träumer“) aus dem Jahr 2003, schreibt die Anfänge der Bewegung den Filmenthusiasten der „Cinémathèque française“ zu. Die Streiks der Arbeiter der Garnier-Werke in Redon, die unter anderem gegen die bis dahin übliche 50-Stundenwoche aufbegehrten, und die Proteste der Studierenden an der Universität Nanterre gegen überkommene Strukturen waren jedoch nichtsdestoweniger Quelle der französischen Protestbewegung.

„L’imagination prend le pouvoir.“ (dt. „Phantasie an die Macht.”)
„Il est interdit d’interdire.“ (dt. „Es ist verboten zu verbieten.”)
„Le rêve est la réalité.“ (dt. „Der Traum ist Wirklichkeit.“)[1]

So lauteten einige der Parolen der Pariser Studentenunruhen, die mit der Affäre Missoffe ihren Anfang und mit Daniel Cohn-Bendit ihre Gallionsfigur fanden. Die nationale Studentengewerkschaft FNEF solidarisierte sich mit dem 22-jährigen Soziologiestudenten und Sohn jüdischer Emigranten, der nunmehr seine Ausweisung zu befürchten hatte, sodass es um „Dany le Rouge“ mit der „Bewegung des 22. März“ zur Gründung einer linken Campusgruppe und Ausweitung der Protestbewegung kam. Ein „Tag der allseitigen Diskussion“ führte zur Schließung der Universität Nanterre. Anlässlich eines Vortrags des Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) besetzten Studierende am 19. April den größten Saal der Philosophischen Fakultät. Solidaritätsbekundungen mit den deutschen Protestierenden „Gegen die Notstandspläne der Großen Koalition!“ wurden lautstark verabschiedet. Gerüchte um einen Angriff der rechtsradikalen Bewegung „Occident“ (dt. „Abendland“) auf Cohn-Bendit ließen den Funken auf die Sorbonne überspringen. Am 6. Mai errichteten Studierende und Hochschullehrer erste Barrikaden und zogen zu Tausenden durch die Straßen von Paris. Die Liveübertragung durch mit Rundfunkwagen präsente Radiosender wie „Europe 1“ und „Radio Luxembourg“ sorgte für eine breite Anteilnahme und überwiegende Solidarisierung der französischen Bevölkerung. Gleichwohl beendete die Polizei am 11. Mai um 2:12 Uhr das Geschehen, räumte die Barrikaden und setzte Tränengasgranaten und Schlagstöcke ein, wogegen sich die Demonstrierenden mit dem Wurf von Pflastersteinen und Molotowcocktails zu wehren suchten. Die Bilanz des Straßenkampfes: Hunderte von Verletzten, über 400 Festnahmen und verwüstete Straßen mit ausgebrannten Autos. Eine Massenkundgebung am 13. Mai offenbarte vor allem die tiefe Spaltung der französischen Linken mit linksradikalen und anarchistischen Gruppierungen auf der einen und Parteikommunisten und -sozialisten auf der anderen Seite. Frankreich wurde von einer Welle wilder Streiks erfasst. Ein von Ministerpräsident Georges Pompidou mit den Gewerkschaften ausgehandeltes Abkommen zur Erhöhung der Löhne vermochte zwar die Funktionäre zufriedenzustellen, nicht aber die Fabrikarbeiter, die in einen andauernden Generalstreik traten.

Langeweile verspürten die Franzosen längst nicht mehr. Es war vor allem eine fehlende Perspektive auf Beendigung der chaotischen Zustände im Land, die ihre Solidarität zunehmend schwinden ließ. Während man in Prag um eine Reformierung des Sozialismus rang, war die französische Öffentlichkeit 1968 mit den turbulenten Ereignissen im eigenen Land beschäftigt. Am 30. Mai verkündete Charles de Gaulle, der am 24. Mai noch seine Bereitschaft zu einem Referendum und Reformen bekundet hatte, schließlich die Auflösung der Nationalversammlung und Neuwahlen. Mit seiner eindeutigen Bestätigung im Amt durch die Parlamentswahlen im Juni – von denen aufgrund des Wahlalters von 21 Jahren die meisten Protestierenden ausgeschlossen blieben – kehrte de Gaulle vorübergehend zu alter Stärke zurück. Frankreichs Linke hingegen blieb in sich zersplittert.

 

Verwendete Literatur:

Bracke, Maud Anne, „The Parti communiste français in May 1968 – The Impossible Revolution?” in: Martin Klimke, Jacco Pekelder & Joachim Scharloth (Hrsg.), Between Prague Spring and French May Opposition and Revolt in Europe, 1960-1980, New York 2011.

Frei, Norbert, 1968 Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008/2017.

Führer, Susanne, „Frankreich im Mai 1968“ in: deutschlandfunkkultur.de, 07.04.2008, http://www.deutschlandfunkkultur.de/frankreich-im-mai-1968.1308.de.html?dram:article_id=193558, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Pauli, Harald, „Politik ist Pornographie“ (Interview mit Bernardo Bertolucci) in: focus.de, 12.01.2004, https://www.focus.de/kultur/medien/kultur-politik-ist-pornographie_aid_200437.html, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Schwarz, Peter, „Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich“ in: wsws.org, 21.05.2008, https://www.wsws.org/de/articles/2008/05/f68a-m21.html, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

Wolff, Harriet „Kein Ereignis im klassischen Sinn“ (Interview mit Ludivine Bantigny) in: taz.de, 10.05.2018, http://www.taz.de/!5501347/#, zuletzt abgerufen am 13.05.2018.

 

Endnote:

[1] Rohan, Marc, Paris ʼ68 Graffiti, Posters, Newspapers and Poems of the Events of May 1968, London 1988 zitiert nach Frei, Norbert, 1968 Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008/2017, 9.


2. Presseanalyse zu Frankreich: „L'événement le plus tragique depuis la guerre“

Der französische Präsident Charles de Gaulle verfolgte 1968 eine an der Formel „détente, entente, coopération“ (dt. „Entspannung, Verständigung, Kooperation“) orientierte Außenpolitik, welche – wenn auch weniger aus ideologischen denn aus machtpolitischen Gründen – darin bestand, sich Moskau anzunähern und zugleich die Satellitenstaaten in ihrer Eigenständigkeit zu fördern (fr. „désatellisation“). Im Verhältnis zur Tschechoslowakei spielten zudem historische Ereignisse eine wichtige Rolle, besonders das Jahr 1918. Frankreich sah sich als „Geburtshelfer“ der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Ersten Tschechoslowakischen Republik und folglich freundschaftlich mit diesem Land verbunden. Entsprechend bestürzt reagierte die französische Presse im August 1968 auf den Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten in Prag.[1] Die konservative französische Tageszeitung Le Figaro wandte sich mit einem pragmatischen Angebot an ihre Leserschaft: „Kostenlose Kleinanzeigen zur Unterstützung für das tschechoslowakische Volk“[2]. Der Appell liest sich am schönsten im Original:

„Afin de donner aux lecteurs du ‚Figaro‘ la possibilité de manifester une sympathie efficace à l’égard des ressortissants tchécoslovaques résidant en France, ‚Le Figaro‘ ouvre une rubrique de petites annonces gratuites. Ces petites annonces permettront à nos amis tchèques de faire connaître leurs problèmes, et à nos lecteurs d’apporter à ces problèmes une solution.”[3]

Le Figaro wollte also seinen in Frankreich lebenden tschechoslowakischen Lesern gegenüber sein Mitgefühl ausdrücken und rief die Franzosen zur Hilfsbereitschaft auf. Sein Angebot für „unsere tschechischen Freunde“ zeigt, wie stark die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings die französische Öffentlichkeit erschütterte.

In vorliegender Analyse wird die Berichterstattung der französischen Presse von der Ernennung Alexander Dubčeks zum Ersten Parteisekretär im Januar bis zur gewaltsamen Beendigung des Reformexperiments im August 1968 nachgezeichnet. Sie basiert auf der Auswertung der beiden größten Tageszeitungen, Le Monde und Le Figaro; die Einschätzungen von L’Humanité, dem Blatt der französischen Kommunistischen Partei (PCF), wurden über Sekundärquellen ermittelt.

Die Anfänge der renommierten Tageszeitung Le Monde liegen in der Regierungszeit Charles de Gaulles. Der General gründete sie 1944 in dem Anliegen ein Tagblatt zu schaffen, das in Frankreich wie im Ausland gleichermaßen respektiert würde. Die Zeitung, die vor allem Text bringt, spricht die Bildungselite an. Politisch ist sie schwer einzuordnen, gehört wohl in das Spektrum links von der Mitte. Zu ihren Stärken gehörte 1968 eine große Meinungsvielfalt abzubilden. Ein Viertel der Artikel galt der Auslandsberichtserstattung. Während andere Zeitungen Leser verloren, gelang es ihr zwischen 1960 und 1977 ihre Auflage von 167 000 auf 515 000 zu steigern. Ein Grund für ihre große Popularität gerade unter Intellektuellen war sicher auch ihr außergewöhnliches Teilhaberecht, das den Journalisten 40 % der Anteile an der Zeitschrift einräumte, den gleichen Prozentsatz den Gründungs- und Kooperationspartnern zugestand und den Rest zwischen dem Management, Verwaltungsangehörigen und Mitarbeitern des Büros aufteilte.

Le Figaro wurde 1826 als Satireblatt gegründet. Er ist die älteste Pariser Tageszeitung und bis in die Gegenwart das wichtigste konservative Medium Frankreichs. 1968 las man im Figaro ausgezeichnete ausländische Berichterstattungen mit vielen Hintergrundinformationen. Die Zeitung hatte den größten Einfluss auf die französische gehobene Mittelschicht und erreichte weltweit eine Auflage von fast einer halben Millionen Exemplare. Aufgrund von Streitigkeiten über seine finanzielle Kontrolle kam es 1968 in der Redaktion zu einem eintägigen Streik, sodass Le Figaro in seiner bis dahin 102-jährigen Geschichte als Tageszeitung in eben diesem Jahr eine Ausgabe fehlte.[4]

 

„Une importante étape vers l'instauration d'un ‚marxisme éclairé‘“

Le Monde kommentierte Anfang Januar den Regierungswechsel in Prag entsprechend der Einschätzung französischer Diplomaten. Sein Karriereweg sei „orthodox“, jedoch sei Dubček „der jüngste Führer einer kommunistischen Partei in Europa“[5] und trete für die ökonomischen Interessen der Slowaken ein. Große politische Veränderungen erwartete die Tageszeitung von diesem Machtwechsel zunächst nicht. Über den liberalen Kurs, den Dubček nunmehr einschlug, berichtete Le Monde erst am 17. Januar. Der konservative Figaro veröffentlichte am 26. Januar ein Foto des neuen Ersten Sekretärs der KSČ und titelte: „Ein wichtiger Schritt zur Errichtung eines ‚aufgeklärten Marxismus‘“.

 

„Dénovotnysation“

Die Abschaffung der Zensur begrüßte Le Figaro Anfang März euphorisch: Die Tschechoslowakei schlage einen Weg der „Denovotnysierung“ ein. Ihre politische Entwicklung nehme eine markante Wendung zugunsten einer Demokratisierung, was sämtliche Vorstellungskraft übersteige. Es bestehe Hoffnung auf eine echte Revolution mit Verbesserungen für jedermann anstelle von Opfern.[6] Dass die gewährte Freiheit auch Gefahren barg, vermittelte am 11. März ein aufschlussreicher Beitrag Jacques Guillemé-Brûlons, des Figaro-Sondergesandten in Prag.[7] Nach der im Februar 1968 gelungenen Flucht Jan Šejnas, eines tschechoslowakischen Offiziers, der mit dem Sohn Antonín Novotnýs freundschaftlich verbunden war, habe die Basis der Kommunistischen Partei das Gespräch mit Dubček erzwungen. Sie habe es als nötig geworden erachtet, den Ersten Sekretär, der auf diesem Ohr taub sei, energisch zu wecken und auf „gefürchteten ‚Revisionismus‘“, der um sich greife, aufmerksam zu machen. Der Artikel betonte die wichtige Rolle, die in der ČSSR Künstlern und Intellektuellen zukam. So finde die Politik in Prag hinter verschlossenen Türen statt, während sich in dieser Stadt der Vorhang auf etwa zwanzig Bühnen für Schauspieler und einfallsreiche Regisseure öffne. Le Figaro zitierte aus der Ausgabe einer Revue, die er als „Noviny Listi“[8] vorstellte, Eduard Goldstücker, dessen Vorschlag es gewesen sei, die historische Chance zu ergreifen, in einer „treuen Ehe“ das Untrennbare zu vereinen: den Sozialismus und die Freiheit. Jan Procházka habe sich dahingehend geäußert, dass es, nachdem der Staat bislang seine Bürger mit wohl bekannten Ergebnissen überwacht habe, nunmehr an der Zeit sei, dass der Bürger den Staat beobachte. Gemäß der Einschätzung des Ökonomen Ota Šik lägen die Verständnisschwierigkeiten an der kommunistischen Basis an der 20 Jahre währenden Unterordnung; es sei Dubček, der nun „den tschechoslowakischen sozialistischen Weg“ weiterginge, einen Weg auf der „Suche nach Wahrheit durch Diskussion und Konfrontation“. Abschließend kommentierte Guillemé-Brûlon, dass gegenwärtig wohl ausreichend Anlass bestünde zu verifizieren, ob der herrschende Optimismus, der in der Vergangenheit so oft enttäuscht worden sei, sich bewahrheiten würde.

Auch Le Monde beobachtete in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik einen innenpolitischen Wechsel in Richtung einer Liberalisierung. Am 12. März berichtete sie über eine (bis dahin in der ČSSR undenkbare) positive Darstellung Tomáš Garrigue Masaryks, des ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei. Bzgl. des Wirkens des neuen Ersten Sekretärs hielt Le Monde (14.03.1968) an ihrer nüchterneren Einschätzung fest: Dubček schlingere zwischen kommunistischem Konservatismus, einem moskautreuen Kurs einerseits und liberalen Bestrebungen andererseits hin und her. Le Figaro berichtete am 18. März „M. Dubcek veut créer un socialisme moderne“ (dt. „Herr Dubček will einen modernen Sozialismus errichten“), der „genauso weit entfernt von einem verknöcherten Marxismus wie von einem mit dem Kapitalismus kompromittierten ‚Laborismus‘“[9] läge. Der Rücktritt Novotnýs beende den Machtkampf zwischen Dubček und dem Staatsoberhaupt, schrieb Le Figaro (23./24.03.1968)[10], sprach aber auch die wirtschaftlichen Probleme der Tschechoslowakei an und erwartete Entscheidungskämpfe. Dubček verfüge über einen reduzierten Handlungsspielraum, er stehe zwischen dem sowjetischen Druck und den Wünschen seines Volkes.[11] Gleichwohl habe er beschlossen, die eingeleiteten demokratischen Reformen fortzusetzen.[12] Die Zeitung veröffentlichte Teile eines Aktionsplans, den Dubček vor dem Brünner Gemeindeausschuss vorgestellt hatte. Er habe dort ein „Programm und ein Glaubensbekenntnis“ präsentiert, „das Überraschungen bereithält“[13]. Dass die weltweiten linkspolitischen Reaktionen auf die Prager Entwicklungen in Ost und West unterschiedlich ausfielen, stellte Le Monde Ende März fest. Sie zitierte Dubček mit der Aussage „Ausländische Kommunisten wünschen den Erfolg der neuen Prager Politik“ und titelte auf der gleichen Seite „Der tschechoslowakische Liberalismus scheint die sowjetischen Führer zu beunruhigen“.[14] Am Tag darauf (29.03.1968) fragte das Blatt schließlich in einer Überschrift „Printemps à Prague?” (dt. „Frühling in Prag?“).

 

„Loin de Canossa…“

Vom Treffen in Moskau am 4. Mai berichtete Le Figaro zwei Tage darauf. Der sowjetische Verteidigungsminister habe gemeinsame in Kürze stattfindende Manöver auf tschechoslowakischem Gebiet als nur ein „kriegspiel“ (so auch im französischen Original) bezeichnet. Eine Stationierung sowjetischer und ostdeutscher Truppen wie 1966 in Vltava schließe man aus. Diese Bewertung sei intelligent, fand Le Figaro, und Oldřich Černik, der tschechoslowakische Ministerpräsident, versuche nicht mal indirekt Druck auszuüben. Anders äußere sich Dubček, der nun gewiss kein voreiliger Typ sei, jetzt aber mit der Gewissheit der „Unterstützung eines ganzen Volkes, das sich spontan während der Feierlichkeiten am 1. Mai dafür ausgesprochen“ habe, mit „fester Sprache“ spreche – die „Sprache dauerhafter Freundschaften“.[15] Im Zusammenhang mit einem Pipeline-Projekt habe Dubček einen Kredit von umgerechnet 400 Millionen Dollar erbeten, und das, obwohl nicht auszuschließen gewesen sei, dass der Kreml in Anbetracht der „‚Personalisierung‘ der tschechoslowakischen Politik“ hätte wagen können, verschiedene Maßnahmen des wirtschaftlichen Rückzugs in Betracht zu ziehen.[16]

Ende Juli veränderte sich die französische Berichterstattung. Le Figaro sprach von einem „Nervenkrieg in Osteuropa“, der Kreml habe sich positioniert, die Fronten hätten sich verhärtet und Dubček habe den „Gang nach Canossa“ anzutreten.[17] Am 25. Juli erwartete die Zeitung ein unmittelbar bevorstehendes sowjetisch-tschechoslowakisches Treffen und zeigte sich besorgt über „große Manöver der Roten Armee entlang der westlichen Grenzen“.[18] Das Schicksal Prags habe sich gestern in Moskau entschieden, las man im Figaro 24 Stunden später, der passive Widerstand in der Tschechoslowakei bleibe dennoch unerschütterlich.[19] Der zweite Tag des Treffens in Čierna nad Tisou habe in unbehaglicher Atmosphäre begonnen, so die Zeitung am 31. Juli.[20] Tags drauf berichtete sie, dass sich nach 39 Stunden andauernder Diskussionen die Verhandlungen zwischen Sowjets und Tschechoslowaken in Richtung eines „‚Kompromiss des Wartens‘“ bewegten, nun könne ein „Zermürbungskrieg“ bis zum nächsten Parteitag beginnen.[21] Zum ersten Mal jedoch hätten es die russischen Staats- und Regierungschefs mit einem ebenbürtigen Gegner zu tun.[22] Die Tschechoslowaken seien gut vorbereitet und Josef Smrkovský habe, kurz bevor er in seinen Schlafwagen stieg, gegenüber Eisenbahnern geäußert „‚Die Atmosphäre ist optimistisch und die Gespräche laufen vielversprechend. Ich bin zuversichtlich, dass wir Čierna mit einem noch breiteren Lächeln verlassen werden als bei unserer Ankunft.‘“[23] Insgesamt gehe „Das Spiel zwischen Moskau und Prag“ aber „in die Verlängerung“, fand Le Figaro.[24] Das tschechoslowakische Präsidium habe fest auf seinen Standpunkten beharrt, aber in letzter Minute gestellte Bedingungen brächten das Programm von Čierna nad Tisou durcheinander. Die Moskauer Presse habe indes ihre Angriffe auf Dubček und seinen Stab plötzlich eingestellt.[25]

 

Vor dem Treffen in Bratislava registrierte die französische Presse große Unruhe in Prag. Zehntausend Menschen hätten auf dem Altstädter Ring demonstriert und gefordert „‚die Wahrheit zu erfahren‘“. Es sei abzuwarten, ob die „vier ‚Getreuen‘ Moskaus“ das Programm von Čierna unterstützten oder neue Zugeständnisse verlangten. Dubček hätte zwar ein Ende der Kontroverse erreicht, aber die Stationierung sowjetischer Truppen genehmigt.[26] Am 5. August informierte der Figaro seine Leser über die vollständige Zustimmung der sechs Mitglieder des Warschauer Pakts zu den Vereinbarungen von Čierna nad Tisou. Der Moskau-Korrespondent Simon Sache berichtete den Franzosen, dass die sowjetische Presse das Treffen als „Sieg des gesunden Menschenverstandes und der Besonnenheit“ betitelte.[27] Die besondere Bedeutung der gemeinsamen Unterschrift hob man in Frankreich in der Überschrift „Am gleichen Tisch an dem Napoleon den Frieden von Pressburg unterschrieben hat“ hervor.[28] In der Vereinbarung hätten sich die Bruderparteien zu den Prinzipien des demokratischen Zentralismus bekannt und den festen Willen zum Ausdruck gebracht, „alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Zusammenarbeit ihrer Länder in allen Bereichen auf der Grundlage der Grundsätze der Gleichberechtigung, der Achtung der Souveränität und der nationalen Unabhängigkeit, der territorialen Integrität, der brüderlichen gegenseitigen Hilfe und Solidarität zu vertiefen.“[29] Hier erkannte Le Figaro eine Parallele zu den Beschlüssen, die Oktober 1956 in Ungarn gefasst worden waren. Auch damals habe Moskau die Gleichheit der Mitglieder der sozialistischen Gemeinschaft und den Grundsatz der Nichteinmischung betont. Die Tragödie von Budapest habe jedoch nur sieben Tage auf sich warten lassen. Der Kompromiss, auf den sich die Ungarn schüchtern eingelassen hätten, sei auf brutalste Art und Weise für tot erklärt worden. Im Falle von Dubček verhalte es sich jedoch anders. Mit ihm habe die sowjetische Führung erstmalig einen Dialog auf Augenhöhe geführt. „Brüderlichkeit und Kameradschaft“ seien in Bratislava „in der Tat kein leeres Wort“ gewesen.[30] Laut Dubček existiere auch kein geheimes Protokoll, das die Voraussetzungen dafür schaffe, die Souveränität der Tschechoslowakei zu beeinträchtigen.[31] „Haben die Prager Führer die ‚wirtschaftliche Öffnung‘ Richtung Westen der sozialistischen Einheit geopfert?“, überlegte Le Figaro, weitaus größere Angst als vor den Demokratisierungsentwicklungen in Prag hätten die Sowjets schließlich vor etwaigen Krediten aus Bonn.[32]

 

„surprise et réprobation“

Als Reaktion auf die Intervention kritisierte sogar L'Humanité, die Zeitung der Französischen Kommunistische Partei, erstmals in ihrer Geschichte eine Maßnahme Moskaus. Auf ihrem Titelblatt am 22. August gab sie bekannt, dass das Politbüro der PCF, nachdem es die Treffen in Čierna und Bratislava sehr befürwortet habe, seine Überraschung (fr. „surprise“) und Missbilligung (fr. „réprobation“) über die militärische Intervention ausdrücke. Man sei davon ausgegangen, dass die Probleme zwischen den kommunistischen Parteien und Bruderstaaten unter Respektierung der Souveränität eines jeden Landes diskutiert würden.

Le Figaro berichtete vom 22. bis zum 28. August jeden Tag mit Fotos auf der Titelseite über die Intervention. Bereits am 22. meldete er, dass sowohl die französische wie die italienische Kommunistische Partei die Entscheidung Moskaus verurteilten.[33] In Prag habe das Leben zwischenzeitlich stillgestanden. Eine Zeittafel fasste die acht Monate des „tschechoslowakischen Frühlings“ zusammen. Zwischenzeitlich sei es zwischen Ludvík Svoboda und den Sowjets zu dramatischen Verhandlungen gekommen.[34] Am 29. August beklagte die Zeitung „Détresse et résignation du peuple tchécoslovaque“ (dt. „Not und Resignation des tschechoslowakischen Volkes“). Die Tschechoslowakei beginne auf ihrem langen Weg Richtung Freiheit wieder ganz von vorne.[35]

 

Neben zahlreichen Karikaturen zu den jüngsten Ereignissen – wie etwa einer mit einem zum Freundschaftsgruß mit erhobener Faust parierenden Dubčeks, der in einer ihm entgegengestreckten geöffneten übermächtig großen sowjetischen Hand nur eine zerquetschte Friedenstaube vorfindet (Le Figaro, 24./25.08.1968) – warb Le Figaro am 28. August für eine Ausgabe der Paris Match, einer wöchentlich erscheinenden Illustrierten, mit schockierenden Bildern von der Invasion.

„Je ne suis pourtant pas exigeant! Tout ce que je demande, c'est qu'on m'aime!“ (dt. „Ich verlange gar nichts! Alles, worum ich bitte, ist, dass man mich liebt!“), sah man in einer Zeichnung vom 26. August einen riesigen sowjetischen Soldaten mit SS-Armbinde sagen. In jeder Hand schleift er ein zartes Mädchen, die personifizierte Tschechoslowakei und Ungarn, halb erwürgt mit sich (Le Figaro, 26.08.1968).

Eine weitere Karikatur zeigte Dubček auf einer Bombe sitzend über ein Mikrophon verkünden, dass es keinerlei Einmischung von Seiten der Sowjetunion in der Tschechoslowakei gegeben habe, während sich hinter seinem Rücken ein übergroßer Sowjetsoldat eine Zigarette anzündet und dabei das brennende Streichholz gefährlich nah an der Zündschnur der Bombe hält (Le Figaro, 31.08.1968).

Le Monde hatte Passanten getroffen, die berichteten, was die sowjetischen Soldaten auf die Frage, was sie in der ČSSR zu suchen hätten, geantwortet hätten: „dass sie wie 1945 gekommen seien, um das Land von den Deutschen zu befreien.“[36] Am 23. August zitierte das Blatt den Intellektuellen Herbert Marcuse mit seiner Einschätzung zur Invasion als „Das tragischstes Ereignis seit dem zweiten Weltkrieg“ (fr. „L'événement le plus tragique depuis la guerre“). Die Redaktion machte ihre Leser mit dem offiziellen Standpunkt Frankreichs bekannt und druckte die Ergebnisse einer Sitzung des französischen Ministerrates. Moskau „sollte nicht ‚durch die Politik der Blöcke erniedrigt‘ werden“. Man bedauere die Ereignisse, die nicht nur eine Rechtsverletzung und ein Eingreifen in das Schicksal einer befreundeten Nation darstellten, sondern auch der Entspannungspolitik zuwiderliefen.[37] Denn in der Niederschlagung des Prager Frühlings sah sich Charles De Gaulle einmal mehr darin bestätigt, dass allein eine Abkehr von der Blockpolitik, die Europa durch die Konferenz von Jalta aufgezwungen worden sei (und an der Frankreich nicht teilgenommen hatte), den Kontinent in Frieden zu einen vermochte.

Zu guter Letzt soll hier ein Artikel Erwähnung finden, der niemals in einer Zeitung Drucklegung fand. Während nämlich in Prag Dubček durch den sowjetloyalen Gustav Husák ausgetauscht wurde, ersetzte man in Frankreich an der Spitze der PCF den zum Problem gewordenen Waldeck Rochet durch George Marchais. Der erstgennannte und erkrankte PCF-Führer nahm den von den Sowjets ausgerufenen „orthodoxen“ Erneuerungsauftrag wortwörtlich, strebte nach einer „Union de la gauche“ und vermittelte nach dem Einmarsch in die ČSSR den Eindruck, er werde auch einen offenen Konflikt mit der sowjetischen Führung nicht scheuen. So entwarf er einen Beitrag, der vermutlich zur Veröffentlichung in L'Humanité vorgesehen war, in dem er der sowjetischen Bruderpartei vorwarf, einen Konflikt mit der PCF initiiert zu haben. Die These, der Prager Frühling sei eine Konterrevolution gewesen, wies er explizit zurück. Außerdem sei die Invasion – und das hatte die PCF bis dahin niemals öffentlich kundegetan – unvereinbar mit dem Prinzip der „unterschiedlichen Wege zum Sozialismus“.

 

Verwendete Literatur:

Bracke, Maud Anne, „The Parti communiste français in May 1968 The Impossible Revolution?” in Martin Klimke, Jacco Pekelder & Joachim Scharloth (Hrsg.), Between Prague Spring and French May Opposition and Revolt in Europe, 1960-1980, New York 2011.

Haefs, Hanswilhelm, Die Ereignisse in der Tschechoslowakei vom 27.6.1967 bis 18.10.1968 Ein dokumentarischer Bericht, Bonn 1969.

Hofmann, Birgit, Der „Prager Frühling“ und der Westen Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015.

Merill, John C. & Harold A. Fisher, The World’s Great Dailies: Profiles of Fifty Newspapers, New York 1980.

Soutou, Georges-Henri, „Paris und der ‚Prager Frühling‘“ in: Stefan Karner, Natalja Tomilina & Alexander Tschubarjan (Hrsg.), Prager Frühling Das internationale Krisenjahr 1968, Köln 2008.

 

Quellen:

Le Figaro

Le Monde

 

Endnoten:

[1] In diesem Kontext ist das französische Selbstverständnis in Bezug auf die Invasion der Warschauern Paktstaaten zu verstehen. Le Monde (22.08.1968) äußerte sich gleichermaßen bestürzt wie entschlossen: „La France, qui […] a parrainé la nouvelle République tchécoslovaque, qui […] n’a pas su la protéger, dispose encore aujourd’hui de moyens d‘action vraiment efficaces.” (dt. „Frankreich, das […] die neue Tschechoslowakische Republik unterstützt hat, das […] sie nicht geschützt hat, verfügt auch heute noch über sehr effektive Handlungsmöglichkeiten.“ Weitaus weniger prägte den öffentlichen Diskurs der 60er Jahre eine selbstkritische Auseinandersetzung der Beteiligung Frankreichs beim Münchner Abkommen (1938).

[2] „Le soutien au peuple tchécoslovaque. Petites annonces gratuites” in: Le Figaro, 28.08.1968.

[3] In der deutschen Übersetzung in etwa gleichbedeutend mit „Um den Lesern des ‚Figaro‘ die Möglichkeit zu geben, tschechoslowakische Staatsangehörige mit Wohnsitz in Frankreich effektiv zu unterstützen, eröffnet ‚Le Figaro‘ eine Rubrik mit kostenlosen Kleinanzeigen. Diese Kleinanzeigen ermöglichen es unseren tschechischen Freunden, ihre Probleme bekannt zu machen, und unseren Lesern für diese Probleme eine Lösung zu finden.“, ebd.

[4] Zum Hintergrund des Redaktionsstreiks bei Le Figaro: Jean Prouvost, Frankreichs einflussreichster Wollfabrikant und Eigentümer zweier weiterer Zeitschriften, hatte im Zweiten Weltkrieg mit dem Vichy Regime paktiert, sodass sich ihm, als er sich 1949 bei Le Figaro einkaufen wollte, ein Bündnis von Gaullisten und Linken verbündet widersetzte und Pierre Brisson die finanzielle Kontrolle durch die Belegschaft und Redaktion sicherte. Nach Brissons Tod 1964 behauptete Prouvost rechtmäßiger Eigentümer der Zeitung zu sein.

[5] „le plus jeune chef d'un parti communiste au pouvoir en Europe” in: Le Monde, 07./08.01.1968.

[6] „Abolition de la censure. […] La Tchécoslovaquie sur la voie d’une ‚Dénovotnysation’ […] L’évolution de la situation politique en Tchécoslovaquie prend un tour saisissant. […] L’énumération des appels multiples et variés dans leur expression, en faveur d’une démocratisation des mœurs politiques, enregistrés en Tchécoslovaquie depuis le 5 janvier, dépasse l’imagination. Il s’agit, en effet, d’un phénomène unique dans une démocratie populaire: l’espoir peut-être inconsidéré mais sincère de faire enfin la vraie Révolution, de l’exploiter pour le mieux-être de tous, au lieu d’en être les victimes.” in: Le Figaro, 9./10.03.1968.

[7] Nachfolgende Zitate aus Le Figaro, 11.03.1968: „Le redoutable ‚révisionnisme’”; „la chance donnée par l'histoire de tenter d'unir dans un mariage fidèle ce qui est inséparable: Le socialisme et la liberté”; „Si l'Etat a surveillé jusqu'à présent ses citoyens avec les résultats que l'on connaît, je propose maintenant que les citoyens surveillent l'Etat.”; „recherche de la vérité par la discussion et la confrontation”.

[8] Ob es sich bei „Noviny Listi“ im Wortlaut um ein redaktionelles Versehen des Figaro handelte, muss vorliegend dahinstehen. Fest steht, dass die Ideen des Prager Frühlings als eine im Intellektuellenkreis aufkeimende Bewegung vor allem über die kulturpolitische Zeitschrift Literární listy transportiert wurden und in den Tageszeitungen Lidové noviny, Práce, Mladá fronta und Zemědělské noviny Verbreitung fanden.

[9] „aussi éloigné d'un marxisme sclérosé que d'un ‚travaillisme‘ compromis avec le capitalisme” in: Le Figaro, 18.03.2018.

[10] „La démission de M. Novotny met fin á l’épreuve de force entre M. Dubcek et le chef de l’État” in: Le Figaro, 23./24.03.1968.

[11] „Heures cruciales en Tchécoslovaquie. Marge de manœuvre réduite pour M. Dubcek pris entre les pressions soviétiques et les aspirations de son peuple.”; „L’épuration continue.”; „Pressions économiques” in: Le Figaro, 27.03.1968.

[12] „M. Dubcek décidé à poursuivre les réformes démocratiques amorcées” in: Le Figaro, 28.03.1968.

[13] „Un programme et une profession de foi susceptibles de réserver des surprises...“, ebd.

[14] „Les communistes étrangers souhaitent le succès de la nouvelle politique de Prague, assure M. Dubček”; „Le libéralisme tchécoslovaque paraît inquiéter les dirigeants soviétiques” in: Le Monde, 28.03.1968.

[15] Vgl. „Mais Dubcek n'est pas homme à s'embarquer sans biscuit. Fort désormais de l'appui de tout un peuple qui lui a spontanément manifesté son adhésion lors des fêtes du 1er mai, il lui a été à n'en pas douter possible d'adopter le langage ferme qui consacre les amitiés durables.” in: Le Figaro, 06.05.1968.

[16] „[…] il ne serait pas exclu que le Kremlin, rendu ombrageux par la ‚personnalisation’ de la politique tchécoslovaque, puisse cependant envisager diverses mesures de désengagement économique.”, ebd.

[17] „Loin de Canossa”; „Le Kremlin durcit sa position”;  „La guerre des nerfs en Europe de l’Est” in: Le Figaro, 24.07.1968.

[18] „La rencontre soviéto-tchécoslovaque serait imminente”, „Grandes manœuvres de l’Armée rouge le long des frontières occidentales” in: Le Figaro, 25.07.1968.

[19] „Le sort de Prague s’est joué hier à Moscou”; „La résistance passive reste inébranlable en Tchécoslovaquie” in: Le Figaro, 26.07.1968.

[20] „La seconde journée de la ‚grande confrontation de Cierna’ s’est ouverte dans une atmosphère de malaise” in: Le Figaro, 31.07.1968.

[21] „Après 39 heures de discussions, Soviétiques et Tchécoslovaques se dirigent vers un ‚compromis d’attente’. Une guerre d’usure pourrait commencer: Moscou a maintenant 40 jours pour épuiser M. Dubcek avent l’épreuve finale du Congrès du parti.” in: Le Figaro, 1.08.1968.

[22] „Mais pour la première fois, les dirigeants russes se trouvent aux prises avec un adversaire à leur mesure.”, ebd.

[23] „‚L’atmosphère est à l’optimisme et les entretiens se déroulent de façon prometteuse. J’ai confiance que nous quitterons Cierna avec des sourires encore plus larges que ceux que nous arborions lorsque nous y sommes arrivés’, a déclaré hier soir M. Smrkovsky à des cheminots de la gare de triage, avant de monter à bord de son wagon-lit.”, ebd.

[24] „Le match Moscou-Prague a joué les prolongations” in: Le Figaro, 02.08.1968.

[25] „Le praesidium tchécoslovaque est demeuré ferme sur ses positions”; „Des conditions de dernière heure […] ont bouleversé le programme des entretiens de Cierna”; „La presse moscovite a brusquement cessé ses attaques contre l'équipe Dubcek”, ebd.

[26] „Inquiétude des Tchèques avant le sommet de Bratislava. Les quatre ‚fidèles’ de Moscou viendront-ils entériner les décisions de Cierna, ou exiger des nouvelles concessions ?”; „Dix mille personnes manifestent sur la Vielle place de Prague pour ‚savoir la vérité”; „Dubcek a obtenu l‘arrêt des polémiques mais a autorisé le stationnement des troupes soviétiques” in: Le Figaro, 03./04.08.1968.

[27] „Les six membres du Pacte de Varsovie ont adopté la déclaration consacrant leur complet accord”; „Bulletin de victoire dans l'ensemble de la presse soviétique ou l'on signale que la rencontre a été une victoire du bon sens et de la pondération” in: Le Figaro, 05.08.1968.

[28] „Sur la table même où Napoléon signa le traité de Presbourg.”, ebd.

[29] „Les principaux points de la déclaration : – Les partis frères estiment de leur devoir de favoriser en permanence avec soin l’accroissement de l’activité politique de la classe ouvrière, de la paysannerie, des intellectuels, de tous les travailleurs, le progrès général du régime social socialiste, le développement de la démocratie socialiste, le perfectionnement du style et des méthodes de travail du parti et des organismes étatiques sur la base des principes du centralisme démocratique. – Les participants à la conférence ont exprimé la ferme volonté de faire tout ce qui est en leur pouvoir pour approfondir la coopération de leurs pays dans tous les domaines sur la base des principes de l’égalité des droits, du respect de la souveraineté et de l’indépendance nationale, de l’intégralité territoriale, de l’aide mutuelle fraternelle et de la solidarité.”, ebd.

[30] „Les risques de contagion: Le 30 octobre 1956, Moscou affirmait ‚que les pays de la grande communauté socialiste peuvent conduire leurs relations seulement sur le principe d’une entière égalité en droit, du respect de l’intégrité territoriale, de l’indépendance et de la non-ingérence dans les affaires les uns des autres’. Sept jours plus tard, c’était le dra[m]e de Budapest et la voie sur laquelle on s’était timidement engagé se trouvait brutalement condamnée, les principes énoncés demeurant lettre morte. Or, c’est précisément cette route que l’on pouvait croire définitivement interdite, que M. Dubcek a rouverte à l’issue des sévères et fructueux entretiens de Cierna. Dans ce dialogue pour la premèire fois d’égal à égal, entre le grand frère soviétique et une démocratie populaire, la fraternité et la camaraderie socialistes n’ont effectivement pas été un vain mot.”, ebd.

[31] „Dubcek affirme: ‚Il n’existe aucun protocole secret susceptible d’aliéner notre souveraineté’” in: Le Figaro, 06.08.1968.

[32] „Les dirigeants Pragois ont-ils sacrifié l’‚ouverture économique’ vers l’ouest à l’unité socialiste?”; „Les Soviétiques craindraient davantage l’entrée en Tchécoslovaquie des crédits de Bonn que l’expérience de démocratisation en cours.” in: Le Figaro, 07.08.1968.

[33] „Les P.C. français et italien condamnent la décision de Moscou” in: Le Figaro, 22.08.1968.

[34] „Dramatiques négociations hier au Kremlin entre Ludvik Svoboda et les Soviétiques” in: Le Figaro, 24./25.08.1968.

[35] „La Tchécoslovaquie repart à zéro dans sa longue marche vers la liberté” in: Le Figaro, 31.08.1968

[36] „Aux passantes qui les interrogeaient sur les raisons de leur présence, les jeunes soldats russes répondaient qu'ils étaient venus libérer le pays des Allemands comme en 1945.” in: Le Monde, 22.08.1968.

[37] „l'U.R.S.S. ne soit pas ‚dégradée de la politique des blocs’ et déplorant des événements qui ‚outre qu'ils constituent une atteinte aux droits et au destin d'une nation amie’ sont de nature à contrarier la détente en cours.” in: Le Monde, 24.08.2018.

Autorin

Lena Scheer

Glossar:

Cohn-Bendit, Daniel

Daniel Cohn-Bendit (*1945) – ist ein deutsch-französischer Publizist und Politiker der französischen Partei Les Verts und von Bündnis 90/Die Grünen. Als stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz ist er Mitglied des Europäischen Parlaments. Bekanntheit erlangte er in den 1960er Jahren als Sprecher und Anführer der Pariser Mairevolution.

Verwendete Literatur:

Brochard, Aurelie, Sally Janzen, Sonja Meyrl & Cosima Möller, „Dany“, zuletzt abgerufen am 17.10.2018.

Černík, Oldřich

Oldřich Černík (1921-1994) – war ein tschechoslowakischer Politiker. Parallel zu seiner raschen Karriere innerhalb der KSČ qualifizierte er sich zum metallurgischen Ingenieur. Er wurde im März 1968 zum Ministerpräsidenten gewählt und zeigte sich reformwillig. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR im August 1968 gehörte er neben Staatspräsident Svoboda, Parteichef Dubček und Josef Smrkovsky zu denjenigen, die das Diktat Moskaus zur Beendigung aller Reformen in der Tschechoslowakei unterschrieben. 1969 versuchte er sein Verhalten während des Prager Frühlings zu relativieren und verurteilte den Reformprozess öffentlich. 1970 verlor er dennoch das Amt des Ministerpräsidenten und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Danach hatte er keine politisch bedeutsamen Ämter mehr inne.

Verwendete Literatur:

„Černík, Oldrich“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.

Čierna nad Tisou

Čierna nad Tisou – ist eine slowakische Kleinstadt im Dreiländereck zwischen der Slowakei, der Ukraine und Ungarn. Vom 29. Juli bis zum 1. August 1968 fanden in der Grenzstadt zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion bilaterale Verhandlungen zwischen Vertretern des sowjetischen Politbüros und der tschechoslowakischen Regierung statt. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Leonid Brežnev, Alexej Kossygin, Nikolaj Podgorny, Alexander Dubček und Ludvík Svoboda. Für die Sowjetunion waren die Verhandlungen der letzte Versuch, dem Prager Frühling und Dubčeks Reformkurs ohne Anwendung von Gewalt Einhalt zu gebieten. Den beiden Seiten gelang, in Čierna nad Tisou zumindest eine kurzfristige Einigung zu erreichen, die wenig später in Bratislava ratifiziert wurde.

Verwendete Literatur:

Schulze Wessel, Martin, Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt. Stuttgart 2018, 271-280.

de Gaulle, Charles

Charles de Gaulle (1890-1970) – war ein französischer General und Politiker. Nachdem er im Ersten Weltkrieg gedient hatte, setzte er sich als führender Kopf der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung und das Vichy-Regime durch. Er war von 1944 bis 1946 Präsident der Provisorischen Regierung sowie von 1959 bis 1969 Präsident der Fünften Republik. Verteidigungspolitischforcierte er den Aufbau Frankreichs zur Atommacht und löste 1966 das Land aus der NATO. Sein konservativer Regierungsstil und seine politische Ideologie (sog. Gaullismus) haben bis heute Nachwirkungen auf die französische Politik.

Verwendete Literatur:

„de Gaulle“ in: Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 4, Leipzig 1997, 193-94.

Dubček, Alexander

Alexander Dubček (1921-1992) – war ein tschechoslowakischer Politiker und eine der zentralen Figuren des Prager Frühlings. Dubček wuchs größtenteils in der UdSSR auf, wo sein Vater im Rahmen der „Internationalen Arbeiterhilfe“ als Tischler tätig war. In den 1930er Jahre machte er eine Ausbildung zum Schlosser. 1939 trat er der illegal gegründeten Kommunistischen Partei der Slowakei (Komunistická strana slovenska – KSS) bei und war im antifaschistischen Widerstand tätig. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann sein Aufstieg innerhalb der KSČ. 1958 vollendete er sein Studium an der Parteihochschule des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU in Moskau mit Auszeichnung. Danach studierte er an der juristischen Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava und beschloss sein Studium mit einer sozialwissenschaftlichen Dissertation.

Am 6. Januar 1968 wurde er zum neuen Ersten Sekretär des ZK der KSČ gewählt und avancierte in der ersten Hälfte des Jahres 1968 zur Symbolfigur des Prager Frühlings. Nach dessen Niederschlagung wurde er nach Moskau verschleppt und gezwungen das "Moskauer Protokoll", das alle Reformprozess in der ČSSR beenden sollte, zu unterschreiben.

Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter distanzierte er sich nie von seinem Engagement für den Reformsozialismus. Aus der KSČ wurde er ausgeschlossen. Daraufhin war er als Aufsicht im Fuhrpark eines Forstbetriebs in Bratislava tätig, wo er bis zu seiner Pensionierung 1986 arbeitete.

Dubček unterstützte 1989 die Protestbewegung und den demokratischen Umbruch. Dass danach keine zentrale Rolle mehr spielte, lag auch daran, dass seine Person in den Augen vieler Menschen zu stark mit dem Kommunismus verknüpft war. Dennoch wurde er Parlamentspräsident, trat allerdings im Juli 1991 zurück, da er die slowakischen Abspaltungsbestrebungen nicht unterstützte.

Dubček starb am 7. Oktober 1992 an den Folgen eines Autounfalls.

Verwendete Literatur:

„Dubček, Alexander“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, http://www-1munzinger-1de-100123eal0a2a.emedia1.bsb-muenchen.de/document/00000010324, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.

Goldstücker, Eduard

Eduard Goldstücker (1913-2000) – war ein tschechoslowakischer Literaturwissenschaftler und politischer Aktivist. Er stammte aus einer jüdischen Familie in der heutigen Slowakei und studierte in den 1930er Jahren Germanistik und Romanistik in Prag. Goldstücker wurde 1942 in Oxford promoviert. Ab 1933 war er Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er im tschechoslowakischen Außenministerium und war 1950/51 der erste Botschafter seines Landes in Israel. Er wurde Opfer einer antisemitischen Kampagne und 1953 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1955 kam er jedoch frei und arbeitete fortan an der Karls-Universität in Prag. Um die Literatur Franz Kafkas in der sozialistischen Tschechoslowakei (wieder) bekannt zu machen, berief er 1963 die erste Kafka-Konferenz ein. Die politische Wirkung dieses Ereignisses wurde erst 1968 klar, als Goldstücker sich als Verfechter der Reformen des Prager Frühlings hervortat. In dessen Nachgang wurde er aus der KSČ ausgeschlossen und musste das Land verlassen. Ab 1971 lehrte er in England. 1991 kehrte Goldstücker nach Prag zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Verwendete Literatur:

„Goldstücker, Eduard“ in: Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, Ravensburg 2001, zuletzt abgerufen über Bayerische Staatsbibliothek am 06.08.2018.

Komunistická strana Československa

Komunistická strana Československa (KSČ) [Kommunistische Partei der Tschechoslowakei] – war in den Jahren 1948 bis 1989 alleinige Regierungspartei in der Tschechoslowakischen Republik. Die Partei gründete sich im Mai 1921 durch die Abspaltung von der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei (ČSSD). 1929 erfolgte die Stalinisierung. Während des Zweiten Weltkriegs war die KSČ verboten, arbeitete aber illegal weiter und stellte ein Zentrum der Widerstandsbewegung dar. Das brachte ihr nach Kriegsende viele Sympathien ein, so war sie die stärkste Kraft der 1945 gegründeten Nationalen Front und erhielt in den Wahlen von 1946 den größten Stimmenanteil. Im Februar 1948 setzte die die KSČ ihr Machtmonopol durch, es begann eine Phase der Verfolgung und Schauprozesse. 1968 strebte die KSČ unter der Führung von Alexander Dubček eine eigene Form des Sozialismus an. Die sowjetische Führung betrachtete dieses reformsozialistische Experiment als konterrevolutionär. Nach der militärischen Intervention im August 1968 wurde eine konservative, Moskau-treue Parteiführung unter Gustáv Husák eingesetzt, die einen Prozess der „Normalisierung“ einleitete. Das Machtmonopol der KSČ wurde am 17. November 1989 durch die Samtene Revolution beendet. Die heutige Nachfolgeorganisation der KSČ in Tschechien ist die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens KSČM.

Verwendete Literatur:

Malíř, Jiří & Pavel Marek (Hrsg.), Politické strany. Vývoj politických stran a hnutí v českých zemích a Československu 1861-2004 [Politische Parteien. Entwicklung der politischen Bewegungen in Böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei 1861-2004] Bd. 2. Brno 2005.

Masaryk, Tomáš Garrigue

Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937) – gilt als Gründervater der unabhängigen Tschechoslowakei und war ihr erster Präsident. Masaryk, der Philosophie studiert hatte und als Professor in Wien und Prag wirkte, war seit den 1890er Jahren in der Politik aktiv. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging er ins Exil, wo er zusammen mit seinem Mitarbeiter Eduard Beneš den Tschechoslowakischen Nationalausschuss gründete. Er förderte die Entstehung der tschechoslowakischen Legionen und setzte sich bei den Alliierten für die Schaffung eines unabhängigen tschechoslowakischen Staates ein. Im November 1918 wurde Masaryk zum Präsidenten der jungen Republik ernannt und 1920, 1927 und 1934 in seinem Amt bestätigt. Er trat wegen Krankheit im Dezember 1935 zurück und wurde durch Edvard Beneš ersetzt. Masaryk wird bis heute als Symbol für Demokratie und Freiheit wahrgenommen.

Verwendete Literatur:

Kolář, František (Hrsg.), Politická elita meziválečného Československa 1918-1938. Kdo byl kdo za první republiky [Politische Elite der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit 1918-1938. Wer war wer in der Ersten Republik], Praha 1998.

Novotný, Antonín

Antonín Novotný (1904-1975) – war ein tschechoslowakischer kommunistischer Politiker, Generalsekretär der KSČ und von 1957 bis 1968 zugleich der Präsident der Tschechoslowakei. Er stammte aus einer Prager Arbeiterfamilie. 1921 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei. Von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war er im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung wurde er Mitglied des Zentralkomitees der KSČ und folgte Klement Gottwald 1953 im Amt des Ersten Sekretärs. In den 1960er Jahren wuchs die Kritik an seiner rigiden Politik und seiner Person. Am 5. Januar 1968 wurde er als Parteichef von Alexander Dubček abgelöst. Am 22. März musste er auch von seinem Präsidentenamt zurückzutreten. Sein Nachfolger war der General Ludvík Svoboda. Im Juni gab er unter Druck auch seine Position im Zentralkomitee der KSČ auf und zog sich aus dem politischen Leben zurück. Während der Normalisierung wurde seine Mitgliedschaft im Zentralkomitee zwar erneuert, Novotný erreichte aber keinen nennenswerten Einfluss mehr.

Verwendete Literatur:

Jan Rataj (Hrsg.), Československo v proměnách komunistického režimu [Die Tschechoslowakei im Wandel des kommunistischen Regimes]. Praha 2010.

Parti communiste français

Parti communiste français (PCF) [Kommunistische Partei Frankreichs] – ist eine französische politische Partei. Nachdem sich die französische Arbeiterbewegung Anfang des 20. Jh. zunehmend radikalisiert hatte, gründete sich die PCF 1920 als Abspaltung von der französischen Sektion der Zweiten Internationale. L’Humanité war lange Zeit ihre offizielle Parteizeitung. Zwar bestritten die französischen Kommunisten, dass die Maiunruhen 1968 in ihrem Land revolutionäres Potenzial hatten. An der Niederschlagung des Prager Frühlings regte sich innerhalb der PCF jedoch Kritik.

Verwendete Literatur:

Schmidt, Bernhard, Jürgen Doll, Walther Fekl, Siegfried Loewe & Fritz Taubert, Frankreich Lexikon. Schlüsselbegriffe zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Presse- und Bildungswesen, Berlin 2005, 729-35.

Partito comunista italiano

Partito comunista italiano (PCI) [Italienische Kommunistische Partei] – war eine italienische politische Partei. Auf Bestreben von Antonio Gramsci entstand sie 1921 als Abspaltung von der Sozialistischen Partei (PSI) unter dem Namen Kommunistische Partei Italiens (PCD’I). Von 1927 bis 1943 gingen ihre Mitglieder in den Untergrund oder ins Exil. Palmiro Togliatti hatte die Leitung der Partei übernommen. Sie blieb als antifaschistische Kraft bestehen. Ab 1943 kehrten ihre Funktionäre zurück und etablierten die Partei unter dem Namen PCI. In den 1950er Jahren kam es zum erneuten Zerwürfnis mit der PSI über die Nähe zur Sowjetunion. So unterstützte die PCI den Einmarsch in Ungarn 1956. Nach Togliattis Tod 1964 übernahm Luigi Longo die Parteiführung. Unter ihm beteiligte sich die Partei an den Arbeiterkämpfen von 1968. Sie verurteilte den Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968, löste sich aber erst in den 1980er Jahren von der KPdSU. In dieser Zeit verlor die PCI zunehmend Wähler und Mitglieder und löste sich 1991 auf.  

Verwendete Literatur:

„Partito comunista italiano“ in: Dizionario di Storia, Roma 2011, http://www.treccani.it/enciclopedia/partito-comunista-italiano_%28Dizionario-di-Storia%29/, zuletzt abgerufen  am  06.08.2018.

Procházka, Jan

Jan Procházka (1929-1971) – war ein tschechischer Schriftsteller und eine der bekanntesten Intellektuellen des Prager Frühlings. In der Nachkriegszeit engagierte er sich für den Aufbau des Sozialismus: Er arbeitete im Zentralkomitee der Sozialistischen Staatsjugend und schrieb nebenbei Literatur und Drehbücher. Ab 1958 widmete er sich nur noch dem Schreiben. Auf dem Schriftstellerkongress 1967 bekannte er sich öffentlich zu den Reformbewegungen des Prager Frühlings und setzte sich für mehr künstlerische Freiheiten ein, woraufhin er 1969 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Er starb im Februar 1971 an einem Krebsleiden. 

Verwendete Literatur:

„Prochazka, Jan“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.

Svoboda, Ludvík

Ludvík Svoboda (1895-1979) – war ein tschechoslowakischer General und von 1968 bis 1975 Staatspräsident der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik. Während des Ersten Weltkriegs desertierte er an der Ostfront aus der österreich-ungarischen Armee und schloss sich der tschechoslowakischen Legion in Russland an. Während des Zweiten Weltkriegs war er Befehlshaber des ersten tschechoslowakischen Bataillons, das  an der Seite der Sowjetunion gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpfte. In der Nachkriegstschechoslowakei war er Verteidigungsminister und kurzzeitig stellvertretender Ministerpräsident. 1950 wurde er von diesem Amt abberufen, vor Gericht gestellt und inhaftiert. Seine Rehabilitierung erfolgte 1954. Svoboda, der große Popularität in der Bevölkerung genoss, wurde am 30. März 1968 zum tschechoslowakischen Präsidenten gewählt. Nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten befahl er der tschechoslowakischen Armee, keinen Wiederstand zu leisten und setzte sich dafür ein, dass Alexander Dubček und die anderen in Moskau festgehaltenen Reformpolitiker wieder freikamen. Anders als diese blieb er im Amt. Er war bis 1975 Präsident der Tschechoslowakei.

Verwendete Literatur:

Jan Rataj (Hrsg.), Československo v proměnách komunistického režimu [Die Tschechoslowakei im Wandel des kommunistischen Regimes], Praha 2010.

Warschauer Pakt

Warschauer Pakt – gegründet am 14. Mai 1955 unter der Bezeichnung „Warschauer Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ und auch Warschauer Vertragsorganisation genannt. Der Vertrag trat am 4. Juni 1955 in Kraft. In ihm sicherten ie kommunistischen Mitgliedsstaaten Albanien, Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Ungarn einander gegenseitige militärische Unterstützung zu. Damit stellte der Warschauer Parkt eine Gegenallianz zur westlichen North Atlantic Treaty Organization (NATO) dar. Formaljuristisch waren alle Mitglieder gleichberechtigt, de facto hatte die Sowjetunion das militärische Oberkommando. Diese nutzte den Vertrag auch zur Stationierung von Truppen in den Mitgliedsstaaten, um die eigenen Interessen dort besser durchsetzen zu können. Der Warschauer Pakt bestand bis 1991.

Verwendete Literatur:

„Warschauer Pakt“ in: Brockhaus Online, https://brockhaus.de/ecs/enzy/article/warschauer-pakt.