Fëdor Viktorovič Vinberg – Lebensweg und Weltanschauung eines zaristischen Offiziers und sein Einfluss auf die junge NSDAP

„Der ruhmreichen Vergangenheit des heiligen Rußlands und zum Ruhme der glorreichen Zeit unter dem Zepter der Romanows widme ich in den Tagen, in denen wir unseren Zaren nicht mehr haben und in denen das russische Volk so unter dem Joch der jüdischen Herrschaft leidet, mein bescheidenes Werk.“[1]

 

Diese Worte stellte der ehemalige Oberst der zaristischen Armee, Fëdor Viktorovič Vinberg, seinem 1922 in München auf Russisch und Deutsch veröffentlichten Hauptwerk Krestnyj Put’ bzw. Der Kreuzesweg Russlands, voran. Sie können als Essenz von Vinbergs Weltanschauung aufgefasst werden, mit der er aus dem russischen Bürgerkrieg nach Deutschland kam. Von 1921 bis 1923 konnte er in München einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Prozess der Ideologieausbildung Adolf Hitlers, Alfred Rosenbergs und damit der gesamten in der Entstehung und Entwicklung begriffenen nationalsozialistischen Bewegung in München entfalten.

Fëdor Vinberg kam am 27. Juni 1869 als Sohn des Generals Viktor Fëdorovič Vinberg und seiner deutschstämmigen Frau Olga, gebürtige Wels, in St. Petersburg auf die Welt. Nach seiner Gymnasialzeit in Kiev diente er von 1891 bis 1913 als Offizier im Regiment der Gardeulanen, das der Zarin persönlich unterstand.[2] Hier begann er den Zaren Nikolaus II. und seine Gattin nahezu abgöttisch zu verehren, was bis an sein Lebensende anhielt.[3] Parallel kristallisierte sich Vinbergs lebenslange strikt monarchistische Einstellung heraus, die ihn in die radikal rechten Schwarzhundertschaften, deren zentrale Organisation Union des Russischen Volkes sowie die eng damit verbundene Bruderschaft vom Erzengel Michael führte.[4] Die Ideologie dieses Umfeldes prägte Vinbergs Weltbild maßgebend und legte das Fundament für sein Denken, das sich in den Jahren des Bürgerkrieges und der Emigration radikalisierte. Der omnipräsente Wahlspruch „Zar, Glaube, Vaterland“ trug der ultramonarchistischen, mit orthodoxer Kirche und Religiosität eng verbundenen Ideologie Rechnung, wodurch eine religiös fundierte, extrem antijüdische Haltung ins Zentrum seiner Weltsicht rückte, die als „apokalyptische Vorstellung von einer drohenden jüdischen Weltherrschaft und dem Kommen des Antichrist“[5] Gestalt annahm. Vinberg und sein Umfeld gingen von einer Weltverschwörung aus, die sich, von Juden und deren angeblichen Handlangern in der Freimaurerei mit den Mitteln des jüdischen Großkapitals in London und Washington finanziert, dem „Sturz aller Throne und Religionen, d[er] Vernichtung aller Staaten, mit dem Ziel, auf ihren Ruinen ein jüdisches Weltreich zu errichten“[6], verschrieben habe. Die den Werten der Aufklärung verschriebene Freimaurerei galt als Werkzeug der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft und als ihre Mitglieder schlichtweg all jene, die die unbeschränkte gottlegitimierte Monarchie und die Allmacht der Kirche in Frage stellten und damit den Juden vermeintlich in die Hände spielten.[7] In den Reihen der Schwarzhundertschaften wurde als Reaktion auf den jüdisch-freimaurerischen „Antichrist“ entweder die Deportation aller Juden nach Fernost oder unverhohlen ihre ausnahmslose Tötung propagiert. Die berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion standen mit diesem Vinbergs Weltbild prägenden Gedankengut eng in Verbindung. Es wird angenommen, dass die Protokolle um 1900 von zaristischen Offizieren als antisemitisches Pamphlet verfasst wurden. Darin enthüllte man einen vermeintlichen Plan eines elitären jüdischen Kreises um einen „Oberrabbiner“, der mittels der Freimaurer und der „jüdischen Erfindungen“ der parlamentarischen Demokratie, des Liberalismus und Sozialismus auf die Ergreifung der Weltherrschaft abzielte.[8] Bis 1917 konnten die Protokolle lediglich in Russland veröffentlicht und in bescheidenem Ausmaße verbreitet werden.[9]

 

Der Weg über Berlin nach München

Vinbergs strikt prodeutsche, nicht zuletzt seinen deutschen Wurzeln geschuldete Haltung hinderte ihn bei Kriegsausbruch 1914 nicht daran, als Offizier des Zaren an der Westfront zu dienen.[10] Diesen Dienst quittierte er im Zuge der Februarrevolution 1917, die er, wie er rückblickend im Kreuzesweg festhält, als bedeutenden Schritt hin zu einer jüdischen Ergreifung der Weltherrschaft verdammte. Die führenden Liberalen, Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten seien „durch Verrat am Vaterlande zu willenlosen Opfern der ‚Zionistischen Weisen‘ geworden“[11]. Im August 1917 traf er zum ersten Mal mit seinen zukünftigen engen Freunden Pëtr Šabel’skij-Bork und Sergei Taborickij zusammen.[12] Die folgende gewaltsame Machtübernahme der Bol‘ševiki im Oktober verfluchte er als finale „jüdische Vergewaltigung“[13] des Landes im Rahmen der Weltverschwörung, deren Anführer nun durch die jüdischen Bol‘ševiki unverhohlen nach der Weltherrschaft griffen. Der Bolschewismus wurde von Vinberg damit als neues, äußerst effizientes Werkzeug des „jüdischen Weltkapitals“ eingestuft. Nach einer von den Bol‘ševiki verhängten Haftstrafe wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und einer Zwischenstation in Kiev, wo er eng mit den deutschen Truppen zusammenarbeitete, flüchtete Vinberg mit Šabel’skij-Bork und Taborickij Anfang 1919 wie Tausende andere Russen nach Berlin.[14] Neben der Herausgabe der russischsprachigen Zeitung Luč Sveta („Lichtstrahl“), die nach Baur „eines der zentralen antisemitischen Organe der extremen russischen Rechten“[15] darstellte, blieb Vinbergs einflussreichste Tat in Berlin die Veröffentlichung der mit nach Deutschland gebrachten Protokolle der Weisen von Zion. Sie erschienen 1920 in einer Ausgabe von Luč Sveta sowie im Verlag des glühenden Antisemiten Ludwig Müller von Hausen. Ob Vinberg alleine, ihm und Šabel’skij-Bork oder den beiden und Taborickij diese Publikation zuzuschreiben ist, bleibt bis heute umstritten.[16] Im Dreigespann steht allerdings die Führungsrolle Vinbergs außer Frage.[17]

Die Protokolle erlebten in der deutschen Nachtkriegsgesellschaft eine rasante, folgenschwere Verbreitung.[18] Dies galt insbesondere für die bayerische Hauptstadt. Nach den Erfahrungen mit der Räterepublik 1919 war München zum florierenden reaktionären, von Antisemitismus, Nationalismus und Antibolschewismus dominierten Zentrum der Weimarer Republik geworden.[19] Die Schuld an der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg wurde bei den Juden gesucht, der Kriegsausbruch auf eine vom „jüdischen Weltkapital“ mit Sitz in Paris, London und Washington initiierte Einkreisung Deutschlands zurückgeführt.[20] Es verwundert nicht, dass die Protokolle vor diesem Hintergrund einen starken affirmativen Einfluss auf die rechte Szene der bayerischen Hauptstadt entfalteten. Auch die junge nationalsozialistische Bewegung Münchens und insbesondere ihr Kopf Adolf Hitler blieben nachweislich von der Wirkung des Pamphlets nicht ausgenommen, sondern gründeten im Gegenteil ihr Weltbild insbesondere darauf.[21]

Die Protokolle entbehrten allerdings noch eines Bezugs auf den angeblichen jüdischen Bolschewismus in Russland. Die beiden zentralen Feindbilder Hitlers und der Münchner rechten Kreise, der Bolschewismus und das Judentum, blieben noch ohne inhaltliche Vernetzung, was sich im Laufe des Jahres 1921 fundamental ändern sollte.[22] Der Grund hierfür lag in dem durch den gescheiterten Kapp-Lüttwitz-Putsch am 12. März 1920 verursachten Umzug des vielköpfigen, zum Teil radikal rechten russischen Emigrantenkreises von Berlin nach München, Vinberg eingeschlossen. In dessen Folge kam es zu bald engem Kontakt der Emigranten mit der nationalsozialistischen Bewegung.[23] Dabei gelang es Vinberg, den Baur als einen der „fanatisсhsten und radikalsten Vertreter der russischen Emigrantenkolonie in München“[24] beurteilt, einen prägenden Einfluss zu entfalten.

 

Das ideologische Manifest: Der Kreuzesweg Russlands

Vinbergs radikale Ideologie hatte sich zum Zeitpunkt seiner Ankunft in München vollständig ausgebildet. Dies zeigt sich eindrucksvoll in Form seines in München verfassten, unter dem deutschen Namen Theodor von Vinberg veröffentlichten Buch Der Kreuzesweg Russlands, das Herbeck als „Standardwerk des antibolschewistischen Antisemitismus“[25] bezeichnet. Die auf die prägende Zeit im ultramonarchistischen Umfeld des Zarenreiches zurückgehende Grundüberzeugung, dass es, mit Vinbergs Worten, „eine geheime, eine mächtige, organisierte, internationale jüdische-freimaurerische [sic] Kraft gibt, die bestrebt ist, die Weltherrschaft zu erringen“[26], blieb ihm als mittlerweile zugespitztes Fundament allen weiteren Denkens erhalten. Dabei galten die Juden für Vinberg grundsätzlich als „Urheber allen Unglücks“[27], die, gestützt auf die Freimaurer, die Weltherrschaft aus „jüdischem Hass gegen unsern Erlöser“[28] an sich reißen wollten. Der apokalyptisch religiöse Antagonismus dem jüdischen „Antichrist“ gegenüber steigerte sich zu einer fundamentalen Opposition von Gut und Böse, Licht und Dunkel, Lüge und Wahrheit.[29] Vinberg und rechte Münchner Kreise bezichtigten England als „dreihundertjährige[n] Verbündete[n] der Freimaurerei“[30] den Ersten Weltkrieg mit verursacht zu haben, der „durch das jüdische Kapital und Bankierstum hervorgerufen“[31] worden sei. Die Machtergreifung der die „rote Mantille des Satans“[32] tragenden Bol‘ševiki war in Vinbergs Augen der endgültige Sieg des Bösen: „Luzifer konnte triumphieren! Hilflos und schwach waren ihm gegenüber alle lichten Kräfte geworden.“[33] Seine Ansichten aus den Tagen der Revolution und der Berliner Zeit weiterentwickelnd, interpretierte Vinberg den Bolschewismus als ein von Juden konstruiertes und gesteuertes neues Mittel der internationalen jüdischen Verschwörung des Finanzkapitals zum Zwecke der Weltherrschaft.[34] In Anlehnung an extreme Ideen der Schwarzhundertschaft deutete Vinberg mit Blick auf die Weltgeschichte indirekt, aber dennoch eindeutig eine radikale Reaktion an: „Von diesem verfluchten Volke zur höchsten Verzweiflung getrieben, haben die Völker zu der ihnen, [sic] scheinbar einzigen Möglichkeit gegriffen, nämlich, zur Ausrottung dieses Stammes Juda.“[35]

In Ausgaben der Luč Sveta fanden sich vermehrt direkte Aufrufe zu einer vollständigen, auch Frau und Kind umfassenden Tötung der Juden.[36] Dennoch konstatierte Vinberg als unbeirrter Monarchist, der auch im Kreuzesweg die Erlösung für Russland in der Parole „Wir brauchen einen Zaren!“[37] suchte, eine ebenso große Schuld beim eine „verdorbene Charakterlage“[38] aufweisenden, russischen „Sklavenvolk“, das stets „gehorsam und willig […] [blieb], obwohl […] in sklavenhaften Zustand gehalten“[39]. Seiner prodeutschen Haltung blieb Vinberg treu: Er postulierte die Idee eines russisch-deutschen Bündnisses gegen die jüdisch-freimaurerische Verschwörung und deren bolschewistische „Fußsoldaten“. Dieser verlieh er mittels einer Modifikation der deutschen Hymne Ausdruck: „Deutschland, Russland über alles, über alles in der Welt!“[40]

 

Der Einfluss auf die junge NSDAP

Seinem „Lebenswerk“, nämlich der Predigt und Verbreitung seiner Weltanschauung in den antisemitischen Zirkeln Münchens, widmete sich Vinberg mit allen Kräften.[41] Dies geschah durch verstärkte literarische Tätigkeit sowie persönliche Kontakte im antisemitischen Münchner Umfeld. Deutsche Drucke der Protokolle sowie drei russischsprachige Sammelausgaben der Luč Sveta brachte Vinberg als ideologisches Basismaterial in die bayerische Hauptstadt mit, wo er den vierten Band von Luč Sveta verfasste und veröffentlichte.[42] Darüber hinaus schrieb Vinberg Artikel für den Völkischen Beobachter.[43] Nebensächlich blieb indes der erfolglose Versuch des Kongresses in Bad Reichenhall im Juni 1921, alle russischen Monarchisten hinter einem legitimen Zarenerben zu vereinen, wie auch die von Vinberg geleitete, zu diesem Zwecke ins Leben gerufene Zeitung Vestnik russkago monarchičeskago ob‘‘edinenija v‘ Bavarii („Bote der russischen monarchistischen Vereinigung in Bayern“).[44] Insbesondere das aufgrund seiner baltisch-deutschen Herkunft im Russischen bewanderte Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) Alfred Rosenberg entwickelte sich zum eifrigen Leser von Vinbergs Schriften, denen er in seinen Kreisen zu Popularität verhalf.[45] Mit Hilfe der 1920 in München entstandenen Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung, die als Schaltwerk zwischen rechten russischen Emigranten und der frühen NSDAP fungierte, konnte Vinberg in engeren Kontakt mit Rosenberg und Hitler zu treten.[46] Vinberg führte nachweislich zahlreiche vertrauliche Gespräche mit Hitler persönlich.[47]

Es gelang Vinberg mittels der Protokolle, seiner Schriften und persönlicher Gespräche, die im Denken der jungen Hitlerbewegung bisher nicht erfolgte Fusion der Feindbilder des Judentums und des Bolschewismus zu Stande zu bringen. Damit fügte er ein folgenschweres Element der in der Entwicklung begriffenen Ideologie Hitlers, Rosenbergs und ihrer Münchner Partei hinzu.[48] Als Teil des Feindbilds des westlichen Finanzjudentums galt nun auch der angebliche jüdische Versuch, mittels des Bolschewismus die Weltherrschaft zu ergreifen. Auch die Gedanken einer gewaltsamen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung waren in dieser Radikalität bis dato ein Novum und wurden begierig aufgegriffen.[49] Den bedeutendsten Einfluss entfaltete Vinberg in diesem Zusammenhang auf Rosenberg und Hitler. Seine Hasstiraden fielen bei Rosenberg, der sich in seinem Denken und Wirken unumstritten an Vinbergs Auffassung vom jüdischen Bolschewismus orientierte, auf „fruchtbaren Boden“.[50] Baur interpretiert Rosenbergs Werk Bolschewismus, Hunger, Tod in diesem Zusammenhang als „deutsche bzw. Rosenbergsche Version und Variante von Vinbergs Krestnyj Put‘“[51]. Angesichts dieses erheblichen Einflusses auf Rosenberg kann seine Person als noch bedeutsamer eingestuft werden.[52] Hitler nennt in einer Notiz zu einer Rede im Jahr 1922 Vinbergs eingedeutschten Nachnamen „Weinberg“ als Quelle für sein Wissen um den „jüdischen Bolschewismus“ in Russland.[53] Neben der Auffassung vom Bolschewismus als jüdischer Herrschaft konnte sich Hitler vorerst auch mit Vinbergs Vision eines antijüdischen, russisch-deutschen Bündnisses anfreunden.

Vinberg verwuchs dennoch nie endgültig mit der NSDAP. Er blieb auch in München radikaler Monarchist, der sich trotz deutscher Wurzeln explizit als Russe sah und damit nicht als Nationalsozialist, sondern vielmehr als „ultrareaktionärer fanatischer Antisemit und zynischer Angehöriger der zaristischen Oberschicht“[54] agierte. Darüber hinaus speiste sich sein radikaler Judenhass primär aus religiösen apokalyptisch-antagonistischen und, trotz gewisser Ausnahmen, nicht aus rassischen Vorstellungen.[55]

 

Das ideologische Erbe

Der Tod des als Verbindungsmann zwischen Emigranten und der NSDAP fungierenden Scheubner-Richters am Abend des Hitlerputsches vom 09. November 1923 leistete einem radikalen Kurswechsel der NS-Ideologie Vorschub.[56] Verschwörungsideologische Erklärungsmuster, wie von Vinberg vertreten, wichen bei Rosenberg und Hitler zunehmend rassenbiologischen, die den Sieg des Bolschewismus in Russland nun auf die „Rassenvermischung“ im Zuge der mongolischen Invasion und Herrschaft in der Rus‘ zurückführten. Daraus entwuchs bald die These einer rassenkulturellen Minderwertigkeit des russischen Volkes, welche in die spätere Vernichtungspolitik im Osten miteinbezogen wurde.[57] Vinbergs Verachtung des einfachen „charakterschwachen“ und „sklavischen“ russischen Volks untermauerte unbewusst diese seine Landsleute als Untermenschen bezeichnende Ideologie.[58] Die Bedeutung seines Einflusses wurde durch den Kurswechsel Hitlers und seiner Bewegung allerdings nicht gemindert.

Wie sein ideologisches Erbe gegen das russische Volk gerichtet wurde, erlebte Vinberg, der 1927 in Paris verstarb, nicht mehr mit. Seine engen Freunde und Brüder im Geiste Šabel’skij-Bork und Taborickij, die ebenfalls Zimmer in der Münchner Pension Modern in der

 

Theresienstraße 80 belegten, verübten am 22. März 1922 in Berlin ein Attentat auf den liberalen Politiker und ehemaligen russischen Außenminister Pavel N. Mil‘jukov. Dabei kam der Vater des bekannten Schriftstellers Vladimir V. Nabokov ums Leben.[59] Vinberg rückte als der „geistige Inspirator“[60] in das Fahndungslicht der bayerischen Polizei. Obwohl es für eine Verurteilung an Beweisen mangelte, verließ er 1923 Deutschland in Richtung der größten Hochburg der russischen Emigration, Paris.[61]

 

Fazit

Das Revolutionsjahr 1917 und der darauffolgende russische Bürgerkrieg führten den zaristischen konterrevolutionären Offizier Vinberg als Flüchtling nach Berlin. Dort widmete er sich der Verbreitung seiner radikal antijüdischen, monarchistischen Überzeugungen, die sich durch den Bürgerkrieg noch verschärft hatten. Er deutete den Bolschewismus als jüdischen Versuch der Ergreifung der Weltherrschaft, und forderte als Konsequenz die physische Vernichtung der Juden. Des Weiteren war er maßgeblich an der deutschen Erstveröffentlichung der Protokolle der Weisen von Zion beteiligt. Aufgrund seiner Unterstützung des Kapp-Lüttwitz-Putsches im März 1920 zog er weiter nach München, wo er die zentralen Köpfe der nationalsozialistischen Bewegung, Hitler und Rosenberg, nachhaltig von seinen politischen Ansichten überzeugen konnte. Die Beantwortung der Frage, inwieweit Vinbergs Weltanschauung den Holocaust letzten Endes mitbedingte, muss aufgrund der Vielzahl ideologischer Einflüsse, denen Hitler und Rosenberg ausgesetzt waren, einer umfangreicheren Arbeit überlassen werden.

 

Endnoten

[1] von Vinberg, Theodor: Der Kreuzesweg Russlands. Teil I: Die Ursachen des Übels. München 1922, Widmung.

[2] Vinberg im polizeilichen Verhör am 30.03.1922 in München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (BayHStA), Bayerisches Staatsministerium des Inneren (BSMI), Nr. 71624, fiche 3.

[3] Das Zimmermädchen Josefine Trausenecker der Pension Modern (Theresienstr. 80, München) in der Vinberg von 1921-1923 lebte, berichtete im Verhör vom 30.03.1922 von einem Porträt des Herrscherpaars über Vinbergs Bett in seinem Zimmer. Vgl. BayHStA, BSMI, Nr. 71624, fiche 4.

[4] Baur, Johannes: Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1998, S. 201.

[5] Herbeck, Ulrich: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution. Berlin 2009, S. 155.

[6] Laqueur, Walter: Deutschland und Russland. Berlin 1965, S. 113.

[7] Herbeck: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“, S. 154 [vgl. Anm. 5].

[8] Zu den „Protokollen“ vgl. Baur: Die russische Kolonie, S. 206-209 [vgl. Anm. 4]; Laqueur: Deutschland und Russland, S. 107-121 [vgl. Anm. 6]; sowie insbesondere Cohn, Norman: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung. Köln 1969.

[9] Baur, Johannes: Die Revolution und die „Weisen von Zion“. Zur Entwicklung des Russlandbildes in der frühen NSDAP, in: Koenen, Gerd / Kopelew, Lew (Hgg.): Deutschland und die russische Revolution 1917-1924. München 1998, S. 165-190, hier S. 182.

[10] Vinberg im polizeilichen Verhör am 30.03.1922 in München, BayHStA, BSMI, Nr. 71624, fiche 3.

[11] Vinberg: Der Kreuzesweg Russlands, S. 109 [vgl. Anm. 1].

[12] Kellogg, Michael: The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the Making of National Socialism 1917-1945. New York 2005, S. 43.

[13] Vinberg: Der Kreuzesweg Russlands, S. 169 [vgl. Anm. 1].

[14] Ebd., S. 14f.

[15] Baur: Die Revolution und die „Weisen von Zion“, S. 180 [vgl. Anm. 9].

[16] Vgl. verschiedene Angaben in der Fachliteratur, u.a. Laqueur: Deutschland und Russland, S. 130 [vgl. Anm. 6]; Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion, S. 165 [vgl. Anm. 8]; Rollin, Henri: L’apocalypse de notre temps. Paris 1939, S. 153-156; Kellogg: Hitler’s Russian Connection. White Émigré Influence on the Genesis of Nazi Ideology 1917-1923, unter http://www.sscnet.ucla.edu/soc/groups/scr/kellogg.pdf, 28.03.2016., S. 22; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 130 [vgl. Anm. 12].

[17] Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 170, S. 179 [vgl. Anm. 12].

[18] Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion, S. 176 [vgl. Anm. 8].

[19] Baur: Die russische Kolonie, S. 322 [vgl. Anm. 4].

[20] Koenen, Gerd: Die Revolution und die „Weisen von Zion“. Zum Verhältnis von Antibolschewismus und Antisemitismus, in: Ders. (Hg.): „Rom oder Moskau“. Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1917-1924. Tübingen 2003, S. 459-503, hier S. 469-471 sowie 501f.

[21] Vgl. u.a. Ganelin, R. Š.: Ot černosotenstva k faschismu, in: Vydrin, V. F. u.a. (Hgg.): Ad hominem. Pamjati Nikolaja Girenko. Sankt Petersburg 2005, S. 243-272, hier S. 258; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 49 [vgl. Anm. 12]; Laqueur: Deutschland und Russland, S. 63 [vgl. Anm. 6].

[22] Laqueur: Deutschland und Russland, S. 68f. [vgl. Anm. 6].

[23] Schlögel, Karl: Berlin. Die Stiefmutter unter den russischen Städten, in: Ders. (Hg.): Der große Exodus. München 1994, S. 235-259, hier S. 251.

[24] Baur: Die Revolution und die „Weisen von Zion“, S. 180 [vgl. Anm. 9].

[25] Herbeck: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“, S. 122 [vgl. Anm. 5].

[26] Vinberg: Der Kreuzesweg Russlands, S. 150 [vgl. Anm. 1].

[27] Ebd., S. 156

[28] Ebd., S. 154.

[29] Ebd., S. 56f.

[30] Ebd., S. 33.

[31] Ebd., S. 43.

[32] Ebd., S. 111.

[33] Ebd., S. 56.

[34] Ebd., S. 148. Dem „Kreuzesweg“ hängt Vinberg außerdem eine mehrseitige Liste der führenden Bolschewiki an, die von ihm bis auf wenige Ausnahmen allesamt als angebliche Juden entlarvt werden. Ebd., S. 240-251.

[35] Ebd., S. 24.

[36] Baur: Die russische Kolonie, S. 209 [vgl. Anm. 4].

[37] Vinberg: Der Kreuzesweg Russlands, S. 227 [vgl. Anm. 1].

[38] Ebd., S. 148.

[39] Ebd., S. 17.

[40] Ebd., S. 40.

[41] Baur: Die russische Kolonie, S. 202 [vgl. Anm. 4].

[42] Ebd., S. 203

[43] Kellogg: Hitler’s Russian Connection, S. 30f. [vgl. Anm. 16]. Die besagten Artikel waren weder online noch in den Münchner Archiven einsehbar. In der Forschung wird diesen vereinzelten Beiträgen allerdings keine große Bedeutung beigemessen.

[44] Vgl. dazu u.a. Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 148-162 [vgl. Anm. 12]; Schlögel: Berlin, S. 251-253 [vgl. Anm. 23]; Laqueur: Deutschland und Russland, S. 76-79 [vgl. Anm. 6].

[45] Pachmuss, Temira: Baltische Flüchtlinge und russische Schriftsteller in Deutschland 1918-1941, in: Karl Schlögel (Hg.): Russische Emigration in Deutschland 1918-1941. Berlin 1995, S. 85-91, hier S. 87.

[46] Williams, Robert C.: Culture in Exile: Russian Emigrés in Germany 1881-1941. Ithaca / London 1972, S. 160-166.

[47] Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 230 [vgl. Anm. 12].

[48] In diesem Punkt ist sich die Forschung übergreifend einig. Vgl. Kellogg: Hitler’s Russian Connection, S. 1, S. 7, S. 21 [vgl. Anm. 16]; Nazarov, Michail V.: Missija russkoj emigrazij. Moskau 1994, S. 89; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 243, S. 130 [vgl. Anm. 12]; Laqueur: Deutschland und Russland, S. 63 [vgl. Anm. 6]; Baur: Die russische Kolonie, S. 198, S. 324 [vgl. Anm. 4].

[49] Baur: Die russische Kolonie, S. 324 [vgl. Anm. 4].

[50] Kellogg: Hitler’s Russian Connection, S. 27 [vgl. Anm. 16]; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 227 [vgl. Anm. 12]; Ganelin: Ot černosotenstva k faschismu, S. 262 [vgl. Anm. 21]; Laqueur: Deutschland und Russland, S. 116 [vgl. Anm. 6]; Baur: Die russische Kolonie, S. 279 [vgl. Anm. 4].

[51] Baur: Die russische Kolonie, S. 279 [vgl. Anm. 4].

[52] Baur: Die russische Kolonie, S. 198, S. 213 [vgl. Anm. 4]; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 142, S. 230 [vgl. Anm. 12].

[53] Jäckel, Eberhard / Kuhn, Axel (Hgg.) Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. Stuttgart 1980, S. 713-716.

[54] Baur: Die russische Kolonie, S. 210 [vgl. Anm. 4].

[55] Als eine der Ausnahmen vgl. Vinberg: Der Kreuzesweg Russlands, S. 153 [vgl. Anm. 1], wo er Juden pauschal „Hakennase, dicke wulstige Lippen, abstehende Ohren, Augen, aus denen Lüge und Verrat spricht“ zuschreibt.

[56] Baur: Die Revolution und die „Weisen von Zion“, S. 176 [vgl. Anm. 9].

[57] Vetter, Matthias: Die Russische Emigration und ihre „Judenfrage“, in: Schlögel, Karl (Hg.): Russische Emigration in Deutschland 1918-1941. Berlin 1995, S. 109-124, hier S. 115; Baur: Die russische Kolonie, S. 281 [vgl. Anm. 4]; Kellogg: The Russian Roots of Nazism, S. 184f. [vgl. Anm. 12].

[58] Baur: Die russische Kolonie, S. 180, S. 282 [vgl. Anm. 4].

[59] Vinberg im polizeilichen Verhör am 30.03.1922 in München, BayHStA, BSMI, Nr. 71624, fiche 3.

[60] Baur: Die russische Kolonie, S. 188 [vgl. Anm. 4].

[61] Ebd.

Autor

Michael Nusser

Bearbeitung: Carolin Piorun