Karel Hruza

Jan Hus. Annäherung an Konstrukte einer wirkmächtigen Vita

Am 6. Juli 1415 wurde Jan Hus vor den Mauern der Bischofsstadt Konstanz auf einem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt. Zuvor war er von dem in Konstanz tagenden allgemeinen Kirchenkonzil als verstockter Ketzer verurteilt, seiner Priesterwürde entkleidet und dem weltlichen Arm zur Urteilsvollstreckung übergeben worden. Damit ging ein Leben grausam zu Ende, das für einen Menschen des Spätmittelalters außergewöhnlich verlaufen war und dessen Nachhall bis heute zu vernehmen ist.

Der Grund dafür ist nicht nur im Erbe seiner reformatorischen Tätigkeit, sondern auch in der Tatsache zu suchen, dass Leben und Werk des Jan Hus eine weite Projektionsfläche für religiöse, nationale, politische und kulturelle Instrumentalisierungen bieten und damit in der Lage sind, Bedarf nach heldenhaften Vorbildern oder bedrohlichen Feindbildern zu stillen. Diese Instrumentalisierungen begannen sogleich nach der Hinrichtung des Prager Predigers und hatten bis weit ins 16. Jahrhundert hinein Hochkonjunktur, die sich – anders geartet – im 19. und 20. Jahrhundert wiederholte. Wie gestaltete sich aber der Lebenslauf Hussens, bei dem die 600. Wiederkehr seines Todes nicht nur Historiker und Theologen zu erneuter Betrachtung, sondern auch Repräsentanten der Tschechischen Republik und zumindest Teile der tschechischen Nation zu würdigender Erinnerung veranlasst?
 

Jan Hus – Leben und Wirken

Jan Hus wurde um 1370 im südböhmischen Husinec in einfachen ländlichen Verhältnissen geboren. Der von seiner Mutter religiös erzogene Hus besuchte eine Lateinschule und nahm an der Universität Prag ein Studium der „Freien Künste“ auf, das er, 1393 Bakkalar geworden, 1396 als Magister abschloss. In Theologie brachte er es bis zum Bakkalar. 1400 zum Priester geweiht, predigte der charismatische Redner seit 1402 auf Tschechisch in der Prager Bethlehemskapelle und äußerte deutliche Kritik am Zustand der Kirche. Anregungen empfing er aus den Schriften des englischen Theologen John Wyclif († 1384), der mit vernünftigem und logischem Denken die moralische Sinngebung der Bibel, die dem Gesetz Gottes und Christi wesensgleich sei, zu erfassen suchte. Brisanz entwickelte Wyclifs Erkenntnis, dass der Zustand der Kirche nicht biblischen Richtlinien entsprach, wofür er Habgier und weltliche Herrschaft der Geistlichen verantwortlich machte. Hus fügte in seine zentrale Schrift „De Ecclesia“ (Über die Kirche, 1412) Passagen aus Wyclifs gleichnamigem Werk ein. Auf Wyclif basierend betrachtete er die Kirche als Gemeinschaft der von Gott Erwählten, die dem ethischen Anspruch, wie er aus der Bibel und den Evangelien herauszulesen war, in ihrer Lebensführung folgten. Sei aber bei einem Menschen an seiner Lebensweise offensichtlich, dass er dem Vorbild Christi nicht folge, könne er nicht der wahren Kirche angehören und dementsprechend könnten auch alle Geistlichen, aber auch Kaiser und Könige sündigen und Irrwege beschreiten. Entscheidend war dabei, dass demjenigen, der in Todsünde lebe, in bestimmten Fällen kein Gehorsam zu leisten sei.

1408 verbot der Prager Erzbischof die Verbreitung der Werke Wyclifs und das Predigen außerhalb von Pfarrkirchen, außerdem wurde Hus aufgrund angeblich kirchenfeindlicher Äußerungen angeklagt. Nach der Änderung der Statuten an der Universität Prag durch das vom böhmischen König Wenzel ausgestellte Mandat von Kuttenberg, das der „natio“ Böhmen die Mehrheit der Stimmen in den Universitätsgremien zuerkannte und damit die anderen dort vertretenen „nationes“ (Bayern, Sachsen, Polen) in eine Minderheitenposition versetzte, wurde Hus 1409/10 zum Universitätsrektor gewählt. Auf die von der kirchlichen Obrigkeit geforderte Abgabe von Schriften Wyclifs und ein erneutes Predigtverbot reagierte er 1410 mit einer Appellation an die Kurie und initiierte damit selbst die Causa Hus, in deren Verlauf er schließlich verurteilt wurde. Wegen Ketzereiverdachts und Nichterscheinen vor Gericht wurde Hus gebannt und verließ Prag, um Unterschlupf auf dem Land zu finden, wo er ungeachtet des ihm auferlegten Verbots weiter predigte.

Der römisch-deutsche König Sigismund kam mit Papst Johannes XXIII. überein, Hus vor das Konstanzer Konzil zu laden, um dort das Verfahren gegen diesen fortzusetzen. Dieses Mal folgte Hus der Ladung und erschien im November 1414 in Konstanz, wo er alsbald verhaftet wurde. Entgegen den Regeln eines Ketzerprozesses wurde ihm mehrmals öffentliches Gehör vor einer Kommission gewährt. Hus, verbal angegriffen und ausgelacht, bestritt, bestimmte Ansichten Wyclifs vertreten zu haben und blieb in den Augen der Kommission „unbelehrbar“. Seine Kritik an hohen kirchlichen Würdenträgern deuteten die Kardinäle als Angriff auf die gesamte Kirche. Da seine Kritik an in Todsünde lebenden Menschen auch Sigismund und andere weltliche Fürsten traf, wurden sich der König und die Geistlichen umso leichter einig: Hus müsse sich dem Konzil unterwerfen und seine „Irrlehren“ widerrufen. Er sei nicht glaubwürdig in seiner Behauptung, keine Irrlehren vertreten zu haben, und sollte er frei kommen, werde er als Prediger diese wieder verbreiten. Hus machte sich keine Illusionen über sein Schicksal und ermahnte seine Anhänger in Böhmen, im Streben nach einer Kirchenreform standhaft zu bleiben. Am 6. Juli wurde er in das Konstanzer Münster geführt, wo ihm in Anwesenheit Sigismunds das mit dessen Zustimmung ergangene endgültige Urteil verlesen wurde. Als ein überführter, wahrer, offensichtlicher und verstockter Ketzer, der die Irrtümer Wyclifs vertrete, mit seinen Predigten und Texten Christen verführe, den Bann missachte und sich anmaße, direkt an Christus zu appellieren, wurde er verurteilt und anschließend verbrannt.
 

Unmittelbare Folgen und frühe Deutungen der Hinrichtung

Diese Hinrichtung stellt heute das bekannteste Ereignis des Konstanzer Konzils dar, und von ihr aus wird gewöhnlich rückblickend das Leben Hussens betrachtet. Äußerst ungewöhnlich war, dass sich zwei römisch-deutsche und böhmische Könige, zwei Päpste, drei Prager Erzbischöfe, etliche Juristen und schließlich ein großes Kirchenkonzil mit Hussens „akademischer“ Häresie beschäftigt hatten. Sein kanonischer Prozess in Konstanz verlief formal korrekt, auch wenn er für einige Anklagepunkte verurteilt wurde, die er nicht vertreten hatte. Er hatte aber hohen weltlichen wie geistlichen Würdenträgern, die gewohnt waren, dass ihnen Gehorsam geleistet wurde, die Stirn geboten und die Autorität des Konzils, über die richtige Wahrnehmung des Gesetzes Christi, des göttlichen Willens, zu entscheiden, missachtet – auch dafür wurde er verurteilt.

Etliche Konzilsteilnehmer wussten, dass mit Hussens Tod die Reformbewegung in Böhmen nicht ihr Ende finden würde. Dementsprechend wies das Konzil zuständige Herrschaftsträger an, die häretischen Lehren Wyclifs und Hussens und die sich seit dem Herbst 1414 ausbreitende Darreichung des Laienkelchs zu unterdrücken. Hus war in Prag nicht nur in eine ziemlich stabile Gruppe von intellektuellen Reformern an der Universität eingebunden gewesen, sondern hatte mit seiner langjährigen Predigertätigkeit auch bei breiten Bevölkerungsgruppen Zustimmung gefunden. Seine und seiner Lehre Ausstrahlung waren derart virulent, dass die böhmischen Reformer alsbald von außen „Hussiten“, ihre Bewegung später schließlich „Hussitismus“ bzw. „Hussitische Revolution“ genannt wurden. Die Hussiten wurden als Ketzer von der katholischen Kirche seit 1420 mit mehreren blutigen, aber letztlich erfolglosen Kreuzzügen in Böhmen bekämpft. Hus war weiterhin die Verkörperung eines fundamentalen Konflikts, seine Vita blieb Basis für Verherrlichung oder Verdammung.

Schon während seiner Inhaftierung hatten sich Adelige der Königreiche Böhmen und Polen bei Sigismund für Hus eingesetzt, und bald nach Eintreffen der Todesmeldung in Böhmen protestierten im Sommer 1415 zahlreiche Adelige in Briefen gegen die Hinrichtung und dagegen, dass das böhmische Königreich als ketzerisch verleumdet werde. Hus attestierten sie eine tadellose Lebensführung und Resistenz gegenüber Häresie. Hussens Konstanzer Schicksalstage wurden von seinem Begleiter und Schüler Peter von Mladoniowitz in einer längeren lateinischen Chronik festgehalten und Hus, der eine Imitatio Christi vollzog, zu einem Märtyrer und „Heiligen“ stilisiert: „Ich vertraue auf den Herrn, den allmächtigen Gott, um dessen Namen willen ich diese Lästerung geduldig ertrage, weil er selbst den Kelch seiner Erlösung von mir nicht wegnehmen wird, sondern ich hoffe fest, dass ich heute in seinem Reiche ihn trinken werde“, ließ Peter beispielsweise Hus in der letzten Konstanzer Gerichtssitzung sagen. Von der Chronik wurde alsbald eine tschechische Fassung erstellt und es entstanden auch kürzere, für Unterweisungen geeignetere Leidensgeschichten Hussens sowie diesen feiernde liturgische Texte. Eine katholische Quelle berichtet, dass bereits 1416 Anhänger von Hus dessen Todestag wie einen kirchlichen Festtag begingen und ihn als Märtyrer feierten. Am Ausgang des 15. Jahrhunderts erschienen Abbildungen, die ihn mit einem großen, von einem Nimbus unterlegten Ketzerhut zeigen.

Eine anders ausgerichtete Kurzvita fügte Kardinal Aeneas Silvius Piccolomini in seine „Böhmische Geschichte“ von 1458 ein. Er argumentierte folgendermaßen: Hus, der als Tscheche einem wilden Volk angehörte, war von zweifelhafter Herkunft („obscuro loco natus“) und ragte unter den Hassern der Deutschen („qui Theutonicorum odio tenebantur“) hervor. Er hatte aber einen scharfen Verstand, war eloquent, beschäftigte sich viel mit Dialektik und setzte sich gerne mit fremden Ansichten auseinander. Hus griff nach der Doktrin Wyclifs, um die deutschen Magister von der Prager Universität zu vertreiben. Als das misslang, erwirkte er bei König Wenzel eine Änderung der Universitätsstatuten, woraufhin die Deutschen abzogen. Als der ein makelloses Leben führende Hus glaubte, genügend Vertrauen zu besitzen, verbreitete er öffentlich das ketzerische Gift. Eigennützige Priester und auch Gelehrte folgten ihm, und um die Seelen gemeiner Leute zu gewinnen, sagte Hus, wer den Geistlichen zukommende Abgaben nicht leisten wolle, könne das verweigern. Schließlich wurde Hus berechtigterweise in Konstanz als verstockter Ketzer verbrannt, aber von den Tschechen wie ein Märtyrer in Ehren gehalten.

Diese vom Chronisten Peter von Mladoniowitz und von Kardinal Piccolomini erdachten und „konfessionell“ bedingten zwei Leben Hussens, diese Juxtaposition zweier „Personen“, existieren in gewisser Weise bis in die Gegenwart und wurden seit dem 19. Jahrhundert um neue „Hus-Personen“ ergänzt. Schon zu Beginn der deutschen Reformation erfuhr Hus die würdigende Aufmerksamkeit etwa Martin Luthers und Thomas Müntzers. Berühmtheit erlangte Luthers Briefstelle von 1520: „Wir sind alle Hussiten.“ 1558 brachte der Lutheraner Matthias Flacius Werke Hussens zum Druck. Ein anderer Lutheraner, Zacharias Theobald, fügte in sein Werk „Hussitenkriege“ von 1621 ein überaus positives Hus-Porträt ein. In Zuge dieser Wertschätzungen wandelte man Hus zu einem bärtigen asketischen Märtyrer, wie damalige Porträtbilder belegen. Der Weg zu Hus, dem „heiligen Märtyrer“, war eingeschlagen. Das Bild eines vom wahren christlichen Weg abgekommenen Hus zeichnete dagegen der böhmische katholische Priester Václav Hájek von Libočany in seiner „Tschechischen Chronik“ von 1541. Noch schärfer, als allübelster Sünder, wurde Hus vom Luther-Gegner Johannes Cochlaeus beurteilt, der Mitte des 16. Jahrhunderts die „Geschichten der Hussiten“ verfasste.
 

Nationale Färbung des Hus-Bildes seit dem 18. Jahrhundert

Im ausgehenden 18. Jahrhundert bemühte sich der böhmische katholische Historiker und Slawist František Martin Pelcl um eine ausgeglichenere Darstellung Hussens und erkannte in ihm, der einer „Mordtat“ zum Opfer fiel, auch eine Führungsperson der tschechischen Nation. Das hatte im Zeitalter der „nationalen Wiedergeburt“ der Tschechen Zukunft: Der Protestant und Privatgelehrte František Palacký idealisierte den Märtyrer Hus und die Hussiten in seiner umfangreichen „Geschichte von Böhmen“, in die er einen längeren Lebenslauf Hussens einflocht. Seit damals wird in allen Gesamtdarstellungen der tschechischen Geschichte Hus und der hussitischen Epoche viel Platz eingeräumt. Obwohl Palacký die europäischen Reformationen mit den hussitischen Reformern beginnen ließ, erschienen ihm Hussens „demokratische“ und nationaltschechische Anliegen bedeutender als die kirchenreformerischen. Seit Palacký, dem „Vater der Nation“, wurden Hussens Bemühungen um die tschechische Kultur zu einem Bestandteil des tschechischen kollektiven Geschichtswissens.

Allerdings zeigte Palacký weder Sympathien für religiösen militanten Fanatismus noch für die Zerstörungswut während der Hussitenkriege. Mit in Teilen bis heute nicht ersetzten zahlreichen Editionen hussitischer Quellen untermauerte Palacký seine Meistererzählung auch wissenschaftlich. Widerspruch kam – wie konnte es anders sein – von deutscher und von katholischer Seite: Der Wyschehrader Propst Antonín Lenz wollte zeigen, dass Hus nicht als Märtyrer für seine Überzeugungen gestorben sei. Der katholische Universitätsprofessor Konstantin Höfler sah in ihm einen Häretiker und Lügner, Feind der Deutschen und Initiator einer zerstörerischen Revolution, und der Czernowitzer Universitätsprofessor Johann Loserth schließlich schmälerte die Originalität der Werke Hussens, indem er 1884 pedantisch Übernahmen aus den Schriften Wyclifs nachwies. Der nationalen Entdeckung Hussens folgte schnell seine nationale Instrumentalisierung: Er war nicht nur ein wissenschaftlich und nationalpolitisch umstrittenes Objekt, sondern ebenso eines für Künstler verschiedenster Gattungen, vielleicht auch zuweilen mit dem Hintergedanken: Hus sells.
 

Wissenschaftliche Biografien seit dem frühen 20. Jahrhundert

Die Reihe wissenschaftlicher monografischer Hus-Biografien eröffnete 1901 der Katholik Václav Flajšhans, der in Hus einen überragenden Theologen sah. Das Rennen um die große Biografie, die 1915 zum 500. Todestag von Hus erscheinen sollte, gewann der in Brünn lehrende Historiker und katholische Theologe Jan Sedlák. Im Vorwort benannte er als ein Ziel seines materialreichen Werks „Magister Jan Hus“: Aus dem Wirken Hussens möge „das Motto des Friedens, die religiös-moralische Erhebung des tschechischen Volkes und aufopferungsvolle nationale Arbeit“ hervorgehoben werden, „keinesfalls aber das Motto des Kampfes, der Ablehnung der katholischen Kirche“. Sedláks Schlusswort lautet: Hus habe eine religiöse Bewegung verbreitet, die anstatt der Erneuerung der Kirche „für lange Zeit einen großen Teil der Nation von dieser getrennt, die tschechische Nation in Auseinandersetzungen und grausame religiöse Kämpfe verwickelt und ihrem kulturellen Leben tiefe Wunden zugefügt hat“.

Kurz nach der Gründung der Tschechoslowakei nahm der Prager Universitätsprofessor Václav Novotný in seiner zweibändigen Hus-Biografie „M. Jan Hus. Život a dílo“ (Magister Jan Hus. Leben und Werk) aus den Jahren 1919/21 eine in der Tradition Palackýs stehende Sicht auf Hus ein. Novotný, durch zahlreiche Editionen hussitischer Quellen als Fachmann ausgewiesen, verankerte Hussens Lehre fest im böhmischen Milieu und minderte so Wyclifs Einfluss: Der insgesamt positiv konnotierte Hus wurde (noch) tschechischer und Novotnýs Sicht der Dinge zum tschechischen Mainstream bis zum Beginn der stalinistischen Diktatur. Am Ende der Biografie stehen Worte der Mladoniowitz-Chronik: Hussens Asche sei in den Rhein gestreut worden, da den Tschechen keine Reliquien erhalten bleiben sollten. „Aber diesen blieb eine dauerhaftere Erinnerung“, fügte Novotný hinzu.

Von Novotný hob sich dessen Kollege Josef Pekař ab, der im historischen Wirken Hussens und der Hussiten keine wesentlichen gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritte und keine heroische Epoche tschechischer Geschichte erkennen konnte. Pekař kritisierte im Streit um den „Sinn der tschechischen Geschichte“ auch den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk, der Hus als moralische Instanz mit reformatorischer, sozialer und nationaler Virulenz für seine politischen Ideen benutzt hatte. Dementsprechend nahmen Masaryk und etliche Regierungsmitglieder 1925 an Hus-Gedenkfeiern teil, um sich sogleich den Protest des Vatikans einzuhandeln, der seinen Nuntius zurückberief. Hus musste überhaupt für viele nach Vorbildern suchende Politiker herhalten. Erwähnt werden soll, dass ein junger italienischer sozialistischer Journalist 1913 eine auf Basis weniger Bücher entstandene Broschüre veröffentlichte, in der er Hus zum wahrheitsliebenden Kämpfer gegen die Tyrannei weltlicher und kirchlicher Machthaber stilisierte. Der Titel lautete „Giovanni Huss. Il veridico“, der Autor hieß Benito Mussolini.

Ebendieser Mussolini war 1938 an der Durchsetzung des Diktats von München beteiligt, das die Abtretung der mehrheitlich von Deutschen bewohnten Grenzgebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich regelte. 1939 erklärte Deutschland schließlich den Rest Böhmens und Mährens zu seinem „Protektorat“. Die auf Palacký fußende geschichtlich-nationale Tradition der Tschechen und das nationale Idol Jan Hus missfielen der Besatzungsmacht, die eine deutschvölkische Geschichtsauffassung durchsetzen wollte. Melchior Vischer, Schriftsteller sudetendeutscher Herkunft, publizierte 1940 eine zweibändige populärwissenschaftliche Hus-Biografie. Vischer hatte sich, wie seine Anmerkungen ausweisen, tief in die Materie eingelesen. Sein Ergebnis war überraschend und der NS-Zensur gar nicht genehm, ein Verbot der Schrift soll angedroht worden sein. Vischer präsentierte nämlich ohne antitschechische Vorurteile oder Rassismen einen positiv konnotierten Hus und schloss mit den Widerstand legitimierenden Worten: Hus „log nicht, als er den Seinen zurief, er wolle die Wahrheit bis zum Tode verteidigen. Er hielt Wort. Und darum fand auch sein Volk immer wieder zu ihm zurück, nicht zu ihm, dem einstigen sterblichen Ketzer, sondern zu ihm, dem unsterblichen Zeugen geistiger Standhaftigkeit.“
 

Hus-Bilder in der Nachkriegszeit und in der ČS(S)R

In der Nachkriegszeit präsentierte der protestantische Hussitologe František Michálek Bartoš in dem mit „Čechy v době husově 1378–1415“ (Böhmen in der Zeit Hussens 1378–1415) betitelten Band II/6 der renommierten Reihe „Tschechische Geschichte“ von 1947 ein durchwegs positives „bürgerliches“ Bild Hussens, der in seinem Widerstand gegen Konzil und König revolutionäre Züge zeigt. Von knapp 450 Textseiten ist ca. ein Drittel Hus gewidmet. Bartoš schloss ähnlich wie Novotný: Nichts sollte in Konstanz den Tschechen von Hus bleiben, aber es blieben die dort geschriebenen Briefe des Magisters als sein geistiges Vermächtnis. Und: „Der Scheiterhaufen, der seine Aufgabe so gründlich verrichtet und den Leib des böhmischen Magisters so vollkommen verzehrt hat, begann nun in seiner fernen Heimat ein für das Konzil fürchterlicheres Feuer zu entzünden.“ Bartoš ließ 1965/66 in derselben Reihe noch den Band „Hussitische Revolution“ folgen. Waren in der „Tschechischen Geschichte“ die Bände sonst generell nach Herrschern bzw. Dynastien benannt, so erschien es anscheinend nicht opportun, die heroische Hussitenzeit unter den Namen des schwachen König Wenzel und Hussens „Verräter“ Sigismund darzustellen.

Zwischenzeitlich wurde Bartoš von links überholt. Nachdem sich marxistisch ausgerichtete Historiker wie Jan Slavík oder Zdeňek Nejedlý bereits zuvor mit dem Hussitismus beschäftigt hatten, erschien in der kommunistischen Tschechoslowakei 1961 das Werk „Husitská ideologie“ (Hussitische Ideologie) von Robert Kalivoda. Er stülpte ungeniert den festen Mantel des historischen Materialismus über hussitische Schriften und unterstellte Hus, eine „soziale Philosophie“ mit einem revolutionären Kern erdacht zu haben.

Der führende kommunistische Hussitismus-Forscher, Josef Macek, produzierte ein populärwissenschaftliches, aus nationalem Substrat erwachsenes geschlossenes marxistisches Narrativ zu Hus. Es erschien 1962 in der Reihe „Vermächtnisse fortschrittlicher Persönlichkeiten unserer Geschichte“. Jetzt fungierte Hus als militanter Revolutionär, tschechischer Patriot und weiser Ratgeber seines Volkes, der – seiner Zeit voraus – gegen feudale Unterdrückung vorging und für eine sozial gerecht organisierte Gesellschaft eintrat. Er sei Protagonist eines Patriotismus gewesen, dem es freilich nicht an internationaler Solidarität gefehlt habe, wodurch er dem „sozialistischen Patriotismus und dem proletarischen Internationalismus“ ein Vorbild sei.

Der revolutionäre Wandel der damaligen tschechoslowakischen Gesellschaft, in der die Hus-Tradition fortlebte, spiegelte sich gemäß Macek direkt in den Vorgängen im hussitisch-revolutionären Böhmen wider. Macek mahnte an, dass Hus, „auch heute unser Helfer, Freund, Lehrer und Ratgeber“, nicht von Kirchen oder der Bourgeoisie, von ihren „Salon-Hussiten“, vereinnahmt werden dürfe. Er gehöre dem einfachen Volk. Für dieses Volk habe er sich um eine Volkskultur, aus der die tschechische Nationalkultur erwachsen sei, bemüht. Hussens Lehre sei deswegen lebendig, weil sie (sozial-)revolutionär sei – und heutige Revolutionäre könnten noch von Hus lernen. Die „Wahrheit Hussens, die Wahrheit des Volkes, die Wahrheit des Sozialismus und Kommunismus siegt bei uns und wird auf der ganzen Welt siegen“.

Einige Jahre früher hatte Macek als historischer Berater in dem Filmregisseur Otakar Vávra einen kongenialen Partner gefunden und am fast zweistündigen Spielfilm „Jan Hus“ (1954) mitgearbeitet. Die opulente Meistererzählung – Teil einer filmischen Trilogie zur Hussitischen Revolution – wird vom Leitmotiv „Wahrheit“ durchzogen, Themen wie „Kirchenreform“ oder „Leben nach dem Vorbild Christi“ spielen keine wesentliche Rolle, denn die von Hus erkannte „Wahrheit“ liegt in der Erlösung des einfachen Volkes von der Ausbeutung durch feudale Obrigkeiten.

Die „Wahrheit“ des Jan Hus faszinierte weiterhin die Historiker. Noch 1988 schloss der tschechische Hussitologe František Šmahel eine Hus-Studie mit den Worten: „Hussens ICH WIDERRUFE NICHT überwand allerdings die Mauern von Ort und Zeit, um mittels der revolutionären Erhebung des tschechischen Volkes als Appell zum unerschrockenen Kampf für die Wahrheit durch die Geschichte getragen zu werden.“ Der den kommunistischen Machthabern unliebsame Šmahel wird vermutlich nicht die „Wahrheit“ im Sinne Maceks gemeint haben, möglicherweise aber die „Wahrheit“ als Erkenntnis der wahren politischen und gesellschaftlichen Zustände in der damaligen Tschechoslowakei. Wurde Hus wieder zum Helfer der Tschechen in Not?
 

Hus als nationaler Gegner

Hatte man in der Tschechoslowakei der 1950er Jahre den „Kommunisten“ Hus erfunden, so wurde von einigen Autoren in Westdeutschland erneut das Bild von Hus als Deutschenhasser bemüht. Der sudetendeutsche „Volksbildner“ Emil Franzel präsentierte in seiner „Sudetendeutschen Geschichte“ von 1958 ein entschieden negatives Bild: „Hus scheint die Lehren des Engländers [Wyclif] vor allem deshalb so leidenschaftlich verteidigt zu haben, weil sich die tschechische Reformbewegung dadurch von der deutschen unterscheiden konnte. […] Hus wollte nicht gemeinsam mit Deutschen auftreten, nicht gleiche Ziele wie sie anstreben. Ein glühender tschechischer Nationalismus, eine weitgehende Gleichsetzung der Religion mit der Nation, worin er ein Vorläufer der Nationalisten des 19. Jahrhunderts war, kennzeichnet seinen Kampf. Er erwarb sich große Verdienste um die Höherentwicklung der tschechischen Sprache, um die Reform der Rechtschreibung, um die Literatur seines Volkes, aber der Haß gegen die Deutschen war immer wieder der entscheidende Antrieb seiner Handlungen.“

Dieser Negativ-Hus wurde weitertransportiert, etwa vom sudetendeutschen Historiker Friedrich Prinz, konnte sich aber wissenschaftlich nicht durchsetzten. Der junge Historiker Ferdinand Seibt, auch er sudetendeutscher Herkunft, begann Mitte der 1950er Jahre mit seinen wissenschaftlichen Studien und entkleidete Hus und den Hussitismus von nationalen Zwängen – und dies noch vor seinen tschechischen Kollegen, mit denen er zunächst nur dürftigen Kontakt pflegen konnte. Im tschechoslowakischen Schicksalsjahr 1968 publizierte der tschechisch-amerikanische Kirchenhistoriker Matthew Spinka mit „John Hus. A Biography“ die erste große englische Hus-Biografie, in der Hus zwar zum mittelalterlichen Kirchenreformer zurückgeführt, aber dabei zur fast unfehlbaren Person erhoben wurde. Der ehemalige DDR-Historiker Ernst Werner schließlich verband in seiner Biografie „Jan Hus. Welt und Umwelt eines Prager Frühreformators“ von 1991 diesen mit religiösen Reformbestrebungen, denen soziale Änderungen kohärent waren, aber einen vorbildhaften Sozialrevolutionär konnte er nicht erkennen.
 

Allmähliche Entpolitisierung

Bereits vor der Wende 1989 begannen Historiker in Ost und West entpolitisierte und entnationalisierte Hus-Studien zu betreiben, und nach 1989 gelang es erfreulich schnell, zahlreiche Hus-Forscher in großen internationalen und überkonfessionellen Konferenzen zusammenzuführen. 1993 versammelte man sich in Bayreuth und 1999 – angestoßen von Papst Johannes Paul II. – sogar an der päpstlichen Universität in Rom. Die zugehörigen umfänglichen deutschen und tschechischen Sammelbände von 1997 und 2001 sind durchaus als Meilensteine der Forschung zu qualifizieren. Seitdem sind, zuletzt im Zuge des gegenwärtigen Gedenkens an den 600. Todestag Hussens, zumindest fünf erwähnenswerte Biografien erschienen.

Der Tübinger Historiker sudetendeutscher Herkunft Peter Hilsch lieferte in seinem Werk „Johannes Hus. Prediger Gottes und Ketzer“ von 1999 eine solide, sachliche und unaufgeregte Biografie für einen breiten Leserkreis. Hus ist bei ihm zuvorderst ein spätmittelalterlicher Gelehrter und Prediger, der eine wesentliche Erneuerung „seiner“ katholischen Kirche anstrebte. In ähnlicher Fahrbahn bewegt sich Thomas Krzenck aus Leipzig mit seinem Buch „Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer“ von 2011. Dieses Werk ist allerdings eine nicht fehlerfreie und recht schwerfällige Summa der Forschungsliteratur.

Die jüngsten Biografien verfassten die Prager Historiker Pavel Soukup und František Šmahel. Letzterer bietet in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Jan Hus. život a dílo“ (Jan Hus. Leben und Werk) von 2013 ein geschlossenes Narrativ auf neuestem Forschungsstand mit einer positiven Einstellung zu Hus. Šmahels literarisch anspruchsvolle Prosa geht mit einigen Annahmen über eine reine wissenschaftliche Darstellung hinaus, ohne aber ein mit nationalem Pathos aufgeladenes Denkmal wiederzubeleben, zumal der Autor einem „nationalen Fetisch“ Hus strikt ausweichen wollte. So erscheint hier ein insgesamt moderner dekonstruierter „tschechischer“ Hus. Der jüngere Hussitologe Soukup hat mit „Jan Hus. Leben und Tod eines Predigers“ (2014/15) die wissenschaftlich beste neue Hus-Biografie verfasst, die erfreulicherweise sowohl in deutscher als auch tschechischer Fassung vorliegt. Soukup steht fast durchgehend mit den Quellen in Diskussion, entwirft ein gelehrtes und differenziertes Bild Hussens sowie seiner sich verändernden Gedankenwelt und bleibt bei allem erfreulich emotional distanziert.

Genau das hat Thomas A. Fudge mit seiner wissenschaftlich ambitionierten Biografie „Jan Hus. Religious Reform and Social Revolution in Bohemia“ von 2010 nicht beabsichtigt. Fudge führt – wissenschaftlich ein Rückschritt – Hus zu einer neuerlichen Apotheose eines für die heutige Welt vorbildhaften Moralisten und Widerständlers: „Jan Hus was a great man. Some of his ideas were salutary. […] He died heroically. He was a good man, ethically upright, morally sound, committed to principle, honor and integrity. […] He is a man worthy of admiration and rightly acknowledged as a person of historic importance. He should be numbered among the martyrs of the Christian faith and the fathers of the Czech nation.“

Soukup dagegen schreibt: „Hus’ Entschlossenheit, seinen Prinzipien treu zu bleiben, entbehrt nicht einer gewissen Größe. Ein unnachgiebiges Festhalten an seiner Wahrheit muss man allerdings heute, in einer Zeit des radikalen Fanatismus aller Art, nicht unbedingt als einen nachahmenswerten Wert herausstellen. Will man das Positive an Hus’ Persönlichkeit anerkennen, so darf dies nicht nur in der Verteidigung gewisser Prinzipien stehen bleiben, sondern sollte ebenso in diesen Prinzipien selbst begründet sein.“ Dem ist nichts hinzuzufügen!
 

Fazit: Hus als vielseitige Projektionsfläche

Allen Hus-Biografien ist gemeinsam, dass sie positivistisch ausgerichtet und größtenteils auch chronologisch gegliedert sind. Und bei fast allen ist zu beobachten, dass sie zwar in verschiedenen Graden, aber doch stellenweise zu sehr einigen Quellenaussagen vertrauen – und damit auf eine Quellenkritik verzichten, die vor allem bei in Konflikt- und Extremsituationen entstandenen Dokumenten unabdingbar ist. Wohl alle Biografen wollten den „wahren“ Hus finden und fanden nur den aus ihrer Sicht „wahren“. Einige haben das deutlich erkannt, manche nicht. Ein Aufdecken der damaligen „Realität“ Hussens ist ebenso unmöglich wie eine Rückkehr zu dieser „Realität“. Der „wahre“ Hus ist der Menschheit für immer entschwunden und aus den Quellen nur als Konstrukt seiner Biografen fassbar. Das gilt auch für den „Menschen“ Hus, der etwa in seinen fremdenfeindlichen Aussagen deutliche Zeichen menschlichen Daseins hinterlassen hat, die einer eingehenden Untersuchung wert sind.

Es fällt schließlich auf, dass viele Autoren Sympathien für einen Menschen zeigen, der um seiner Ideale Willen in den Tod ging, auch wenn jeder Autor diese Ideale etwas anders darstellt und ihnen selbst überhaupt nicht folgen muss. Den Weg zur Heldenverehrung haben einige durchaus bewusst eingeschlagen. Idealisierung und Verurteilung von Hus beruhen aber auf anachronistischen Kontextualisierungen, auf einer Herausnahme seiner Person aus den historischen Kontexten und damit verbundenen bewussten Anreicherungen mit bestimmten Momenten. So ist zu erklären, warum dem Leser geradezu verschiedenste Hus-Leben und Hus-Lehren begegneten und immer noch begegnen. Der tschechische Theologe Otakar A. Funda hat Hus einen „Märtyrer des moralischen Anspruchs“ genannt. Eine sehr wesentliche Wertung, denn Hus strebte mit einem utopischen Kirchen- und Gesellschaftsbild nach einer streng christlichen Gesellschaft, die deswegen – damals wie heute – nicht zu verwirklichen ist, weil sie an der andauernden sittlichen Gebrechlichkeit des Menschen scheitert.

 

Über den Autor Karel Hruza: Arbeitsgruppe Regesta Imperii im Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

 

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