Nadežda Konstantinovna Krupskaja – Die Frau hinter Lenin

Nadežda Krupskaja gehört zweifelsohne zu den Schlüsselfiguren der russischen kommunistischen Bewegung, die zur Errichtung der Sowjetunion beigetragen haben. Ihr wurden zahlreiche, meistens heroisierende und verklärende Biografien gewidmet, die hauptsächlich ihre Rolle in den Revolutionen 1905 und 1917 und die Tätigkeit im Bereich der Bildung in der jungen Sowjetunion behandelten. In der vorliegenden Abhandlung soll es aber um eine frühere Periode ihrer Biografie gehen, nämlich um das Leben und Wirken von Krupskaja in München, der ersten Station ihres mehrjährigen Aufenthalts in Europa.

 

Politische Anfänge

Die im Jahre 1869 in Sankt Petersburg geborene und aus einer verarmten adeligen Familie stammende Krupskaja interessierte sich seit ihrer Jugend für die Ideen von Marx und nahm an marxistischen Versammlungen teil.[1] Dieses Interesse wurde ihr von ihrer Familie vermittelt: Ihr Vater, der Leutnant Konstantin Krupskij, sympathisierte mit der polnischen Unabhängigkeitsbewegung im Jahre 1863, war Mitglied des Komitees der russischen Offiziere in Polen und bemühte sich um die Verwirklichung der Beschlüsse der Londoner Konferenz der ersten Internationale.[2] Im Herbst 1895 wurde die als Schullehrerin arbeitende Krupskaja Mitglied des in Sankt Petersburg durch ihren späteren Ehemann Lenin gegründeten Petersburger Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse. Ziel dieses Kampfbundes war vor allem die Vernetzung zwischen unterschiedlichen sozialistischen Vereinigungen und die Verbreitung regierungskritischer Literatur.[3] In dieser Zeit lernte Krupskaja auch Lenin persönlich kennen. Die „menschliche“ Seite ihrer Beziehung, die in eine bescheidene Hochzeit während Krupskajas Verbannung (aufgrund ihrer Mitgliedschaft im Kampfbund) mündete, lässt sich aber kaum hinter den ideologisch gesäuberten Fassaden sowohl der Krupskaja-Biografien als auch ihrer eigenen Memoiren aufspüren. Die formelhaften und leblosen Berichte über die Begeisterung Krupskajas über Lenins Marx-Kenntnisse und seine revolutionären Pläne, die man in der sowjetischen Literatur so häufig findet, sind hier kaum von Interesse.

Der Kampfbund war zwar noch bis zum Jahre 1897 aktiv, Lenin wurde aber schon am 9. Dezember 1895 nach längerer Beobachtung durch die Behörden verhaftet und in Verbannung geschickt. Krupskaja wurde im Jahr darauf ebenso verhaftet. Im Zuge einer Amnestiewelle, welche durch die Selbstverbrennung der Studentin Marija Vetrova ausgelöst worden war, wurde Krupskaja bis zur Urteilsverkündung nach Hause entlassen. Vetrova, die zur Vereinigung Narodnaja Volja (Volkswille) gehört hatte und für die Verbreitung von im Russischen Reich verbotener Literatur verhaftet worden war, verbrannte sich aus Protest gegen die Bedingungen in russischen Gefängnissen, was eine große Protestwelle in Sankt Petersburg hervorrief.[4]

Das schließlich verkündete Urteil verbannte Krupskaja nach Udfa. Von dort reiste sie weiter zu Lenin in dessen Verbannungsort, dem Dorf Šušinskoe, nachdem er ihr in einem mit unsichtbarer Tinte verfassten Brief vorgeschlagen hatte, seine Frau zu werden.[5] Für die Münchner Periode sollte die Technik der unsichtbaren Tinte bei Briefen mit geheimen Inhalt von Bedeutung werden. Denn die Verschlüsselung von Korrespondenzen sollte zu einer der wichtigsten Aufgaben Krupskajas während ihres gesamten Europa-Aufenthalts werden.

 

Der Weg nach München

Im März 1901 endete Krupskajas Verbannung. Nur wenige Wochen später reiste sie zu ihrem Ehemann, zuerst nach Prag, da sie aufgrund eines Kommunikationsfehlers dachte, dass Lenin dort lebte. Nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Ehemann in München lebe, nahm Krupskaja den ersten Zug ins bayerische „Millionendorf“.[6] Lenin selbst hatte Russland einige Monate nach seiner Freilassung im Februar 1900 verlassen, um nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz die Redaktion der sozialdemokratischen Zeitung Iskra (Der Funke) in München zu leiten. Die Reise von Krupskaja bereitete Lenin umsichtig vor. Er teilte seiner Mutter, die mit ihr in engem Kontakt stand, seine neue Adresse mit und fuhr nach Wien, um einen Pass für Krupskaja zu beantragen.[7] Dass es trotzdem zu Missverständnissen kam, sei, Krupskaja zufolge, nicht sein Fehler gewesen.[8] „Die Systematik, mit der Lenin seinen Aufenthalt in München tarnte, war so perfekt, daß Krupskaja, die um den 14. April 1901 in München eintraf, Schwierigkeiten hatte, ihren Mann zu finden.“ – Denn sie kannte seinen aktuellen Decknamen nicht.[9]

Nach ihrer Ankunft erhielt sie einen bulgarischen Pass[10] und lebte nun unter dem Namen Marica Jordanoff zusammen mit Lenin in der Siegfriedstraße in Schwabing, dem Bohème-Viertel Münchens. Obwohl uns die schon angesprochenen Erinnerungen Krupskajas und der edierte Briefwechsel Lenins zur Verfügung stehen, ist die Quellenlage für die Erforschung der Münchner Periode sowohl der Zeitung Iskra als auch des Lebens von Krupskaja nicht sehr günstig. So fehlen bis heute unter anderem jegliche Quellen aus Münchner Archiven.[11] Das bedeutet, dass sowohl andere Biografien über sie als auch die vorliegende Abhandlung hauptsächlich auf die von Krupskaja oder Lenin selbst stammenden Quellen wie Briefe und Memoiren angewiesen sind, was die historische Glaubwürdigkeit solcher Untersuchungen erheblich beeinträchtigt. Denn es besteht keinerlei Zweifel an der Effektivität der sowjetischen Zensur einerseits und der Selbstzensur Krupskajas andererseits.

 

Redaktionssekretärin mit essenziellen Aufgaben

Sofort nach ihrer Ankunft begann Krupskaja mit der Arbeit als Redaktionssekretärin für die Iskra sowie mit dem Aufbau eines Netzwerks ins Russische Reich. Ihre Ernennung zur Redaktionssekretärin war Krupskaja zufolge die Entscheidung von Lenin selbst, denn dies erlaubte ihm, alle Kontakte der Zeitung mit den sozialdemokratischen Organisationen im Russischen Reich unter seiner persönlichen Kontrolle zu halten.[12] Krupskajas Tätigkeit bestand aus zwei einander ergänzenden Bereichen: Der Versand der Zeitung und der geheimen Briefe ins Russische Zarenreich einerseits und der Empfang und die Verarbeitung der Post aus dem Zarenreich andererseits. Diese zwei Hauptaufgaben sollen nun kurz skizziert werden, denn sie deuten auf die Relevanz der Münchner Periode von Krupskaja für die Vorbereitung der Russischen Revolution hin und stellen ein ausgezeichnetes Beispiel sowohl für die Verflechtungsgeschichte als auch für den Wissenstransfer zwischen Deutschland und dem Russischen Reich dar.

Die Relevanz der Errichtung einer Verbindung ins Russische Reich und des Versands der Zeitung und Briefe ins Imperium betonte Lenin selbst.[13] Laut Krupskaja lag das Ziel des Redaktionskollegiums der Iskra in der Schaffung eines das ganze Russische Reich umfassenden kommunistischen Netzwerks.[14] Friedrich Hitzer beschreibt ihre Rolle wie folgt: „In der unmittelbaren Zusammenarbeit mit Lenin entwickelte Nadeshda Krupskaja das System der Verbindungen, das München direkt oder indirekt über „Iskra“-Gruppen in Berlin, Königsberg, Zürich, London, Genf mit vielen Punkten in Rußland verknüpfte.“[15]Während sie in München lebte, wurden ihre Briefe auch aus Nürnberg, Liege und Darmstadt verschickt.[16]

Die Zensur im Russischen Reich und das Verbot der kommunistischen Literatur prägten die Art und Weise, wie die Zeitungen und Briefe geliefert wurden. Die Zustellung der Zeitung erfolgte zum großen Teil durch Koffer mit doppeltem Boden. Krupskaja und ihre Mutter, die ebenfalls nach München gekommen war, entwickelten eine noch sicherere Methode: Sie nähten Korsetts mit großen Taschen, in die man bis zu hundert Ausgaben der Zeitung einstecken konnte. Die Korsetts wurden unter der Kleidung getragen. Im Gegensatz zu Koffern, die an der Grenze kontrolliert wurden, benötigten die Behörden eine Sondergenehmigung, um Leibesvisitationen vornehmen zu dürfen.[17]

Noch origineller als die Zustellungsmethode war die Erstellung der geheimen Briefe, was ebenso zu Krupskajas Aufgaben gehörte. Insgesamt konnte man sechs Etappen bei der Erstellung eines solchen Briefes benennen:

„1. Der Brief wird geschrieben. 2. Es wird alles unterstrichen, was zu verschlüsseln ist. 3. Es wird verschlüsselt, was unterstrichen wurde. 4. Die Verschlüsselung wird auf Fehler und Auslassungen hin überprüft. 5. Der Brief wird „äußerlich“ so abgefasst, daß er durch die Zensur geht. 6. Der eigentliche Brief wird mit chemischer Tinte zwischen die Zeilen geschrieben.“[18]

Als Tinte wurden zuerst Milch und Zitronensaft benutzt. Mit Hilfe eines heißen Bügeleisens konnten die so verschlüsselten Passagen als gelblich-rote Schrift wieder sichtbar gemacht werden.[19] Später wurden diese „Tinten“ durch Bleistoffe ersetzt.[20] Dass Krupskaja ihre Aufgaben erfolgreich erledigte, zeigt sich darin, dass die Polizei Schwierigkeiten hatte, „die ISKRA-Briefe aus der Flut der täglichen Post herauszufinden, weil die Umschläge so unverdächtig aussahen.“[21]

Für jeden Korrespondenten erstellte Krupskaja ein Heft, in dem die Entwürfe der ins Russische Reich geschickten Geheimbriefe und die Kopien der aus dem Russischen Reich erhaltenen Briefe zu finden waren. So schuf sie während ihres Münchner Aufenthaltes ein Archiv an Korrespondenzen der Zeitungsautoren mit den Sozialdemokraten sowohl des Russischen Reiches als auch anderer europäischer Länder.[22] Oft war sie die einzige Person, die über die Informationen hinsichtlich der Adressen, Namen, Geheimwörter usw. verfügte.[23] Die Zulieferwege waren vielfältig und sehr gut organisiert: Literatur und Briefe wurden über Österreich-Ungarn, die Schweiz, Rumänien, ja sogar Ägypten geschickt.[24] Den Erfolg Krupskajas belegen auch folgende Zahlen: Im Februar 1902, als in Samara das Büro des allrussischen Iskra-Zentrums gegründet wurde, verfügte die Zeitung über Filialen in 27 Städten des russischen Zarenreiches.[25]

Nicht nur bei der Zustellung von Literatur ins Russische Reich wurden zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen, sondern auch beim Empfang der Post aus dem Zarenreich. Alle Briefe aus Russland schickte man an unterschiedliche Adressen ins Deutsche Reich. Im zweiten Schritt schickten die deutschen Agenten der Zeitung diese Briefe an einen Mittelsmann namens Dr. Carl Lehmann, der sie dann nach München weiterleitete.[26] Dabei kam es gelegentlich zu Pannen, wie Krupskaja in einer interessanten Geschichte erzählt:

"Schließlich gelang es in Russland eine Druckerei für die Broschüren in Chişinău zu finden, und der Leiter der Druckerei […] schickte an Lehmanns Adresse ein Kissen, in dessen Mitte Exemplare von Broschüren eingenäht worden waren, die in Russland erschienen sind. Der überraschte Lehman lehnte das Kissen auf der Post ab, aber, als unsere das erfuhren und Alarm schlugen, bekam er das Kissen und sagte, dass er ab jetzt alles annehmen würde, was an seinen Namen geschickt wird, sei es auch ein ganzer Zug."[27]

Über die Bedeutung von Krupskaja für die Koordination des Briefwechsels, der Zulieferung der Zeitung ins Russische Reich und dem Alltag in München schrieb Lev Trockij, das Folgende: "Sie spielte eine zentrale Rolle in der Organisationsarbeit der Zeitung, sie empfing die in München angekommenen Kameraden, teilte ihnen wichtige Informationen und Tarnadressen mit und stellte Kommunikationsnetzwerke her. In ihrem Zimmer konnte man ständig den Geruch von aufgewärmtem Papier wahrnehmen. Oft beschwerte sie sich wegen der schlampig erstellten Geheimbriefe aus Russland, weil man sie kaum lesen konnte."[28] Eine der bedeutendsten russischen Revolutionärinnen, Aleksandra Kollontaj, schrieb, dass Krupskaja nicht einfach „eine Sekretärin von Lenin, sondern der Informationsapparat des ausländischen Büros der Partei“ gewesen sei.[29]

 

Krupskaja und ihre Kollegen

Lenin und Krupskaja arbeiteten mit einigen Kollegen, die ebenfalls nach München emigriert waren, in der Redaktion der Iskra zusammen. Nicht immer gestaltete sich die Zusammenarbeit jedoch einfach. Die vor allem durch Krupskaja aus München aufgebauten Verbindungen der Zeitung Iskra mit den örtlichen sozialistischen Organisationen im Russischen Reich und die permanente Analyse der Nachrichten aus dem Zarenreich unterschieden Lenins Zeitung von der Tätigkeit Aleksandr Plechanovs, eines der bedeutendsten Theoretiker des Marxismus, der wegen seiner langen Immigration Krupskaja zufolge das Gefühl für das Russische Reich verloren hätte und daher auch nicht mehr fähig gewesen wäre, die Veränderungen in der Heimat realistisch einzuschätzen.[30] Zwar schätzte Krupskaja Plechanov für seine „glänzende“ Intelligenz, menschlich war sie aber seiner treuen Weggefährtin, Vera Zasulič, die ebenfalls für die Iskra schrieb, in viel größerem Maße verbunden. In ihr sah Krupskaja einen ehrlichen, sehr einsamen Menschen und eine wahre Nihilistin.[31] Zasulič, wie auch Plechanov, begann Krupskaja zufolge erst später, die Rolle der Zeitung von Lenin zu begreifen und nannte sie am Anfang „Eure dumme Iskra“[32]. Ebenfalls ein ständiger Gast bei Lenin war Julij Martov, der mit ihm seit ihrer gemeinsamen Zeit beim bereits erwähnten Petersburger Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse zusammenarbeitete. Martov war zweifelsohne eines der aktivsten Mitglieder der Zeitungsredaktion. Die täglichen stundenlangen Gespräche mit ihm erschöpften Lenin mitunter so sehr, dass er Krupskaja gebeten haben soll, Martov auszurichten, er solle ihn nicht mehr besuchen.[33] Dies funktionierte aber nicht, und die langen Gespräche fanden auch später noch statt. Noch zwei weitere Personen aus der Münchner Periode von Krupskaja sind erwähnenswert: Das Mitglied des Redaktionskollegiums der IskraAleksandr Potresov und Aleksandr Parvus, einer ihrer prominentesten Autoren. Zwar stand Krupskaja zweifelsohne auch mit diesen zwei Sozialisten in engem Kontakt (sie erwähnt häufige Besuche der Familie von Parvus), in ihren Memoiren gibt sie aber keine Hinweise auf ihre sozialen Beziehungen und beschränkt sich auf den Hinweis, dass es in München noch keine so große Spaltung in den Beziehungen zwischen Potresov, Martov und Zasulič einerseits und Lenin andererseits gegeben habe.[34] 

Auch über ihr Alltagsleben in München berichtet Krupskaja nur sehr detailarm und beschränkt sich auf inhaltlich neutrale Informationen hinsichtlich der Größe des Zimmers und der Spaziergänge im Englischen Garten, weswegen Grigorij Zinov’ev und Lev Kamenev, die später zu den einflussreichsten Politikern der frühen Sowjetunion gehörten, ihr und Lenin den Spitznamen „Partei der Spaziergänger“ gaben.[35] Sie schrieb, dass das Alltagsleben der Stadt für sie und Lenin von keinem großen Interesse gewesen sei. Krupskaja und ihr Mann wählten für ihre Spaziergänge diejenigen Teile der Stadt, in denen man möglichst wenig Menschen treffen würde.[36] In einem Brief an Lenins Mutter räumte sie ein, dass sie die Stadt kaum kenne.[37] Sowohl in Lenins als auch in Krupskajas Briefen werden „Besuche von Theatern und Galerien, der Staatsoper und der großen Museen [...] nur selten erwähnt“.[38]

In einem ihrer Briefe erwähnte sie auch ihr Interesse am Schulwesen in Deutschland, weswegen sie vorhatte, die Münchner Schulen zu besuchen. Sie zog Parallelen zwischen den russischen und deutschen Schulen und kam zum Schluss, dass „die Kinder es hier [in Deutschland] weitaus besser haben“ und bezeichnete Deutschland sogar als „Reich der Kinder“.[39] Für ihre spätere Tätigkeit im Bildungsministerium der Sowjetunion und die Arbeit an einem neuen Schulsystem war die in München erworbene Erfahrung zweifelsohne von Bedeutung. Dass das durch sie in den 1920er Jahren vorgeschlagene Ausbildungssystem für die sowjetischen Schulen wenig mit dem „Reich der Kinder“ zu tun hatte, ist eine andere Geschichte.

 

Erinnerung an München

Vielleicht die letzte interessante Erinnerung von Krupskaja, die nicht ihre Arbeit, sondern ihr Leben in München betrifft, ist ihre Beschreibung der Maifeier in München, deren enttäuschte Augenzeugen sie und Lenin wurden. Denn statt einer kämpferischen Demonstration wirkte die das erste Mal durch die Polizei genehmigte Demonstration der deutschen Sozialdemokraten hastig und freudlos: „Und die recht großen Kolonnen der deutschen Sozial-Demokraten, mit Frauen und Kindern [...] in der Tasche, gingen schweigend und mit schnellen Schritten durch die Stadt, um in den ländlichen Kneipen Bier zu trinken.“[40]

Aus den Erinnerungen und Briefen von Krupskaja geht eindeutig hervor, dass die Zeit in München für sie die schönste, oder wie sie schrieb, die „helle“ Zeit der Europa-Periode war.[41] Das Leben in anderen europäischen Metropolen wie London, Paris oder Krakau war ihr zufolge schwerer. Zum einen war, wie oben erwähnt, in München die Beziehung von Lenin zu Martov und Zasulič noch gut, zum anderen gab der Erfolg der Iskra bei der Integration der kommunistischen Kräfte im Russischen Reich, in der Krupskaja eine zentrale Rolle als Koordinatorin spielte, den Revolutionären Anlass zu Optimismus. Die in München erworbenen Kompetenzen und Kenntnisse konnte sie zweifelsohne in ihrem weiteren Leben und Wirken bis zu ihrem Tod im Jahr 1939 anwenden. Ihre Rolle bei der Vorbereitung der Russischen Revolution und der Arbeit an der Ausbildungsreform in der erst jungen Sowjetunion liegt jedoch außerhalb des Fokus der vorliegenden Abhandlung.

 

Endnoten

[1] Kuneckaja, L. I. / Maštakova, K. A. (Hgg.): Krupskaja (Žizn’ Zamečatel’nych Ljudej, ŽZL 9). Moskva 19853, S. 31.

[2] Običkin, G. D. (Hg.): Nadežda Konstantinovna Krupskaja, Biografija. Moskau 1978, S. 8f.

[3] Kuneckaja / Maštakova: Krupskaja, S. 41 [vgl. Anm. 1].

[4] Zagrebel’nyj, M. P.: Lev Trockij (Znamenitye ljudi planety). Charkiw 2011, S. 33.

[5] Običkin: Krupskaja, S. 28 [vgl. Anm. 2].

[6] Hillmayr, Heinrich: München und die Revolution 1918/1919, in: Bosl, Karl (Hg.): Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen, ihr Verlauf und ihre Folgen, München/Wien 1969, S. 453-504, hier S. 454.

[7] Hitzer, Friedrich: Lenin in München. München 1977, S. 202.

[8] Krupskaja, N. K.: Vospominanija o Lenine. Moskau 1957, S. 42.

[9] Hitzer: Lenin in München, S. 202 [vgl. Anm. 7].

[10] Alle Münchner Redakteure der sozialdemokratischen Zeitung „Iskra“ verfügten über bulgarische Pässe. vgl. Hitzer: Lenin in München, S. 6. [vgl. Anm. 7].

[11] Ebenda.

[12] Krupskaja: Vospominanija, S. 48 [vgl. Anm. 8].

[13] Stepanov, V. N.: Lenin i russkaja organizacija „Iskry“. Moskva 1968, S. 41f.

[14] Volin, M. S./Ljašenko, K. G. (Hgg.): Perepiska V. I. Lenina i redakcii gazety „Iskra“ s social-demokratičeskimi organizacijami v Rossii. 1900-1903 gg., Bd. 1. Moskva 1969, S. 315.

[15] Hitzer: Lenin in München, S. 214 [vgl. Anm. 7].

[16] McNeal, Robert H.: Bride of the Revolution. Krupskaya and Lenin. Michigan 1972, S. 100.

[17] Kuneckaja / Maštakova: Krupskaja, S. 92 [vgl. Anm. 1].

[18] Hitzer: Lenin in München, S. 214 [vgl. Anm. 7].

[19] Bäumler, Ernst: Verschwörung in Schwabing: Lenins Begegnung mit Deutschland. München 1991, S. 150.

[20] Stepanov: Lenin, S. 141 [vgl. Anm. 13].

[21] Hoffmann, Volker: Nadeshda Konstantinovna Krupskaja. „Ich war Zeugin der größten Revolution in der Welt“. Leben, Kampf und Werk der Frau und Weggefährtin Lenins. Essen 2013, S. 54.

[22] Običkin: Krupskaja, S. 51 [vgl. Anm. 2].

[23] Ebd.

[24] Sehr ausführlich zu den Zulieferwegen in Stepanov: Lenin, S. 41-133 [vgl. Anm. 13].

[25] Običkin: Krupskaja, S. 54 [vgl. Anm. 2].

[26] Krupskaja: Vospominanija, S. 48 [vgl. Anm. 8].

[27] Ebenda.

[28] Trockij, L. D.: O Lenine. Moskau 2015, S. 55.

[29] Kuznecova, T. N.: O Nadežde Krupskoj: vospominanija, očerki, stat'i sovremennikov. Moskau 1988, S. 271.

[30] Krupskaja: Vospominanija, S. 45 [vgl. Anm. 8].

[31] Ebd., S. 44f.

[32] Ebd., S. 43.

[33] Ebd., S. 51.

[34] Ebd., S. 54.

[35] Hitzer: Lenin in München, S. 258 [vgl. Anm. 7].

[36] Krupskaja: Vospominanija: S. 50f. [vgl. Anm. 8].

[37] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 158 [vgl. Anm. 19].

[38] Hitzer: Lenin in München, S. 256 [vgl. Anm. 7].

[39] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 158 [vgl. Anm. 19].

[40] Krupskaja: Vospominanija, S. 55 [vgl. Anm. 8].

[41] Ebd.

Autor

David Khunchukashvili

Bearbeitung: Judith Brehmer