Antirevolutionäre Emigranten aus Russland im München der 1920er Jahre

Dem revolutionären Umsturz in Russland 1917 folgt ein blutiger Bürgerkrieg, der mehrere Jahre andauert.[1] Aus dem Kampf zwischen sogenannter Roter und Weißer Armee um die Kontrolle über das Land gehen die kommunistischen Bolschewiki als Sieger hervor. Viele der Konterrevolutionäre emigrieren, unter anderem nach Deutschland.

Obwohl russische Revolutionäre und ihre Ideen bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg München entscheidend prägen und zur Ausrufung der Räterepublik beitragen, steht die Hochphase des russischen Einflusses auf die bayerische Hauptstadt noch bevor. Wenig deutet während der dortigen revolutionären Phase 1918/1919 darauf hin, dass München alsbald zum Zentrum rechter Gruppierungen aufsteigen wird. Deren Ideologie erweist sich als einflussreicher und folgenschwerer als die der linken Kräfte. So stellt der Historiker Karl Schlögel fest: „Das folgenreichste Kapitel der russischen Emigration in Deutschland wurde indes nicht von revolutionären Sozialdemokraten oder russischen Liberalen geschrieben, sondern von den konservativen bis extremen Rechten.“[2]

Sowohl die Deutschbalten Max Erwin von Scheubner-Richter und Alfred Rosenberg als auch die russischen Monarchisten Vasilij Biskupskij und Fëdor Vinberg nehmen zu Beginn der 1920er Jahre in rechtsorientierten Kreisen Münchens eine entscheidende Rolle ein. Eine ablehnende Haltung gegenüber dem Bolschewismus stellt die treibende Kraft ihres politischen Handelns dar. Aus dieser Motivation heraus arbeiten sie eng mit völkischen sowie nationalsozialistischen Kreisen zusammen, um ihre konterrevolutionäre Agenda voranzutreiben. Während der einstige Generalmajor Biskupskij weitgehend vergeblich versucht, die monarchistischen Emigranten zu organisieren, entfalten Rosenberg, von Scheubner-Richter und Vinberg aus ihrem radikal antisemitischen Denken heraus einen nachhaltigen ideologischen Einfluss auf Hitler persönlich – und damit auf die NS-Bewegung. Der Kampf gegen den in den Fokus der Bewegung rückenden „jüdisch-bolschewistischen“ Feind wird in den Jahren des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges in Osteuropa grausame Realität werden.

 

1. Die verschiedenen Emigrantengruppen aus dem Russischen Reich

Bereits nach der Februarrevolution 1917 lassen sich vereinzelt Revolutionsflüchtlinge aus Russland in der bayerischen Landeshauptstadt nieder. Deren Zahl steigt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und während des Russischen Bürgerkriegs an.

 

1.1 Die Deutschbalten

Eine Gruppe bilden die Deutschbalten, die oft in einem zwiespältigen Verhältnis zu Russland stehen. Im Zarenreich fühlen sie sich zwar beheimatet, gleichzeitig betrachten sie jedoch Deutschland als ihr Vaterland. Rosenberg beschreibt dies in seinen 1945 verfassten Erinnerungen: „Hinter mir versank Rußland mit seinen Erinnerungen, mit seiner unvoraussagbaren Zukunft, hinter mir versank meine Studentenzeit in Riga […]. Ich verließ meine Heimat, um mir ein Vaterland zu erwerben.“[3] Vor allem der Krieg zwischen beiden Staaten stellt für die Deutschbalten oftmals einen Loyalitätskonflikt, einen kaum zu bewerkstelligenden Spagat dar, wie aus den Memoiren des Malers Otto von Kursell hervorgeht:

„Lückenlose Fahnentreue und Treue dem Zaren, dessen Person uns die Garantie unserer beschworenen Rechte war. […] Diese Treue in einem Kriege gegen Deutschland und das deutsche Volk war für uns Balten wirklich schwer zu tragen, aber sie wurde getragen und musste treu eingehalten werden.“[4]

Die deutschbaltischen Emigranten kommen meist aus begüterten Familien. Entsprechend feindselig stehen sie den Losungen der Bolschewiki gegenüber, die für eine Neuverteilung von Grund und Boden eintreten. Mit den politischen und gesellschaftlichen Realitäten im Zarenreich sind sie ebenso vertraut wie mit denen in Deutschland. Aus diesem Wissen können sie nach ihrer Emigration vielfach Kapital schlagen. So arbeiten viele von ihnen als Osteuropaexperten bei Zeitungen, Parteien und Vereinen. Die nach München emigrierten Deutschbalten sind darüber hinaus untereinander gut vernetzt: Sämtliche ihrer Führungspersönlichkeiten gehören seit Studienzeiten der Rigaer Studentenverbindung Rubonia an. Dem Ideal einer lebenslangen Kameradschaft fühlen sich die Korporierten auch nach der Studienzeit verbunden. Aus ihnen formiert sich in München eine Rubonia-Gruppe: das Vierergespann Max Erwin von Scheubner-Richter, Otto von Kursell, Alfred Rosenberg und Arno Schickedanz.

Die russische Revolution 1917 bestätigt diese Emigrantengruppe in ihrer antisemitischen Weltanschauung. Sie sind überzeugt, der Umsturz sei auf eine angebliche jüdische Verschwörung zurückzuführen, die auf weitere Teile Europas – nicht zuletzt auf Bayerns – überzugreifen drohe und unbedingt gestoppt werden müsse. Im revolutionären München lernt Rosenberg Dietrich Eckart kennen, der die im Dezember 1918 gegründete antisemitische und antibolschewistische Zeitschrift Auf gut deutsch[5] herausgibt. Sowohl Rosenberg als auch von Kursell, der unzählige Spottbilder von den bayerischen „Roten“ anfertigt, arbeiten zeitweise an der Zeitung mit. Zudem beteiligen sich Rosenberg und Eckart sehr intensiv an Umsturzplänen gegen die bayerische Räterepublikg. Beide sind Mitglieder der Thule-Gesellschaft, einem ebenfalls 1918 gegründeten völkischen Geheimbund. Das Hotel Vier Jahreszeiten, das Hauptquartier des Bundes, wird zum Dreh- und Angelpunkt der Gegenrevolution. Am 6. April 1919 mieten sich die Thule-Mitglieder Rosenberg und Eckart mehrere Taxis und verteilen fast 100.000 Exemplare einer Hetzschrift in der ganzen Stadt. Beinahe ein Jahrzehnt später erinnert sich Rosenberg: „Wir warfen, durch die ganze Stadt fahrend, das erste völkische, im Wesen nationalsozialistische Propaganda-Flugblatt Münchens in die Menschenmenge.“[6]

 

1.2 Die russischen Monarchisten

Eine zweite Migrantengruppe stellen die russischstämmigen Unterstützer der Zarenmonarchie dar. Einen Großteil der russischen Emigration zieht es zunächst in das politische Herz Deutschlands: nach Berlin. Dort sympathisieren viele der russischen Monarchisten während des versuchten Staatsstreiches der Rechten, dem sogenannten Kapp-Putsch 1920, offen mit den Putschisten und schließen sich sogar ihren Reihen an. Innerhalb der russischen Monarchisten nehmen die Militärs Fëdor Vinberg und Vasilij Biskupskij eine führende Rolle ein. Beide hatten nach dem Untergang der russischen Monarchie aufseiten monarchistischer Verbände gegen die Revolution gekämpft. Mit der militärischen Niederlage konfrontiert, waren sie schließlich 1919 nach Deutschland geflohen. Biskupskij tritt in Deutschland als Kopf der russischen Monarchisten in Erscheinung. Dagegen ist Vinberg insbesondere wegen seiner antisemitischen Anschauungen bekannt. Hinter allem Unheil wittert er eine vermeintliche jüdische Verschwörung. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er die Schuld für die Revolution in Russland den Juden zuschreibt.

Biskupskij und Vinberg machen die Bekanntschaft mit dem Deutschbalten Max Erwin von Scheubner-Richter, der rasch zur Integrationsfigur der rechten Gruppierungen aufsteigt. Die persönlichen Kontakte und ein gemeinsames Ziel verbinden die Milieus der konterrevolutionären russischen Emigranten.

 

2. Nach dem Kapp-Putsch: von Berlin nach München

Mit der Niederschlagung der Räterepublik und der politischen Verfolgung ihrer Vertreterinnen und Vertreter wird der Grundstein für ein einflussreiches rechtes Milieu in München gelegt. Unter der Regierung Gustav Ritter von Kahrs setzt ab Anfang 1920 ein Rechtsruck in Bayern ein. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch in Berlin müssen Vinberg, Biskupskij und Scheubner-Richter Ausschau nach einem neuen Wohnort halten. Das nachrevolutionäre München wirkt nun für die drei Emigranten besonders attraktiv. So vollzieht sich innerhalb der kommenden Monate eine Migration in zwei Richtungen zwischen Berlin und München. Während Linke, Sozialisten und Revolutionäre in die Reichshauptstadt strömen, lassen sich viele Deutschbalten und russische Monarchisten in Bayern nieder. Anziehend wirkt auf sie das mittlerweile antidemokratische und antisemitische Klima der Landeshauptstadt. In der politisch unabhängigen und liberalen Zeitung Berliner Tageblatt wird am 11. Juni 1921 die Stimmung in München wie folgt beschrieben:

„Deutsch-völkische Ausschreitungen sind zur Zeit in Bayern und insbesondere in München an der Tagesordnung. Der Geist des Unfriedens und der Unduldsamkeit, der wie ein Fluch seit Jahren auf Deutschlands innenpolitischer Entwicklung lastet, feiert seit Monaten in der Hauptstadt Bayerns förmlich Orgien auf dem Gebiet wüstester konfessioneller Verhetzung.“[7]

In München angekommen, besitzen viele der Emigranten oftmals keinen festen Wohnsitz. Zum einen fehlt ihnen dafür das Geld. Zum anderen hoffen sie auf einen Sturz der Bolschewiki in Sowjetrussland und somit auf eine rasche Rückkehr in ihre Heimat. Daher leben die meisten zur Untermiete, bei Bekannten oder aber in Pensionen und Hotels. Beliebte Unterkünfte befinden sich zu dieser Zeit in den schon von den „roten“ Emigranten um Lenin präferierten Stadtteilen Maxvorstadt und Schwabing. In der Pension Modern in der Theresienstraße 80 kommen etwa Vinberg und seine Gefährten Pëtr Šabelʼskij-Bork und Sergej Taborickij unter.[8] Einige Häuser weiter lebt Biskupskij in der Pension Quisisana.[9] Zu Treffpunkten der rechten Emigration steigen die Schwabinger Weinstube Brennessel sowie die vom rechtsradikalen Milieu dominierten Kneipen in der Barerstraße und insbesondere das Lokal Alt-Wien auf.[10]

 

3. Vernetzung und Organisation: Die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung und ihre Ziele

Die Fäden der deutschbaltischen und der russisch-monarchistischen Emigration laufen in der Ende 1920 von Scheubner-Richter gegründeten Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung zusammen. Diese widmet sich der Vernetzung der antirevolutionären russischen Emigranten mit den rechtsradikalen Kräften Münchens – darunter insbesondere der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Ziel ist eine deutsch-russische Kooperation, um die Restauration der „alten Ordnung“ in Russland in die Wege zu leiten. Das Satzungsprotokoll der Vereinigung nennt in diesem Zusammenhang „die Förderung einer tatkräftigen, europäischen Wirtschaftspolitik zum Zwecke der Wiederherstellung des nationalen und wirtschaftlichen Lebens“[11] in Osteuropa. Dabei kann die Aufbau-Vereinigung laut dem polnischen Geheimdienst auf ein Grundkapital von 300.000 Mark zurückgreifen.[12] Unter anderem kommt die Startfinanzierung durch ihren Präsidenten, den bayerischen Aristokraten Theodor von Cramer-Klett, zustande.[13] Scheubner-Richter, dem „Genie der Mittelbeschaffung“[14], kommt dabei eine nicht unerhebliche Rolle zu. Die finanziellen Spenden, welche aus seinen Beziehungen erwachsen, setzt die Vereinigung für die Umsetzung ihrer politischen Ziele ein.

 

3.1 Die Restauration der Zarenmonarchie

In der Vereinigung lassen sich zwei Strömungen antibolschewistischer Agitation finden: Um Biskupskij sammeln sich vergleichsweise „gemäßigte“ rechte Emigranten, deren Antibolschewismus sich nicht primär aus antisemitischen Motiven speist, sondern die Restauration der Zarenmonarchie zum Ziel hat. In diesem Sinne engagiert sich der Generalmajor in unzähligen Emigrantenorganisationen und Vereinigungen wie bspw. der Russischen Monarchistischen Vereinigung in Bayern oder in der Aufbau-Vereinigung, zu deren Vizepräsidenten er aufsteigt. Dabei sucht Biskupskij den Kontakt zu nationalsozialistischen Kräften, da er in ihnen die vielversprechendsten Bündnispartner für konterrevolutionäre Pläne sieht. Sein Hauptanliegen ist es, die zersplitterten Fraktionen der russischen Emigration zu vereinen, denn hinsichtlich der Frage der russischen Thronnachfolge herrscht Uneinigkeit.[15] Die Anhänger des frankophilen Großfürsten Nikolaj Nikolaevič Romanov stehen denen des deutschfreundlichen Großfürsten Kirill Vladimirovič Romanov gegenüber, die zum Großteil in München leben. Um die Emigranten hinter Kirill zu vereinen, organisiert die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung eine große Versammlung monarchistischer Russen. Dieser Kongress findet vom 29. Mai 1921 bis zum 6. Juni 1921 im „kleine[n] Kurort, […] bis vor kurzem so weit vom Lärm der Politik entfernt[en]“[16] Bad Reichenhall statt. Die Abgeschiedenheit kommt den Monarchisten zwar sehr gelegen, dennoch kann der Kongress keinen Erfolg verzeichnen. Unterschiedliche Ansichten über die geeignete Vorgehensweise gegen Sowjetrussland und die Frage nach Bündnispartnern sowie interne machtpolitische Kämpfe führen zum Scheitern des Kongresses.

Biskupskij setzt jedoch unermüdlich seine politische Arbeit fort. In den frühen 1920er Jahren übermittelt er enorme Geldbeträge an die NSDAP und die Aufbau-Vereinigung. Regelmäßig pendelt der Generalmajor zu dem in Coburg lebenden Großfürsten Kirill und dessen Frau Viktoria, deren Liebhaber er auch ist. Nach Biskupskijs eigenen Aussagen ist die Großfürstin stets bereit, „ihre Juwelen zu Schleuderpreisen zu verkaufen“[17], um den Erlös in beide Organisationen zu investieren. Ferner lässt er bspw. im Juni 1923 gemeinsam mit einem ehemaligen russischen Staatsratsmitglied und Kirill antibolschewistische Propagandaschriften für einen Putschversuch in Sowjetrussland anfertigen. Die Dynastiefahne der Romanovs soll zum Symbol des geplanten Umsturzversuches werden.[18] Obwohl Biskupskij kein offizielles Amt innehat, wird ihm durch diese Verflechtungen eine hohe politische, aber auch umstrittene Stellung und Bedeutung in München zuteil.

 

3.2 Antisemitismus und Antibolschewismus

Ganz anders als bei Biskupskij gestaltet sich die Gesinnung der Emigranten, die einer zweiten Gruppe angehören: Deren antibolschewistischen Bestrebungen sind stark antisemitisch geprägt. Eine zentrale Rolle spielt der ideologische Einfluss der sogenannten „vier Autoren der Apokalypse“, wie sie der Historiker Michael Kellogg bezeichnet,[19]  auf Hitler und seine junge NSDAP. Diesen gehören neben dem Oberpfälzer Dietrich Eckart die russischen Emigranten Rosenberg, Scheubner-Richter und Vinberg an.

Die vier verbindet ein radikaler Antisemitismus. Seit den Erfahrungen im Russischen Bürgerkrieg sehen sie den Bolschewismus als Teil einer vermeintlichen internationalen jüdischen Verschwörung, die nach der Weltherrschaft greift. Damit verschmelzen sie Antisemitismus und Antibolschewismus zum neuen Feindbild des „jüdischen Bolschewismus“. Bekämpft werden soll dieser durch eine deutsch-russische Zusammenarbeit. Diese Vorstellung steht im Zentrum ihrer Ideologie, die sie nach München bringen. Hier fällt sie auf fruchtbaren Boden. Seit den Erfahrungen der Räterepublik sind Antisemitismus und Antibolschewismus in den rechten Kreisen Münchens – insbesondere in der NSDAP – omnipräsent, werden aber weitgehend isoliert voneinander propagiert. Das ändert sich nun in der Zeit zwischen 1920 und 1923 unter dem ideologischen Einfluss der drei Emigranten.

 

Schon 1920 macht Rosenberg Adolf Hitler mit dem Gründer der Aufbau-Vereinigung Scheubner-Richter bekannt, der noch im November desselben Jahres Parteimitglied der NSDAP wird.[20] Scheubner-Richter wird zu einer der wichtigsten Figuren in der Entwicklung der Partei – organisatorisch wie auch ideologisch. Er kauft die Zeitung Völkischer Beobachter, einst Münchener Beobachter, auf und macht sie zum Sprachrohr der NSDAP.[xxi] Als Schriftleiter nutzt Rosenberg das „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“, wie der Titelzusatz lautet, zur Verbreitung völkischer Propaganda.

Vinberg bringt das berüchtigte antisemitische Pamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion nach Deutschland und veröffentlicht es. Dabei handelt es sich um fiktive Sitzungsprotokolle, in denen der Plan einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung dokumentiert zu sein scheint. Die Schrift war wahrscheinlich um 1900 im Russischen Reich entstanden und erschienen. Bald schon findet das Werk in der deutschen Nachkriegsgesellschaft reißenden Absatz – insbesondere in München. Vinbergs vorgeschlagene Reaktion auf diese angeblich jüdische Verschwörung ist besonders radikal. In seinem in München 1922 verfassten und veröffentlichten Hauptwerk Der Kreuzesweg Russlands fordert er offen die physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. So schreibt er: „Die Geschichte liefert uns unzählige Beispiele, in denen die Juden auch andere Völker im Verlaufe von 40 Jahrhunderten verfolgten und quälten. Von diesem verfluchten Volke zur höchsten Verzweiflung getrieben, haben die Völker zu der ihnen, [sic] scheinbar einzigen Möglichkeit gegriffen, nämlich, zur Ausrottung dieses Stammes Juda.“[22]

 

4. Der Einfluss auf Hitler und den Putschversuch 1923

Den bedeutendsten Einfluss üben die drei Emigranten allerdings direkt auf Hitler aus. In zahlreichen persönlichen Gesprächen, oft unter vier Augen, überzeugen sie ihn vom vermeintlich zentralen Feind Deutschlands – dem „jüdischen Bolschewismus“. Deutlich wird dies in Hitlers Reden. Er notiert bei einer explizit gegen den „jüdischen Bolschewismus“ gerichteten Rede des Jahres 1922 Vinberg als Quelle.[23] Auch auf Rosenberg und Scheubner-Richter finden sich ähnliche Verweise, die von ihrem Einfluss auf Hitlers sich noch entwickelndes Weltbild zeugen. Noch vor dem Hitlerputsch ist Vinberg 1923 gezwungen, München in Richtung Paris zu verlassen. Der Grund ist seine Verbindung mit dem von seinen Freunden Šabelʼskij-Bork und Taborickij im März 1922 verübten Attentat auf den ehemaligen russischen Außenminister Pavel Miljukov, bei dem Vladimir Nabokov, Vater des gleichnamigen berühmten Schriftstellers, ums Leben kommt.

Der Hitler-Putsch im Jahre 1923 bedeutet schließlich das endgültige Ende der Aufbau-Vereinigung. Am 9. November 1923 „wurde noch ein Versuch [gewagt], die Bevölkerung in München durch einen Demonstrationszug mit der schwarz-weiß-roten Fahne und dem Deutschlandliede zum Widerstand gegen die Maßnahmen der Regierung aufzurufen“[24], wie von Kursell schreibt. Mit dem „Marsch zur Feldherrenhalle“ endet der Putschversuch blutig. Am Odeonsplatz angekommen, wird Scheubner-Richter von Polizeikugeln getroffen und stirbt an Ort und Stelle. Sein langjähriger Freund Otto von Kursell erinnert sich:

„Ich fand Scheubner unter den anderen Toten, gekleidet in der Uniform seines geliebten Chevaux-Legers-Regiments, dekoriert mit seinen Tapferkeitsaufzeichnungen, die Brust unter dem Arm zerrissen von Gewehrkugeln. Sein Leben galt Deutschland und von deutschen Kugeln mußte er fallen.“[25]

Fünf Tage später wird Scheubner-Richter auf dem Münchener Ostfriedhof im Beisein seiner Freunde feierlich beigesetzt. Hitler überlebt den besagten Schusswechsel. Womöglich hat er Scheubner-Richter sogar sein Leben zu verdanken, denn dieser reißt ihn mit sich zu Boden. Hitler würdigt ihn posthum mit den folgenden Worten: „Alle sind ersetzbar, nur Scheubner-Richter nicht.“[26] Nach dem Tod Scheubner-Richters zerfällt die Aufbau-Vereinigung und es setzt ein ideologischer Kurswechsel innerhalb der NSDAP ein. Statt einer gegen den „jüdischen Bolschewismus“ gerichteten deutsch-russischen Kooperation gewinnen rassenbiologische, antirussische Tendenzen an Boden, die den Bolschewismus nunmehr auf vermeintliche Eigenschaften des russischen Volkes zurückführen.

Rosenberg, der am versuchten Putsch beteiligt ist, wird dafür nicht belangt. Hitler, der zu einer Haftstrafe verurteilt wird, macht Rosenberg zu seinem Vertreter als Führer der NSDAP. Rosenberg vollzieht die ideologische Entwicklung der NSDAP mit und erlebt nach 1923 eine steile politische Karriere.

Innerhalb weniger Jahre ist München damit vom Schauplatz einer kurzlebigen Räterepublik, die sich teilweise am Sowjetsystem der Bolschewiki orientierte, zur „Hauptstadt der Bewegung“ geworden, die den „jüdischen Bolschewismus“ durch einen grausamen Vernichtungskrieg ausrotten wollte. Einige der Emigranten aus dem Russischen Reich übten dabei einen nicht unerheblichen ideologischen Einfluss auf Hitler und die nationalsozialistische Bewegung aus.

 

Endnoten

[1] Sowohl Beginn als auch Ende des Bürgerkriegs werden unterschiedlich interpretiert. Einige Historiker datieren den Beginn nach der Oktoberrevolution auf November 1917, andere erst auf Frühjahr 1918. Als Ende wird häufig 1921 angegeben, zum Teil wird aber auch die Gründung der Sowjetunion 1922 als Abschluss des Kampfes um die Vorherrschaft betrachtet. Die letzten bewaffneten Auseinandersetzungen finden noch im Jahr 1923 statt.

[2] Schlögel, Karl: Berlin. Die Stiefmutter unter den russischen Städten, in: Ders. (Hg.): Der große Exodus. München 1994, S. 235-259, hier S. 251.

[3] Rosenberg, Alfred: Letzte Aufzeichnungen. Rosenheim 1955, S. 64f.

[4] Erinnerungen von Otto von Kursell, 1965, Institut für Zeitgeschichte München (IfZ), ZS 2010/1, S. 24.

[5] Vgl. Wilhelm, Hermann: Dichter, Denker, Fememörder. Rechtsradikalismus und Antisemitismus in München von der Jahrhundertwende bis 1921. Berlin 1989, S. 58.

[6] Rosenberg, Alfred: Dietrich, Eckart – ein Vermächtnis. München 1928, S. 49, zit. n. Wilhelm: Dichter, Denker, Fememörder, S. 69 [vgl. Anm. 5].

[7] Fraenkel, Sigmund: Die konfessionelle Verhetzung in München. Herr Polizeipräsident Pöhner, in: Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 11.06.1921 (Jg. 50, Nr. 270).

[8] Vgl. Baur, Johannes: Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1998, S. 79.

[9] Vgl. Angaben zu Biskupskijs Wohnsitz im Verhörprotokoll von Nikolaus von Epantschin vom 28.03.1922, Bayerisches Hauptstaatsarchiv (HStA), MInn 71624.

[10] Vgl. Auszug aus einem Aufsatz von Hans Hinkel, abgedruckt in: Wulf, Joseph: Die bildenden Künste im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh 1963, S. 144-145, hier S. 145.

[11] § 3 der Satzung, abgedruckt in: Wirtschaftliche Aufbau-Korrespondenz, 04.01.1923, zit. n. Baur: Die russische Kolonie, S. 259 [vgl. Anm. 8].

[12] Baur: Die russische Kolonie, S. 259 [vgl. Anm. 8].

[13] Ebd.

[14] Pool, James E. / Pool, Suzanne: Hitlers Wegbereiter zur Macht. Die geheimen deutschen und internationalen Geldquellen, die Hitlers Aufstieg zur Macht ermöglichten. Bern 1979, S. 53-55.

[15] Vgl. Polizeidirektion München: Schreiben vom 07.06.1923 (NR 1668, VID 907a), HStA, MA 103009.

[16] N. Talʼberg: Pariž i Rejchengallʼ, in: Dvuglavyj Orel, 14.06.1921 (Nr. 9), zit. n. Baur: Die russische Kolonie, S. 102 [vgl. Anm. 8].

[17] Monarchistische Organisationen in der Emigration (Memorandum Biskupskij vom 18.10.1935), IfZ, MA 297/1.

[18] Vgl. Verhörprotokoll Remmer vom 02.06.1923, HStA, MA 103009.

[19] Kellogg, Michael: The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the Making of National Socialism 1917-1945. New York 2005, S. 16.

[20] Blutzeugen der Bewegung. Max Erwin von Scheubner-Richter, in: Münchner Neueste Nachrichten, 04.11.1935 (Nr. 301).

[21] Baur: Die russische Kolonie, S. 272 [vgl. Anm. 8].

[22] von Vinberg, Theodor: Der Kreuzesweg Russlands. Teil I: Die Ursachen des Übels. München 1922, S. 24.

[23] Vgl. Jäckel, Eberhard / Kuhn, Axel (Hgg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. Stuttgart 1980, S. 713-716.

[24] von Kursell, Otto: Dr. Ing. Max Erwin von Scheubner-Richter zum Gedächtnis. München 1969, S. 21.

[25] Ebd., S. 22.

[26] Willing, Georg Franz: Der Ursprung der Hitlerbewegung 1919-1922. Preußisch-Oldendorf 1979, S. 198.

Autorinnen und Autoren

Judith Brehmer, Matthias Cichon, Oleg Friesen, Ivana Jerković, Michael Nusser, Freya Tasch, Phillip Türmer, Olga Zoll

Bearbeitung: Carolin Piorun