Aleksandr Parvus – Mann der Ersten Stunde

„Parvus war zweifellos eine hervorragende Gestalt unter den Marxisten am Ende des vorigen und am Anfang dieses Jahrhunderts. Er beherrschte die marxistische Methodik vollkommen, verfügte über Weitblick, verfolgte alles Wesentliche in der Weltarena, was ihn bei seiner außerordentlichen Kühnheit des Denkens und einem männlichen, muskulösen Stil zu einem wahrhaft hervorragenden Schriftsteller machte. Seine alten Arbeiten haben mir die Frage der sozialen Revolution nähergebracht und die Machteroberung des Proletariats aus einem astronomischen ,Endziel‘ in eine praktische Aufgabe unserer Zeit verwandelt.“[1] – Leo Trockij

Das Leben von Aleksandr Parvus, geboren als Izrail’ Lazarevič Gelʼfand[2] (dt. Israel Alexander Helphand),[3] lässt sich in drei Etappen unterteilen: Sein Leben bis zu seiner Übersiedelung nach München, seine kurze, aber wichtige Zeit in München bis zur gescheiterten Revolution im Russischen Reich 1905 und zuletzt sein Leben nach 1905 und seine Rolle in der Russischen Revolution von 1917.

 

Vom Handwerkersohn zum Oppositionellen

Parvus kommt 1867 in der russischen Stadt Berezino (heute Teil des belarussischen Verwaltungsbezirks Minsk)[4] zur Welt.[5] Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Parvus’ Familie, die im Handwerk tätig ist, sieht sich nach einem Großbrand in Berezino gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach Odessa zu ziehen.[6] Dort erhält Parvus eine gute Schulausbildung. Er besucht ein Gymnasium und bekommt außerdem noch privaten Unterricht in Mathematik und in humanistischen Fächern. Schon in seinen jungen Jahren kommt er in Kontakt mit Schriften von Karl Marx und interessiert sich für sozioökonomische Fragen und ihre Theoretiker.[7] In Odessa schließt er sich der revolutionären Opposition an.[8] Im Jahr 1886 beschließt Parvus, in die Schweiz zu ziehen, da sich dort bereits eine Gruppe russischer marxistischer Emigranten gesammelt hat. Zu ihnen gehören beispielsweise Pavel Aksel’rod oder Vera Zasulič.[9] An der Universität in Basel studiert Parvus Nationalökonomie.[10] Im Sommer 1891 wird er mit dem Thema „Die technische Organisation der Arbeiter unter dem Aspekt der Ausbeutung der Massen“ zum Doktor der Philosophie promoviert.[11] Nach seiner Promotion kommt eine Rückkehr nach Russland nicht mehr in Frage, da sich Parvus schon zu sehr an das Leben in Westeuropa gewöhnt hat. Doch auch in der Schweiz will er nicht länger bleiben, da er der Meinung ist, dass die Emigrantenzirkel dort nicht in der Lage seien, eine einheitliche Front im gesellschaftlichen Kampf zu bilden. Deshalb zieht Parvus noch im gleichen Jahr nach Deutschland, denn dort erwartet er die mächtigste Vereinigung sozialistischer Gesinnungsgenossen. Die Organisation der deutschen Sozialdemokratie scheint ihm ein Vorbild und wird seine ideologische Heimstätte werden.[12] In Deutschland ist er als Journalist, Redakteur und Agitator tätig, lebt zuerst in Stuttgart, dann in Berlin und in Dresden, wo er Chefredakteur der Sächsischen Arbeiterzeitung wird. Aufgrund der scharfen, die Revolution preisenden Artikel erteilt die Polizei Ende 1899 Parvus und dem polnischen Revolutionär und Publizisten Julian Marchlewski, der ebenfalls für die Zeitung arbeitet, einen Ausweisungsbefehl aus Sachsen[13] und bald darauf auch aus dem thüringischen Gera, von wo aus er die Tätigkeit für die Sächsische Arbeiterzeitung hatte fortsetzen wollen.[14] Nachdem 1899 nur noch Bayern als letzter möglicher Wohnort geblieben war, zieht Parvus nach München.[15]

Die ökonomische und politische Krise im Russischen Reich, die die Hungersnot von 1898/99 und eine Reihe von Streiks und Studentenunruhen nach sich zieht, öffnet Parvus die Augen für die revolutionären Möglichkeiten in seiner Heimat.[16] Kurz nach seiner Ankunft in München reist er im Mai 1899 für mehrere Monate ins zaristische Russland. Er will die erneut ausgebrochene Hungersnot mit eigenen Augen sehen. Dabei geht es ihm jedoch nicht allein um eine objektive Schilderung der Zustände, sondern vor allem um den propagandistischen Nutzen.[17] Denn die restliche Zeit des Jahres 1899 verbringt er gemeinsam mit einem mitreisenden Arzt damit, ein Buch über ihre Erlebnisse und Eindrücke von der Hungersnot im Russischen Reich zu schreiben, welches im Spätsommer 1900 vom Stuttgarter Dietz-Verlag publiziert wird.[18] Das Buch gilt als wichtige und zuverlässige Informationsquelle, dennoch verfolgt es auch eindeutig propagandistische Ziele.[19] Parvus sieht die Gründe der Agrarkrise in der kapitalistischen Entwicklung des Landes, die er stark kritisiert. Mit dieser Argumentation will er dem Land und der zaristischen Regierung sowohl finanziellen als auch politischen Schaden zufügen.[20]

 

Parvus in München

Während seines Aufenthaltes im Russischen Reich trifft er sich außerdem noch in Vjatka mit dem Literaten, Politiker und Revolutionsaktivisten Aleksandr Potresov.[21] Dieser ist gerade mit den Gründungsplänen einer neuen Zeitschrift, der später berühmt gewordenen Iskra (Der Funke), beschäftigt.[22] Bereits in Vjatka leistet Parvus wichtige politische Arbeit für die Verbreitung des revolutionären Gedankenguts und verknüpft diese Tätigkeit gleichzeitig mit seinem neuen Wohnort München. Die beiden Männer tüfteln an dem Plan, eine Zeitschrift herauszugeben, die im Ausland gedruckt und dann illegal ins Russische Reich geschmuggelt werden soll.[23] Da Parvus über die besten Beziehungen in München verfügt, sieht er viele Vorteile darin, die Redaktion der Iskra auch gleich dort zu gründen. Er zählt bei der Wahl des Standortes auf besondere Unterstützung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).[24] Der Aufbau der Redaktion läuft nach Plan: Eine parteinahe Druckerei in Leipzig stellt die technischen Mittel zur Verfügung. Die Iskra soll in schmalen, kleinen Buchstaben und auf besonders dünnem Papier gedruckt werden, um den Transport ins zaristische Russland zu erleichtern.[25] Dank Parvus’ Netzwerk können auch beschlagnahmte Nummern rasch in Odessa nachgedruckt werden und von dort aus ihr Ziel erreichen. Auch in Baku steht eine Druckerei bereit, die im Falle einer Beschlagnahmung rasch nachproduzieren kann.[26] Parvus stellt sogar seine eigene Wohnung in München/Schwabing bereit, um eine kleine Druckerpresse aufstellen zu lassen. In seiner Wohnung in der Ungererstraße 80/I werden im Jahr 1901 acht Nummern der Iskra gedruckt. Zur Sicherheit ist die Handpresse mit einer besonderen Vorkehrung versehen, mit der im Falle einer Hausdurchsuchung die schon fertigen Matrizen mit nur einem Knopfdruck zerstört werden können.[27] Zudem entwickelt sich Parvus’ Wohnung auch zu einem Sammelpunkt verschiedener linker Aktivisten wie Vladimir Il’ič Lenin, Julij Martov, Rosa Luxemburg, Leo Trockij und einigen russischen Studenten.[28] Parvus fällt unter den sozialdemokratischen Genossen auf, denn er ist eine exotische Figur, mit auffallend großem Kopf und verhältnismäßig kurzen Beinen. Außerdem ist er ein standfester Trinker, Esser und unermüdlicher Arbeiter.[29] Er zeigt sich jedoch auch als hilfsbereiter Berater, Mitarbeiter, aber auch als Kritiker und unbequemer Mahner. Obwohl es deshalb mehrmals zu Auseinandersetzungen unter den Redaktionsmitgliedern der Iskra kommt, will man nicht auf Parvus verzichten, da er sich am besten in der deutschen Politik auskennt und ein talentierter Finanzexperte ist.[30]

Trotz der guten privaten Beziehungen zu den genannten Persönlichkeiten erhält Parvus von diesen keine Unterstützung bei seinen Bemühungen, die bayerische Sozialdemokratie mit neuem revolutionärem Geist zu erfüllen. So bleibt die Agitation unter den russischen und osteuropäischen Studenten in München Parvus’ Hauptaufgabe, wobei er zumindest auf die Unterstützung Marchlewskis bauen kann. Gemeinsam drucken und verfassen sie Propagandabroschüren für die Studentenvereine, außerdem organisieren und leiten sie Sympathiedemonstrationen für die revolutionäre Arbeiterschaft im Russischen Reich.[31] Auch Russen, die in ihrer Heimat im Untergrund arbeiten, kommen einige Male ins Deutsche Kaiserreich und berichten den Emigranten über die Lage der Sozialdemokratie in der Heimat. Ihre wichtigste Verbindung zum deutschen Umfeld sind die Treffen mit Parvus. Laut Trockij ist er für die russische Kolonie eine viel bedeutendere Person als der nur im Verborgenen wirkende Lenin und die Gruppe der Iskra.[32] Mit Trockij verbindet Parvus ab 1904 auch eine kurze, aber intensive Freundschaft. Viele theoretische Momente dessen, was später Trotzkismus heißen sollte, gehen auf Parvus zurück. Er ist es, der den Grundstein zur Theorie der „permanenten Revolution“ legt.[33]

 

Die Revolution 1905

Im Jahr 1905 erreichen die Unruhen im Russischen Reich einen nie dagewesenen Höhepunkt. Ausgelöst werden sie durch eine zunächst friedliche Demonstration von Arbeitern, die sich in einem ruhigen Zug Richtung Winterpalais begeben, um dem Zaren eine Petition mit sozialen Forderungen zu überreichen. Die Polizei eröffnet das Feuer, wobei zahlreiche Demonstranten ums Leben kommen. Diese Katastrophe des 9. Januar 1905 geht als „Petersburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein.[34] Sie ist für Revolutionäre wie Parvus oder Trockij ein willkommener Anlass zur Agitation und zur Organisation von Streiks, die sich wie eine Welle über das Land ausbreiten. Trockij und Parvus reisen kurz darauf ins Russische Reich. Die meisten führenden Vertreter der Russischen Sozialdemokratischen Partei im Ausland, ob Menschewiki oder Bolschewiki, warten noch ab. Somit wird in den Monaten von Frühjahr bis Herbst 1905 Parvus und Trockij als Motoren der Bewegung die Initiative überlassen.[35] Parvus wirkt neben Trockij als Leiter des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten.[36] Nachdem es der Polizei jedoch gelungen war, Trockij und weitere Mitglieder zu verhaften, schafft es Parvus nicht, die Revolution weiter voranzutreiben. Im Januar 1906 wird klar, dass die Revolution keine Chance mehr hat. Parvus bleibt noch bis zum April illegal in St. Petersburg, wird dann verhaftet und nach einem mehrmonatigen Gefängnis- und Festungsaufenthalt nach Sibirien verbannt. Auf der Fahrt dorthin gelingt ihm im September jedoch die Flucht. Nach einer kurzen Rückkehr nach St. Petersburg setzt er sich im November 1909 aufgrund der erneut drohenden Verhaftung ins Deutsche Reich ab und kehrt nie mehr in seine Heimat zurück.[37]

Im Deutschen Reich nimmt Parvus seine journalistische Tätigkeit wieder auf, schreibt Artikel über politische, wirtschaftliche und sozialistische Fragen. In Berlin trifft er erneut mit seinem ebenfalls geflüchteten Freund Trockij zusammen, der inzwischen die Theorie der „permanenten Revolution“ weiterentwickelt hat. Obwohl, wie bereits erwähnt, viele Elemente dieser Theorie Parvus entlehnt sind, kommt Trockij zu anderen Schlussfolgerungen. Für Parvus ist ein Arbeiterstaat in der Tat eine Demokratie, erfordert aber nicht zwingend die Einführung des Sozialismus. Erst wenn das Land industrialisiert ist und das Proletariat somit eine Mehrheit darstellt, kann zum Sozialismus übergegangen werden. Trockij dagegen ist der Meinung, dass das Proletariat nach der Machtergreifung mehr oder weniger gezwungen sei, schnell zum Sozialismus überzugehen. Hierfür werde die russische Arbeiterschaft jedoch auf die Unterstützung der übrigen europäischen Arbeiterklasse angewiesen sein.[38]

 

Vorbereitung der Revolution 1917

Im Jahr 1910 verlässt Parvus das Deutsche Reich und zieht nach Wien. Der Hauptgrund für den Umzug ist der immer lauter werdende Vorwurf, er habe Tantiemen aus Aufführungen von Maksim Gor’kijs Drama Nachtasyl, das von Parvus’ 1902 gegründetem Verlag herausgegeben worden war, in Höhe von etwa hunderttausend Mark veruntreut.[39]

In Wien kann Parvus jedoch kein neues Tätigkeitsfeld finden und zieht deshalb im November 1910 nach Konstantinopel. Dort führt er zunächst ein recht unauffälliges Leben. Nach und nach gewinnt er, vor allem durch Wirtschafts- und Finanzgeschäfte, die Aufmerksamkeit sowohl des osmanischen Finanzministeriums wie auch der Deutschen Bank.[40] Parvus wird einflussreicher Finanzberater der osmanischen Regierung. Diesen Einfluss nutzt er auch für sich persönlich aus und tätigt gewinnbringende Handelsgeschäfte mit verschiedensten Waren. Innerhalb von nur zwei Jahren wird er zu einem wohlhabenden Mann. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Parvus durchaus willkommen, da er einerseits als Balkankenner auf der Seite des Deutschen Reiches und der Zentralmächte weitere Geschäfte und Transaktionen ausführen kann, die ihn noch reicher machen. Andererseits sieht er im Krieg einen logischen Schritt zur Verwirklichung seiner sozialistischen Ziele. Der Weltkrieg stellt für ihn einen Kampf gegen das verhasste Zarenregime dar. Die Niederlage des Russischen Reichs ist sein wichtigstes Ziel. Diese würde seiner Meinung nach die Revolution zur Folge haben, aus dem Russischen Reich würde wohl nicht gleich ein sozialistischer, aber doch ein demokratischer Staat werden. Deshalb wird Parvus zu einem bedingungslosen Befürworter der deutschen Kriegspolitik. Wichtig ist für ihn nur der Sieg über das Russische Reich.[41] Parvus unterstützt sowohl die äußeren Gegner des Zarenreiches als auch die Opposition im Inland.

Seine Wohnung in Konstantinopel wird zum politischen Treffpunkt ukrainischer, georgischer und armenischer Vertreter, die letztlich erfolglos für eine Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpfen. Parvus beschließt, sozialistische Emigrantengruppen finanziell zu unterstützen, allerdings nicht nur mit eigenen Mitteln, sondern auch mit Regierungsgeldern der Mittelmächte.[42] Bereits im Januar 1915 präsentiert er dem deutschen Botschafter im Osmanischen Reich, Freiherr von Wangenheim, einen entsprechenden Aktionsplan: „Die russische Demokratie könne“, so Parvus, „nur durch vollkommene Zertrümmerung des Zarismus und die Zerteilung Rußlands in kleinere Staaten ihre Ziele erreichen. Andererseits werde Deutschland nicht einen vollen Erfolg haben, wenn es nicht gelinge, eine große Revolution in Rußland zu entfachen. […] Die Interessen der deutschen Regierung seien daher mit denen der russischen Revolutionäre identisch.“ Aus diesem Grund solle die deutsche Regierung mit diesen ein Zweckbündnis eingehen und die Revolutionäre, die bereits an der Arbeit sind, mit größeren Geldmitteln unterstützen.[43] Kurz nach diesem Treffen macht sich Parvus zu einer Reise nach Berlin auf, wo er im Februar 1915 zu einer vertraulichen Unterredung im Auswärtigen Amt empfangen wird. Er erhält vom Auswärtigen Amt schließlich eine Summe von einer Million Mark zur Unterstützung der Revolutionäre.[44] Zusammen mit einigen wenigen russischen Sozialisten gründet er in Kopenhagen „als legale Deckorganisation für die konspirative Tätigkeit und Informationssammlung“ das wissenschaftliche „Institut zum Studium der Kriegsfolgen“.[45] Die Kontakte zwischen Parvus und der Regierung in Berlin laufen vornehmlich über den deutschen Gesandten in Kopenhagen, Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau.[46] Parvus hat sich in seiner neuen Position als Mittler zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der russisch-revolutionären Bewegung etabliert und profitiert davon auch selbst finanziell. Größere Erfolge, wie er sie der Reichsregierung wiederholt als unmittelbar bevorstehend ausmalt, bleiben jedoch aus.

Von der Februar-Revolution, die 1917 schließlich zur Abdankung des Zaren führt, kann Parvus nicht behaupten, sie sei sein Werk. Er erkennt allerdings sofort die Chance, die sich hier anbietet, und die Notwendigkeit, die Revolution weiter voranzutreiben: Lenin und sein engster Kreis müssen ins Russische Reich geschleust werden. Das ist natürlich nur mit Zustimmung und Beteiligung der deutschen Regierung möglich.[47] Nach langen, komplizierten Verhandlungen wird das Projekt im April 1917 dann tatsächlich realisiert. Es kommt zur berühmten Eisenbahnreise Lenins im verplombten Zugwaggon durch das Deutsche Reich nach Russland.[48] Was sich jedoch nicht erfüllt, sind die Hoffnungen von Parvus, auf dieser Reise mit Lenin zusammenzutreffen und sich so aktiver in die Revolution der Bolschewiki einschalten zu können. Lenin will mit dem in Deutschland aktiven Parvus nichts zu tun haben und verweigert ihm strikt ein persönliches Gespräch.[49] Auch die Bitte Parvus’, ins Russische Reich zurückkehren zu dürfen, schlägt Lenin ihm ab. „Die Sache der Revolution darf nicht mit schmutzigen Händen besudelt werden.“[50] Parvus zieht zurück ins Deutsche Reich und kauft sich eine Villa auf der Insel Schwanenwerder im Großen Wannsee. Dort lebt er bis zu seinem Tod im Jahr 1924, dem Jahr, in dem auch Lenin stirbt.[51]

 

Fazit

Aleksandr Parvus ist eine wichtige Person für die revolutionären Ereignisse im Russischen Reich und deren Verflechtungen mit München. Aus seiner Heimat nimmt er sein revolutionäres Gedankengut mit nach München, um es auf illegalem Wege wieder im zaristischen Russland zu verbreiten. Während seiner Zeit in München ist die Mitarbeit bei der Zeitschrift Iskra wohl eine seiner wichtigsten Beiträge zur Vorbereitung auf die Revolution. Als begabter Schriftsteller erzielt er mit seinen publizistischen Arbeiten, nicht nur in der Iskra, eine große politische Wirkung. Außerdem nimmt er bis zur Revolution von 1905 auch eine wichtige Rolle als Agitator, vor allem unter den russischen und osteuropäischen Studenten in München ein. Daneben nutzt er seinen Aufenthalt in München, um sein ohnehin großes soziales Netzwerk weiter auszubauen. So lernt er beispielsweise auch Vladimir Il’ič Lenin und Leo Trockij in München kennen. Trockijs Idee der „permanenten Revolution“ fußt auf der Begegnung mit Parvus in München. Seine in München geschlossene Bekanntschaft mit Lenin spielt jedoch erst in der Revolution von 1917 eine besondere Rolle. Parvus wird zum Finanzier der Oktoberrevolution. Mit Unterstützung der deutschen Regierung gelingt es ihm, Lenin zurück ins Russische Reich und damit an die Macht zu bringen. Die Organisation für Lenins Transport von der Schweiz über das Deutsche ins Russische Reich kann als sein letzter großer Beitrag zur Russischen Revolution gesehen werden. Auch wenn die Bedeutung von Aleksandr Parvus heute in der Erinnerung an die Revolution nicht sofort auffällt, wären einige geschichtliche Ereignisse ohne ihn wohl anders verlaufen.

 

Endnoten

[1] Trotzki, Leo: Mein Leben. Versuch einer Autobiographie, Berlin 1990 (zuerst Berlin 1929), S. 150.

[2] Enzensberger, Hans Magnus: Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht. Frankfurt am Main 1970, S. 237.

[3] Bäthe, Kristian: Wer wohnte wo in Schwabing? Wegweiser für Schwabinger Spaziergänge. München 1965, S. 185. Stadtarchiv München, ZA-P-373-17.

[4] Heresch, Elisabeth: Geheimakte Parvus. Die gekaufte Revolution. München 2000, S. 23.

[5] Ebd.

[6] Ebd., S. 23f.

[7] Ebd., S. 24f.

[8] Enzensberger, Hans Magnus: Freisprüche, S. 237 [vgl. Anm. 2].

[9] Heresch, Elisabeth: Geheimakte Parvus, S. 37 [vgl. Anm. 4].

[10] Hümmert, Ludwig: Zwischen München und St. Petersburg. Bayerisch-russische Beziehungen und Begegnungen von 1779 bis 1918. München 1977, S. 111.

[11] Heresch: Geheimakte Parvus, S. 40 [vgl. Anm. 4].

[12] Ebd., S. 40-41.

[13] Bäumler, Ernst: Verschwörung in Schwabing. Lenins Begegnung mit Deutschland. München 1991, S. 29.

[14] Hümmert: Zwischen München und St. Petersburg S. 111 [vgl. Anm. 10].

[15] Baur, Johannes: Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert. Wiesbaden 1998, S. 34.

[16] Scharlau, Winfried B. / Zeman, Zbyněk A.: Freibeuter der Revolution. Parvus-Helphand, eine politische Biographie. Köln 1964, S. 61f.

[17] Heresch: Geheimakte Parvus, S. 58 [vgl. Anm. 4].

[18]Lehmann, Carl/Parvus: Das hungernde Rußland: Reiseeindrücke, Beobachtungen und Untersuchungen, Stuttgart 1900.

[19] Scharlau / Zeman: Freibeuter der Revolution, S. 63 [vgl. Anm. 16].

[20] Heresch: Geheimakte Parvus, S. 57 [vgl. Anm. 4].

[21] Bäumler: Verschwörung in Schwabing. S, 36 [vgl. Anm. 13].

[22] Scharlau / Zeman: Freibeuter der Revolution, S. 64 [vgl. Anm. 16].

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Heresch: Geheimakte Parvus, S. 61 [vgl. Anm. 4].

[27] Scharlau / Zeman: Freibeuter der Revolution, S. 64 [vgl. Anm. 16].

[28] Baur: Die russische Kolonie in München 1900-1945, S. 34 [vgl. Anm. 15].

[29] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 26f. [vgl. Anm. 13].

[30] Scharlau / Zeman: Freibeuter der Revolution, S. 65 [vgl. Anm. 16].

[31] Ebd., S. 66.

[32] Baur: Die russische Kolonie in München 1900-1945, S. 33 [vgl. Anm. 15].

[33] Scharlau / Zeman: Freibeuter der Revolution. S. 238 [vgl. Anm. 16].

[34] Heresch: Geheimakte Parvus. S. 71 [vgl. Anm. 4].

[35] Ebd., S. 72f.

[36] Bäthe, Kristian: Wer wohnte wo in Schwabing? Wegweiser für Schwabinger Spaziergänge. München 1965, S. 185. Stadtarchiv München. ZA-P-373-17.

[37] Heresch: Geheimakte Parvus. S.77-78 [vgl. Anm. 4].

Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 221 [vgl. Anm. 13].

[38] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 221f. [vgl. Anm. 13].

[39] Chavkin, Boris: Alexander Parvus – Finanzier der Weltrevolution. In: Lobkowicz, Nikolaus/Luks, Leonid/Rybakov, Alexei (Hgg.): Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 11, 2 (2007), S. 31-58; online unter: http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forum/docs/Parvus.html (3.11.2018).

[40] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 222 [vgl. Anm. 13].

[41] Ebd., S. 223.

[42] Ebd., S. 224.

[43] Chavkin, Alexander Parvus, [vgl. Anm. 13].

[44] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 225f. [vgl. Anm. 13].

[45] Chavkin, Alexander Parvus [vgl. Anm. 13].

[46] Bäumler: Verschwörung in Schwabing, S. 227f. [vgl. Anm. 13].

[47] Ebd., S. 229.

[48] Ebd., S. 238.

[49] Ebd., S. 230.

[50] Chavkin, Alexander Parvus, [vgl. Anm. 13].

[51] Ebd.

Autorin

Blerina Kelmendi

Bearbeitung: Natalja Kliewer