Die Sicht des "Simplicissimus" auf den Aufbau von Nationalstaaten in Polen und der Tschechoslowakei

 

Nach dem Ersten Weltkrieg ordnet Europa sich neu: Die großen europäischen Imperien wie die Habsburger Monarchie und das Russische Kaiserreich brechen zusammen, und es entstehen Nationalstaaten, die das europäische Gefüge bis heute bestimmen. An der östlichen Grenze der Weimarer Republik bilden sich die Tschechoslowakei und die Zweite Polnische Republik, die ihren Niedergang in der Aggressionspolitik der Nationalsozialisten finden. Die Beziehungen der deutschen Republik zu ihren neuen Nachbarn finden Widerhall in der deutschen Öffentlichkeit – nicht zuletzt in Satirezeitschriften, wie dem Münchener Simplicissimus.

In diesem Essay möchte ich mich mit der Sichtweise des Simplicissimus auf den Aufbau der Nationalstaaten in den beiden östlichen Nachbarländern beschäftigen. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit Polen und der Tschechoslowakei - anstatt einer einzelnen Betrachtung eines Landes - ergibt sich zunächst einmal aus der eben schon angesprochenen geographischen Nähe und der Tatsache, dass sowohl Polen als auch die Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg neue Nationalstaaten – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise – bilden. Bei einer Betrachtung der Karikaturen und Texte aus dem Simplicissimus bietet sich ein Zusammenfassen dieser beiden Staaten für eine Analyse förmlich an, da genau diese genannten Ähnlichkeiten offensichtlich zu einer sehr ähnlichen Bewertung durch die Karikaturisten des Simplicissimus führten. Dennoch wird bei einer Betrachtung auch deutlich, dass die Republik Polen eine stärkere Stellung in der Satirezeitschrift einnimmt als die Tschechoslowakei. Dies ist kein Alleinstellungsmerkmal des Simplicissimus: Auch in der deutschen Literatur werden die deutsch-polnischen Beziehungen häufiger rezipiert als die deutsch-tschechoslowakischen. Der Grund dafür lässt sich vor allem in der Geschichte der Gebiete des entstehenden Polens und der Tschechoslowakei finden. Letzteres war als ehemaliger Teil des Habsburgerreiches weit weniger mit dem Deutschen Reich verbunden als große Teile der Zweiten Polnischen Republik, deren westliche Gebiete vor dem Ersten Weltkrieg zum Deutschen Reich gehört hatten. In der Weimarer Republik konnte so für die ehemaligen Reichsbürger, die deutsche Minderheit in Polen, weit mehr Anteilnahme aufgebracht werden als für die deutschen Bewohner der Tschechoslowakei.[1] Dieser verstärkte Fokus auf Polen wird angesichts des zu untersuchenden Materials aus dem Simplicissimus auch in diesem Essay wieder zu erkennen sein. Dennoch wird eine ausgleichende Perspektive angestrebt, die sowohl die Merkmale der Darstellung des polnischen als auch des tschechoslowakischen Staates differenziert darstellt und zugleich ihre Gemeinsamkeiten hervorhebt.

In diesem Essay soll gezeigt werden, dass die im Simplicissimus geschaffenen Bilder Polens und der Tschechoslowakei sich erstens sehr ähneln und sich dabei zweitens auf einige immer wiederkehrende, teilweise überlappende und vornehmlich negative Stereotype stützen, die für das Bild prägend sind. An dieser Stelle erscheint es sinnvoll auf den Unterschied zwischen Bild und Stereotyp hinzuweisen: Tomasz Szarota stellt fest, dass es sich bei einem Bild um eine „verallgemeinernde Wertung (Urteil, Meinung) betreffs einer bestimmten nationalen oder ethnischen Gruppe“ handelt, die „neben Elementen eines traditionellen Stereotyps auch Feststellungen, die aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen resultieren“[2]  beinhaltet. Bezogen auf den vorliegenden Essay bedeutet dies, dass eine Untersuchung des Bildes des Simplicissimus von beiden Staaten erfolgt, indem einzelne Stereotype analysiert werden. Subjektive Betrachtungen und Erfahrungen, die das Bild über die neuen Staaten ergänzen und mitaufbauen, können in die vorliegende Analyse nicht mit einbezogen werden, da der Simplicissimus als Text- und Bildquelle nicht dazu dient, persönliche Wahrnehmungen zu untersuchen.

Eine klare Unterscheidung zwischen der Tschechoslowakei und Polen als Staat und den Tschechoslowaken und Polen als Nation beziehungsweise Volk ist nicht immer möglich. So bezieht sich auch Szarota in seiner Darstellung des Polenbildes auf das „Bild von Polen und den Polen“.[3] In diesem Essay soll im Vordergrund stehen, welche Sichtweise der Simplicissimus auf die Schaffung der neuen östlichen Nationalstaaten hatte. Die Analyse der Darstellung der staatlichen Handlungsfähigkeit, der internationalen Beziehungen sowie wichtiger Repräsentanten der Staaten im Simplicissimus steht im Fokus.

 

Bilder über den polnischen und tschechoslowakischen Staat im Simplicissimus

Die bilateralen Beziehungen der Weimarer Republik zu ihren beiden östlichen Nachbarn waren – gelinde gesagt – kompliziert. So wird Deutschland eine „augenfällige Gegnerschaft dem jungen tschechoslowakischen Staat gegenüber“[4] attestiert. Die polnische Republik wird als außenpolitischer Gegner wahrgenommen.[5] Dieses Verhältnis der Weimarer Republik zu Polen und der Tschechoslowakei basiert auf unterschiedlichen Aspekten in der Entstehung der Nationalstaaten. Der Simplicissimus setzt sich mit den beiden Staaten vor allem kurz nach ihrer Gründung intensiv auseinander, Mitte/Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre erscheinen noch vereinzelte Karikaturen und Texte. Der Untersuchungszeitraum dieses Essays endet mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Der Quellenkorpus für dieses Essay basiert auf insgesamt 20 Karikaturen und Texten, wobei der größere Teil davon – wie schon angekündigt – auf Polen bezogen ist.

 

Lächerliches Staatsgebilde

Als erstes soll hier das Stereotyp eines lächerlichen Staatsgebildes in Polen und der Tschechoslowakei dargestellt werden. Die Auseinandersetzung mit diesem Stereotyp ist zu Beginn der Bilderanalyse der beiden Staaten sinnvoll, da es auch im Zusammenhang mit anderen Stereotypen, auf die in diesem Essay eingegangen wird, häufig auftritt. Das Stereotyp eines lächerlichen Staates basiert auf der Annahme, dass die Staaten künstlich geschaffen worden seien und das Volk aus Mangel an Zivilisiertheit eigentlich nicht dazu bereit sei, einen Nationalstaat zu bilden. Besonders deutlich werden diese Unzivilisiertheit und Lächerlichkeit des Staates zunächst durch die Personifizierung Polens als Schwein. So erschien im Jahr 1920 die Karikatur „Danzig“[6] [s. Abbildung 1], auf der ein polnischer Neptun in Gestalt eines Schweins in einem Tümpel badet, wobei auf den neuen Meerzugang der polnischen Nation verwiesen wird. Das Schwein trägt eine Rogatywka (Militärmütze der polnischen Armee) als Erkennungszeichen der Polen. Die Darstellung als Schwein lässt sich laut Szarota als Lächerlichmachung des Feindes auffassen.[7] Ein weiteres Motiv ist, dass ein Pole von Schweinen umgeben ist, wie bei der Karikatur „Krapulinski und Waschlapski“[8] aus dem Jahr 1918:[9] Ein Adeliger, umgeben von Schweinen, sagt: „Wir ruhen nicht, bis wir nicht Danzig haben“. Die Ambitionen des jungen Staates werden durch die Verbindung mit Schweinen als absurd und lächerlich hingestellt.

Für die Tschechoslowakei ist in diesem Zusammenhang die Karikatur „Tschechiens Aufstieg“[10] [s. Abbildung 2] aus dem Jahr 1924 besonders bezeichnend. Die Präsentation eines Tschechen, der stolz inmitten einer Benzinlache steht, die von Ratten bevölkert wird und der dabei selbst von Benzin verschmutze Kleidung trägt, lässt zusammen mit dem Titel der Karikatur darauf schließen, dass die Entwicklung der Tschechoslowakei auf Schmutz und Ungeziefer basiert. Die Unterschrift der Karikatur „Wir marschieren in der ersten Reihe der europäischen Nationen.“ lässt wie im Falle Polens die Ambitionen und eigenen Ansprüche des Staates als lächerlich dastehen. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass im Widerspruch zu der Karikaturunterschrift der Tscheche auf der Karikatur asiatische Gesichtszüge vorweist. Der Zeichner der Karikatur Eduard Schilling bedient sich hier des Mittels eines Bild-Text-Widerspruchs. Der Tschechoslowakei wird so die europäische Identität abgesprochen, die sie laut der Unterschrift für sich beansprucht.

Ähnlich wird die Volksabstimmung in Oberschlesien im Jahr 1921 im Simplicissimus dafür genutzt, den polnischen Staat als heruntergekommenes Gebilde zu präsentieren, dessen Bürger auf einer Müllhalde hausen, während im deutschen Staat der Bürger ein vernünftiges Haus mit Garten hat[11] In dieses Verständnis Polens als lächerliches Staatsgebilde lässt sich auch die „Polnische Wirtschaft“ als Symbol für Unordnung, Chaos und Schmutz einordnen, wie es beispielsweise in der Karikatur „Spartakus“ aus dem Jahr 1919[12] aufgegriffen wird. In seiner Monografie zur „Polnischen Wirtschaft“ zeigt Hubert Orłowski, dass das Stereotyp der „Polnischen Wirtschaft“ schon in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war. Damit ist dieses Stereotyp eines der ältesten und gebräuchlichsten nationalen Stereotype über Polen, das auch im Simplicissimus Eingang findet.[13]

Immer wieder lassen sich auch kleinere Einschübe im Simplicissimus erkennen, die auf die Unzulänglichkeit der beiden Staaten hindeuten: So wird in dem kurzen Gedicht „Sommerkarussell“[14] darauf hingewiesen, dass „in Polen herrscht, wer mag“, und die Tschechoslowakei vorgibt „eine »Höhere Schweiz« zu sein“.[15] Der Simplicissimus bezieht sich an dieser Stelle auf den innertschechoslowakischen Diskurs einer „tschechoslowakischen Schweiz“. Während der Zwischenkriegszeit wurde das „Schweizer Konzept“, als Muster für ein deutsch-tschechisch-slowakisches Zusammenleben, immer wieder aufgegriffen.[16] Darüber hinaus wird die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei im Jahr 1918 als ein „selbstständig machen“[17] beschrieben, was mehr an ein Unternehmen oder einen jungen Erwachsenen erinnert als an einen ernstzunehmenden Staat.

 

Gieriger, expansiver Staat

Diese negative Zeichnung Polens und der Tschechoslowakei als lächerliche Staaten kann erweitert werden durch die Darstellung der beiden Länder als Staaten, die expansionistische Absichten verfolgen, die wiederum als illegitim zu verstehen sind. Im Jahr 1918 erschien im Simplicissimus ein kurzer Text, der die vermeintliche Absurdität der Gebietsansprüche der Tschechoslowakei und Polens vereint:

„Wenn die Polen beim künftigen Friedenskongreß den Zugang zur Ostsee und die alte deutsche Stadt Danzig für sich beanspruchen, werden wohl auch die Tschechen nicht zurückstehen und gleichfalls bis ans Meer vorrücken wollen.“[18]

Die darauffolgende Erklärung, dass eine „historische Begründung“ für diese Ansprüche in dem Theaterstück „Ein Wintermärchen“ von William Shakespeare zu finden sei, verstärkt den Eindruck, dass es sich hierbei um aberwitzige Ideen der beiden Staaten handelt. Diese nicht besonders bedrohliche Darstellung der „gierigen“ Staaten wird im Falle Polens durch ein aggressives Verständnis der polnischen Außenpolitik ergänzt. Die Karikatur „Vogelfrei“[19] [s. Abbildung 3] aus dem Jahr 1918 zeigt einen Wolf, der eine Rogatywka trägt und hinter zwei deutschen Soldaten steht. Für den Fall eines Angriffs des Wolfs erklärt der eine Soldat dem anderen, dass er ihn „auf die Demarkationslinie aufmerksam machen solle“. Die Personifizierung des polnischen Staates als Wolf stellt Polen als bedrohlichen Feind dar, der potenziell bereit ist getroffene Vereinbarungen zu brechen und die Demarkationslinie zwischen Deutschland und Polen zu überschreiten.

Im Gegensatz zur Verkörperung Polens als Schwein, das Assoziationen mit Schmutz und Lächerlichkeit hervorruft, lässt der Wolf Polen als etwas Bedrohliches erscheinen. Szarota schreibt, dass die Personifizierung Polens durch einen Wolf nicht dazu diene, deutsche Überlegenheit zu präsentieren, wie im Falle des Schweins, sondern vielmehr Angst und Bedrohung hervorrufen sollte.[20] Die Karikatur „Der Freß-Pole“[21] [s. Abbildung 4] aus dem Jahr 1921 dagegen stellt die Absichten des polnischen Staates, weitere Gebietsveränderungen vorzunehmen, wieder in das gewohnte „lächerliche“ Licht. Ein bäuerlich aussehender Pole sitzt in seiner Essensstube, in der sich auch ein Schwein aufhält, vor zwei großen Schüsseln, von denen eine schon leer ist. Die Karikatur trägt die Unterschrift: „Noch hat er das schlesische Himmelreich nicht verdaut, und schon schielt er nach den ostpreußischen Klopsen hinüber.“ Polen ist dieser Karikatur zufolge ein Staat, der nie genug bekommen kann, der immer weiter Gebietsansprüche stellt. Dabei scheint er keine kluge Strategie zu verfolgen, sondern ist lediglich vom Wunsch nach „mehr“ getrieben.

Der Fokus auf Polen in Bezug auf den expansionistischen Staat lässt sich vermutlich dadurch begründen, dass der polnische Staat zwar schon 1918 erschaffen wurde; die endgültige Festlegung der Grenzen vollzog sich aber – auch im Zusammenspiel mit der Weimarer Republik - erst in den Jahren 1920–1921. Die Erörterungen über Polen lassen sich am besten mit dem Stereotyp des „Räuberstaates“ beschreiben. Der Aufstand in Großpolen, die Volksabstimmung in Oberschlesien und der polnisch-sowjetische Krieg beförderten dieses Stereotyp des polnischen Staates, das im Simplicissimus mal auf lächerliche, mal auf bedrohliche Art und Weise aufgegriffen wurde.

 

Gefährliche Bündnispolitik

Eng verbunden mit der Außenpolitik der beiden Staaten, die für die Weimarer Republik natürlich besonders relevant war, ist die Bündnispolitik der Tschechoslowakei und Polens im europäischen Raum. Für beide Staaten war Frankreich als „Erzfeind“ der Deutschen ein wichtiger Partner, was im Rahmen des Versailler Systems für die Weimarer Republik als unerträglich wahrgenommen wurde. Dieses Arrangement wird im Simplicissimus vor allem insofern erörtert, als die östlichen Nachbarn als untergeordnete, kleine Gehilfen Frankreichs dargestellt werden. So zeigt die Karikatur „The Kid“[22] [s. Abbildung 5] aus dem Jahr 1923 einen älteren Mann, der einen Jungen an der Hand hält; sie beide drehen sich zum Betrachter um, und vor allem der Junge hat einen hämisch lächelnden Gesichtsausdruck. Aus der Bildunterschrift wird deutlich, dass es sich bei dem Jungen um die Tschechoslowakei handelt, die von dem älteren Mann die Anweisung erhält, sie solle den Deutschen die Fensterscheiben einwerfen, wofür sie im Gegenzug Geld bekommen würde.

Die Partnerschaft zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei wird vom Simplicissimus so als ein unausgeglichenes Bündnis dargestellt, das für die Deutschen eine gewisse Gefahr mit sich bringt. Diese Gefahr wird in der Karikatur „Der französisch-tschechische Geheimvertrag“[23] [s. Abbildung 6] von April 1924 noch verdeutlicht: Ein deutscher Bürger, der in seinem kleinen Garten den Boden umgräbt, ist von einer Unmenge an Waffen, Panzern und Flugzeugen umgeben, die alle auf ihn zielen. Die Unterschrift „Deutschland starrt wieder in die Waffen“ betont die Unschuld der Deutschen und die Aggressionspolitik seiner europäischen Nachbarn. Deutschland wird zu Unrecht von Frankreich und der Tschechoslowakei umzingelt. Die Annahme der Existenz eines Geheimvertrages basiert vermutlich auf einer vom Auswärtigen Amt angeregten Pressekampagne über eine angebliche tschechoslowakisch-französische Militärallianz gegen Deutschland im Juni 1922, Dezember 1923 und März 1924.[24]

Das Verständnis des Simplicissimus vom französisch-polnischen Bündnis wird insbesondere in der Karikatur „Der polnische Kläffer“[25] [s. Abbildung 7] aus dem Jahr 1920 ausgedrückt. Ein Hündchen mit einer Rogatywka auf dem Kopf kläfft auf den Armen der französischen Marianne den stolzen, deutschen Adler an, der in den Ketten des Versailler Vertrages gefangen ist. Auch hier wird die Dominanz Frankreichs gegenüber seinem Partner deutlich. Die Darstellung der Gefahr ist jedoch in diesem Fall nicht vorherrschend; vielmehr wird der polnische Staat in der Personifizierung eines kleinen, kläffenden Hundes wieder als lächerlich präsentiert.

Die polnische Republik und die Tschechoslowakei in Form eines kleinen Geschöpfes, ob Kind oder Hündchen, betont nicht nur den Aspekt der Subordination eines Nationalstaates unter einen anderen, sondern auch die grundsätzlich fehlende staatliche Erfahrung der beiden Staaten. Polen und die Tschechoslowakei „überleben“ aufgrund der Unterstützung durch Frankreich. Diese Darstellung lässt sich in das Narrativ einordnen, die neuen Staaten seien ein „Werk der Siegermächte“[26] gewesen. So ist an anderer Stelle im Simplicissimus auch Folgendes zu lesen: „Dem herrschenden Volke schenkten die »Sieger« diesen Staat [die Tschechoslowakei] aus Anerkennung für die Demoralisierung der österreichischen Kriegsmacht.“[27] Der Simplicissimus verfolgte also eine vornehmlich negative Sicht auf die französisch-tschechoslowakischen/polnischen Beziehungen, die auf Annahmen über das Entstehen der neuen Nachbarn basierte.

Ignoranz des „Deutschen“ im Staat

Die Beziehungen der Weimarer Republik zu ihren östlichen Nachbarn wurden auch durch die Geschichte und Präsenz der Deutschen in den beiden Staaten bestimmt (Für eine Auseinandersetzung mit der deutschen Minderheit in Ostmitteleuropa siehe Der ‚deutsche Osten‘ in der Karikatur von Polina Čuprova). Auffallend in der Arbeit des Simplicissimus zu diesem Thema ist, dass sich kaum Karikaturen diesem Thema widmen, sondern die satirische Beschäftigung mit dem „Deutschen“ im Staat fast ausschließlich anhand kurzer Geschichten dargestellt wird. Vermutlich erschienen Worte sinnvoller in der Auseinandersetzung insbesondere mit der deutschen Sprache als Zeichnungen. Ein besonderes Ärgernis stellte für den Simplicissimus die vermeintliche, vom jeweiligen Staat erzwungene Leugnung alles „Deutschen“ in Polen und der Tschechoslowakei dar, was jedoch eher der Vorstellungskraft der Zeitschrift selbst entsprang, als einem realhistorischen Zustand entsprach. In der kleinen Anekdote „Demokratischer Aufbau“[28] aus dem Jahr 1920 wird erzählt, wie ein tschechoslowakischer General anordnet, dass unter Offizieren der „Gebrauch der deutschen Sprache untereinander, auf der Straße und in öffentlichen Lokalen und Plätzen“ verboten sei. In der darauffolgenden Ausführung wird deutlich, dass der Simplicissimus sich angesichts der großen deutschen Minderheit im Land über diese Aktion lustig macht: Die Ignoranz beziehungsweise das Verbot der deutschen Sprache erscheint dem Leser irrsinnig, indem darauf hingewiesen wird, dass ein Drittel der Bevölkerung des Staates deutsch sei. Die Geschichte „Das große Maul“[29] von 1924 beschäftigt sich mit derselben Thematik in der polnischen Republik. Durch die Dominanz der polnischen Varianten der Städtenamen über den deutschen Namen, wie beispielweise „Bydgoszcz“ im Gegensatz zu „Bromberg“, erreichen Schreiben, die noch den deutschen Namen verwenden, ihren Adressaten nicht mehr. Aus der Erzählung wird deutlich, dass sich jeder noch über den alten Namen bewusst ist; der Nationalstolz hindert allerdings das polnische Konsulat daran, Briefe mit nicht-polnischen Stadtnamen weiterzusenden. Der Nationalismus und damit der Aufbau der Staaten in Polen und der Tschechoslowakei wird durch solche Geschichten als etwas Erzwungenes dargestellt, das sich nicht auf die breite Masse seiner Bevölkerung stützt, sondern eben nur durch Verbote und Anweisungen zu erreichen ist. Das Stereotyp der Lächerlichkeit schwingt auch hier immer mit: Ein „vernünftiger“ Staat würde doch nicht einen Großteil der eigenen Geschichte, einen Teil der eigenen Bevölkerung und deren Sprache ignorieren. Nicht nur bezogen auf die Sprache wird den Staaten vorgeworfen, die Realität außen vor zu lassen. In einer kurzen Einschätzung der Rubrik „Vom Tage“[30] aus dem Jahr 1920 wird festgestellt, dass die Tschechoslowakei 60 Prozent ihres Imports aus Deutschland beziehe und 35 Prozent des Exports nach Deutschland und Österreich gingen. Der Simplicissimus folgert: „Und trotzdem dieses hirnblöde, wildsauhafte Gehaben gegen alles, was deutsch heißt!“ Viel deutlicher kann die Geringschätzung gegenüber dem tschechoslowakischen Nationalismus, der sich in Abgrenzung zum „Deutschen“ definiert, nicht ausgedrückt werden. Der Nationalstaat wird in seiner Ignoranz des „Deutschen“ verurteilt; die Abhängigkeit der Tschechoslowakei von Deutschland ist zu groß, um eine solche Leugnung alles „Deutschen“ glaubhaft und sinnvoll umzusetzen.

Starke Staatsmänner

Die Darstellung eines Staates kann auch anhand von Repräsentanten dieses Staates erfolgen, wovon der Simplicissimus vor allem in Bezug auf Polen Gebrauch macht. Der Staatsgründer und zunehmend autokratische Züge annehmende Józef Piłsudski nimmt im Simplicissimus eine relativ prominente Stellung ein, allerdings erst Anfang der 1930er-Jahre. Diese Prominenz des Staatsmannes geht jedoch nicht einher mit einer positiven Sichtweise auf sein Wirken. So ist Piłsudskis erste Erwähnung aus dem Jahr 1930 die Karikatur „Das polnische Wahlergebnis“[31], in der die autoritären Züge des Regimes unter Piłsudski thematisiert werden. Noch deutlicher wird die Staatsmacht in der Karikatur „Piłsudskis Meisterleistungen“[32] [s. Abbildung 8] aus dem Jahr 1931, die es sogar auf die Titelseite des Simplicissimus geschafft hat, gezeichnet: Sogar der Teufel drückt seine Bewunderung über die Foltermethoden des Regimes aus.

In zwei weiteren Beiträgen, „Zwei Lager“[33] und „Piłsudski und das Genfer Ergebnis“[34] wird die Unterdrückung der Opposition und deren Inhaftierung dargestellt. Interessant ist, dass im Gegensatz dazu der tschechoslowakische Staatsgründer und langjährige Präsident Tomáš Garrigue Masaryk lediglich eine Erwähnung im Simplicissimus erfährt – und diese ist tatsächlich positiv: „Was kann der Präsident Masaryk, was kann der bestmeinende Kopf ausrichten“[35]. Diese überraschend positive Verortung eines tschechoslowakischen Politikers, die in dem Text im Zusammenhang mit der vermeintlichen tschechoslowakischen Ignoranz gegenüber allem Deutschen in der Tschechoslowakei steht, ist vermutlich auf die verhältnismäßige Offenheit Masaryks gegenüber der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei zurückzuführen. Dem ersten Ministerpräsidenten der neuen tschechoslowakischen Republik Karel Kramář steht der Simplicissimus wieder gewohnt kritisch gegenüber, wie sich an der Fortsetzung des eben zitierten Textes erkennen lässt: „wo sich der entgegengesetzte Körperteil, wo sich der Kramarsch hemmungslos breit macht?“ Diese kurze, im Simplicissimus nicht sehr prominent abgedruckte Auseinandersetzung mit Vertretern des tschechoslowakischen Staates steht - wenn auch begleitet von einigen kleinen Vermerken über tschechoslowakische Politiker - quasi für sich allein. Die Darstellung der Repräsentanten Polens und der Tschechoslowakei lässt sich also fast ausschließlich an der Person Piłsudskis festmachen. Hierbei steht zu Zeiten der Weimarer Republik die Innenpolitik und das Verhältnis zur eigenen Bevölkerung im Vordergrund. Die wenigen Nennungen tschechoslowakischer Politiker beschäftigen sich dagegen eher mit den deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen.

 

Schlussüberlegungen

In diesem Essay wurde die Sichtweise des Simplicissimus auf die neuen östlichen Nachbarn der Weimarer Republik untersucht. Die Analyse zeigt zunächst, dass die im Simplicissimus gezeichneten Bilder der beiden neu entstandenen Nationalstaaten eindeutig negativ sind. Ob nun die jeweiligen Aspekte als für den deutschen Staat gefährlich eingestuft wurden, die Darstellung an eine Lächerlichmachung des Staates anknüpfte oder reines Unverständnis bis hin zu Wut ausgedrückt wurde – alle Darstellungsweisen der Tschechoslowakei und Polens waren äußerst negativ, feindselig und herabwürdigend. Zweitens zeigt die Untersuchung der Karikaturen und Texte, dass das Bild des tschechoslowakischen Staates dem Bild des polnischen Staates fast gleichzusetzen ist. Die Vorstellungen des Simplicissimus über die beiden Staaten basieren auf denselben Stereotypen, die mal weniger, mal mehr ausgeprägt und häufig im Zusammenspiel ihren Eingang in die satirische Zeitschrift finden. Dennoch sind auch einige Differenzierungen im Bild über die Tschechoslowakei und Polen notwendig: Während Polen in seinen Grenzstreitigkeiten, vor allem bezogen auf die Volksabstimmung in Oberschlesien, als gieriger und expansionistischer Staat wahrgenommen wird, erscheint dieses Bild über die Tschechoslowakei nur vereinzelt. Dagegen findet die Ignoranz des „Deutschen“ für den tschechoslowakischen Staat mehr Beachtung im Simplicissimus als dies bei Polen der Fall ist. Die Darstellung von Repräsentanten des Staates weist wieder einen deutlichen Überhang in die polnische Richtung auf. Allein die Anzahl der Karikaturen beziehungsweise Texte, die sich mit diesen Themen für das jeweilige Land auseinandersetzen, weisen auf diese unterschiedliche Schwerpunktlegung hin.

Besonders auffällig ist bei der Auseinandersetzung mit den Stereotypen, die im Simplicissimus vermittelt werden, dass ein klassisches Stereotyp über den polnischen Staat, das des „Saisonstaates“, nie explizit genannt wird. Häufig in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik aufgegriffen, um zu beschreiben, dass der polnische Staat nur von kurzer Dauer sei, lässt sich die Bezeichnung Polens als „Saisonstaat“ nicht im Simplicissimus finden. Dennoch stellt die Betonung der Unfähigkeit zur Staatsbildung und die damit einhergehende Lächerlichmachung des Staatsgebildes eine starke Verbindung mit dem Stereotyp des Saisonstaates her. Auch die Zuschreibung „Polnische Wirtschaft“ kann als Argument für „die immanente Existenzunfähigkeit des polnischen Staatsverbandes“[36] gesehen werden. Beata Lakeberg charakterisiert diese nicht explizit genannte, aber dennoch offensichtliche Verbindung mit einem Stereotyp als „narrativen Stereotyp“: Auch wenn der „Saisonstaat“ also nicht explizit genannt wird, kann bei Lesern, die mit diesem Stereotyp schon vertraut waren, durch ähnliche Darstellungen des polnischen Staates das Stereotyp eines „Saisonstaates“ in Erinnerung gerufen werden.[37]

Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass die Bilder, die der Simplicissimus über Polen und die Tschechoslowakei schafft, keine Anhaltspunkte für die tatsächliche Entwicklung der beiden Staaten liefern. Vielmehr weist die historische Stereotypenforschung darauf hin, dass das Stereotyp mit „seiner verborgenen komparativen Funktion, also Fremd- und Eigenbild miteinander abgleichend“[38] eine Aussage über die Gruppe schafft, die diese Stereotype anwendet. Durch die Abgrenzung zum Heterostereotyp, also dem Bild, das man sich vom anderen macht, wird ein Autostereotyp, also das Bild, das man von sich selbst hat, geschaffen. So stellt Hans Henning Hahn fest, dass „fast jedes Mal, wenn ein negatives Heterostereotyp benutzt wird, […] gleichzeitig das positive Autostereotyp mitgedacht“[39] wird. Letztendlich können uns die Karikaturen und Texte aus dem Münchner Simplicissimus also mehr über die Gesellschaft der Weimarer Republik sagen, als dass sie Aussagen über den tschechoslowakischen und polnischen Staat ermöglichen.

 

Endnoten

[1] Lemberg, Hans: „1918: Die Staatsgründung der Tschechoslowakei und die Deutschen“, in: Brandes, Detlef (Hrsg.): Wendepunkte in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken 1848–1989, Essen 2007, S. 119–137, hier S. 131.

[2] Szarota Tomasz: „Der Pole in der deutschen Karikatur (1914–1944). Ein Beitrag zur Erforschung nationaler Stereotype“, in: Hoffmann, Johannes (Hrsg.): Nachbarn sind der Rede wert. Bilder der Deutschen von Polen und der Polen von Deutschen in der Neuzeit, Dortmund 1997, S. 99.

[3] Ebd., S. 72.

[4] Kubů, Eduard: „Die brüchigen Beziehungen: Die Weimarer Republik und die Tschechoslowakei“, in: Hoensch, Jörg Konrad (Hrsg.): Das Scheitern der Verständigung. Tschechen, Deutsche und Slowaken in der Ersten Republik (1918–1938), Essen 1994, S. 15–29, hier S. 16.

[5] Jaworski, Rudolf: „Zwischen Polenliebe und Polenschelte“, in: Beyrau, Dietrich (Hrsg.): Blick zurück ohne Zorn. Polen und Deutsche in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1999, S. 55–71, hier S. 63.

[6] Gulbransson, Olaf: Danzig, in: Simplicissimus, 17.11.1920, Jg. 25, Nr. 34, S. 456.

[7] Szarota 1997, S. 93.

[8] Der Titel ist eine Anspielung auf das Gedicht „Zwei Ritter“ von Heinrich Heine aus dem Jahr 1851, in dem sich Heine über die Polen lustig macht.

[9] Schulz, Wilhelm: Krapulinski und Waschlapski, in: Simplicissimus, 5.3.1918, Jg. 22, Nr. 49, S. 612.

[10] Schilling, Erich: Tschechiens Aufstieg, in: Simplicissimus, 1.4.1924, Jg. 29, Nr. 1, S. 4.

[11] Arnold, Karl: Lockruf an Oberschlesien, in: Simplicissimus, 16.3.1921, Jg. 25, Nr. 51, S. 673.

[12] Thöny, Eduard: Spartacus, in: Simplicissimus, 21.1.1919, Jg. 23, Nr. 43, S. 532.

[13] Orłowski, Hubert: „Polnische Wirtschaft“. Zum deutschen Polendiskurs der Neuzeit, Wiesbaden 1996.

[14] Nothanker, Gebaldus: Sommerkarussel, in: Simplicissimus, 4.7.1927, Jg. 32, Nr. 14, S. 182.

[15] Unsigniert: Demokratischer Aufbau, in: Simplicissimus, 9.6.1920, Jg. 25, Nr. 11, S. 160.

[16]Havlin, Michael: Die Rede von der Schweiz. Ein medial-politischer Nationalitätendiskurs in der Tschechoslowakei 1918–1938, Frankfurt am Main 2011.

[17] Unsigniert: Vom Tage, in: Simplicissimus, 19.10.1925, Jg. 30, Nr. 29, S. 411.

[18] Unsigniert: Vom Tage, in: Simplicissimus, 12.11.1918, Jg. 23, Nr. 33, S. 411.

[19] Gulbransson, Olaf: Vogelfrei, in: Simplicissimus, 11.3.1919, Jg. 23, Nr. 50, S. 645.

[20] Szarota 1997, S. 93.

[21] Schulz, Wilhelm: Der Freß-Pole, in: Simplicissimus, 25.1.1922, Jg. 26, Nr. 44, S. 588.

[22] Schilling, Erich: The Kid oder Das französisch-tschechische Bündnis, in: Simplicissimus, 21.1.1924, Jg. 28, Nr. 43, S. 535.

[23] Schulz, Wilhelm: Der französisch-tschechische Geheimvertrag, in: Simplicissimus, 7.4.1924, Jg. 29, Nr. 2, S. 17.

[24] Kubů 1994, S. 22.

[25] Gulbransson, Olaf: Der polnische Kläffer, in: Simplicissimus, 7.7.1920, Jg. 25, Nr. 15, S. 210.

[26] Lakeberg, Beata: Die deutsche Minderheitenpresse in Polen 1918–1939 und ihr Polen- und Judenbild, Frankfurt am Main 2011, S. 232.

[27] Unsigniert: Demokratischer Aufbau, in: Simplicissimus, 9.6.1920, Jg. 25, Nr. 11, S. 160.

[28] Ebd.

[29] Unsigniert: Das große Maul, in: Simplicissimus, 26.5.1924, Jg. 29, Nr. 9, S. 140.

[30] Unsigniert: Vom Tage, in: Simplicissimus, 26.1.1921, Jg. 25, Nr. 44, S. 595.

[31] Schulz, Wilhelm: Das polnische Wahlergebnis, in: Simplicissimus, 8.12.1930, Jg. 35, Nr. 37, S. 436.

[32] Heine, Thomas Theodor: Piłsudskis Meisterleistungen, in: Simplicissimus, 12.1.1931, Jg. 35, Nr. 42, S. 493.

[33] Unsigniert: Zwei Lager, in: Simplicissimus, 5.1.1931, Jg. 35, Nr. 41, S. 491.

[34] Schulz, Wilhelm: Piłsudski und das Genfer Ergebnis, in: Simplicissimus, 16.2.1931, Jg. 35, Nr. 47, S. 561.

[35] Unsigniert: Vom Tage, in: Simplicissimus, 26.1.1921, Jg. 25, Nr. 44, S. 595.

[36] Jaworski 1999, S. 57.

[37] Lakeberg 2011, S. 232.

[38] Hahn, Hans Henning: „Das Selbstbild und das Fremdbild – was verbindet sie? Überlegungen zur Identitätsfunktion von Stereotypen“, in: Dąbrowska, Anna (Hrsg.): Stereotypes and linguistic prejudices in Europe, Budapest 2017, S. 137–154, hier S. 146.

[39] Ebd., S. 145.

Autorin

Martha Schmidt


Erschienen am 23.11.2020