Erich Wollenberg – vom Rotarmisten zum Gejagten

Erste militärische Erfahrungen

Erich Wollenberg, geboren 1892 im ostpreußischen Königsberg, ist bis zu den 1930er Jahren ein überzeugter Kommunist, der aufgrund seiner militärischen Fähigkeiten und Erfahrungen nicht nur während der Münchner Räterepublik, sondern auch in der Sowjetunion Anerkennung findet. Bereits während des Ersten Weltkrieges zog er als Kriegsfreiwilliger an die Front. Aufgrund seiner dortigen Beobachtungen und Kriegserfahrungen sowie der daraus neu gewonnenen Überzeugung für eine gerechtere Gesellschaftsordnung kämpfen zu wollen[1], tritt er 1918 der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei.[2] Während der Novemberrevolution, die 1918 zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich führt, kämpft er in Königsberg und wird dort zum „Chef des Sicherheitsdienstes des Arbeiter- und Soldatenrates in Ostpreußen und zum Führer der Matrosenvolkswehr“[3] ernannt.

 

Als Rotarmist vor München

Nach München zieht Wollenberg im Januar 1919, um sein in Königsberg begonnenes Medizinstudium fortzusetzen. Anfang desselben Jahres tritt er auch der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei.[4]

Zu diesem Zeitpunkt hat die Novemberrevolution auch in Bayern schon ihre Spuren hinterlassen. Im Vergleich zu den blutigen Kämpfen in Königsberg oder Berlin, verläuft der Sturz des bayerischen Königtums in München friedlich. Am 7. November 1918 wird nach einer Massendemonstration auf der Theresienwiese von Kurt Eisner, Mitglied der USPD, die Bayerische Republik ausgerufen. Wenig später wird unter der Beteiligung der Mehrheitssozialdemokraten ein provisorischer Nationalrat gegründet, dem Eisner als Regierungschef vorsteht.[5] Der Nationalrat besteht aus Vertretern des Landtages sowie aus Mitgliedern des vorher gegründeten Arbeiterrates.[6] Da die Landtagswahlen in Bayern am 12. Januar 1919 deutlich zeigen, dass die USPD den Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat, will Eisner seine politischen Ämter am 21. Februar 1919 offiziell niederlegen. Bevor es jedoch dazu kommen kann, wird er vom Studenten Graf Arco auf Valley, einem Sympathisanten der völkisch-antisemitischen Thule-Gesellschaft, ermordet. Mit diesem Attentat verschärft sich die politische Lage in Bayern.[7] Nachdem es auch im Landtag zu Tumulten gekommen war, die in direkter Verbindung zum Attentat standen, tauchen einige Abgeordnete unter, wodurch der Landtag handlungsunfähig wird.[8] Erst am 17. März 1919 tritt der Landtag unter der politischen Leitung von Johannes Hoffmann, einem Mitglied der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD), erneut zusammen.[9]

Entgegen kommunistischer Einwände und Kritik rufen USPD, MSPD, Anarchisten sowie der Bauernbund am 7. April 1919 ohne Beteiligung der KPD eine bayerische Räterepublik aus. Diese besteht jedoch kaum eine Woche und wird während des sogenannten „Palmsonntagsputsch“ durch die kommunistische Räterepublik abgelöst.[10]

Nachdem der Arbeiter- und Soldatenrat unter der Führung der KPD die zweite Räterepublik am 13. April 1919 ausgerufen hat, beginnt auch Erich Wollenberg sich militärisch an dieser zu beteiligen.[11] Mit der Proklamation der ersten Räterepublik wird am 6. April 1919 die Bildung der bayerischen Roten Armee veranlasst. Dennoch schaffen die Vertreter der ersten Räterepublik es nicht, die Freiwilligen zu einer militärischen Einheit zu formieren. Erst unter dem Druck des Palmsonntagsputschs organisieren sich die Rotarmisten unter der Führung des Oberbefehlshabers Rufold Eglhofer, einem Mitglied der KPD.[12] Nachdem die Rote Armee die ersten Kämpfe am Münchner Hauptbahnhof bewältigt hat, schlägt sich eine Einheit in Richtung Dachau durch. Dort sollen die Soldaten die kommunistische Räterepublik vor der nach Bamberg geflohenen Regierung unter Johannes Hoffmann schützen.[13] Die Regierung erkennt die kommunistische Räterepublik nicht an und schickt daher Republikanische Schutztruppen nach München, um die Stadt zurückzuerobern.[14] Wie Wollenberg berichtet, wird Eglhofer in Dachau kurze Zeit später von Ernst Toller, dem Vorsitzenden der USPD und ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der ersten Räterepublik[15], und Gustav Klingelhöfer, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), ersetzt. Obwohl Toller nach der Absetzung der ersten Räterepublik politisch in den Hintergrund getreten ist, will er nun seine „Liebe zum Proletariat bekunden“[16] und begibt sich daher an die Front nach Dachau. Innerhalb der Roten Armee übernimmt Erich Wollenberg die Stellung des Befehlshabers der Infanterie der Armeegruppe bei Dachau und gehört somit zum engeren militärischen Stab. Zu seinem Aufgabenbereich zählen ihm zufolge die Leitung der gesamten Sturmbataillone, die Durchführung der Reorganisation der Armeegruppe, der Ausbau der Verteidigungsstellung und die Bearbeitung aller taktischen Fragen.[17]

Friedrich Barthel, der als politischer Kommissar ebenfalls zum engeren Stab der bayerischen Roten Armee gehört, äußert sich später während seiner Haft in Stadelheim zur Rolle Wollenbergs in Dachau. In einem Brief an den Untersuchungsrichter schreibt er, dass Toller und Klingelhöfer sich lediglich um die politischen Aufgaben kümmerten. Daher wurde „die militärische Leitung […] in Wirklichkeit von Wollenberg und Bampi geleitet. Diese übernahmen nach dem Weggang Tollers auch gemeinsam mit Günther die Gesamtleitung“[18]. Die Frage der militärischen Führung der bayerischen Roten Armee ist auch deshalb interessant, weil Wollenberg in einem Brief vom 9. November 1919, den er auf seiner Flucht an den Ministerpräsidenten Hoffmann verfasst, mit „derzeitiger stellvertretender Oberkommandierender der Roten Armee bei Dachau“[19] unterzeichnet, einem Titel, den er nie offiziell erhalten hat.

Die Entstehung der bayerischen Roten Armee, die Bedeutung und Taktik der Verteidigung der Räterepublik bei Dachau und Schleißheim sowie die Auflösung der Kampfeinheit dokumentiert Wollenberg außerdem in seinen 1929 in Berlin veröffentlichten Aufzeichnungen Als Rotarmist vor München. Reportage aus der Münchner Räterepublik. Zwei Jahre später erscheinen diese Aufzeichnungen ebenfalls auf Russisch in Moskau.[20] Zum Zeitpunkt der deutschsprachigen Publikation ist Wollenberg bereits Dozent an diversen Militärakademien in Moskau. Dort beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem Thema der Arbeiterbewegung und der Analyse der bayerischen Roten Armee.

Über die Beschreibung der Kampfhandlungen hinaus gibt Wollenberg auch Auskunft über die Organisation und Zusammenstellung der bayerischen Roten Armee: „Ungefähr kann nur gesagt werden, daß vielleicht zwei Drittel der Rotarmisten Industrieproletarier waren, ein Drittel Bauernsöhne. Etwa 90 Prozent waren demobilisierte Soldaten.“[21] Außerdem macht Wollenberg eine detaillierte Auflistung der Mitglieder des engeren Stabes und deren Funktionen.[22]

Zu den militärischen Verantwortlichen gehört unter anderem auch Hermann Taubenberger, der zu diesem Zeitpunkt als „Streckenkommandant Dachau“[23] tätig ist und durch seine „eiserne revolutionäre Disziplin“[24] hervorsticht. Die Bekanntschaft mit Wollenberg sollte Taubenberger später in der UdSSR das Leben kosten.[25] 

Darüber hinaus sind die Darstellungen von Toller und Klingelhöfer in den Aufzeichnungen Wollenbergs besonders auffällig. Ihre Handlungen als Oberkommandierender und als Stellvertreter des Oberkommandierenden stellt Wollenberg aus einer sehr persönlichen Perspektive dar und rundet sie meist noch mit einem spöttischen Kommentar ab:

„Der Oberkommandierende Toller war nie ein Freund systematischer Arbeit gewesen, und so tauchte er auch in den Stabssitzungen nur gelegentlich mit einer feurigen Rede auf und überließ die Erledigung aller organisatorischen Fragen seinem ‚Generalquartiermeister‘ Klingelhöfer. Dieser besaß ein viel größeres militärisches Wissen und war auch organisatorisch weit befähigter als sein ‚Generalfeldmarschall‘. Die beiden Spießbürger im Gewande römischer Feldherren, denen die Armee-Führung etwa wie ein kindliches ‚Räuber- und Soldaten‘-Spiel vorkam, liebten es, sich gegenseitig neckisch ‚Hindenburg‘ und ‚Ludendorff‘ zu titulieren.“[26]

Die Feststellung Wollenbergs, dass beide Politiker über wenig militärische Kenntnisse verfügen, lässt sich auch durch den schon oben erwähnten Brief Barthels bestätigen. Darin heißt es: „Militärisch verstanden ja T[oller] und K[lingelhöfer] so wenig wie ich.“[27] Für die Reportage Als Rotarmist vor München erntet Wollenberg heftige Kritik von Erich Mühsam, einem der Anführer der ersten Räterepublik, und Ernst Toller. Beide äußern sich negativ über die fehlende Objektivität bei der Darstellung von Tollers Arbeit.[28]

Nach dem Rückzug der bayerischen Roten Armee aus Dachau nach München, den letzten Straßenkämpfen und dem darauffolgenden Zusammenbruch der bayerischen Räterepublik Ende April 1919 wird auch Wollenberg polizeilich gesucht, im Mai 1919 inhaftiert und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Laut einer Anklageschrift der Staatsanwaltschaft München werden Wollenberg „Verbrechen der Beihilfe zum Hochverrat“[29] vorgeworfen. Dabei lauten die Anklagepunkte Beihilfe zum wirksamen Widerstand gegen die Regierungstruppen, militärische Beratung der Leitung der bayerischen Roten Armee während der Kämpfe bei Dachau sowie die Auswahl der Verteidigungsstellen.[30] 

Am 8. September 1919 berichtet Erich Mühsam in seinem Tagebuch von seiner ersten Begegnung in der Festungsanstalt mit Erich Wollenberg, der zuvor aus dem Gefängnis in Landsberg am Lech nach Ansbach überführt worden war.[31] Während seiner Haftstrafe gelingen Wollenberg mehrere Gefängnisausbrüche, die jedoch nach mehreren Wochen bzw. Monaten in erneuter Inhaftierung enden.[32] Nach seiner Flucht aus Ansbach wird er nach Niederschönenfeld überführt. Dort trifft er weitere Protagonisten der Münchner Räterepublik, die nach dem Zusammenbruch des Rätesystems nicht erschossen worden oder außer Landes geflohen waren.[33] Unter den Inhaftierten in Niederschönenfeld befinden sich im Oktober 1920 Erich Mühsam, Ernst Toller, Gustav Klingelhöfer, Ernst Niekisch sowie Hermann Taubenberger.[34]

 

Wollenbergs Karriere in der Sowjetunion

Nach seiner Freilassung aus der Haft in Niederschönenfeld arbeitet Erich Wollenberg unter anderem als Redakteur bei der Roten Fahne in Berlin und Königsberg sowie 1923 für die KPD im Ruhrgebiet. Unter dem Decknamen „Walter“ wird er als Mitarbeiter des Militär-Apparats der Kommunistischen Partei (KP) zum Militäroberleiter in Südwestdeutschland ernannt.[35] Aufgrund des gescheiterten Deutschen Oktobers im Jahr 1923 und der daraus resultierenden Fahndung nach Wollenberg wegen „Hochverrat, Mord und Sprengstoffvergehen“[36] kommandiert ihn das Zentralkomitee der KP in die Sowjetunion ab.[37]

Aufbauend auf seinen bereits erworbenen militärischen Erfahrungen während der Novemberrevolution 1918, der Münchner Räterepublik 1919 und des Deutschen Oktobers 1923, absolviert Wollenberg 1924 in Moskau eine dreimonatige Ausbildung an einer Moskauer Militärschule der Kommunistischen Internationalen (Komintern)[38]. Wollenberg startet eine außergewöhnliche militärische Karriere: Er übernimmt Tätigkeiten als Kompanie-Kommandeur in der Roten Armee in Moskau und Saratov, als kurzzeitiger Mitarbeiter in der Agitprop-Abteilung (Abteilung für Agitation und Propaganda) der Komintern sowie als Mitglied des Generalstabs der Roten Armee in Moskau. Dabei überzeugt er offensichtlich nicht nur mit seinem praktischen Militärwissen, sondern auch mit seinem theoretischen. Denn Wollenberg übernimmt in Moskau auch einige Lehraufträge als Dozent an der Militärschule der Komintern, der Militärakademie der Roten Armee, am Marx-Engels-Institut sowie an der Internationalen Lenin-Schule. Zu seinem fachlichen Schwerpunkt gehört die Geschichte der Arbeiterbewegung.[39]

Die 1920er Jahre sind für Wollenberg die erfolgreichsten Jahre seiner Karriere innerhalb der KP-Strukturen. Diese endet jedoch 1933 mit dem Ausschluss aus der Partei aufgrund der vermeintlichen Gründung der „Wollenberg-Hoelz-Organisation“. Diesem Ausschluss gehen einige Ereignisse voraus, die dazu führen, dass Wollenberg während seines Berlin-Aufenthalts 1932 harsche Kritik an der KDP äußert. Dafür erhält er nicht nur eine Parteirüge, sondern verliert auch seine Stellung als Redakteur der Roten Fahne. Schließlich distanziert er sich innerlich immer mehr von der Politik der kommunistischen Parteien. Die zahlreichen Gespräche, die Wollenberg zu dem Zeitpunkt mit Erich Mühsam führt, der der Politik der KPD und Komintern ebenfalls kritisch gegenüber steht, verstärken Wollenbergs skeptische Haltung zur Partei weiter.[40] Im Februar 1933 kehrt Wollenberg nach Moskau zurück, wobei nicht klar ist, ob es sich um eine Strafversetzung der KPD handelt oder ob es sein freier Wille ist.[41] Zum Zeitpunkt der Rückkehr Wollenbergs in die UdSSR beginnt sich bereits der stalinistische Terror mit seiner eigenwilligen und irrationalen Dynamik zu entwickeln. Jedes Parteimitglied kann willkürlich zum vermeintlichen „Volksfeind“[42] erklärt werden. Dabei konstruiert das stalinistische System ein Feindbild eines nach außen hin parteitreuen Funktionärs der eigentlich als „Terrorist“, „Trotzkist“ usw. das Scheitern des Sozialismus verfolgt.[43] Auch die beiden Namensgeber und angeblichen „Leiter und Organisator[en]“[44] der „Wollenberg-Hoelz-Organisation“ geraten 1933 ins Visier des NKVD (Narodnyj Komissariat Vnutrennich Del), dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der Sowjetunion.[45] Dabei wird mit Hilfe von Denunziationen, Berichten und Verhörprotokollen deutscher Politemigranten aus einer privaten Abendveranstaltung eine „trotzkistische Terrororganisation“[46]. Dieser Vorwurf bezieht sich auf ein Treffen am 5. März 1933 in der Wohnung des Ehepaars Taubenberger in Moskau. Das Treffen findet anlässlich der Wahlen in Deutschland statt, die von den deutschen Emigranten mit Spannung verfolgt werden.[47] Anwesend sind zum einen Teilnehmer der Münchner Räterepublik, wie der Gastgeber Hermann Taubenberger, Rudolf Podubecky, Ernst Günther, Erich Wollenberg und Hans Schiff, zum anderen Bekannte und Arbeitskollegen aus der Moskauer Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter.[48] Die politischen Gespräche und Aussagen, die Wollenberg an diesem Abend zur Lage der KPD in Deutschland macht, werden im Beschluss der Internationalen Kontrollkommission der Kommunistischen Internationalen (IKK) vom 4. April 1933 als Beweise für die feindliche Haltung Wollenbergs der KPD gegenüber aufgefasst. Darin heißt es im Detail:

„Nach Behandlung der Angelegenheit Felix Wolf […] und Erich Wollenberg, Mitglied der Kommunistischen Partei seit 1919, die bereits früher feindliche Fraktionsarbeit gegen die KPD betrieben haben und deshalb parteidisziplinarisch belangt wurden – Felix Wolf gehörte früher der oppositionellen Gruppe Brandler bezw. der Trotzkisten an […], während Erich Wollenberg im Laufe letzten Jahres in Opposition zur Parteiführung stand und wegen dieser oppositionellen Tätigkeit von der Parteiarbeit entfernt wurde -, hat die IKK befunden, daß sie dadurch, daß sie [Wollenberg und Wolf] angesichts der faschistischen Diktatur in Deutschland den Kampf gegen die KPD fortsetzten und parteifeindliche Ansichten sowie Verleumdung gegen die Parteiführung verbreiten, objektiv zu Agenten des Klassenfeinds wurden.“[49]

Mit diesem Beschluss wird der Ausschluss Wollenbergs aus der Partei offiziell bekannt gegeben.

Das Ehepaar Taubenberger und die anderen deutschen Politemigranten geraten ebenfalls in Verdacht, an der Organisation beteiligt zu sein – ein Umstand, der lebensbedrohlich ist. Dabei ist für sie weniger ihre Anwesenheit an dem besagten Treffen als vielmehr die Bekanntschaft mit Wollenberg verhängnisvoll. Insgesamt zählt das NKVD 70 Personen zu den Beteiligten der Organisation, darunter auch Zenzl Mühsam, die Ehefrau von Erich Mühsam, und der schon erwähnte Max Hoelz.[50] Im Vergleich zu Max Hoelz, der unter ungeklärten Umständen 1933 ums Leben kommt, kann Erich Wollenberg 1934 aus Moskau fliehen. Dafür verwendet er einen bereits 1932 erhaltenen Pass, der auf dem Namen Wilhelm Rüdiger ausgestellt ist. Über Warschau reist Wollenberg nach Prag und kann somit sein Leben vor dem Großen Terror retten.[51] In Prag angekommen, wohnt er bis zu einem Streit, der ihre Freundschaft beendet, bei Zenzl Mühsam.[52]

 

Sein Leben nach dem Bruch mit dem Kommunismus

Nachdem er sich vom Kommunismus distanziert hat, steht er nun zwei Feinden gegenüber: dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen Regime. Beide wollen seine Verhaftung, wenn nicht sogar seinen Tod. Auf der Flucht vor beiden Regimen beginnt für Wollenberg eine Odyssee von Prag aus über Paris nach Marokko. Dort wird er von der Vichy-Verwaltung verhaftet und in ein Straflager nach Ostmarokko gebracht. Bevor er jedoch an die Gestapo ausgeliefert werden kann, befreien die Alliierten das Lager.[53] Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet er bis zu seinem Tod im Jahr 1973 in Deutschland und Frankreich als Journalist und politischer Beobachter.

Erich Wollenberg verkörpert somit den Wissenstransfer aus Deutschland nach Sowjetrussland und von dort aus zurück nach Westeuropa. Seine militärischen Kenntnisse sowie seine Stellung und Erfahrungen bei der Roten Armee in Bayern eröffnen ihm in Sowjetrussland die Möglichkeit, eine schnelle und steile Karriere zu machen. Dabei spielt nicht nur sein militärisches Wissen eine große Rolle, sondern auch die Tatsache, dass es sich bei Wollenberg um einen aktiven Revolutionär handelt, der in Deutschland für den Kommunismus gekämpft hat. Wollenberg ist einer unter vielen deutschen Politemigranten, die nach der Münchner Räterepublik und dem Deutschen Oktober 1923 in Sowjetrussland eine neue politische Heimat finden. Der Propagandaapparat Sowjetrusslands nutzt die Emigranten und ihre Lebensgeschichte aus und präsentiert sie als „lebende Ikonen“[54]. Doch während viele der „Ikonen“ später aufgrund der vermeintlichen Staatsfeindlichkeit den Großen Terror 1937/38 nicht überleben, schafft es Wollenberg zu fliehen. Die Einblicke in die kommunistischen Strukturen und das Wissen um den Terror lässt Wollenberg später in seine Kritik an der Sowjetunion einfließen.[55] Mit seinem außergewöhnlichen Lebensweg ist Erich Wollenberg einer der wenigen Protagonisten der Münchner Räterepublik, der sich zum einen desillusioniert von der kommunistischen Idee abwendet und zum anderen den Nationalsozialismus und das stalinistische Regime überlebt.

 

Endnoten

[1] Müller, Reinhard: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburg 2001, S. 70.

[2] Bundesstiftung Aufarbeitung: Erich Wollenberg, Biographische Datenbank, Bundesstiftung Aufarbeitung, Mai 2008, unter www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html, 28.06.2017.

[3] Ebd.

[4] Müller: Menschenfalle Moskau, S. 91 [vgl. Anm. 1].

[5] Neubauer, Helmut: München und Moskau 1918/1919. Zur Geschichte der Räterepublik in Bayern, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 4 (1958), S. 5-98, hier S. 32.

[6] Baur, Johannes: Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehung im 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1998, S. 48.

[7] Baur: Die russische Kolonie in München 1900-1945,  S. 49 [vgl. Anm. 6].

[8] Mitchell, Allan: Revolution in Bayern 1918/19. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik. München 1967, S. 236 f.

[9] Mertens, Ursula: Die Rätebewegung in Bayern (1918/19). Nürnberg 1984, S. 94 f.

[10] Neubauer: München und Moskau 1918/1919, S. 51 f. [vgl. Anm. 5].

[11] Ebd, S. 64.

[12] Köglmeier, Georg: Die Zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19. Legitimation – Organisation – Funktion. München 2001, S. 359.

[13] Wollenberg, Erich: Als Rotarmist vor München. Reportage aus der Münchner Räterepublik. Berlin 1929, S. 39.

[14] Köglmeier: Die Zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19, S. 344-346 [vgl. Anm. 9].

[15] Ernst Toller, Lebendiges Museum Online, unter <https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-toller>, 28.06.2017.

[16] Meyer-Leviné, Rosa: Leviné. Leben und Tod eines Revolutionärs. Frankfurt / Main 1974, S. 99.

[17] Wollenberg: Als Rotarmist vor München, S. 161ff. [vgl. Anm. 10].

[18] Akte Staatsanwaltschaften Nr. 3046, Staatsarchiv München (StA).

[19] Viesel, Hansjörg: Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller. Frankfurt / Main 1980, S. 669.

[20] Wollenberg, Ėrich: V rjadach bavarskoj krasnoj Armij. Moskva 1931.

[21] Wollenberg: Als Rotarmist vor München, S. 72 [vgl. Anm. 10].

[22] Ebd., S. 68f.

[23] Ebd., S. 69.

[24] Ebd., S. 66.

[25] Müller: Menschenfalle Moskau, S. 63f. [vgl. Anm. 1].

[26] Ebd., S. 70.

[27] Akte Staatsanwaltschaften, Nr. 3046, StA.

[28] Viesel: Literaten an der Wand, S. 679 [vgl. Anm. 16].

[29] Akte Staatsanwaltschaften, Nr. 3046, StA.

[30] Ebd.

[31] Mühsam, Erich: Tagebücher. Eintrag vom 08.09.1919. Eine Online-Edition von Hirte, Chris / Piens, Conrad, unter www.muehsam-tagebuch.de/tb/diaries.php, 28.06.2017.

[32] Mühsam, Erich: Tagebücher. Eintrag vom 27.09.1919. Eine Online-Edition von Hirte, Chris / Piens, Conrad, unter www.muehsam-tagebuch.de/tb/diaries.php, 28.06.2017.

[33] Kramer, Bernd / Recknagel, Rolf / Wollenberg, Erich / Seghers, Anna: Der Feuerstuhl und die Fährtensucher Rolf Recknagel, Erich Wollenberg, Anna Seghers auf den Spuren B. Travens. Berlin 2002, S. 88.

[34] Mühsam, Erich: Tagebücher. Eintrag vom 22.10.1920. Eine Online-Edition von Hirte, Chris / Piens, Conrad, unter www.muehsam-tagebuch.de/tb/diaries.php, 28.06.2017.

[35] Müller: Menschenfalle Moskau, S. 70 [vgl. Anm. 1].

[36] Ebd., S. 70.

[37] Ebd.

[38] Ebd.

[39] Ebd., S. 71.

[40] Ebd., S. 74.

[41] Ebd.

[42] Ebd., S. 27.

[43] Ebd.

[44] Ebd., S. 104.

[45] Ebd., S. 16.

[46] Ebd., 104

[47] Ebd., S. 79.

[48] Ebd., S. 69.

[49] Ebd., S. 91.

[50] Ebd., S. 13.

[51] Ebd., S. 99f.

[52] Ebd., S. 163.

[53] Bundesstiftung Aufarbeitung: Erich Wollenberg, Biographische Datenbank, unter www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html, 28.06.2017.

[54] Vatlin, Alexander: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure. Berlin 2009, S. 318.

[55] Bundesstiftung Aufarbeitung: Erich Wollenberg, Biographische Datenbank, unter www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html, 28.06.2017.

 

Autorin

Autorin und Bearbeitung: Natalja Kliewer