Eugen Leviné – „Der Tote auf Urlaub“

„Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub.
Dessen bin ich mir bewußt.“

Eugen Leviné[1]

 

Die Biographie von Eugen Leviné zeichnet ein klares Bild der Verflechtungsgeschichte zwischen dem Russischen und Deutschen Reich. Selten sind Ereignisse beider Länder so eng im Rahmen eines Menschenlebens verbunden, dass man nur noch über eine untrennbar russisch-deutsche Lebensgeschichte eines Revolutionärs sprechen kann. Im Fokus der vorliegenden Abhandlung steht allerdings nicht die Gesamtperspektive dieses Ineinanderverwobenseins, sondern einerseits Levinés Aktivitäten in der Russischen Revolution 1905 sowie seine Leitung der kommunistischen Räterepublik in München 1919 und andererseits die Relevanz der russischen Erfahrung und des sowjetrussischen Vorbilds für seine Aktivitäten in München.

Geboren wurde Eugen, oder auf Russisch Evgenij Leviné am 23. Mai 1883 in einer wohlhabenden Familie in St. Petersburg, der Hauptstadt des Zarenreiches und zwei Jahre nach der Ermordung des Zaren, des „Befreiers“ Aleksandr II., durch Ignatij Grinevickij, einem Mitglied der linksterroristischen Vereinigung Narodnaja Volja (Volkswille). Später sollte Leviné selbst zum Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre (SR – Partija socialistov-revoljucionerov), der Nachfolgepartei der Volkstümler (Narodniki), werden. Sein Vater, der vermögende Geschäftsmann Julius Levin, hatte seinen Namen geändert, „weil der ausländische Klang in den besseren Kreisen des zaristischen Rußlands, in denen er verkehrte, sein ohnehin schon hohes Ansehen noch steigerte“[2]. Leviné genießt eine ausgezeichnete Ausbildung, der seine Mutter, Rosalia Leviné, nach dem frühen Tod ihres Ehemannes ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. „Für den Musikunterricht engagierte sie die besten Musiklehrer von Petersburg und für den Tanzunterricht einen Ballettmeister vom berühmten Marjinskij-Theater.“[3] Als Eugen 13 wird, ziehen er und seine alles Fremdländische „übertrieben“[4] liebende Mutter zuerst in die Schweiz und dann nach Wiesbaden, wo er eine elitäre Privatschule besucht. Später studiert er Rechtswissenschaft an der Heidelberger Universität, wo er mit russischen Emigranten verkehrt und „mit revolutionären Ideen in Berührung“[5] kommt. Außerdem organisiert Leviné einen russischen Lesesaal an der Universität und ist Initiator von Wohltätigkeitkonzerten für Revolutionäre.[6] Leviné selbst wird im Jahr 1905 zum Revolutionär, als er ins Russische Reich fährt und Mitglied der bereits erwähnten SR wird. Sein dreijähriger Aufenthalt im Russischen Reich spielt eine zentrale Rolle in der Formierung seiner politischen Ansichten und beim Erwerb von professionellen Erfahrungen – und somit auch für seine zukünftige Tätigkeit im Deutschen Reich.

Er gewinnt schnell das Vertrauen der Petersburger Organisation und ist für die Weitergabe von Waffen zuständig. Eine interessante und damit verbundene Geschichte erzählt seine spätere Ehefrau, Rosa Meyer-Leviné, in der ihrem Mann gewidmeten Biografie:

„In der Innenseite seines prächtigen Pelzmantels – ein Relikt aus seiner wohlhabenden Vergangenheit – verbarg er mit großer Geschicklichkeit Waffen und lieferte sie an ihrem Bestimmungsort ab. [...] Mit viel Humor schilderte er die Kämpfe mit eilfertigen Bediensteten, die dem ‚Herrn‘ unbedingt aus dem Mantel helfen wollten, ohne etwas von dessen gefährlichem Inhalt zu ahnen.“[7]

Als die Partei sein rednerisches Talent entdeckt, wird er mit der Propagandaarbeit betraut und von Versammlung zu Versammlung geschickt.[8] Dies wird auch Levinés zentrale Aufgabe während seiner Tätigkeit im Spartakusbund und der Münchner Räterepublik nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Heroisierend und idealisierend beschreibt Rosa Leviné die Tätigkeit ihres Mannes als reisendem Agitator während der ersten Russischen Revolution 1905: „Ohne Rücksicht auf Schwierigkeiten, Strapazen und Krankheit ging der verfeinerte und verzärtelte Leviné manchmal zu Fuß und oftmals hungrig von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, um aufzurütteln, aufzuklären und den Samen des Sozialismus zu säen.“[9]

Während seines dreijährigen Aufenthalts im Russischen Reich wird Leviné drei Mal von der russischen Polizei verhaftet. Bei den ersten beiden Malen gelingt es ihm, schnell entlassen zu werden, da er über einen Presseausweis der Frankfurter Volksstimme verfügt und sich daher erfolgreich als ausländischer Journalist ausgeben kann. Beim dritten Mal wird er jedoch entlarvt, fast zu Tode geprügelt und inhaftiert. Aus dem Gefängnis wird er mit Hilfe seiner aus Heidelberg ins Russische Reich angereisten Mutter freigekauft. Das korrupte Bürokratiesystem des zaristischen Russlands war dieses Mal ein Vorteil für den verhafteten Revolutionär. Die in den russischen Gefängnissen verbrachte Zeit soll Leviné seinem frühen Biographen Sančov zufolge in der Publikation Kerkerbilder beschrieben haben.[10] Dieses Werk ist aber bedauernswerterweise in keiner deutschen oder russischen Bibliothek zu finden. Die Zeit der Inhaftierung prägt die Lebenseinstellung und die Ansichten des jungen Leviné stark. Aus dem Gefängnis schreibt er in einem Brief an seine Freundin Rosa folgende Worte: „Was ist Freiheit? Nirgends wird in diese Frage so heiliger Ernst gelegt wie hier. Denn nirgends kostet die Antwort das Leben...“[11] Ironischerweise kostet ihm die Antwort auf seine Frage nach dem Sinn der „Freiheit“ nicht im Zarenreich, das er im Frühjahr 1908 für immer verlässt, sondern im Deutschen Reich das Leben.

Nach seiner Rückkehr nach Heidelberg promoviert er zum Thema Etappen der Entwicklung der professionell-organisierten Arbeiter[12], nimmt „regen Anteil am Leben der russischen Kolonie in Heidelberg“[13], berichtet als Propagandaredner unter dem Namen Goldberg über die Russische Revolution 1905, publiziert ein „enormen Erfolg“[14] einbringendes antimonarchistisches Buch über den Zaren Nikolaus II. und schreibt Artikel für die Frankfurter Volksstimme und die Münchner Post über die russische Revolutionsbewegung (vielleicht die erste direkte Verbindung zwischen Leviné und München).[15]  

Von Beginn des Ersten Weltkrieges an ist Leviné als Dolmetscher im russischen Kriegsgefangenenlager nahe bei Heidelberg tätig. Er ist für die Zensur der Briefe der russischen Gefangenen zuständig.[16] Als ihm vorgeschlagen wird, die russischen Soldaten für das Deutsche Reich auszuspionieren, sagt er, dass er dies als Sozialist nicht tun kann und wird entlassen.[17] Der Oktoberrevolution 1917 steht Leviné zuerst skeptisch gegenüber, da er sie für „verfrüht“[18] hält. Später aber, nachdem er mehr darüber in Erfahrung gebracht hat, seinen Aussagen zufolge aus russischen Zeitungen, tritt er ihr „theoretisch näher“[19].

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ist Leviné zunächst im Pressebüro der Sowjetischen Botschaft in Berlin und dann in der frisch gegründeten Abteilung der Russischen Telegraphenagentur ROSTA tätig, zuerst als Übersetzer, später als Redakteur. Diese Tätigkeit nutzt Leviné als Tarnung für seine illegale Arbeit für die Spartakisten, dessen Mitglied er zu diesem Zeitpunkt schon ist. Durch seine Arbeit kann er Kontakte zu den Bolschewiki knüpfen, die unter dem Deckmantel der diplomatischen Arbeit nach Berlin einreisen.[20] Einer der einflussreichsten Diplomaten der jungen Sowjetunion, Adolf Joffe, gibt Levinés Arbeit in der ROSTA ein vernichtendes Urteil, das man weder in seiner Biografie von Rosa Leviné noch in anderen, Leviné heroisierenden Abhandlungen findet:

„Hier wie dort war er von geringem Nutzen. Überhaupt ist er als Mensch mehr oder weniger nichtsnutzig, unbegabt und von geringem Verstand. Er war die ganze Zeit bei den Spartakusleuten, doch selbst dort hat er, trotz ihres Mangels an Kräften, keinerlei Rolle gespielt und gehörte nicht der Führungsgruppe an.“[21]

Zwar gehört Leviné nicht zur Führungsgruppe des Spartakusbundes und der aus ihm hervorgegangenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), doch werden ihm von seiner Partei wichtige Aufgaben anvertraut, vor allem im Bereich der Propaganda, in dem Leviné seit der Russischen Revolution über einen großen Erfahrungsschatz verfügt. Der wichtigste Auftrag der KPD sollte auch gleichzeitig sein letzter sein: Er soll die Redaktion der kommunistischen Zeitung Rote Fahne und die Leitung der KPD in München übernehmen. Am 5. März 1919 kommt er zusammen mit seiner Ehefrau und seinem kleinen Sohn in der bayerischen Hauptstadt an.

In München entwickelt Leviné „eine zielbewußte Aktivität, so daß Max Levien [der Leiter der KPD-Abteilung in München] bald in seinem Schatten stand“[22]. Levinés erster öffentlicher Auftritt in München ist seinem „Vernehmungsprotokoll wegen des Hochverrats“ zufolge die Rede während der Versammlung vom 4. auf den 5. April zur Errichtung einer Räterepublik: „Ich bin dort mit meinen kommunistischen Freunden entschieden gegen die Errichtung der Räterepublik aufgetreten, wie sie damals geplant war, weil ich weder Zeit noch Art der Errichtung für richtig hielt.“[23]

Nichtdestotrotzt wird die „Scheinräterepublik“[24], wie sie Leviné abwertend bezeichnet, ausgerufen und tagt sogar fast eine Woche, bis sie im Zuge des am 13. April 1919 stattfindenden und durch den Kommandanten der Republikanischen Schutztruppe, Alfred Seyffertitz, vorbereiteten und durchgeführten Palmsonntagsputschs entmachtet wird. Dieser Niederlage folgt allerdings keine Restauration der alten Mächte, sondern eine Abwehr der Republikanischen Schutztruppe durch die auf der Seite der KPD stehenden Arbeiter und Soldaten.[25] Von diesem Moment an liegt die politische Macht über München in kommunistischen Händen. Eugen Leviné wird zu einem der Vorsitzenden des Vollzugsrates und somit zum faktischen Anführer der neuen kommunistischen Räterepublik gewählt.

Als Vorsitzender des Vollzugsrates ist Leviné umstritten. Zwar bescheinigen ihm seine Gegner „übereinstimmend, daß er ein guter Dialektiker und geschickter Taktiker gewesen sei. Manchen seiner Genossen sei er jedoch zu radikal gewesen […].“[26] Besonders relevant wirkt der Vorwurf, Leviné „habe bestritten, daß es einen eigenen bayrischen Weg der Revolution gebe, sondern habe vielmehr Bayern als den Eckpfeiler der gesamteuropäischen Revolution betrachtet.“[27] Dass Leviné nicht nur den eigenen bayerischen Weg bestreitet, sondern das sowjetische Russland als Musterbeispiel für München sieht und dementsprechend handelt, kommt in seiner anlässlich der Beendigung des zehntägigen Generalstreiks gehaltenen Rede deutlich zum Ausdruck: „Die proletarische Revolution ist von Osten gekommen. Im Osten ist das Glück, im Osten ist die Sonne aufgegangen.“[28] Auf die Bedeutung von Lenin für Leviné weist jenes Faktum hin, dass die erste Nachricht der sich nun unter der Kontrolle der kommunistischen Räterepublik befindenden Münchener Post ein Funkschein an den Leiter der russischen Sowjetrepublik ist, über den Leviné in der Betriebsversammlung spricht und in dem Lenin mitgeteilt wird, dass „die Schein – R[äte] – R[epublik] unter dem Ansturm der kapitalistischen Regierung Hoffmann zusammenbrach und eine wirkliche proletarische Herrschaft errichtet ist, durch die Handlung des Proletariats selbst.“[29]

Den Worten folgen Taten, die den realen Einfluss des sowjetischen Musters auf Levinés Politik für die Bewohner Münchens sichtbar und spürbar macht: „Mehrere Maßnahmen der Räterepublik wie die Einführung von Hauskomitees, das Verbot der bürgerlichen Presse, die Konfiszierung von Guthaben der ‚Bourgeoisie‘ und die Verhaftungen Münchener Bürger orientierten sich unmittelbar am sowjetrussischen Vorbild.“[30] Als wichtigste Entlehnung nennt der Historiker Johannes Baur „die sofort nach der Verkündigung der Räterepublik eingeleitete Militarisierung der Revolution durch die Aufstellung einer Arbeiterarmee, die nicht umsonst als ‚Rote Armee‘ bezeichnet wurde“. Daraus zieht er die Schlussfolgerung, Leviné habe „das Leninsche Prinzip der Notwendigkeit der gewaltsamen Machterhaltung aufgegriffen“[31]. Der zu diesem Zeitpunkt in München anwesende Journalist Michael Smilg-Benario beschreibt die Ziele der Kommunisten in München auf dieselbe Weise: „Die Münchener Räterepublik war ein Versuch, den russischen Bolschewismus in seinen Grundgedanken auf deutschen Boden zu übertragen“[32] und fügt metaphorisch hinzu: „Lenins Schatten schwebte in jenen Tagen über München.“[33] Alle diese Beispiele bringen deutlich zum Ausdruck, dass sowohl bei den damaligen Akteuren und Augenzeugen, als auch bei Historikern kein Zweifel am starken Einfluss des russischen Bolschewismus auf die Münchner Räterepublik besteht. 

Wegen der Orientierung am sowjetischen Beispiel wird Leviné vom offiziellen Presseorgan der Räterepublik, den Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte, vorgeworfen, „in blind-orthodoxe[r] Weise die Doktrinen und Handlungen des russischen Bolschewismus auf unser Vaterland übertragen“[34] zu wollen. Diese Kritik findet ihren stärksten Ausdruck in Ernst Tollers Satz: „Wir Bayern sind keine Russen!“[35] Im selben Mitteilungsblatt wird den der KPD angehörenden Vorsitzenden des Vollzugsrats vorgeworfen,

„[…] dass bei jeder Handlung nicht gefragt wird, ob sie der Lage unserer besonderen Verhältnisse, den Anschauungen der großen Masse unserer arbeitenden Bevölkerung, der Sorge für unsere Gegenwart und Zukunft entspricht, sondern ob sie den Lehren des russischen Bolschewismus gemäß ist, ob Lenin oder Trotzki so oder so im gleichen Falle verfahren würden [...].“[36]

Es ist aber bemerkenswert, dass weder Leviné noch den zwei anderen wichtigen kommunistischen, ebenso aus dem Russischen Reich stammenden Funktionären der Räterepublik, Max Levien und Tovia Aksel’rod, vorgeworfen wird, nach den Anweisungen aus Moskau gehandelt zu haben, sondern nur Moskau als Vorbild gehabt zu haben. Denn es gibt zwar einige Handlungsanweisungen von Lenin an die Münchner KPD, die für Leviné von kaum überschätzbarer Relevanz gewesen waren, von einem engen Kontakt zwischen Sowjetrussland und der Münchner Räterepublik kann dennoch keine Rede sein.[37] „Eine engmaschige internationale kommunistische Verschwörung war mehr ein Produkt der Propagandabroschüren der Rechten als greifbare Realität.“[38]Zum vielleicht prägendsten Motto dieser antikommunistischen Propaganda wird der Ausdruck „Herrschaft der Russen“. Auf Levinés russisch-jüdischen Hintergrund wird in dieser oder jener Form in zahlreichen Zeitzeugnissen hingewiesen. So unterstreicht Fürst Zech in einem Schreiben vom 5. Mai 1919, nachdem die Räterepublik schon zerschlagen wurde, die jüdische Abstammung von Leviné, Levien und Aksel’rod, die ihm zufolge bei der Errichtung der bolschewistischen Herrschaft in Russland beteiligt waren und daher über revolutionäre Erfahrung verfügen.[39] Eine der bissigsten Karikaturen von Leviné, in der seine russisch-jüdische Abstammung mit dem Bolschewismus in Verbindung gebracht wird, findet man in der Propagandabroschüre Totengräber Russlands[40]. Es ist erwähnenswert, dass einer der wichtigsten Ideologen der Nationalsozialistischen Arbeiter Partei (NSDAP), der im Russischen Reich geborene und zur Zeit der Räterepublik in München lebende Alfred Rosenberg das Vorwort zu dieser Broschüre mit dem Titel Der jüdische Bolschewismus verfasst.

Nicht zufällig erscheint diese Kritik an Leviné in den Mitteilungendes Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte erst am 29. April 1919, denn zu diesem Zeitpunkt gibt es keine kommunistische Räterepublik mehr. Leviné tritt am 27. April zurück und taucht unter. Der Mangel an Unterstützung von Seiten der KPD und die drohenden militärischen Niederlagen überzeugen Leviné von der Aussichtlosigkeit der Situation.[41] Levien allerdings tadelt die Entscheidung des Rücktritts in seinen Erinnerungen und bezeichnet sie als den größten Fehler.[42]

Ohne oder mit den Kommunisten dauern die Kämpfe nur wenige Tage.[43] Schon am 1. Mai, dem Internationalen Feiertag der Arbeiterklasse, wird der agonisierenden Räterepublik ein Ende gesetzt. Für Neubauer „gehört [es] zur Ironie der Geschichte, daß am gleichen 1. Mai, an dem in München die Entscheidung gegen die Räterepublik fiel, Lenin deren Existenz in seine Festrede auf dem Roten Platz in Moskau einbezog.“[44] Leviné, der als meistgesuchter Akteur der zerschlagenen Räterepublik gilt[45], wird am 13. Mai 1919, „im 4. Stockwerk des Hauses Schneckenburgerstrasse 20“[46] verhaftet. Sein Gerichtsprozess wird in der Presse ausführlich behandelt. Von einer Objektivität der Berichterstattung kann allerdings keine Rede sein: So wurde er unter anderem als der Privatbankier von Levien dargestellt.[47] Der Prozess selbst findet seine Kulmination in der später verklärten, oft edierten und zitierten Gerichtsrede Levinés, die aus ihm, neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, einen Märtyrer der KPD macht. Besonders stark ist die Erinnerung an ihn von der eingangs zitierten Aussage geprägt: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub!“[48]

Am 4. Juni 1919 wird „der geistige Leiter“[49],wie Leviné in den Polizeiakten bezeichnet wird, der nur zwei Wochen existierenden und gewaltsam niedergeschlagenen Münchner Räterepublik zum Tode wegen Hochverrats verurteilt. Weder die zahlreichen Begnadigungsversuche, noch das Geld seiner Mutter können ihn diesmal retten.[50] Am nächsten Tag, dem 5. Juni 1919, wird Eugen Leviné erschossen. Seine letzten Worte lauten: „Es lebe die Weltrevolution!“[51]

 

Endnoten

[1] Leviné, Eugen: Schlußrede vor Gericht, in: Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller. Frankfurt / Main 1980, S. 443-450, hier S. 450.

[2] Höller, Ralf: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/1919. Berlin 1999, S. 244.

[3] Meyer-Leviné, Rosa: Leben und Tod eines Revolutionärs. Erinnerungen. Mit einem dokumentarischen Anhang. Frankfurt / Main 1974, S. 11.

[4] Sančov, V. L.: Evgenij Leviné. Biografičeskij očerk, in: Leviné, Rosa: Sovetskaja respublika v Mjunchene. Moskva 1926, S. IV.

[5] Höller: Der Anfang, S. 244 [vgl. Anm. 2].

[6] Sančov: Evgenij Leviné, S. IX [vgl. Anm. 4].

[7] Meyer-Leviné: Leben und Tod, S. 15 [vgl. Anm. 3].

[8] Ebd., S. 16.

[9] Ebd.

[10] Sančov: Evgenij Leviné, S. XVIII [vgl. Anm. 4]; Werner, Paul: Eugen Leviné. Berlin 1922, S. 14 (die Verhaftung und den brutalen Umgang der russischen Polizei mit Leviné beschreibt Paul Werner mit Verweis auf den Petersburger Korrespondent der Frankfurter Volksstimme).

[11] Meyer-Leviné: Leben und Tod, S. 17 [vgl. Anm. 3].

[12] Sančov: Evgenij Leviné, S. XX [vgl. Anm, 4].

[13] Meyer-Leviné: Leben und Tod, S. 20f. [vgl. Anm. 3].

[14] Ebd., S. 38. Innerhalb von zwei Jahren soll es nach Angaben von Rosa Leviné zehn Auflagen des Buches gegeben haben. Jetzt aber steht es in einem einzigen Exemplar und nur in der Russischen Nationalbibliothek zur Verfügung.

[15] Sančov: Evgenij Leviné, S. XX [vgl. Anm. 4].

[16] Sančov: Evgenij Leviné, S XXV [vgl. Anm. 4]. Diese schwere Erfahrung sollte Sančov zufolge dazu führen, dass Leviné ein Buch publizieren wollte, mit dem Titel: Die Briefe, die ich lesen musste, über das man heute leider keine näheren Informationen findet – dies wäre aber eine relevante Quelle für die Erforschung des Lebens der Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg.

[17] Ebd. Da der Biograph keinen Literaturhinweis angibt, ist es nicht klar, ob es um eine abermalige, Leviné heroisierende Erfindung geht oder um das historische Faktum.

[18] Akten der Polizeidirektion München, Leviné-Niessen, Staatsarchiv München (StA), 10110, S. 76.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Vatlin, Aleksandr: Sovetskoe ėcho v Bavarii. Istoričeskaja drama 1919 g. v šesti glavach, pjati kartinach i dvadcati dokumentach. Moskva 2014, S. 42.

[21] Brief von Adolʼf Ioffe an Lenin über die Bayerische Räterepublik und ihre Protagonisten, in: Weber, Hermann/ Drabkin, Jakov/ Bayerlein, Bernhard H. (Hgg.): Deutschland, Russland, Komintern II. Dokumente (1918-1943). Berlin / München / Boston 2015, S. 80-83, hier S. 81.

[22]Neubauer, Helmut: München und Moskau 1918/1919. Zur Geschichte der Rätebewegung in Bayern. München 1958, S. 48.

[23]Leviné, Eugen: Protokoll der Vernehmung vor dem Staatsanwalt, in: Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand. Frankfurt / Main 1980, S. 439-441, hier S. 439.

[24] Leviné, Eugen: Auch eine Räterepublik!, in: Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand. Frankfurt / Main 1980, S. 417-419, hier S. 419.

[25] Köglmeier, Georg: Die Zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19. Legitimation – Organisation – Funktion. München 2001, S. 344-346.

[26] Karl, Josef: Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bayrischen Oberland. Nach amtlichen Quellen aufgezeichnet. München 1919, S. 65.

[27] Neubauer: München und Moskau, S. 67 [vgl. Anm. 22].

[28] Karl: Die Schreckensherrschaft, S. 192 [vgl. Anm. 26].

[29] Akten der Polizeidirektion München, Leviné-Niessen, 10110, StA, S. 6.

[30] Baur, Johannes: Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1998, S. 55.

[31] Ebd., S. 55f.

[32] Smilg-Benario, Michael: Drei Wochen Münchener Räterepublik. Berlin 1919, S. 24.

[33] Ebd.

[34] Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte, 29.04.1919, unter daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00009704/images/index.html.

[35] Baur: Die russische Kolonie, S. 57 [vgl. Anm. 30].

[36] Mitteilungen des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte, 29.04.1919 [vgl. Anm. 34].

[37] Vgl. Neubauer: München und Moskau, S. 96 [vgl. Anm. 22].

[38] Baur: Die russische Kolonie, S. 55 [vgl. Anm. 30].

[39] Vatlin: Sovetskoe ėcho, S. 260 [vgl. Anm. 20]. Die zweite Hälfte dieser Aussage bringt gut zum Ausdruck, dass die Relevanz der durch Leviné im Russischen Reich erworbenen Erfahrungen für sein weiteres Wirken im Deutschen Reich schon für seine Zeitgenossen deutlich war.

[40] Eckart, Dietrich/ von Kursell, Otto: Totengräber Russlands, München 1921.

[41] Vatlin: Sovetskoe ėcho, S. 286 [vgl. Anm. 20].

[42] Ebd.

[43] Wollenberg, Erich: Als Rotarmist vor München. Reportage aus der Münchener Räterepublik. Berlin 1929, S. 126. Die Nichtbeteiligung der Kommunisten an der Verteidigung von München tadelte in seinen Erinnerungen ein Kommandeur der Rotarmisten, Erich Wollenberg.

[44] Neubauer: München und Moskau, S. 92 [vgl. Anm. 22].

[45] Vatlin: Sovetskoe ėcho, S. 332 [vgl. Anm. 20].

[46]Akten der Polizeidirektion München, Leviné-Niessen, StA, 10110, S. 73.

[47] Vatlin: Sovetskoe ėcho: S. 333 [vgl. Anm. 20]. Viele Artikel zu Levinés Todestag befinden sich im Münchner Stadtarchiv.

[48] Der deutsche Historiker Kurt Kersten schrieb sechs Jahre nach Levinés Tod, dass junge Kommunisten diese Rede auswendig lernen sollten, denn sie sei relevanter als der Hamlet-Monolog für die Bourgeoisie. (Kersten, Kurt: Der Tote auf Urlaub, in: Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand, S. 462-463, hier S. 462.)

[49] Akten der Polizeidirektion München. Leviné-Niessen. 10110, StA, S. 1.

[50] Um die Notwendigkeit der Vollstreckung der Höchststrafe zu begründen, schrieb der kommandierende General von Oven das Folgende: „Die Truppe, die München befreit hat und eine Reihe von Todesopfern hierbei zu beklagen hatte, würde kein Verständnis dafür haben, daß derjenige, der nach dem einstimmigen, freien Urteil des standrechtlichen Gerichts im Namen des Freistaates Bayern wegen Hochverrates zum Tode verurteilt worden ist und der damit an dem Blut, das in München geflossen ist, in erster Linie schuldig befunden ist, diesem Urteil entzogen wird.“ (Generalkommando von Oven an den Herrn Minister für Militärische Angelegenheiten, in: Viesel, Hansjörg (Hg.): Literaten an der Wand, S. 452.)

[51] Karl, Michaela: Die Münchener Räterepublik. Porträts einer Revolution. Düsseldorf 2008, S. 229.

Autor

David Khunchukashvili

Bearbeitung: Natalja Kliewer