1. Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968

Heintje, Peter Alexander und Uschi Glas laufen im Radio – die Außerparlamentarische Opposition (APO) läuft durch die Straßen. Rudi Dutschke fordert als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS gesellschaftlichen Wandel und das Ende des Vietnamkrieges. Fast täglich finden in Westberlin und in der Bundesrepublik Demonstrationen und Kundgebungen statt.

So beginnt das Jahr 1968 in der Bundesrepublik. Als am 11. April Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt wird, kommt es in vielen Teilen der BRD zu Demonstrationen und teilweise blutigen Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt. Die Wut richtet sich auch gegen die Springerpresse, der vorgeworfen wird, durch die tendenziöse Berichterstattung über Dutschke und die Studentenproteste zur Eskalation der Gewalt beigetragen zu haben. Die Demonstranten skandieren Sprüche wie „Bild hat mitgeschossen“ und „Enteignet Springer“. Während der Osterunruhen werden Springer-Zentralen in Berlin, München und Hamburg gestürmt.

Als die bundesdeutsche Regierung die Notstandsgesetze verkündet, die den Staatsorganen in Krisen- und Notsituationen weitreichende Befugnisse und Kompetenzen auf Kosten der Bürgerrechte einräumen, protestieren in einem Sternmarsch nach Bonn mehrere Zehntausende größtenteils friedlich dagegen.

1968 bildet in vielfacher Weise eine widersprüchlich besetzte Chiffre – viele Entwicklungen, welche dem Protestjahr zugeschrieben werden, hatten ihren Ursprung bereits in den Jahren zuvor. So führte die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni  1967 auf einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi zu einer Ausweitung und Radikalisierung des Protests. Zugleich fanden Massenkundgebungen gegen den Vietnamkrieg auch vor 1968 längst regen Zulauf.

Auch der Wandel der bundesdeutschen Ostpolitik hatte schon vor 1968 begonnen, wofür auch internationale Entwicklungen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Die Eskalation der Spannungen etwa beim Bau der Berliner Mauer 1961 oder während der Kuba-Krise 1962 zog einen Bewusstseinswandel nach sich. Die atomare Pattsituation, in der sich die Supermächte USA und UdSSR befanden, erforderte neue Wege, den Status quo zu überwinden (z.B. mit der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags am 1. Juli 1968 durch USA, UdSSR und Großbritannien). Vorsichtige Annäherung und diplomatische Kontaktaufnahme sollten das Verhältnis zwischen Ost und West verbessern und das gegenseitige Wettrüsten stoppen. In diesem Sinne verkündete die Bonner Regierung für ihre „neue Ostpolitik“ das Motto „Wandel durch Annäherung“. So sandte Ludwig Erhard 1966 eine „Friedensnote“ an alle Ostblockstaaten (außer der DDR), in der er u. a. ein Gewaltverzichtsabkommen vorschlug.

Von Beginn an setzte die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger und Außenminister Willy Brandt auf außenpolitische Entspannung. Immer deutlicher rückte die BRD von der Hallstein-Doktrin ab und suchte einen Dialog mit den Staaten des Warschauer Pakts. So äußerte sich Kurt Georg Kiesinger bereits 1966: „Wir wollen entkrampfen und nicht verhärten, Gräben überwinden und nicht vertiefen“[1]. Zwar wurden neue Ansätze vornehmlich einer westdeutschen Ost- und Deutschlandpolitik erprobt, dennoch galt die Dialogbereitschaft allen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes. Bei der DDR und der UdSSR stieß diese Politik zunächst aber auf Misstrauen und Abwehr.

Dieser außenpolitische Ansatz prägte auch den Umgang mit den Entwicklungen des Prager Frühlings 1968. Generell betrachtete die westdeutsche Regierung die Prager Reformbestrebungen wohlwollend, da sie sich von ihr positive Entwicklungen in anderen Ostblockstaaten, insbesondere der DDR, erhoffte. Indes war die Bonner Regierung auf Zurückhaltung bedacht. „Meine Politik ist es, alles zu vermeiden, was Dubček Schwierigkeiten machen kann“[2], ließ Kiesinger im Mai 1968 verlauten, schließlich suchte man weder die offene Konfrontation mit den Ostblockstaaten, noch wollte man die Prager Reformkommunisten durch aktive demonstrative Unterstützung in Bedrängnis bringen. Die zaghaften Kontakte, welche die Bonner Politik dennoch zu den Prager Reformern aufnahm, wurden jedoch von der Sowjetunion und insbesondere von der SED-Führung als „imperialistische Einmischung“ und „konterrevolutionäre Einmischung“ kritisiert.

Die Politik der BRD zielte in erster Linie auf Entspannung zwischen den militärischen Blöcken ab. Als die Sowjetunion zusammen mit einigen Warschauer-Pakt-Staaten in der Nacht vom 20. auf den 21. August die Tschechoslowakei mit Truppen besetzte, beschränkte sich die BRD auf Proteste. Der Einmarsch sowjetischer Truppen bedeutete somit „zwar einen Rückschlag, aber keinen Kahlschlag in der Entspannungspolitik“[3]. Gleichwohl sorgte die Unterdrückung des Prager Frühlings in der bundesdeutschen Öffentlichkeit für einen Aufschrei der Öffentlichkeit. Hoffnungen auf einen ähnlichen Wandel in der DDR und eine mögliche Annäherung Ost- und Westdeutschlands wurden mit dem sowjetischen Einmarsch zunichte gemacht. 

 

Verwendete Literatur:

Étienne, François, 1968 – Ein europäisches Jahr?, Leipzig 1997.

Frei, Norbert, 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.

Hofmann, Birgit, Der „Prager Frühling“ und der Westen: Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015.

Karner, Stefan, Natalja Tomilina & Alexander Tschubarjan (Hrsg.), Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Köln 2008.

Nassehi, Armin, Gab es 1968? Eine Spurensuche, Hamburg 2018.

Pauer, Jan, Prag 1968: Der Einmarsch des Warschauer Paktes; Hintergründe – Planung – Durchführung, Bremen 1995.

Schmid, Markus Herbert, Der Prager Frühling und die 68er, Eichstätt 2008.

Stüwe, Klaus, Die Rede des Kanzlers – Regierungserklärungen von Adenauer bis Schröder, Wiesbaden 2005.

 

Endnoten:

[1] Stüwe, Klaus, Die Rede des Kanzlers – Regierungserklärungen von Adenauer bis Schröder, Wiesbaden 2005, 277.

[2] Zitiert nach Hofmann, Birgit, Der „Prager Frühling“ und der Westen: Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015, 180.

[3] Müller, Horst, „Die Bundesrepublik Deutschland und der ‚Prager Frühling‘“, in: Stefan Karner, Natalja Tomilina & Alexander Tschubarjan (Hrsg.), Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Köln 2008, 556.


2. Der Prager Frühling in der Berichterstattung westdeutscher Zeitungen – „Stille Revolution“ oder “schmaler Pfad zwischen Abgründen“?

„[S]chon in der ersten Nacht weckte uns das Dröhnen schwerer Flugzeuge, die sehr niedrig flogen. Um sieben Uhr früh kam ein Freund ins Hotel, klopfte an unsere Tür und rief von draußen: Wir sind besetzt. Kurz darauf hörten wir die ersten Schüsse vom Wenzelsplatz, wir gingen sofort hin, sahen die sowjetischen Panzer – eine Demonstration absurder Dummheit – und unzählige Menschen, Jugendliche und Erwachsene.“[1]

Mit diesen Sätzen schilderte Heinrich Böll, der sich im August 1968 in Prag aufhielt, wie er die Intervention der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei am 21.08.1968 erlebt hatte. Dieses Ereignis sorgte nicht nur in der ČSSR für Schrecken und Empörung. Auch in der Bundesrepublik Deutschland war die Anteilnahme groß, die Presse berichtete ausführlich über die gewaltsame Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung. In Bonn bezeichneten protestierende Studenten den Einmarsch als „Neues Ungarn“ und „Russische Blamage“ (siehe Titelbild). „Dröhnen der Panzer reißt Tschechen aus ihrem Traum“ titelte die Süddeutsche Zeitung[2] (SZ) und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zeigte sich entsetzt über „Panzer statt Politik“[3].

SZ und FAZ waren nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und knüpften personell an Zeitungen an, die bis in den Krieg hinein unter anderen Namen erschienen waren: Frankfurter Zeitung und Allgemeine Zeitung (Mainz)[4] bzw. Münchner Neueste Nachrichten[5]. Damals wie heute gehören SZ und FAZ zu den größten und einflussreichsten deutschen Tageszeitungen und werden auch im Ausland viel gelesen. Beide Zeitungen können als bildungsbürgerlich charakterisiert werden, jedoch gilt die FAZ als eher konservativ, die SZ indessen als liberal bzw. links-liberal[6]

 

Die Ablösung Novotnýs am 05.01.1968 – „Wanderung auf alten Pfaden“

Anders als die DDR-Presse befasste sich die westdeutsche Presse Anfang 1968 ausführlich mit dem Machtwechsel in der ČSSR. Die FAZ wie auch die SZ widmeten der „Wachablösung in Prag“ jeweils fast eine halbe Seite und mehrere kleinere Berichte. Während die DDR-Medien sich über die Gründe für Antonín Novotnýs Ablösung als Erstem Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) ausschwiegen und nicht weiter auf Alexander Dubčeks politisches Programm eingingen, beschrieb die SZ den Machtwechsel als Chance, „den internen Liberalisierungsprozeß in der ČSSR [zu] beschleunigen“[7]. Carl E. Buchalla erklärte die Abwahl Novotnýs mit dem „Widerstreit zwischen fortschrittlich-liberalen und dogmatisch-bürokratischen Kräften […] in den obersten Partei- und Staatsgremien“, wobei er betonte, dass es den liberalen Kräften keineswegs um eine „Änderung“, sondern um die „Demokratisierung des bestehenden Systems“ gehe[8]. Den politischen Kurs Dubčeks vermochte jedoch auch die SZ nicht als grundsätzliche Abkehr vom bisherigen Kurs zu deuten. Dessen Wahl „als erster Slowake“ sei zwar „sensationell“, ihn deshalb „als ‚Westler‘ zu beurteilen“, sei allerdings „schon deswegen abwegig, weil er einen großen Teil seines Lebens in der Sowjetunion verbracht und dort auch seine politische Bildung empfangen hat“[9]. Darüber hinaus bedürfe es weitreichenderer personeller Veränderungen, damit „der Abgang Novotnýs gleichbedeutend ist mit einem Sieg der liberalen kommunistischen Kräfte in der Tschechoslowakei“[10].

Die FAZ bezeichnete Dubček zwar als „Führer der Anti-Novotný-Front“[11] und sah so „ganz neue Wege“, welche die neue Führung in der „schweren wirtschaftlichen, […] innenpolitischen und […] tief wurzelnden moralischen Krise“[12] beschreiten müsse. Allerdings erwartete sie keine „Liberalisierung oder gar Demokratisierung im Inneren des Landes“, im Gegenteil: „Die Lage erzwingt einen harten ideologischen Kurs“[13].

 

Die Aufhebung der Zensur Anfang März 1968: „Deutliche Absagen an das alte System“ oder „bloßes Strohfeuer“?

Obwohl die Zensur in der ČSSR erst am 5. März aufgehoben wurde, zitierte die SZ Dubček bereits am 23. Februar mit den Worten: „Alles beseitigen, was künstlerisches und wissenschaftliches Schaffen behindert“. Sie attestierte dem neuen Mann an der Spitze eine „großzügige Kulturpolitik“, die „von sozialistischen und humanitären Idealen durchdrungen“ sei[14]. Am 29. Februar meldete sie unter Berufung auf „gewöhnlich gut unterrichtete Kreise“ weiter: „Pressezensur in der ČSSR weitgehend aufgehoben“. Die Eigenverantwortlichkeit der Redakteure und Herausgeber bedeute: „Zwischen den Bedingungen hier und denen in Frankreich oder Italien bestehen jetzt keine großen Unterschiede mehr“[15]. Die SZ deutete dies optimistisch als „neue Manifestation der Liberalisierungsbewegung“, als „stille Revolution in Prag“[16]  sowie „neuen Auftrieb“ für den weiteren Weg der „sozialistischen Demokratisierung“[17]. Unter Schlagzeilen wie „Prag immer mehr auf Reformkurs“[18], „Die Gärung im Ostblock“[19], oder „Freiheitsrufe in Warschau und Prag“[20] zeichnete sie ein zunehmend optimistischeres Bild des Reformprozesses der ČSSR. Hier klang die Erwartung an, dass die Tschechoslowakei sich vom Sozialismus nach sowjetischem Vorbild verabschieden könnte, was nicht ohne Auswirkungen auf andere sozialistische Staaten bleiben würde.

Die FAZ kommentierte die Lage in der ČSSR wesentlich zurückhaltender als die SZ. Interessant ist, dass sich – anders als in der SZ – hier kein Artikel explizit mit der Abschaffung der Pressezensur befasste. Vielmehr betonten die Autoren der FAZ, für wirksame Reformen seien zusätzliche Personalveränderungen notwendig. So müsste die neue Parteiführung nicht nur in Details, sondern vor allem im Austausch früherer Parteieliten „deutliche Absagen an das alte System“ machen. Nur so könnte gewährleistet werden, dass sich der „neue Weg“ nicht als bloßes „Strohfeuer“ entpuppen und „im Widerstand des Parteiapparates“ ersticken werde. Von einem mit der SZ vergleichbaren Enthusiasmus fand sich in der FAZ keine Spur. Dubčeks „neuer Weg“ wurde zwar als „kommunistisches Experiment“ beschrieben, zugleich jedoch als „schmaler Pfad zwischen Abgründen“. Diese ergäben sich vor allem aus dem Widerstand der alten Parteieliten, aber auch aus der politischen Apathie bzw. aus dem fehlenden Vertrauen der tschechoslowakischen Bevölkerung. Zweifellos waren aber auch die FAZ-Journalisten der Meinung, dass Dubčeks Politik „die politische Landschaft in Europa verändern“ werde[21]. In diesem Sinne sprach sie positiv von Kritik an alten Strukturen, die „offen und freimütig“[22] geäußert worden sei und interpretierte sie als richtigen „Schritt zur Liberalisierung“[23]

 

Die Berichterstattung Ende Juli – Prager Reformen als Chance für den Weltkommunismus?

Im Juli, im Vorfeld der Verhandlungen in Čierna nad Tisou, berichteten SZ wie FAZ vom Festhalten der Prager Reformer an ihrem Kurs[24], aber auch über die zunehmend härtere Gangart Moskaus [25]. Mitte Juli diskutierte die SZ eine mögliche „gewaltsame Intervention in der Tschechoslowakei“. Die Tatsache, dass die sowjetische Führung Truppenteile aus Mitteleuropa zurückzog, deutete sie als mögliches Indiz gegen ein Eingreifen der Sowjetunion. Allerdings betonte sie auch die Gefahr, die von der gegen Prag gerichteten „gegenrevolutionären“ Propaganda für „das gesamte sozialistische Lager“ ausgehe. Da die DDR-Führung die Ansteckung anderer Ostblockstaaten „mit dem Prager Bazillus“ befürchte, nehme die Gefahr zu, dass Moskau Panzer schicken werde[26]. Auch die FAZ äußerte sich besorgt, dass „Moskau zwar nicht den Überblick […], aber die Nerven verloren habe und nun, längst entschlossen zur Intervention, nur noch nach einem Anlaß dafür“ [27] suchen könnte.

 

Beide Zeitungen hoben hervor, wie breit die Zustimmung der Bevölkerung zu Dubček und seinem Reformkurs war. Die FAZ schrieb von einer überwältigenden „Woge der Zustimmung aus allen Teilen der Republik“[28], sowie einem bemerkenswerten Einverständnis von Kommunistischer Partei und Führungskader. So sah die konservative Zeitung in den Prager Entwicklungen gar die „einmalige Chance“, „dem Kommunismus im Weltmaßstab wieder Anziehungskraft und Enthusiasmus zu verleihen“[29]. Auch in der SZ war von dem großen Rückhalt die Rede, den die Reformer in der Öffentlichkeit genossen: „Die Unterstützung der Tschechen und Slowaken für den Kurs, der unter dem Namen Dubčeks zusammengefaßt wird, ist frappant“[30]. Bei allem Optimismus wurde allerdings auch auf die möglichen Gefahren einer sowjetischen Gegenreaktion verwiesen. Nicht nur die „Pressekampagne deutet auf einen unnachgiebigen Standpunkt hin“, auch „militärische Fingerzeige“[31] und ein „kaum noch getarnter militärischer und politischer Interventionsdruck“[32] überschatteten die Erwartungen an die kommenden Verhandlungen in Čierna nad Tisou: „Die Gefahr der Intervention ist noch keinesfalls ausgestanden“[33].

Umso erleichterter fiel in der SZ die Reaktion auf den Ausgang der Verhandlungen in Čierna nad Tisou aus, der als „vorläufiger Erfolg der Prager Reformkommunisten“ gedeutet wurde[34]. Die Intervention sei abgewendet worden, die Polemik gegen die ČSSR-Reformer „mit einem Schlag“ [35]  verstummt – ein „Doppelerfolg der Prager Reformer“[36]. Zwar bleibe der konkrete Kurs der ČSSR nebulös, jedoch habe Dubček in Čierna nad Tisou einen „Eid der Treue an die Ideen der Reform“ geschworen[37]. Die FAZ beurteilte den Ausgang der Verhandlungen skeptischer. So prognostizierte sie, dass die „Sowjetregierung […] den Griff kaum lockern“ werde, was die tschechoslowakische Regierung dazu zwingen werde, auf „Ostkurs“ zu halten. Darin sah Jürgen Tern die einzige Möglichkeit für die tschechoslowakische Regierung, Entspannung in die Beziehungen zur Sowjetunion zu bringen; eine „Rückkehr der Tschechoslowakei nach Mitteleuropa“ hielt er für undenkbar[38].

Die Sowjetische Intervention am 21.08.1968 – Eine Schande für die „Weltgeltung des Kommunismus“

Hatten beide Zeitungen den Ausgang der Verhandlungen unterschiedlich gewertet, deuteten sie die sowjetische Intervention einhellig als „von Moskau lange geplant“[39]. Die „Prüfungszeit oder Bewährungsfrist“ Dubčeks nach den Verhandlungen habe sich als „elende Galgenfrist“[40] entpuppt. Moskau könne keinen „freiwilligen Verbündeten brauchen, sondern nur gehorsame Gefolgsleute“[41] schrieb die SZ und begründete so ihre These, das Eingreifen der Sowjetunion sei unabwendbar gewesen. Dieses pessimistische Fazit stand im scharfen Kontrast zu den Hoffnungen, die sie an den Ausgang der Verhandlungen von Čierna nad Tisou geknüpft hatte.

Übereinstimmend sagten SZ und FAZ voraus, dass die „Weltgeltung des Kommunismus“[42] Schaden nehmen werde: Nur fünf von neun Staaten des Warschauer-Paktes hätten sich an der Intervention beteiligt[43], aus den westlichen Kommunistischen Parteien komme massive Kritik. Das „weltpolitische Konzept der Entspannung zwischen Ost und West liegt in Scherben“[44]. Die Intervention in der ČSSR, einem „klassischen Herzland Europas“[45], weise „erschreckende Analogien zwischen 1939 und 1968“ auf[46]. Walter Ulbricht, der sich vehement für die Intervention ausgesprochen habe, gehe „denselben Weg wie 1938 Hitler, nicht auf eigene Rechnung, sondern als Knecht der Russen“[47].

Der „Haß Breschnews und Ulbrichts richtet sich vor allem gegen Dubček“[48], sie sahen ihn als Abtrünnigen. FAZ und SZ betonten indessen den starken Rückhalt und die Unterstützung, die Dubček in der Partei wie der Bevölkerung genoss[49] und charakterisierten ihn, der das tschechoslowakische Volk zur Ruhe aufrief, als besonnenen Vermittler in einer schwierigen Situation[50]. Die SZ brachte Dubček sogar als Anwärter für den Friedensnobelpreis ins Gespräch[51]. Im Kontrast dazu wurde die neue Parteispitze (zum Beispiel Vasiľ Bil’ak) als „Marionettenregierung“, als „Kollaborateure“ und sogar als „Verräter“ tituliert[52]. Die FAZ sah die Intervention zwar als vorläufiges Ende der Prager Reformen an, erörterte aber auch von Moskau nicht intendierte mögliche Folgen: Die „polnischen und ungarischen Okkupations-Einheiten“ könnten die „tschechische Infektion“ in ihre Heimatländer einschleppen. Damit könnte das gewaltsame Ende des Prager Frühlings zur Geburtsstunde für Neugestaltungen in anderen Ländern „selbst die ‚DDR‘“ werden[53].

Eine interessante Parallel zwischen der Berichterstattung der SZ und der FAZ über den Prager Frühling und seine Niederschlagung bestand in der Betonung internationaler Aspekte. Beide Zeitungen reduzierten die Bedeutung des Reformsozialismus nicht auf sein Potential für die Entwicklung in der Tschechoslowakei, sondern begriffen diesen als globale Chance – auch für eine Entspannung im Ost-West-Konflikt. Daher sahen beide Zeitungen die Niederschlagung der Reformbewegung nicht nur als Katastrophe für die Tschechoslowakei, sondern auch als Desaster für die sozialistische Staatengemeinschaft und Rückschlag bei der Annäherung zwischen Ost und West.

 

Verwendete Literatur:

Merril, John C. & Harold A. Fisher, The World’s Great Dailies – Profiles of fifty Newspapers, New York 1980, 130-137; 298-304.

Möller, Horst, „Die Bundesrepublik Deutschland und der ‚Prager Frühling‘“, in: Stefan Karner, Natalja Tomilina & Alexander Tschubarjan (Hrsg.), Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Köln 2008, 549-559.

Heuking, Kathrin, Der Prager Frühling und die deutsche Presse, Saarbrücken 2008.

Der „Prager Frühling“ und der Westen: Frankreich und die Bundesrepublik in der internationalen Krise um die Tschechoslowakei 1968, Göttingen 2015.

Hoser, Paul, „Münchner Neueste Nachrichten“, www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Münchner Neueste Nachrichten, zuletzt aufgerufen am 09.09.2018.

Prag 1968: Der Einmarsch des Warschauer Paktes; Hintergründe – Planung – Durchführung, Bremen 1995.

Der Prager Frühling und die 68er, Eichstätt 2008.

 

Quellen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Süddeutsche Zeitung

 

Endnoten:

[1] Böll, Heinrich, „Ein Brief aus Prag“ in: Jung, Werner (Hrsg.), Heinrich Böll Werke, Kölner Ausgabe, Band 15 1966-1968, Köln 2005, 351-352.

[2] „Dröhnen der Panzer reißt Tschechen aus ihrem Traum“ in: Süddeutsche Zeitung 21.08.1968, 3.

[3] „Panzer statt Politik“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.08.1968, 1.

[4] Dohrendorf, Rüdiger, Zum publizistischen Profil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, Frankfurt/Main 1990, 9-20.

[5] Paul Hoser, „Münchner Neueste Nachrichten“, www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Münchner Neueste Nachrichten, zuletzt aufgerufen am 09.09.2018.

[6] Merril, John C. & Harold A. Fisher, The World’s Great Dailies – Profiles of fifty Newspapers, New York 1980, 130-137; 298-304.

[7] „Wachablösung in Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 08.01.1968, 1.

[8] „Auf der Prager Burg ein Sieg der Reformer“ in: Süddeutsche Zeitung, 08.01.2018, 3.

[9] „Ostwind treibt Prag westwärts“ in: Süddeutsche Zeitung, 08.01.2018, 4.

[10] „Auf der Prager Burg ein Sieg der Reformer“ in: Süddeutsche Zeitung, 08.01.2018, 3.

[11] „Ein Slowake im Hradschin“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.1968, 2.

[12] „Ein Slowake im Hradschin“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.1968, 2.

[13] Ebd.

[14] „Dubcek für großzügige Kulturpolitik“ in: Süddeutsche Zeitung, 23.02.1968, 2.

[15] „Pressezensur in der CSSR weitgehend aufgehoben“ in: Süddeutsche Zeitung, 29.02.1968, 6.

[16] „Stille Revolution in Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 01.03.1968, 2.

[17] „Pressezensur in der CSSR weitgehend aufgehoben“ in: Süddeutsche Zeitung, 29.02.1968, 6.

[18] „Prag immer mehr auf Reformkurs“ in: Süddeutsche Zeitung, 07.03.1968, 4.

[19] „Die Gärung im Ostblock“ in: Süddeutsche Zeitung, 09./10.03.1968, 4.

[20] „Freiheitsrufe in Warschau und Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 11.03.1968, 4.

[21] „In Prag über Abgründen balancierend“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.1968, 2.

[22] „Anhaltende Unruhe in der Tschechoslowakei“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.1968, 1.

[23] „In Prag Schritte zur Liberalisierung“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.1968, 4.

[24] „Prag weist die Vorwürfe zurück – ‚Wir wollen den Sozialismus verbessern‘” in: Süddeutsche Zeitung, 19.07.1968, 1. Bzw. „Dubcek bleibt fest bei seinem Kurs“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.1968, 1.

[25] „Moskau will den harten Kurs halten“ in: Süddeutsche Zeitung, 19.07.1968, 1. Bzw. „Massive Moskauer Drohungen gegen die Reformer in Prag“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.1968, 1.

[26] „Aufmarsch an der böhmischen Grenze“ in: Süddeutsche Zeitung, 17.07.1968, 4.

[27] „Dubcek bleibt fest bei seinem Kurs“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.1968, 1.

[28] „Dubcek sichert sich den Rückhalt der Partei gegen Moskau“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.1968, 1.

[29] „Solidaritätswelle“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.1968, 1.

[30] „Zwischen Kreml und Hradschin“ in: Süddeutsche Zeitung, 27./28.08.1968, 4.

[31] „Moskau schießt weiter auf Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 29.07.1968, 1.

[32] „Dubceks Gratwanderung“ in: Süddeutsche Zeitung, 29.07.1968, 4. Bzw. „Die zähen und langwierigen Verhandlungen in Čierna“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.1968, 1, 4.

[33] „Tabus“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.1968, 1.

[34] „Am Samstag Ostblock-Konferenz in Preßburg“ in: Süddeutsche Zeitung, 02.08.1968, 1

[35] „Kritik in der Sowjetpresse eingestellt“ in: Süddeutsche Zeitung, 02.08.1968, 2.

[36] „Dubceks Prüfungszeit“, in: Süddeutsche Zeitung, 02.08.1968, 4.

[37] „Prag setzt den Reformkurs durch“ in: Süddeutsche Zeitung, 05.08.1968, 1.

[38] „Der Prager Ostkurs“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.1968, 1.

[39] „Freiheitsrufe bis zur Besetzung“ in: Süddeutsche Zeitung, 22.08.1968, 2. Bzw. „Panzer statt Politik“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.1968, 1.

[40] „Brüderliche Hilfe“ in: Süddeutsche Zeitung, 23.08.1968, 4.

[41] „Der Gewaltakt gegen Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 22.08.1968, 4.

[42] „Der Gewaltakt gegen Prag“, in: Süddeutsche Zeitung, 22.08.1968, 4.

[43] „Der Gewaltakt gegen Prag“ in: Süddeutsche Zeitung, 22.08.1968, 4.

[44] „Panzer statt Politik“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.1968, 1.

[45] Ebd.

[46] „Einmärsche in die Tschechoslowakei“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.1968, 7.

[47] „Wir stehen ohnmächtig dabei“ in: Süddeutsche Zeitung, 23.08.1968, 1.

[48] „Auf dem Prager Schachbrett“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.1968, 2.

[49] „Die Anhänger des Parteivorsitzenden Dubcek werden verhaftet“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.1968, 4. Bzw.  „Dröhnen der Panzer reißt die Tschechen aus ihrem Traum“ in: Süddeutsche Zeitung, 22.08.1968, 3.

[50] „Der geheime Parteikongreß in Prag bestätigt die alte Führung“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.1968, 4.

[50] „Friedenspreis für Dubcek“ in: Süddeutsche Zeitung, 24./25.08.1968, 6.

[51] „Kollaborateure?“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.1968, 1.

[52] „Das Debakel“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.1968, 1.

Glossar:

Brežnev, Leonid Il'ič

Leonid Il'ič Brežnev (1906-1982) – war von 1964 bis 1982 Erster Sekretär (ab 1966 Generalsekretär) der KPdSU. Unter seiner Führung setzte in der UdSSR eine verschärfte Reglementierung des kulturellen Lebens sowie eine vorsichtige Rehabilitierung Stalins ein. Außenpolitisch verstärkte Brežnev den Einfluss auf die inneren Angelegenheiten der kommunistischen Staatenwelt, insbesondere in Europa. So wurde die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei mit der These der beschränkten Souveränität der Staaten (Brežnev-Doktrin) des sozialistischen Lagers gerechtfertigt.

Verwendete Literatur:

„Breschnew, Brežnev“ in: Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 3, Bed-Brn, Mannheim 1987.

Čierna nad Tisou

Čierna nad Tisou – ist eine slowakische Kleinstadt im Dreiländereck zwischen der Slowakei, der Ukraine und Ungarn. Vom 29. Juli bis zum 1. August 1968 fanden in der Grenzstadt zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion bilaterale Verhandlungen zwischen Vertretern des sowjetischen Politbüros und der tschechoslowakischen Regierung statt. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Leonid Brežnev, Alexej Kossygin, Nikolaj Podgorny, Alexander Dubček und Ludvík Svoboda. Für die Sowjetunion waren die Verhandlungen der letzte Versuch, dem Prager Frühling und Dubčeks Reformkurs ohne Anwendung von Gewalt Einhalt zu gebieten. Den beiden Seiten gelang, in Čierna nad Tisou zumindest eine kurzfristige Einigung zu erreichen, die wenig später in Bratislava ratifiziert wurde.

Verwendete Literatur:

Schulze Wessel, Martin, Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt. Stuttgart 2018, 271-280.

Dubček, Alexander

Alexander Dubček (1921-1992) – war ein tschechoslowakischer Politiker und eine der zentralen Figuren des Prager Frühlings. Dubček wuchs größtenteils in der UdSSR auf, wo sein Vater im Rahmen der „Internationalen Arbeiterhilfe“ als Tischler tätig war. In den 1930er Jahre machte er eine Ausbildung zum Schlosser. 1939 trat er der illegal gegründeten Kommunistischen Partei der Slowakei (Komunistická strana slovenska – KSS) bei und war im antifaschistischen Widerstand tätig. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann sein Aufstieg innerhalb der KSČ. 1958 vollendete er sein Studium an der Parteihochschule des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU in Moskau mit Auszeichnung. Danach studierte er an der juristischen Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava und beschloss sein Studium mit einer sozialwissenschaftlichen Dissertation.

Am 6. Januar 1968 wurde er zum neuen Ersten Sekretär des ZK der KSČ gewählt und avancierte in der ersten Hälfte des Jahres 1968 zur Symbolfigur des Prager Frühlings. Nach dessen Niederschlagung wurde er nach Moskau verschleppt und gezwungen das "Moskauer Protokoll", das alle Reformprozess in der ČSSR beenden sollte, zu unterschreiben.

Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter distanzierte er sich nie von seinem Engagement für den Reformsozialismus. Aus der KSČ wurde er ausgeschlossen. Daraufhin war er als Aufsicht im Fuhrpark eines Forstbetriebs in Bratislava tätig, wo er bis zu seiner Pensionierung 1986 arbeitete.

Dubček unterstützte 1989 die Protestbewegung und den demokratischen Umbruch. Dass danach keine zentrale Rolle mehr spielte, lag auch daran, dass seine Person in den Augen vieler Menschen zu stark mit dem Kommunismus verknüpft war. Dennoch wurde er Parlamentspräsident, trat allerdings im Juli 1991 zurück, da er die slowakischen Abspaltungsbestrebungen nicht unterstützte.

Dubček starb am 7. Oktober 1992 an den Folgen eines Autounfalls.

Verwendete Literatur:

„Dubček, Alexander“ in: Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, zuletzt abgerufen von Bayerische Staatsbibliothek Bestandsentwicklung und Erschließung 2 am 31.8.2018.

Komunistická strana Československa

Komunistická strana Československa (KSČ) [Kommunistische Partei der Tschechoslowakei] – war in den Jahren 1948 bis 1989 alleinige Regierungspartei in der Tschechoslowakischen Republik. Die Partei gründete sich im Mai 1921 durch die Abspaltung von der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei (ČSSD). 1929 erfolgte die Stalinisierung. Während des Zweiten Weltkriegs war die KSČ verboten, arbeitete aber illegal weiter und stellte ein Zentrum der Widerstandsbewegung dar. Das brachte ihr nach Kriegsende viele Sympathien ein, so war sie die stärkste Kraft der 1945 gegründeten Nationalen Front und erhielt in den Wahlen von 1946 den größten Stimmenanteil. Im Februar 1948 setzte die die KSČ ihr Machtmonopol durch, es begann eine Phase der Verfolgung und Schauprozesse. 1968 strebte die KSČ unter der Führung von Alexander Dubček eine eigene Form des Sozialismus an. Die sowjetische Führung betrachtete dieses reformsozialistische Experiment als konterrevolutionär. Nach der militärischen Intervention im August 1968 wurde eine konservative, Moskau-treue Parteiführung unter Gustáv Husák eingesetzt, die einen Prozess der „Normalisierung“ einleitete. Das Machtmonopol der KSČ wurde am 17. November 1989 durch die Samtene Revolution beendet. Die heutige Nachfolgeorganisation der KSČ in Tschechien ist die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens KSČM.

Verwendete Literatur:

Malíř, Jiří & Pavel Marek (Hrsg.), Politické strany. Vývoj politických stran a hnutí v českých zemích a Československu 1861-2004 [Politische Parteien. Entwicklung der politischen Bewegungen in Böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei 1861-2004] Bd. 2. Brno 2005.

Novotný, Antonín

Antonín Novotný (1904-1975) – war ein tschechoslowakischer kommunistischer Politiker, Generalsekretär der KSČ und von 1957 bis 1968 zugleich der Präsident der Tschechoslowakei. Er stammte aus einer Prager Arbeiterfamilie. 1921 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei. Von 1941 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war er im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung wurde er Mitglied des Zentralkomitees der KSČ und folgte Klement Gottwald 1953 im Amt des Ersten Sekretärs. In den 1960er Jahren wuchs die Kritik an seiner rigiden Politik und seiner Person. Am 5. Januar 1968 wurde er als Parteichef von Alexander Dubček abgelöst. Am 22. März musste er auch von seinem Präsidentenamt zurückzutreten. Sein Nachfolger war der General Ludvík Svoboda. Im Juni gab er unter Druck auch seine Position im Zentralkomitee der KSČ auf und zog sich aus dem politischen Leben zurück. Während der Normalisierung wurde seine Mitgliedschaft im Zentralkomitee zwar erneuert, Novotný erreichte aber keinen nennenswerten Einfluss mehr.

Verwendete Literatur:

Jan Rataj (Hrsg.), Československo v proměnách komunistického režimu [Die Tschechoslowakei im Wandel des kommunistischen Regimes]. Praha 2010.

Warschauer Pakt

Warschauer Pakt – gegründet am 14. Mai 1955 unter der Bezeichnung „Warschauer Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ und auch Warschauer Vertragsorganisation genannt. Der Vertrag trat am 4. Juni 1955 in Kraft. In ihm sicherten ie kommunistischen Mitgliedsstaaten Albanien, Bulgarien, DDR, Polen, Rumänien, die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Ungarn einander gegenseitige militärische Unterstützung zu. Damit stellte der Warschauer Parkt eine Gegenallianz zur westlichen North Atlantic Treaty Organization (NATO) dar. Formaljuristisch waren alle Mitglieder gleichberechtigt, de facto hatte die Sowjetunion das militärische Oberkommando. Diese nutzte den Vertrag auch zur Stationierung von Truppen in den Mitgliedsstaaten, um die eigenen Interessen dort besser durchsetzen zu können. Der Warschauer Pakt bestand bis 1991.

Verwendete Literatur:

„Warschauer Pakt“ in: Brockhaus Online.