Willi Budich

Leben vor der Revolution in München

Willi Budich wurde am 16. April 1890 in Cottbus geboren, wo die Eltern Christian und Anna-Pauline eine Schankwirtschaft betrieben. Nach der Schule lernte er den Beruf des Maschinenschlossers und studierte am Technikum für Maschinenbau in Mittweida. Er musste die Ausbildung nach dem frühen Tod seines Vaters jedoch abbrechen, um die Mutter zu unterstützen. Gemeinsam zogen sie nach Berlin und Willi Budich begann in einer Maschinenfabrik zu arbeiten. 1910 trat er dem Deutschen Metallarbeiter-Verband und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei und beteiligte sich an Versammlungen und Streiks. In der SPD knüpfte er Kontakte zum linken Flügel und beschäftigte sich mit marxistischer Literatur.[1] Im Ersten Weltkrieg wurde Budich verwundet. Nach dem Krieg wurde er Schreiber in der Berliner Garnisonsverwaltung und beteiligte sich an der Verbreitung revolutionärer Flugschriften, der sogenannten Spartakusbriefe. Im Frühjahr 1918 wurde er mit anderen Spartakisten verhaftet und erst im Zuge der Novemberrevolution befreit. Im Spartakusbund gehörte Budich zum Führungsgremium und leitete den Roten Soldatenbund. Als Anführer einer Soldatendemonstration am 6. Dezember 1918 wurde er durch Schüsse schwer verletzt und verlor einen Arm. Um als Mitglied der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) einer weiteren Verhaftung zu entgehen, brachte ihn seine Parteigenossin Lotte Pulewka im März 1919 nach München.[2]

 

Mitglied im Führungsstab der Bayerischen Räterepublik

In München hatte die Revolution am 7. November 1918 mit einem Demonstrationszug begonnen. König Ludwig III. war geflohen. Kurt Eisner von der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) rief den Bayerischen Volksstaat aus, gründete einen Arbeiter- und Soldatenrat und wurde selbst Ministerpräsident.[3] Nachdem die USPD bei den Landtagswahlen eine Niederlage erlitten hatte, wollte er am 21. Februar 1919 zurücktreten. Dazu kam es nicht, denn auf dem Weg in den Landtag wurde er von Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Ein Mitglied des Arbeiterrates schoss daraufhin auf Innenminister Erhard Auer, in dem man den Drahtzieher des Mordes vermutete. Aus Angst vor weiteren Attentaten tauchten einige Abgeordnete unter.[4] Der Landtag war handlungsunfähig und trat erst am 17. März unter der Leitung des Mehrheitssozialdemokraten Johannes Hoffmann erneut zusammen.[5]

Zu diesem Zeitpunkt kam Willi Budich unter dem Decknamen Willi Dietrich nach München. Dort traf er seinen Berliner Parteigenossen Eugen Leviné, der die Führung der örtlichen KPD sowie die Redaktion der Parteizeitung Rote Fahne übernommen hatte.[6] Als Vertreter der Räte, der Gewerkschaften, des Bauernbundes sowie der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD) und der USPD Anfang April 1919 über die Ausrufung der Räterepublik berieten, lehnten u.a. Budich und Leviné dies ab. Sie begründeten dies damit, dass die Massen selbst über die Räterepublik entscheiden müssten und die KPD nicht mit der MSPD zusammenarbeiten wolle.[7]

Dennoch wurde die Ausrufung der Räterepublik von Vertretern der USPD, des Bauernbundes und der Anarchisten in einer Nachtsitzung auf den 7. April beschlossen. Dem Revolutionären Zentralrat saß Ernst Toller vor. Anders als von der Räteregierung behauptet, war die Regierung um Ministerpräsident Hoffmann nicht zurückgetreten, sondern hatte ihren Sitz von München nach Bamberg verlegt und erkannte die Räterepublik nicht an. Auch die Führer der KPD bezeichneten das neue System als „Scheinräterepublik“[8] , da sie nur eine kommunistische Räterepublik als legitim betrachteten und die Räte nicht von den Arbeitern gewählt worden waren. Sie riefen diese dazu auf, selbst einen revolutionären Rat zu wählen, der beschließen sollte, wann die Räterepublik auszurufen sei. Die KPD begann sofort, die Wahlen sogenannter Betriebsobleute zu organisieren und hielt am 9. April eine Versammlung des Gremiums im Kindlkeller ab. Das Ziel, den Revolutionären Zentralrat abzusetzen, scheiterte, als dieser das Lokal stürmen ließ. Betriebsobleute und Revolutionäre Soldatenvertreter wählten daraufhin zehn Männer, die den Versammlungen des Zentralrats beratend beisitzen sollten. Einer von ihnen war Willi Budich. Er und seine Parteigenossen lehnten die Räterepublik jedoch weiterhin ab und enthielten sich bei Abstimmungen, um keine Verantwortung für die Entscheidungen übernehmen zu müssen.[9]

Die erste Bayerische Räterepublik konnte sich nicht einmal eine Woche halten. In der Nacht auf den 13. April 1919, den Palmsonntag, verhaftete die Republikanische Schutztruppe, die mit der Regierung Hoffmann kooperierte, mehrere Mitglieder des Zentralrats. Am Nachmittag marschierte ein Demonstrationszug, der sich gegen den Putsch richtete, hinter einer roten Fahne von der Theresienwiese zum Hauptbahnhof. Dorthin hatte sich die Schutztruppe zurückgezogen, um auf Verstärkung zu warten. In einer Schlacht zwischen Arbeitern und Schutztruppe unterlag Letztere am Abend.[10] Nun war die Stunde der KPD gekommen. Die Putschisten hatten eine Versammlung der Kasernen-, Betriebs- und Angestelltenräte im Hofbräuhaus einberufen. Als deren Anführer zu den Kämpfen gerufen wurden, nutzen die Kommunisten die Chance, einen Aktionsausschuss der Betriebs- und Soldatenräte Münchens wählen zu lassen, der den Revolutionären Zentralrat ablösen sollte. In dieses 15-köpfige Gremium wurde Budich gewählt, wie auch in den fünfköpfigen Vollzugsrat, der aus dem Aktionsausschuss hervorging und von Leviné geleitet wurde. Weitere Mitglieder waren der Kommunist Max Levien, Wilhelm Karl Duske von der USPD und Emil Maenner von der MSPD.[11] Budich gehörte damit einen Monat nach seiner Ankunft in München dem einflussreichsten Kreis der Räte an.

Noch in der Versammlung wurde ein zehntägiger Generalstreik beschlossen, „um die wichtigsten Positionen der alten herrschenden Klasse zu zerschlagen und einen provisorischen Machtapparat aufzubauen.“[12] Dieser Machtapparat bestand aus drei Regierungsorganen: der Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte, dem Aktionsausschuss und dem Vollzugsrat.[13] Die Tätigkeitsfelder der letzten beiden Gremien lassen sich nicht eindeutig voneinander abgrenzen. In den Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte, ein gedrucktes Blatt, das seit dem 15. April 1919 kostenlos verteilt wurde, heißt es: „Die ganze gesetzgebende und vollziehende Gewalt der Räterepublik wird dem fünfzehngliedrigen Aktionsausschuss übergeben.“[14] Gleichzeitig sind dieser und weitere veröffentlichte Beschlüsse jedoch mit „Vollzugsrat“ unterschrieben.[15] Am 18. April 1919 stellte man der Bevölkerung diesen Vollzugsrat genauer vor und gab seine Aufgaben mit Überwachung der Kommissionen, Verkehr mit Behörden und Beschäftigung mit großen prinzipiellen Fragen an.[16] Gemeinsam mit dem Aktionsausschuss führte der Vollzugsrat das Oberkommando über die Rote Armee in Bayern.[17]

Die Arbeit der Rätegremien ist nur bruchstückhaft dokumentiert. Budich setzte sich wie bereits im Spartakusbund für die Mitarbeit der Soldaten ein, denn diese nahmen kaum an den Versammlungen der Betriebs- und Soldatenräte teil. Sie hielten stattdessen Sitzungen in den Kasernen ab. Rudolf Egelhofer, Oberbefehlshaber der Roten Armee, berichtete am 17. April 1919 dem Aktionsausschuss, dass dieser von den Kasernenräten nicht anerkannt würde. Andererseits vermutete Levien unter den Kasernenräten Reaktionäre. Budich schlug vor, sich um gemeinsame Sitzungen der Kasernenräte und der Betriebsräte zu bemühen. Dadurch seien sie „gewissermaßen in die Kandara genommen.“[18] Am nächsten Tag wurde eine Abordnung zur Versammlung der Kasernenräte geschickt, um diese einzuladen. Wahrscheinlich befand Budich sich darunter, denn er berichtete wiederum einen Tag später im Aktionsausschuss darüber. Er beschrieb die Stimmung dort als „verhältnismäßig günstig.“[19] Allerdings forderte er dringend dazu auf, über Kommunismus und Sozialismus in den Kasernen aufzuklären. Wie wenig Einheit zwischen Kommunisten und Soldaten bestand, bewies Hans Anton Schäfer, ein von den Soldaten gewähltes neues Mitglied des Aktionsausschusses. Er verlangte für seine Mitarbeit einen von der Bevölkerung eingesetzten Zentralrat und eine Vertagung des Landtags, bis der Zentralrat endgültig entschieden habe. „Ich hatte angenommen, da[ss] wir uns hier nicht über Sozialismus aufklären müssen. Wie kann man blo[ß] jetzt vom Landtag reden“,[20] war Budichs Reaktion. Schäfer wurde dennoch eine Aufgabe in einer Kommission zugeteilt, er wiederholte seine Forderung aber in der Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte.[21]

Auch innerhalb der Räteführung brachen Streitigkeiten aus. Maenner warf in einer Betriebsräteversammlung die Frage auf, ob „im Aktionsausschuss und in den Kommissionen Preu[ß]en, Sachsen und Russen sitzen und wovon denn diese leben.“[22] Duske warf daraufhin am 19. April 1919 im Vollzugsrat den auswärtigen Mitgliedern vor, sie würden von Ort zu Ort ziehen und keine Verantwortung übernehmen müssen. Willi Budich, der russische Bolschewiki Tovia Aksel’rod und drei weitere Mitglieder traten daraufhin von ihren Ämtern zurück. Nach einer Entschuldigung Duskes kehrten sie wieder zurück.[23]

Inzwischen diskutierten die Führer der Räterepublik jedoch über die viel dringendere Frage, ob Verhandlungen mit der Regierung Hoffmann in Bamberg aufgenommen werden sollten. Die „Weiße Garde“ hatte München von Nordwesten bis Nordosten eingeschlossen und Dachau und Karlsfeld besetzt. Aus anderen Teilen Deutschlands waren weitere Truppen in Marsch gesetzt worden. Durch die militärische Blockade war die Versorgung Münchens mit Lebensmitteln erschwert, und viele Bauern weigerten sich, die Räterepublik durch Lieferungen zu unterstützen.[24] Vor allem Toller, inzwischen Abschnittskommandeur der Roten Armee in Dachau, befürwortete Verhandlungen, um unnötige Kämpfe und Hunger zu vermeiden. Nachdem unter anderem Leviné und Egelhofer versucht hatten, ihn abzusetzen, trat Toller am 26. April 1919 zurück. Auch Maenner und andere gaben ihre Ämter auf, weil die KPD Verhandlungen ablehnte. Leviné stellte die Frage nach Verhandlungen daraufhin am 27. April 1919 in der Betriebsrätesitzung zur Abstimmung. Als sich die überwiegende Mehrheit für Gespräche mit der Regierung Hoffmann aussprach, erkannten er und die verbliebenen Mitglieder des Aktionsausschusses die übergeordnete Stellung der Betriebs- und Soldatenräte an und traten zurück.[25] Damit endete auch Budichs politische Aktivität in München.

Die Räterepublik existierte unter der Führung von USPD-Mitgliedern noch wenige Tage. Am 2. Mai nahmen die Truppen der Regierung Hoffmann gemeinsam mit Freikorps aus anderen Gegenden Deutschlands München ein und gingen brutal gegen Rotarmisten und Bevölkerung vor. Die Führer der Räterepublik wurden verhaftet, misshandelt und manche erschossen.[26]

 

Flucht nach Sowjetrussland und Arbeit für die Kommunistische Partei

Willi Budich gelang die Flucht vor dem „Weißen Terror“. Er wurde gemeinsam mit Aksel’rod von der Fotografin Germaine Krull, einer Bekannten Eisners und Tollers, versteckt. Sie nutzte dazu die Wohnung ihrer Freunde Max Horkheimer und Friedrich Pollock, den späteren Begründern der Frankfurter Schule, in der sie selbst auch untergetaucht war. Wie der Kontakt zustande kam, ist unklar. Budich und Aksel’rod waren Krull zuvor nie begegnet. Sie wurde von Bekannten gebeten, den beiden zu helfen und das Trio flüchtete gemeinsam nach Österreich. Krull hatte Papiere besorgt, die einem Dr. Willi Mathiesen gehörten und von Willi Budich verwendet wurden. Tovia Aksel’rod war mit Pollocks Dokumenten unterwegs. Eigentlich sah der Plan vor, mit dem Zug vom Münchner Hauptbahnhof über die Grenze zu fahren. Aus Angst vor Kontrollen, stiegen sie jedoch schon vor der Grenze wieder aus und liefen zu Fuß nach Österreich.[27] Ihre Flucht endete bereits in Schwaz in Tirol. Als sie sich dort in einer Wirtschaft über die Zustände in München unterhielten, riefen zwei Wirtsfrauen die Gendarmerie. Sie vermuteten unter den Gästen „Kommunisten oder Spartakisten, bezw. solche Personen, die sich jetzt aus München aus gewissen Gründen flüchten mussten.“[28] Am 12. Mai 1919 wurde die Gruppe verhaftet. Alle drei gaben gegenüber den Gendarmen an, „nach Bayern bringe man sie nicht lebend, weil sie dort so wie so gelyncht würden“.[29]

Allerdings konnte nur Budich der Ausweisung nach Bayern entgehen. Er nannte seinen richtigen Namen und gab sich als preußischer Staatsbürger zu erkennen. Da den Behörden noch nicht klar war, dass es sich bei Willi Budich, der an der Berliner Novemberrevolution mitgewirkt hatte, und Willi Dietrich, nach dem in München gefahndet wurde, um die gleiche Person handelte, wurde er nach Berlin ausgeliefert. Für ihn war dies zunächst die bessere Option, da ihm in München die Todesstrafe drohte.[30] Dort wurde er mit dem Geiselmord im Luitpold-Gymnasium in Verbindung gebracht.[31] Am 30. April 1919 hatten „Rotgardisten“ im Hof zehn Mitglieder der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft erschossen. Wer den Auftrag dazu gab, ist umstritten. Budich war jedoch auch im Berliner Gefängnis in Gefahr, da jederzeit bekannt werden konnte, welche Rolle er in München gespielt hatte. Deshalb bestachen seine Parteifreunde einen Wärter, so dass er nach Sowjetrussland fliehen konnte.[32]

In Moskau arbeitete er in der deutschen Sektion des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (Komintern) und nahm vom 19. Juli bis 7. August 1920 als Delegierter der KPD am II. Weltkongress der Organisation teil. Am 14. August 1920 empfing ihn Lenin in seinem Arbeitszimmer. Lenin lud häufiger ausländische Kommunisten ein, um sie kennenzulernen. Er nutzte die Gelegenheit, um Einblicke in die Auseinandersetzungen innerhalb der kommunistischen Parteien zu erhalten. Vom Gespräch mit Budich existieren keine Aufzeichnungen. Es ging wohl auch um die Bayerische Räterepublik. Budich scheint Lenin dabei von sich überzeugt zu haben, denn dieser schlug dem Zentralkomitee vor, Budich in die Kommunistische Partei Russlands aufzunehmen – rückwirkend ab dem Jahr 1915.[33]

In DDR-Quellen heißt es, Budich habe sich anschließend freiwillig zur Roten Armee gemeldet und in Estland gegen polnische Truppen gekämpft.[34] Dies muss angezweifelt werden, da er 1918 einen Arm verloren hatte und vermutlich nicht kampffähig war. Fest steht, dass er spätestens 1921 nach Deutschland zurückkehrte, wo er weiterhin steckbrieflich gesucht wurde. Inzwischen war bekannt geworden, dass es sich bei Budich und Dietrich um dieselbe Person handelte. Deshalb nannte er sich Robert Langner und stellte über Lotte Pulewka eine Verbindung zur KPD her. Diese übertrug ihm die Leitung eines Oberbezirks, bestehend aus Nord-Ost-Pommern, Ostpreußen, Danzig und Mecklenburg. Anfang 1922 flog seine Tarnung auf und Budich wurde verhaftet. Weil er nach München ausgeliefert werden sollte und ihm dort noch immer das Todesurteil drohte, kümmerte sich die KPD erneut um seine Befreiung. Ein Dampfer brachte ihn von Stettin nach Petrograd (heute St. Petersburg). Ebenfalls an Bord war Elena Dmitrievna Stasova, sowjetische Verbindungsfrau in der KPD und früheres Mitglied im Zentralkomitee der Bolschewiki. Sie hatte geholfen, den Fluchtplan auszuarbeiten.[35]

Zurück in Sowjetrussland arbeitete Budich wieder für die Komintern, dieses Mal als erster Sekretär der Roten Hilfe Deutschlands. Diese Organisation unterstützte verfolgte revolutionäre Kämpfer und ihre Familien materiell, juristisch und ideologisch. Budich war maßgeblich an ihrem Auf- und Ausbau beteiligt. Auch am IV. Weltkongress der Komintern im Dezember 1922 nahm er teil. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Luba Gerbilskaja kennen, die in Petrograd Jura studierte und für Mitglieder des Exekutivkomitees übersetzte, die nicht Russisch sprachen. „Mit seinen 32 Jahren wirkte er älter. […] Das war auf das schwere und gefahrvolle Leben dieses Revolutionärs und heldenhaften Kommunisten zurückzuführen, doch in seinen Augen leuchteten Humor und Herzenswärme“,[36] schreibt Luba in den Erinnerungen an ihren Mann. 1923 heirateten die beiden. Ein Jahr später kam Tochter Irina zur Welt.[37]

Ab 1924 begannen zahlreiche westliche Staaten, die Sowjetunion anzuerkennen und diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Im Zuge dessen entstand eine russische Handelsvertretung in Wien (Russawstorg), die Willi Budich von 1924 bis 1928 im Auftrag der sowjetischen Regierung leitete. Um unerkannt zu bleiben, nutzte er den Geburtsnamen seiner Frau und nannte sich Direktor Gerbilski.[38] Nach seiner Rückkehr nach Moskau arbeitete er ein weiteres Jahr für die deutsche Sektion der Internationalen Roten Hilfe sowie für das Marx-Engels-Institut der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und organisierte kulturelle Veranstaltungen. Aus den Erinnerungen seiner Frau geht hervor, dass es Willi Budich jedoch zurück nach Deutschland zog. Dazu dürfte auch beigetragen haben, dass er verhört wurde, nachdem auf der. Parteikonferenz der KPdSU eine Parteireinigung beschlossen worden war. Zudem wurde 1929 der in Deutschland gegen ihn bestehende Haftbefehl durch eine Amnestie aufgehoben. Im Dezember desselben Jahres zog er mit Frau und Tochter nach Berlin.[39]

 

Verfolgung durch Nationalsozialisten und Anklage unter Stalin

In Deutschland arbeitete Budich als Redakteur für die Rote Fahne. Unter anderem schrieb er über die Novemberrevolution 1918, an der er mitgewirkt hatte. Dadurch geriet er erneut in Konflikt mit den Behörden. Schon drei Monate nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde er Anfang 1930 zusammen mit anderen kommunistischen Redakteuren verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, in einem Artikel über den Streik der Munitionsarbeiter zum Aufruhr aufgefordert und Hochverrat begangen zu haben. Auch seine Frau, inzwischen Mitglied der KPD und Angestellte der sowjetischen Handelsvertretung, die mit der zweiten Tochter Marianne-Leonie schwanger war, wurde mehrfach vernommen. Am 16. April 1930 musste Budich aus Mangel an Beweisen freigelassen werden. Daraufhin wurde ihm die Leitung der Zentrale der Zeitungsverlage der Partei und 1932 die Geschäftsabteilung des Zentralkomitees der KPD anvertraut.[40]

Im November 1932 wurde er außerdem in den deutschen Reichstag gewählt, doch schon nach wenigen Wochen wurde ihm bei einem faschistischen Angriff auf die KPD-Fraktion mit einem Stuhlbein das Knie zertrümmert. Während er sich in der Praxis eines jüdischen Arztes davon erholte, wurde Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Einen Tag später löste Reichspräsident Paul von Hindenburg auf Hitlers Drängen den Reichstag auf und setzte Neuwahlen an. Auch Willi Budich kandidierte wieder. Doch die Wahlen fanden nicht mehr statt. Nachdem die Nationalsozialisten am 27. Februar 1933 den Reichstag in Brand gesetzt und dafür die Kommunisten verantwortlich gemacht hatten, musste sich Budich vor dem faschistischen Terror in Sicherheit bringen. Er hatte es abgelehnt, gemeinsam mit seiner Familie in die Sowjetunion zu fliehen und hielt sich stattdessen in Berlin versteckt. Im Mai 1933 wurde er jedoch von der Gestapo verhaftet, schwer misshandelt und in ein Gefängnislazarett eingeliefert. Seine Frau, die in Moskau davon erfuhr, organisierte über die Internationale Rote Hilfe und Elena Dmitrievna Stasova eine Kampagne für seine Befreiung.[41] Tatsächlich durfte er das Gefängnis einige Zeit später verlassen, wobei er durch die Misshandlungen schwer körperbehindert war und kaum noch laufen konnte. Parteigenossen verhalfen ihm im August 1933 zur Flucht über Prag nach Moskau, wo er noch mehrere Jahre für das Exekutivkomitee der Internationalen Roten Hilfe tätig war.[42]

1936 wurde Budich im Zuge von Josef Stalins Säuberungen verhaftet. Das NKVD (Narodnyj Komissariat Vnutrennich Del), das sowjetische Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, warf ihm wie anderen deutschen Kommunisten vor, er sei im Gefängnis als Spion für die Gestapo angeworben worden.[43] Außerdem wurde er zur sogenannten „Wollenberg-Hoelz-Organisation“ gezählt. Die Gruppierung um Erich Wollenberg und Max Hoelz hatte nie existiert, sondern wurde vom NKVD konstruiert, um mehr als 70 deutsche Polit-Emigranten „einer konterrevolutionären, terroristischen, trotzkistischen Verschwörung“[44] anzuklagen. Am 22. März 1938 wurde Budich zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.[45] Erst 1956, nach dem Tod Stalins, rehabilitierte ihn die KPdSU auf ihrem XX. Parteitag und nahm ihn posthum wieder in die Partei auf.[46]

 

Endnoten

[1] Pastor, Werner: Willy Budich. Eine biografische Skizze. Ein unbeugsamer Revolutionär aus Cottbus. Cottbus 1988, S. 5-7.

[2] Weber, Hermann / Herbst, Andreas: Deutsche Kommunisten. Biografisches Handbuch 1918 bis 1945. Berlin 2008, S. 155f.

[3] Mitchell, Allan: Revolution in Bayern 1918/1919. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik. München 1967, S. 80-92.

[4] Ebd., S. 236f.

[5] Mertens, Ursula: Die Rätebewegung in Bayern (1918/19). Nürnberg 1984, S. 94f.

[6] Pastor: Willy Budich, S. 23f. [vgl. Anm. 1].

[7] Köglmeier, Georg: Die Zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19. Legitimation – Organisation – Funktion. München 2001, S. 321.

[8] Leviné, Eugen: Auch eine Räterepublik!, in: Viesel, Hansjörg: Literaten an der Wand, Frankfurt / Main 1980, S. 411-471, S. 419.

[9] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien in Bayern, S. 323-332 [vgl. Anm. 7].

[10] Mitchell: Revolution in Bayern, S. 277f. [vgl. Anm. 5]; Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 344-346 [vgl. Anm. 7].

[11] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 352f., 475, 478 [vgl. Anm. 7].

[12] Pastor: Willy Budich, S. 25 [vgl. Anm. 1].

[13] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 364f. [vgl. Anm. 7].

[14] Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte: 15.04.1919. München 1919, S. 1.

[15] Ebd.

[16] Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte: 18.04.1919. München 1919, S. 2.

[17] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 382 [vgl. Anm. 7].

[18] Zit. n. Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 359 [vgl. Anm. 7].

[19] Zit. n. ebd., S. 60.

[20] Zit. n. ebd., S. 360.

[21] Ebd., S. 358-361.

[22] Polizeidirektion München. Rudolf Egelhofer. Nr. 10040, Staatsarchiv München (StA), S. 49.

[23] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 391f. [vgl. Anm. 7].

[24] Sheppard, Richard: Die Protokolle von zwei Sitzungen des Revolutionären Zentralrats in München am 12. und 16. April 1919, in: Görres-Gesellschaft (Hg.): Literaturwissenschaftliches Jahrbuch. Bd. 33. Berlin 1992, S. 209-275, hier S. 253f.; Mitchell: Revolution in Bayern, S. 281f. [vgl. Anm. 3].

[25] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien, S. 392f. [vgl. Anm. 7].

[26] Mertens: Die Rätebewegung in Bayern, S. 102f. [vgl. Anm. 5].

[27] Kim Sichel: Avantgarde als Abenteuer. Leben und Werk der Photographin Germaine Krull. München 1999, S. 23f.

[28] Staatsanwaltschaft München I. Towia Axelrod, Nr. 1939, StA.

[29] Ebd.

[30] Pastor, Werner: Der Besten einer, treu, aufrecht, fest! Willy Budich, in: Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Bd. 32. Hamburg 1990, S. 260-267, hier S. 264.

[31] Mühsam, Erich: Tagebücher. Eintrag vom 15.06.1920. Eine Online-Edition von Hirte, Chris / Piens, Conrad, unter www.muehsam-tagebuch.de, 04.04.2016.

[32] Pastor: Willy Budich, S. 27 [vgl. Anm. 1].

[33] Ebd., S. 28-30; Pastor: Der Besten einer, S. 264 [vgl. Anm. 30].

[34] Pastor: Willy Budich, S. 33 [vgl. Anm. 1].

[35] Kurze Biografie des Genossen Willi Budich, N 2603/18, Nachlass Lotte Pulewka, Bundesarchiv (BA), S. 3; Pastor: Willy Budich, S. 33-36 [vgl. Anm. 1]; Pastor: Der Besten einer, S. 264 [vgl. Anm. 30].

[36] Zit. n. Pastor: Willy Budich, S. 37 [vgl. Anm. 1].

[37] Ebd., S. 36-38, Pastor: Der Besten einer, S. 264 [vgl Anm. 30].

[38] Pastor: Willy Budich, S. 39 [vgl. Anm. 1]; Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 72 [vgl. Anm. 2].

[39] Pastor: Willy Budich, S. 39-41 [vgl. Anm. 1]; Pastor: Der Besten einer, S. 265 [vgl. Anm. 30].

[40] Ebd., S. 41-45 [vgl. Anm. 1]; Ebd., S. 265f [vgl. Anm. 30].

[41] Ebd., S. 49-53 [vgl. Anm. 1]; Ebd., S. 266f [vgl. Anm. 30].

[42] Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten, S. 72 [vgl. Anm. 2]; Pastor: Der Besten einer, S. 267 [vgl. Anm. 30].

[43] Müller, Reinhard: Der Antikomintern-Block. Prozeßstruktur und Opferperspektive, in: Utopie kreativ Sonderheft (1997), S. 38-51, hier S. 45.

[44] Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001, S. 13.

[45] Ebd., S. 211, 252.

[46] Pastor: Der Besten einer, S. 267 [vgl. Anm. 30].

Autorin

Beate Winterer

Bearbeitung: Natalja Kliewer